Willkommen!

AK

Teile dieses Blogs sind mittlerweile Inhalt eines (deutschen Französisch-) Schulbuchs, als bester privater Reise-Blog-Beitrag ausgezeichnet (die Venedig-Gebrauchsanweisung, danke, GEO!) und Gegenstand von Foren von Germanisten und anderen Witzbolden ;-)

Darüber, was die Schlagwörter rechts bezeichnen, ist hier einiges zu finden.

Bilder sind in meinem Picasa-Album ersichtlich (ALLE Bilder sind dort besser zu sehen).

Gute Unterhaltung!

14 Nov 2013

Inhalt

WappenKriegelstein_Sternfeld

Besuchen Sie Europa – solange es noch geht…

Aus den Iden des Mai – und erste Blicke ins 17er-Jahr

Bilder aus Südspanien 

Rajasthan – Bilder einer Reise

Bilder, die sprechen – was Mantua erzählt

… wie Gott in Frankreich – Neues von dort

Eyes wide open – Heimkehr in den Norden

Ein Flâneur in Sevilla – aktuelle Bilder aus Andalusien

Aranjuez – Kierling – Von Bach zu Rodrigo und Kafka

Ein kurzer Brief zum langen Abschied – Marokko revisited

Côte d’Azur – neue Bilder aus einer alten Heimat

Für heuer – Bilder aus Südwestfrankreich

Zwölf Minuten – ein Essay über Sevilla und Vincente

Die vergessene Revolution – über die Commune und Paris

Ein Papst tritt ab – über das Papsttum, das Schisma, Padua, Giotto und das späte Mittelalter

Sieben Monate mit Theo – über einen, der nicht mehr wollte

Ultimo Viaggio – eine letzte Reise – über eine, die gegangen ist

A Dream Come True – eine maghrebinische Geschichte aus Marokko

Venice for Pleasure – eine von GEO ausgezeichnete Gebrauchsanweisung für Venedig

COS I’M FREE – eine Geschichte, die Mut machen soll

A Long Happy Hour – Bilder und Impressionen aus Südengland

Das größere Puzzle – ein wenig vom Absurden

Der letzte Kreis der Hölle – volkstümliche Musik revisited – ein Wutanfall

Zwei Blondinen in Rom – über Cleopatra und Rom

:-) – über Reiseleiter

Österliches aus dem Morgenland – Bilder und Zeilen aus Marokko

Neue Bilder… – aus Marokko und Israel

Küste des Lichts – aus der Côte d’Azur

Eine wiedergefundene Zeit – Zeilen und Bilder aus Südwestfrankreich

Die Sixtina des Impressionismus – Monet und die anderen – das Musée Jeu de Pomme

Look Back in Anger – ein Nachruf auf eine Hoffnung und den €uro

Auld Lang Syne – Bilder und Gedanken aus Schottland

Rule, Britannia! – Bilder und Worte aus England

Pastis und Spitzenhäubchen – Bilder aus der Normandie und der Bretagne

Gotik und Gärten – Fotos: Lothringen, Champagne, Île de France, Normandie

Eines langen Tages Reise in die Nacht – ein Sonnenuntergang (und etwas mehr) aus Irland

Stille Tage in Clichés – Eindrücke aus dem Loiretal

Gehrys sehr famose Bude – Bilbao und Baskenland

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blüh’n? – aus dem Golf von Neapel

Spanien von Barcelona bis Sevilla – Eine Fotosafari quer durch Spanien

Die Irren von Baalbek – dunkle Ahnung und helle Bilder im Libanon

Im Land ohne Lächeln – China, Impressionen und Reflexionen

Eine Lesung – Egon Friedell – Kulturgeschichte der Neuzeit (Podcast)

Von Städten und Büchern – über das Lesen von Büchern und Städten

Artenkunde der Reisenden – über Menschen auf Reisen

Ein 1. Preis der GEO-Reisecommunity… – ebendas

Artenkunde der Reiseleiter – über arbeitende Menschen auf Reisen

Zanzibar – über Klaus Mann, Cannes, Nizza und eine seltsame Nacht

Pardon me boys, is that the Chattanooga Choo Choo? – über die ÖBB

Addio, Italia! – Wehmut einer Enttäuschung

Beginn einer lebenslangen Suche – Anfänge eines Lebens mit Italien

Understatement in Cash – über die Toskana

Peter Paul Rubens – Malerfürst in X-Large – über Rubens

Tiepolo – die Entdeckung der Langsamkeit – über Tiepolo, Langsamsein und Präimplantationsdiagnostik

Touristengebet, aktualisiert – ein augenzwinkerndes Gebet

Reiseleiter? – Reiseleiter! – warum trotz allem

Marcel Prousts Fragebogen – zum Nachmachen

Der Alte von Cosenza – über Lyrik

Hier blühen keine Zitronen – über die Renaissance und die Schönheit

Lawrence von Arabien – der englische Patient – über ihn

Der schönste und traurigste Ort der Welt – Versailles

Warum ich kein Diplomat geworden bin – und worüber ich sehr froh bin

Rom mit Kindern (oder ohne) – aber eher mit, „ohne“ steht woanders

Ex Oriente Lux – über Lissabon und die Algarve

Ein geheim gehaltenes kleines Kunstwerk – über Reiseführer und Budapest

Österreichische Printmedien – in Anlehnung an „Yes, Minister“

Brief an eine Tochter – über jüngere Kunst

Weihnachten und viel mehr – meine alljährliche Weihnachtsgeschichte von Axel Corti

Ob es das Christkind gibt? – Brief an einen jungen Menschen

Zugänge “Vier” – ein Quiz, wie auch:
Zugänge “Drei”, Zugänge “Zwei”, Zugänge “Eins”

 

14 Nov 2013

Besuchen Sie Europa – solange es noch geht…

Liebe Freunde,

angesichts der Weltlage lade ich ein zu einer letzten Grand Tour zu den ehemaligen Bildungsstätten Europas. Eine Reise dieser Art wird in den kommenden Jahren aufgrund der Wirtschafts- und Sicherheitslage, wie auch aus klimatischen Gründen nicht mehr möglich sein.

Die Reise ist in Zusammenarbeit mit den namhaftesten Veranstaltern Ostösterreichs ausgeschrieben und steht unter der Patronanz von Bundeskanzler Sebastian Kurz und Innenminister Heinz-Christian Strache.

Visa für alle besuchten Staaten Europas sind in Eigeninitiative der Teilnehmer*innen zu besorgen. Aus Zeitgründen wird darum ersucht, im vorhinein ausreichende Bargeldbeträge (Lire, Pfund, Mark, Francs, westösterreichische Gulden etc etc) in heimischen Banken zu wechseln.

Höhepunkte sind eine Audienz bei Papst Josemaria I. in der Residenz des Opus Dei während der Zeremonie der Seligsprechung von LH Erwin Pröll unter evangelikaler Leitung im Vatikanstaat, ein Besuch bei der Präsidentin und Premierministerin der französischen Republik Marine Le Pen im Elyséepalast und eine Vorsprache beim Vorsitzenden des italienischen faschistischen Staatsrates in Rom, Silvio Berlusconi.

In London wird das neue Regierungsgebäude in der ehemaligen Bank of England besucht (Ehrung David Camerons für die endgültige Entbindung der Finanzwirtschaft von sämtlichen Steuern und Abgaben), mit dem Nachbaarstaat Schottland der letzte europäische Anachronismus, der an einer Währung namens „€uro“ festhält.
In Brüssel, Flanderns geteilter Hauptstadt, werden im flämischen Stadtteil die ehemaligen Verwaltungsgebäude der „Europäischen Union“ (+) aufgesucht, während in Luxemburg das Hauptquartier der Föderalen Verwaltung aller 91 europäischen Staaten und deren teils autarker Teilrepubliken sowie der Große Tempel der internationalen Hedgefonds wie auch der Heilige Briefkasten besichtigt werden können.

Aufgrund der zu erwartenden Wartezeiten bei den Grenzabfertigungen und der Auswirkungen der anhaltenden Kriege im Nahen Osten, im Mittleren Osten, in den neuen Comecon-Staaten des Neuen Warschauer Pakts und in Südtirol und Unterkärnten sowie der umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen gegen unleistbare Zuwanderung parasitärer Elemente ist für die Reise selbst in etwa der selbe Zeitrahmen vorgesehen wie für die Formalitäten bei den Ein- und Ausreisen.

Bitte bedenken Sie, dass die Reisen innerhalb des europäischen Kontinents heute durch vier Zeitzonen führen. Bedingt durch die national unterschiedlichen Vorschriften ist das Mitführen elektronischer Geräte untersagt, wobei die divergierenden Datennetze ohnedies den Gebrauch eines Empfangsgeräts nutzlos machen würden. Zur Aufrechterhaltung der Kommunikation mit Ihren Lieben daheim empfehlen wir die zeitgerechte Anschaffung nationaler Telefonkarten, mit denen häufig von Fernsprechern aus kurze Gespräche geführt werden können. Das Mitführen Ihrer ID-Karte ist wie von unserer Schutzmacht und ihrem Präsidenten Donald Trump vorgesehen während der gesamten Reisedauer verbindlich.

In Anbetracht der zwei Millionen Hitzetoten allein in Europa im Vorjahr und wegen der ressourcenbedingten Engpässe bei der Versorgung von Klimaanlagen ist die Mitnahme von Medikamenten gesundheitlich möglicherweise Betroffener unumgänglich.

Da aus Sicherheitsgründen die jeweiligen Sehenswürdigkeiten nur noch aus größerer Entfernung betrachtet werden können, ist ein leistungsstarkes Teleobjektiv dringend angeraten.

Anmeldungen werden unter der ostösterreichischen Fax-Nummer (+9943) 01 944 94 55 entgegengenommen.

Hochachtungsvoll,
AK

12 Mai 2016

Aus den Iden des Mai

In den Terminen gibt es eine erste Vorschau auf Destinationen, die ich 2017 ansteuern werde.

Neue Bilder gibt es von der Côte d’Azur (https://goo.gl/photos/SH4xLfavDGXQt89UA und https://goo.gl/photos/Nfm11eDbzraX8Aoh6), aber auch hier als Filmchen: https://goo.gl/photos/eGeCvHC7a5vzGz2y7. In meiner virtuellen Galerie gibt es auch wieder aktuelle Bilder aus Andalusien: https://goo.gl/psjJ5z.

In der ZEIT vom 12.05.2016 findet sich folgender Artikel, der zum Nachdenken anregen soll und DAS Thema unserer Zeit einmal unaufgeregt und sehr, sehr gescheit behandelt (die Formatierung geht leider beim Kopieren verloren):

FEUILLETON

Vom Mittelalter ins Jetzt katapultiert

Eine Million Flüchtlinge warten am südlichen Mittelmeer auf die Überfahrt. Es gibt viele Fluchtursachen. Eine wird total unterschätzt: Die magische Macht der westlichen Zeitrechnung, nach der Uhren auf der ganzen Welt ticken Die Reisesaison beginnt. An den südlichen Küsten des Mittelmeers warten im Augenblick eine Million weiterer Flüchtlinge auf einen Bootsplatz nach Europa. Das Wetter wird besser. Während Europa noch mit den Folgen des Herbstansturms ringt, stechen schon wieder neue Boote in See. Wir haben in den letzten Monaten über dieses Drama viel gestritten, haben nächtelang über Obergrenzen, Integration und Zäune debattiert. Nur wenn einer fragte, was die Flüchtlinge im Innersten eigentlich antreibt, ihr Leben aufs Spiel zu setzten und auf unabsehbare Zeit in Notunterkünften und Containern zu leben, war die Antwort immer einfach: Die Menschen, hieß es, kämen aus größter Not. Niemand verlasse freiwillig seine Heimat. Aber stimmt das? Im Fall der Syrienflüchtlinge ist nicht daran zu zweifeln. Sie haben keine Wahl. Putins und Assads Bomben, die islamistischen Revolutionstruppen und der IS treiben sie aus dem Land. Irgendjemand muss sie aufnehmen. Und zwar alle. Doch ihr Anteil an den 1,2 Millionen zurzeit in Deutschland registrierten Flüchtlingen beträgt nach Auskunft des Bundesamtes für Migration nur 35 Prozent. Bleibt die Frage: Warum kommen die anderen?

Hier beginnt das dornige Feld der Einzelfallprüfung, die wir im Augenblick »hinten, weit in der Türkei« (Goethe) von anderen für uns erledigen lassen, die in notdürftig errichteten Zeltstädten in größter Eile legitime und illegitime Fluchtgründe wie Linsen ins Töpfchen sortieren. Dabei ist jedem völlig klar: Sie lassen sich gar nicht sortieren, denn es gibt beinahe so viele Fluchtgründe, wie es Flüchtlinge gibt. Wer aus Afghanistan oder Libyen kommt, flieht vor den langfristigen Folgen der US-Kriege im Nahen Osten. Wer aus Eritrea, Somalia oder dem Sudan kommt, flieht  vor den innerafrikanischen Bürgerkriegen, behördlicher Willkür und den unzumutbaren Härten des staatlichen Militärdienstes. Wer sich aus Albanien, Serbien, dem Kosovo, Mazedonien oder Montenegro nach Deutschland aufmacht, flieht vor Arbeitslosigkeit, Korruption, medizinischer und infrastruktureller Unterversorgung. Wer aus Burundi, Nigeria, dem Kongo oder der Zentralafrikanischen Republik kommt, vor Hunger, Dürre, Unterdrückung und Unterentwicklung. Wer aus dem prosperierenden Iran kommt, stößt sich womöglich an der Unterdrückung der Meinungsfreiheit oder dem gesetzlichen Kopftuchzwang. Wer aus Algerien oder Marokko kommt, findet dort keine Arbeit und gehört zur jungen generation waithood, von der der algerische Schriftsteller Kamel Daoud gerade gesagt hat: »Die Leute fliehen nicht aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie zu arm oder hungrig wären. Sie fliehen, weil sie sich langweilen. Sie sind 20 und haben nichts zu tun, außer darauf zu warten, alt zu werden.«

Die Liste ist noch lange nicht zu Ende. Aber sie ist lang genug, um zu begreifen, dass man an der Sisyphosaufgabe, zwischen unabweisbaren und bloß verständlichen Fluchtursachen zu unterscheiden, nur scheitern kann – zumal politische und wirtschaftliche Fluchtgründe sich nicht so ordentlich auseinanderdividieren lassen, wie das altväterliche Asylrecht sich das dachte. Dennoch wird man kaum darauf verzichten können, die zahllosen Fluchtmotive wie eine Stecknadel im Misthaufen der Geschichte zu finden und zu bewerten. Wer eine derartige Evaluierung für unbarmherzig und unchristlich hält, muss wirklich alle, die unter der beklagenswerten Ungleichzeitigkeit der Welt darben, ausnahmslos bei sich aufnehmen.

Hier, im zahlenmäßig größten und dunkelsten Chaosbereich der Flüchtlingskatastrophe, kommt eine Kraft ins Spiel, die mit den Tortendiagrammen der Migrationsbehörde nur unzureichend erfasst ist. Diese Kraft, deren Sog auf unabsehbare Zeit noch Millionen von Menschen folgen werden, ist der globale Synchronisationsdruck, der von der überlegenen Anziehung des Westens ausgeht, dessen Lebensmodell zum Leitmodell für den ganzen Globus geworden ist. Auch im vorigen Jahrhundert gab es Armut, Hunger, Verfolgung, Krieg und Vertreibung. Millionen Menschen flohen aus Biafra, Angola, Mosambik, Ruanda, Ghana, dem Kongo und Burundi – in ihre Nachbarländer. Und auch dort war die Unterbringung in den Flüchtlingscamps nicht durchweg komfortabel. Doch eine Massenflucht nach Europa übers Mittelmeer unterblieb, obgleich die Schifffahrt auch damals schon nicht mehr in den Kinderschuhen steckte und das Gummiboot bereits erfunden war. Was die Flüchtenden heute dazu bewegt, sich auf die Reise übers Meer nach Europa zu machen, ist nicht nur der Wunsch, politische und wirtschaftliche Grenzen zu überwinden.

Es geht dabei auch um die Überschreitung einer Zeitgrenze. Wir sprechen über die verschiedenen Zeitzonen der Erde nicht gerne, weil das Reden von zurückgebliebenen und fortschrittlichen Weltgegenden unserem Ideal von der gleichberechtigten Vielfalt der Kulturen widerspricht. Dennoch ist es so, dass die Flüchtlinge, die zu uns kommen, in ihren Heimatländern in einer Zeitzone leben, deren Verspätung ihnen selbst ins Auge springt, wenn sie ihre lokale Gegenwart mit der Gegenwart des Westens vergleichen, dessen Bilder und Morsezeichen in jeder Sekunde millionenfach bis in den letzten Winkel des Planeten gefunkt werden. Die Flucht ist deswegen auch ein Versuch, diese Verspätung mithilfe der bezahlten Schleuser im Schnelldurchlauf aufzuholen.

Die Fahrt übers Mittelmeer wird zu einer Reise durch den Zeittunnel der Welt. Was bisher nur ein irritierender Filmtitel von Alexander Kluge war, wird an den Küsten plötzlich sichtbar: Die hier Strandenden folgen dem »Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit«. Die Zeitreise, die Flüchtlinge hinter sich haben, wenn sie in der westlichen Gegenwart ankommen, wird unterschätzt. Noch immer betrachtet man die weltweite Wanderungsbewegung lieber so, als kämen die Flüchtenden direkt aus den Liefergebieten jener Dritte-Welt-Läden, in denen freundliche Kirchenmitarbeiterinnen im vorigen Jahrhundert allerhand Buntes und wild Bemaltes zu verkaufen pflegten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ein nicht geringer Teil der Flüchtlinge kommt aus Ländern, in denen eine archaische Vergangenheit unvorbereitet auf die Botenstoffe der westlichen Moderne trifft. Dem Reisenden, der den Nahen Osten und die Länder Nordafrikas besucht, wird die doppelte Zeitrechnung, nach der hier gelebt wird, im Alltag überall augenfällig: Deutsche und französische Luxusautos stehen im Stau auf schlecht asphaltierten Straßen. Unterm Tschador klingelt das Smartphone. Tugendwächter, die Frauen unter den Schleier zwingen, organisieren den Schmuggel mit westlichen Luxusgütern und Alkohol. Junge Kerle, die ihre Freundinnen noch nie ohne Kopftuch gesehen haben, können sich Bilder von weiblichen Geschlechtsteilen in jeder gewünschten Ausführung digital liefern lassen. Auf tausenderlei Weise findet der explosive Zusammenstoß zwischen zwei Zeitaltern, der sich in der Silvesternacht in Köln ereignet hat, im Nahen Osten und im Maghreb täglich in den Köpfen und auf der Straße statt.

Der französische Geschwindigkeitstheoretiker Paul Virilio hat die Kollision der Zeitalter, die wir gerade erleben, schon vor zwanzig Jahren kommen sehen. In seinem prophetischen Essay Fluchtgeschwindigkeit hat er davor gewarnt, was passiert, wenn die westliche »Weltzeit« alle übrigen lokalen Zeiten kannibalisiert haben wird: Nachdem alle inneren Zeitgrenzen gefallen sind, sagte er voraus, werden auch die äußeren Grenzen niedergerissen. Damals wollte ihm das niemand glauben. Man hielt die Analyse des französischen Philosophen für eine Pariser KaffeehausApokalypse. Heute ist seine Theorie von der Weltzeit, die die Lokalzeit zerstört hat, ein Schlüssel zur Erklärung der nicht abreißenden Flüchtlingsströme: Sie sind eine Masseneinwanderung in einen Livestream, der zur Verheißung für den gesamten Planeten geworden ist. Nach dem Motiv für die lebensgefährliche Reise übers Mittelmeer gefragt, antwortete ein junger Marokkaner vor der Abreise in Afrika: »Das Paradies, für das wir unser Leben lassen, heißt Schengen.«

In der kommenden Sommersaison wird es also jede Menge Zeitreisen geben: Während reiche Europäer auf der Suche nach der authentischen Welt von gestern teure Fernreisen buchen und sich unter der Führung gut gelaunter Reiseleiter an der Besichtigung hierzulande überwundener Lebensweisen erfreuen werden, bezahlen die in der Welt von gestern Lebenden überaus teure und übel gelaunte Reiseführer, die sie in die Gegenwart der traditionslosen Turbo-Moderne verschleppen. Es bedarf keiner allzu großen Hellsicht, um die Enttäuschung beider Reisegruppen zu prognostizieren. Der Ferntourist findet die Besonderheiten einer lokalen Armutskultur nur noch in folkloristischer Schrumpfform. Und tröstet sich an der öden Hotelbar. Der Flüchtling kommt statt in der Turbo-Moderne vorerst in der Turnhalle in Clausnitz unter. Und verzweifelt an der Ereignislosigkeit seiner Tage und den peinlichen Hassgrölern vor der Tür. Doch die Flucht in die one world-Zeit des Bildschirms wird weitergehen.

Niemand besitzt ein Rückreiseticket in die Vergangenheit, auch wenn die Rechtspopulisten und Islamisten so tun, als hätten sie es bereits in der Tasche. Die zufriedene Selbstgenügsamkeit, die der Algerienforscher Pierre Bourdieu in den Armutsgesellschaften des Maghreb in den sechziger Jahren noch angetroffen haben will, als die nordafrikanische Bevölkerung lediglich »im Hinblick auf einen Reichtum arm war, den sie von außen nicht erkannte und von innen nicht entdeckte«, kann es nie wieder geben. Der Vergleich steht als Elektrogerät in jedem Haus und verursacht eine Einwanderung in das Weltbild seines Absenders. Nachdem die Seelen gewonnen sind, folgen die Menschen. The winner takes it all. Auch wenn er gar nicht will. Dieser Falle entkommt man nicht so leicht. Jedenfalls nicht damit, dass man nach Feierabend noch ein bisschen von einer neuen, postwestlichen Weltordnung träumt. Oder besonders viele Lehrstühle in den Postcolonial Studies einrichtet.

Der mazedonische Stacheldraht hat den Flüchtlingsstrom zwar vorübergehend  aufgehalten. Gegen den magischen Sog der westlichen Kingsize-Gegenwart kann er nur wenig ausrichten. Und die ihm folgen, lassen ihre Heimat noch tiefer in die Vorzeit zurücksinken. Hoffnung gibt es dennoch. Aber erst, wenn die inneren Uhren der Welt synchronisiert sein werden. Dann wird es keine Rolle mehr spielen, wo man seine Lebenszeit gemeinsam mit seinen Elektrogeräten verbringt. Die Wirklichkeit wird überall in etwa die gleiche und der viel besungene Unterschied der Kulturen verschwunden sein, sodass es ganz egal ist, wo man lebt und wo man arbeitet. Einige werden sich in der neuen flachen Welt verlorener und heimatloser fühlen als in unser alten unflachen. Doch den meisten Menschen wird es sehr viel besser gehen. Nur die Reisebranche ist dann am Ende. Aber irgendeiner zahlt immer drauf.

VON IRIS RADISCH

 

12 Mai 2016

Bilder aus Südspanien

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25 Mai 2015

Rajasthan

Bilder einer Reise durch Rajasthan: http://goo.gl/eJJzDZ

Aus meinem ehemaligen Blog, Bilder aus Südindien 2010: http://goo.gl/AYxwrV

 

16 Feb 2015

Bilder, die sprechen

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„Sie sind FREMD!“

Sie sind fünfzig Millionen, mindestens, genau weiß das niemand.

Manche suchen ein besseres Leben, manche nur irgendein Leben, manche wollen dem Tod entfliehen, Hunger, Epidemien oder Krieg.

Wie wir mit ihnen umgehen, daran werden wir einmal gemessen werden. Einfache Lösungen, nein: irgendwelche Lösungen sind nicht in Sicht. Nicht einmal die beklemmende Stille übertönende Antworten sind leicht zu finden, wenn irgendwer diesen ganzen Wahnsinn anspricht.

Nur „fremd“, fremd sind sie nicht. Sie sind welche von uns, wenn auch von woanders.

Spaziert man durch Mantua, begegnet man in den beiden großen Residenzen, dem Herzogspalast und dem Sommersitz del Tè der Gonzaga, Menschen, die vor Jahrhunderten gelebt haben. Es ist nicht wichtig zu wissen, wann genau, wie es nicht wichtig ist Correggio und Giulio Romano und Andrea Mantegna, die Este oder die Gonzaga zu kennen.
Seien wir ehrlich: über die meisten ihrer Figuren und Themen wissen wir auch schon fast nichts mehr: Ganymed, Eros, Cupido, Psyche und Zeus sind uns nicht mehr vertraut, und noch weniger denken wir bei Federico Gonzaga oder Isabella d’Este an Menschen, die einmal (sehr) gelebt haben. Wie viel weniger noch sind uns die Namenlosen nahe, die Staffage-Figuren, die Statisten, die Früchte-in-Körbe-Füller und die vielen Kinder, die ratlos auf Betrachter blicken, die durch komische Instrumente auf sie starren.

Und doch: wir ahnen, dass Giulio Romano diesen Knaben dazugestellt hat, weil sein Blick dieses Bild ganz macht. Und wir sehen, worüber die gelacht haben, zotig manchmal und vielleicht verschämt, und was sie schön gefunden haben und was beängstigend. Damals, vor so langer Zeit. Sie wußten noch nichts von der anderen Seite der Welt und wenig von dieser, sie hatten das Zweifeln nocht nicht gelernt und das Hoffen noch nicht verlernt. Aber gegessen haben sie und getrunken, geliebt und gefürchtet, sie haben Wert gelegt auf uns Vertrautes und sie waren wie wir, selbst sie: Kinder der Erde und des Himmels, der Zukunft und des Gesterns, weil es da, woher wir kommen, und dort, wohin wir gehen, keine Zeit gibt, auch kein Woanders.

Sie sind welche von uns, Brüder und Schwestern. Fremd sind sie nur, wenn wir sie verleugnen.

(Die beiden Correggios ganz am Ende sind natürlich aus dem KHM in Wien, aber sie waren einmal in Mantua, für wo sie gemalt worden waren und wohin sie eigentlich gehören. Deshalb habe ich sie hier dazugehängt).

Besser betrachtbar (und zahlreicher) sind die Bilder hier: http://goo.gl/kqwHBg

22 Okt 2014

… wie Gott in Frankreich

2015 bringt mir ein Bukett erlesener Reisen, u.a. für den Ö1-Club, Reisen nach Indien, Vietnam und Kambodscha und in Teile Europas, die ich schon seit einiger Zeit wieder besuchen wollte. Das und mehr steht nun unter „Termine„.

Diesmal gibt es fangfrische Bilder aus der Normandie, der Bretagne, aus dem Loiretal und aus Fontainebleau. Mehr: (und dort wesentlich besser betrachtbar): https://picasaweb.google.com/107054723244977319050

Und für alle, die mit mir verreis(t)en: Hinter’m Horizont geht’s weiter ;) http://youtu.be/-JIgEKzs9CI

28 Jul 2014

Eyes wide open

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„Aber reisten wir wohl, wenn wir nicht die Hoffnung hätten, an einem ganz fremden Ort uns selbst zu begegnen? Es ist schön, fremd zu sein, mit allen Städten vertraut, nirgends daheim zu sein. Im Grunde – wer, der viel reist, gibt es nicht zu – sind wir in der Fremde nicht, aber auch in der Heimat nicht ganz zu Hause. Das Endziel alles Reisens wäre vielleicht dieses Gefühl, das die Welt entschwert: ich kenne alles, ich lebte überall, aber ich kann nirgends bleiben. Die Welt gehört mir, aber ich gehöre nicht ganz hinein. Warum sonst hätten wir Deutsche die riesigen Systeme unserer Metaphysik errichtet, diese Festungen der Zuflucht, rücksichtsloser Dauer, unbegrenzter Eroberung, als weil wir uns nirgends zu Hause fühlen? Die Wandernden und Umhergetriebenen sind die Metaphysiker von Geburt.“

Reinhold Schneider, Portugal, 1928

Ein paar Jahre später hätte Schneider das Wort „Eroberung“ nicht mehr verwendet, aber alles andere ist für die Ewigkeit.

Ein wenig von der lebenslangen Müdigkeit Schneiders wird immer stärker auch ein Teil von mir; das Kraftraubende des ständigen Unterwegsseins beginnt im Älterwerden seinen Tribut zu fordern. Es war ja auch schon bisher auch heuer kein kurzer Weg, den ich zurückgelegt habe: von Marokko über Andalusien nach Nordportugal, in den Norden Spaniens, in Frankreichs Südwesten und via Englands Süden geht es nun in die Normandie und in die Bretagne, dann zu den Schlössern an der Loire. So folgerichtig war noch keine meine Tourneen, konsequent von Marrakesch nordwärts.

Es sind heute kleine Siege, die mich noch beflügeln: seit Jahren suchte ich die Stelle, an der ich mich einst über den Ausdruck „eyes wide shut“ gefreut hatte, woran mich der gleichnamige Film wieder erinnert hat. Ich habe das gefunden, beim Wiederlesen von John Le Carrés großartigem „Tinker Tailor Soldier Spy“. Etwas funktioniert noch, dort, wovon ich lebe. Jetzt weiß ich auch, dass ich die Antwort bei Wikipedia gefunden hätte…

Anbei ein paar Bilder vom Jakobsweg (sowie: https://picasaweb.google.com/107054723244977319050/ElCaminoDerWegNachSantiagoDeCompostela?authuser=0&feat=directlink);

Santiago möge uns Reisenden auf der großen Suche weiterhin beistehen.

25 Jun 2014

Ein Flâneur in Sevilla

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– mehr: http://tinyurl.com/kbu27ee

– und weitere aktuelle Bilder aus Andalusien: http://goo.gl/nDqUa4

– mein Picasa – Web-Fotoalbum generell, wo Bilder einfach besser betrachtbar sind, Diaschau möglich ist, etc: https://picasaweb.google.com/107054723244977319050

25 Apr 2014

Aranjuez – Kierling

In Tours wohne ich oft beim Bahnhof; von der Stadt, in der das reinste Französisch gesprochen wird, lassen sich viele der schönsten Loire-Schlösser gut besuchen. Gleich um die Ecke gibt es ein baskisches Café, in dem Jean-Luc de facto wohnt. Betrete ich das Bistro, steht er immer am Tresen, und egal wie lange ich nicht mehr dagewesen bin, setzt Jean-Luc das immergleiche Gespräch fort, als wäre ich nur kurz ausgetreten gewesen. Er hat nur ein Thema: Back ou Mosaart? Bei unserem ersten Kennenlernen dauerte es etwas, bis ich dahinterkam, dass er wissen wollte, wie ich’s denn hielte: war Jean-Sébastien Bach der Größere oder Mozart? Da ich Österreicher bin, muss ich nach Jean-Lucs Überzeugung stets Wolferls Stellung halten, obwohl ich nichts Erhabeneres kenne als die Matthäus-Passion, wenn auch dicht gefolgt von Mozarts Requiem. Mit Jean-Luc kommt man dann unweigerlich zu Nietzsche und Kafka (und der Rugby-Mannschaft von Biarritz), und diese bierseligen Gespräche im Tal der Loire tun manchmal recht gut, wenn der Kopf nach zu viel Schönheit ausgelüftet gehört. (mehr …)

25 Mrz 2014

Ein kurzer Brief zum langen Abschied

[UNSET]Fés, 03.03.14

Letzte Woche hat mich Fés Demut gelehrt. Das ist schon die beeindruckendste Stadt des Landes, Welten von Marrakesch entfernt, das seinem touristischen Erfolg zum Opfer geworden ist. Marrakesch ist schön, faszinierend, aber schon lange nicht mehr als eine Kulisse für „Orient“-suchende Besucher. Und ich halte die alten Männer aus unserer Welt nicht aus, die mit jungen Marokkanern spazieren gehen, wie es andere mit ihren viel zu jungen Frauen in Thailand oder Odessa tun, stolz, schamlos und lächerlich. Auch wenn das schon immer so war: „1 Knabe – 3 Piaster“ stand auf der Herbergsrechnung eines Reisenden vor über hundert Jahren. (mehr …)

03 Mrz 2014