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Belmondos Fluch

In solchen Bars ist man immer schon beim zweiten Besuch Stammgast. Eigentlich mag ich ja die lieber, wo man sich das verdienen muss, wo der Barmann gewichtet, ab wann man dazugehört.
Aber das war in Thailand, auf Koh Samui, und der Barmann war eine Frau. Außerdem sind die dort immer alle immer freundlich, ich weiß nicht, wie sie das machen.

Wir waren ein paar Tage zuvor einmal dort gewesen, weil es so geschüttet hatte, dass an ein Weiterfahren nicht zu denken war. Nach dem ersten Mojito hatte es zu regnen aufgehört, während des zweiten war die Sonne langsam doch noch hervorgekommen und dann so elegant in die Knie gegangen wie sterbende Cowboys mit schlechten Karten nach einem blöd gelaufenen Duell mit einem viel zu langen Text für den final countdown. 

„Mo’ito?“ strahlte die kleine Thai und wir nahmen unsere Plätze an der Theke ein, mit Blick auf die Bucht, den Westen vor uns und das, was dort eben Abend für Abend passiert mit der Sonne ( https://goo.gl/maps/WYP4S8auuQGdtHVj7 ).
„Das wird heute nichts“, ließ sich ein Typ vernehmen, der zwei Hocker weiter neben uns saß. „Wollt ihr wissen, warum? Wird äußerstenfalls ein Dreier. Drei Komma drei vielleicht, mehr nicht.“
Er hieß Hartmut. Und er hatte den seltsamsten Beruf, von dem je ein Mensch gehört hatte.

Wir hatten natürlich keine Visitenkarten dabei, aber auf die, die er uns gab, starrten wir nicht aus Höflichkeit lange und ungläubig.

„Ja,“, lachte er, „das muss einem erstmal einfallen, oder?“

Nun waren wir nicht sonderlich versessen darauf, mit einem Urlauber aus unserem Nachbarland ins Gespräch zu kommen. Man kommt sich immer irgendwie ertappt vor, wenn man an einem der anderen Enden der Welt Sprachverwandten begegnet. Die Bar war zu dieser frühen Stunde noch fast leer, an ein Entkommen war sowieso nicht zu denken, und seine Karte hatte uns neugierig gemacht.

„Aus Wien seid ihr also. War ich, klar. Die Terrasse vom Justizpalast ist nicht schlecht.“

Das ist ein Ort, den nicht einmal viele Einheimische kennen. Ganz bestimmt nicht der erste, der einem Touristen einfällt. Aber Hartmut war eben kein Tourist. Und er kannte sich aus.

„Damals, vor acht Jahren, hab ich für Quattro Stagioni gearbeitet. Nicht für die Pizza, für die Hotelkette.“ Er kicherte in sich hinein, was er noch öfter tun sollte.

„Ich kannte einen in der Konzernzentrale. Hab ich bei so einem Get-together kennengelernt. Witziger Kerl.

Jedenfalls hat mir die Belmondo-Kette damals ein Angebot gemacht.“ Die beiden Hotel-Giganten kannte ich. Beide hatten an den ultimativ schönsten Plätzen der Erde mindestens je ein Haus, das selten über Portale gebucht wird. Feines vom Feinsten eben.

„Ich habe dann Gregory angerufen und um Rat gefragt. Zufällig war er nur ein paar Stunden von Rom entfernt, wo ich gerade war, zufällig hatte er am nächsten Tag Geburtstag und Lust auf einen gemütlichen Abend ohne seine üblichen Freunde, Kollegen und Bekannten. So trafen wir uns in Ravello.“

„Im Caruso?“ entfuhr es uns gleichzeitig – wir hatten dort vor ein paar Monaten in einem Haus der Belmondo-Gruppe übernachtet. 

Überrascht betrachtete er uns erstmals etwas eingehender. „Kennt ihr? Na, dann wisst ihr ja, dass man dort selbst einen Geburtstag mit Fassung ertragen kann. Sogar dann, wenn man einen hat, auf den man verzichten könnte. Gregory wurde fünfzig.“ Er kicherte wieder unhörbar in sein Hemd, während ich möglichst unbeteiligt in die Bucht blickte. Das tat auch S, wobei wir einander dabei ertappten und dann doch lächeln mussten. Ravello war etwas Besonderes gewesen, und ja, manche Geburtstage  – aber eine Runde Mojitos brachten Hartmuts Redefluss wieder in Schwung.

„Wir saßen an diesem Infinity-Pool mit Blick aufs Meer, und es wurde immer unwirklicher. Hattet ihr Sonne?“

Nein, es hatte damals geregnet, aber in der Dämmerung war es aufgeklart und „unwirklich“ traf ziemlich genau, was sich dann ereignete.

„Ja, kann manchmal sehr viel besser sein als an schönen Tagen. Schön wird überbewertet. Gregory riet mir jedenfalls zu pokern.“

Und dann erzählte uns dieser Typ aus Dortmund, wie er dem Irrsinn pur einen neuen Namen erfand.

„Wir hatten schon das eine oder andere Fläschchen. Die haben dort einen Keller…“. Genießerisch schnalzte er mit der Zunge. 

„Gregory riet mir, mich neu zu erfinden. Aber was kann man noch werden, wenn man bei Quattro Stagioni Wirtschaftsdirektor, also F&B-Manager ist?“

Verträumt betrachtete er das sich entwickelnde Untergehen der Sonne im Golf von Thailand. Am Horizont lag wie angenagelt eine tiefe Wolkenkette. Hartmut hatte recht, das würde heute nicht spektakulär werden.

„Wir sind dann noch auf die Piazza gegangen. In diesen Schuppen, wo Bogart und der ganze Haufen immer Karten spielten.“

O ja. Dort erinnert eine Gedenktafel daran, dass Humphrey Bogart, Gina Lollobrigida, Jennifer Jones, Robert Morley und Peter Lorre während der Dreharbeiten zu „Schach dem Teufel“ das Filmbudget nicht unerheblich belastet hatten.
„Irgendwann ritt dann uns der Teufel. Wir skizzierten auf einer Serviette, die heute noch nach Grappa duftet, was uns alles einfiel. Das Ergebnis steht auf meiner Karte.“

„Du willst nicht wirklich sagen, dass das ernst gemeint ist?“ stammelte L., die nicht oft stammelt, jedenfalls nicht nach dem zweiten Mojito.

„Wir haben doch nie und nimmer geglaubt, dass die uns das abkaufen.“ lachte Hartmut.

„Aber Gregory kannte natürlich eine Kollegin bei Belmondo. Die nahm das auch nicht ernst, aber sie fand es witzig.“

Aus dem Lautsprecher tönte das Lied von der Frage, ob du nach San Francisco gehst. An solchen Orten am Meer, sei es auf den Seychellen oder an der Algarve, laufen in schöner Regelmäßigkeit immer die selben Hadern, und irgendwie klingen sie dort immer, als hörte man sie zum ersten Mal.

„Später habe ich gehört, dass eigentlich alles ein großes Mißverständnis war. Die Sitzung, in der über einen Job mit wirklichem USP entschieden wurde, fand irgendwo statt, wo selbst diese ganzen großen Tiere leise wurden, als die Sonne den Himmel zu bepinseln begann. Man wollte denen von Quattro Stagioni eins auswischen, der Big Boss war gerade etwas melancholisch wegen einer teuren Scheidung und so ergab eins das andere.“

Wir blickten ein weiteres Mal auf die Visitenkarte und stießen mit Ehrfurcht an.

„Schließlich gibt es schon andere Jobs, die eigentlich unmöglich sind. Wer hätte vor ein paar Jahrzehnten daran gedacht, dass man damit viel Geld verdienen kann, in einem Traubensaft das zart verborgene Aroma von japanischen Kirschkernen zu erkennen und im Abgang eine Ahnung von monochromen Bildern von Doisneau?“ Wieder das Kichern.

„Oder die Interpreten von Modeschauen? Wenn Bulimie-kranke Kinder wutentbrannt Fetzen er- und auftragen, die kein Mensch in der Öffentlichkeit je anziehen wird und die mehr kosten als ein Sportwagen? Oder Börsenanalysten? Börsenanalysten!“, jetzt wich das Kichern einem lauthals lachenden Brüllen. 

„Bubis frisch von der Uni, die uns erzählen, warum irgendwas, das es gar nicht gibt, weniger oder mehr wert wird, weil ein paar Irre darauf wetten? Ich bitte euch.“

Es war schwer, sich dem zu verschließen. Die Sonne hatte das Wolkenband erreicht. Es ging zu Ende.

„Und du bist jetzt hier, um was zu tun?“ fragte ich. Irgendwie hoffte ich offenbar, doch noch eine nicht völlig abgedrehte Erklärung zu erhalten.

„Steht doch da.“, Hartmut nickte mit dem Kinn zu den Businesscards, die auf der Theke lagen. 

„Aber ich kann euch sagen: klingt besser, als es ist.“

Wie sich herausstellte, hatte Belmondo für Hartmut tatsächlich diesen Job geschaffen. Bei Quattro Stagioni war man vor Neid explodiert, das Pokern hatte ein absolut obszönes Gehalt ergeben, und nun war Hartmut, wo jeder einmal hinwollte, allerdings andauernd. 

„Ein Dreier, höchstens drei Komma eins, sag ich ja.“ meinte Hartmut mit einem letzten Blick aufs Meer. Man kann offenbar alles benoten, auch Sonnenuntergänge. Eins war wahrscheinlich ein trüber Novemberabend in der Simmeringer Heide, fünf die paar Minuten von Hiroshima. Oder Ravello, wenn man Glück hat.

„Nervt irgendwann auch. Kann ich euch sagen. Morgen muss ich nach Bali. Macht’s gut!“, verabschiedete sich unser neuer Freund. Das Zahlen ließ er sich nicht nehmen. 

Als er gegangen war, blickten wir einander immer noch ungläubig an, auf den Dreier, der vielleicht ein Drei-Komma-eins war, und dann auf die beiden Visitenkarten:

Hartmut Jahne

Beeideter Sachverständiger für Sonnenuntergänge weltweit

Appointed Authorized and Certified Expert for Sunsets the world over

The Belmondo Group Int.

“Weißt du was?”, sagte L. „Wir verbringen deinen Geburtstag auf Balkonien. In Wien. Das hat was.“

Und manchmal, selbst in einer Bucht auf einer Trauminsel, kann ich ihr nicht widersprechen. Manchmal klingt Balkonien in Wien ziemlich romantisch. 

oznor
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