Kirchen

Vielleicht habe ich mehr Zeit in Kirchen verbracht als manche wirkliche Diener Gottes.

Dabei darf ich mich nicht als Gläubiger im Sinne der Römischen Kirche bezeichnen. Aber ich bin gerne in Sakralbauten. Die Stille tut mir gut, die Kühle, ich mag sogar den Geruch von Weihrauch. Im Gebet zu dem, das ich als wesentlich empfinde, finde ich Erholung und Kraft.

Tausenden konnte ich Kirchen und Tempel auf (fast) allen Kontinenten zeigen und näherzubringen versuchen. Manchmal kam es zu Erlebnissen, die ein wenig vom Ewigen beinhalteten. Es ist ingesamt nicht soo viel, das uns aus vergangenen Zeiten erhalten geblieben ist. Manches vom Besten findet sich dort: 

https://goo.gl/photos/ngX7AETSAqAVXc8n6 - meine Bilder sind frei, bei Wiedergabe wird um Nennung gebeten.

Ein Postskriptum: 2013 schrieb ich eine Novelle, die unvollendet geblieben ist, obwohl sie einen Schluss hat. Der passt ganz gut hierher:

"Man sollte leben können ohne sich überlegen zu fühlen aufgrund seiner Rasse, seiner Nation, seiner Glaubensgemeinschaft, seiner Bildung oder seiner Familie. Man kann leben ohne die Bibel oder den Koran, ohne Kunst, ohne Philosophie und ohne ein Dach über‘m Kopf.

Aber man sollte nicht leben ohne Neugier, Sehnsucht, Hoffnung, Demut, Liebe und Zuversicht. Das ist es, was für mich Religion ausmacht.

Es gibt jedoch offenbar eine unstillbare Neugier in uns, die uns fragen lässt, woher wir kommen und wohin wir gehen. Damit verbunden geht eine Sehnsucht einher nach dem, was bei uns „Gott“ heißt. Es ist eine Hoffnung nach ausgleichender Gerechtigkeit, nach Sinnstiftung in einer Welt, in der zu viele Hoffnungen sich zerschlagen, zu viel Leid sich ereignet und zu oft die Sinnlosigkeit allen Daseins erkennbar zu werden scheint.

Die klassische Frage, die gerade in Zeiten, die so frömmigkeitsfern sind wie meine, Menschen dazu bringt sich von Gott abzuwenden, lautet: wie kann ER zulassen, dass sich Tragödien zutragen, und warum behält immer wieder das Böse die Oberhand? Weil es Gott nicht gibt, ist eine mögliche Antwort. Sie tritt sehr kurz und lässt außer Acht, wie viele Zeichen von Gnade, wie viel Erfüllung und die engen Grenzen des irdischen Glücks Sprengendes es gibt. Dass es die Liebe gibt. Und dass es uns gibt.

Ein mitfühlender Vater, ein „lieber“ Gott, ist in der Tat für viele, die durch ein Tal der Tränen gehen, inakzeptabel, so, wie es auch der Gott der Rache ist, der Gott, der Hiob durch die Hölle gehen lässt und der Gott, in dessen Namen Verbrechen begangen wurden und werden sonder Zahl.

Das widerlegt jedoch nicht die Möglichkeit seiner Existenz. Vielleicht müssen wir nicht uns ändern, um Gottes ansichtig zu werden, sondern unsere Vorstellung von ihm. Es ist für mich so wie mit dem ewigen Leben: vielleicht sind wir allein auf diesem blauen Planeten, aus einer Laune der Natur, ausgesetzt für einen Wimpernschlag der Unendlichkeit. Vielleicht endet unser Dasein mit dem Tod, für immer und ewig. Vielleicht aber auch nicht.

Die Wissenschaft ist bereits in der Lage, das Entstehen unseres Sonnensystems so präzise zu erklären, dass das als die eigentliche Schöpfungsgeschichte genügen kann. Doch gerade unter Berücksichtigung wissenschaftlichen Erkennens wird immer deutlicher, dass es nicht nur vor und nach uns die Unendlichkeit gibt, sondern auch eine unendliche Zahl von Unendlichkeiten außerhalb jedem „vor“ und „nach“, weil Zeit und Raum das sind, was wir durch einen Türspalt erblicken von etwas, das sich unserem Verstehen und Fühlen nicht preisgibt. Wenn das so ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nichts gibt, worauf wir hoffen können, unendlich kleiner als jene, dass dem nicht so ist. Wenn wir das nicht verstehen können, aber immerhin auszudrücken imstande sind, haben wir zumindest die Möglichkeit, das mit Demut anzunehmen.

Letztlich läuft die Frage nach der Liebe Gottes darauf hinaus, ob wir einander verlieren können.

Ich denke, dass Gott nicht eingreift in unser Leben. Ich glaube, dass wir selbst verantwortlich sind für unser Tun. Ich fürchte daher auch keineswegs, für etwas bestraft zu werden, wenn einmal ein Tag kommt, den wir als jüngsten bezeichnen, obwohl es in der Unendlichkeit keine Zeit gibt, keine Jugend und kein Alter. Das Fegefeuer, das basteln wir uns selbst, und manchmal die Hölle.

Aber wenn das alles einst vorbei und hinter uns ist, dann kann ich mir in der Unermesslichkeit der undenkbaren Möglichkeiten nicht vorstellen nicht mehr zu sein, und weil ich es mir nicht vorstellen kann, nehme ich für mich in Anspruch daran zu glauben. Wir können gar nicht getrennt werden, außer, wir wollen es so.

Ich habe mit Gott lange gehadert. Ich habe aufgehört an ihn glauben zu können und lange gedacht, dass er an mich nicht mehr glaubt.

Heute weiß ich, dass er ein Teil von mir und von uns ist, dass wir ein Teil von ihm sind, und dass es eine Welt-Seele gibt, die uns verbindet. Ja, Gott leidet mit uns, aber er kann uns nicht helfen, weil wir eins sind.

Jeder Flügelschlag einer Libelle, jedes liebevolle Wort und jede Regung eines Herzens tragen dazu bei, diese Weltenseele zu bilden. Sie besteht aus Allem, war immer da und wird es immer sein. Verlorengehen kann in ihr niemand, wir können nur blind sein für sie. Wir können sie auch völlig ignorieren, ihrem Wesen und unserer Bestimmung zuwiderhandeln und uns an uns versündigen. Aber das ist unsere Sache.

Dort, wo wir die Erlösung erfahren, von Ewigkeit zu Ewigkeit, kann es nur noch eines geben, das uns verbindet mit hier: die Liebe.

Als ich für mich dorthin gelangt war, das Göttliche so zu verstehen, ist ein große Last von mir abgefallen. Wir fürchten uns als kleine Kinder im Dunkeln, und wir fürchten uns davor allein zu sein. Das bleibt.

Wenn wir aber das Licht andrehen, schmerzt es zuerst, wir kneifen die Augen zusammen. Wollen wir jedoch klar sehen, führt daran kein Weg vorbei. Es tut weh, und wenn es hell wird, erkennt man, dass man auf einem Seil steht, auf einem Seil über dem Nichts.

Man kann im Dunkel verharren, wenn man ruhig stehenbleibt, merkt man nie, wie bedroht man ist. Wenn man aber weiter möchte, plus ultra, braucht man Mut, und man sollte schwindelfrei und schwerelos sein.

Ihr reiht euch damit ein in die zerbrechliche Kette, die euch verbindet mit allen und allem. Wie zärtlich gehen wir um mit einem Neugeborenen, Mensch oder Tier, im Wissen um seine Zerbrechlichkeit. Dabei bleiben wir so, verwundbar, frierend, hilfebedürftig. Wir brauchen einander so sehr. Und das Wunder ist: wir können, wir dürfen dem gerecht werden."

(aus: "Die achte Farbe", (c) Alexander kriegelstein)

 

 

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