Der schönste und traurigste Ort der Welt

Versailles im Spätherbst: keine Horden mehr, Muße und Raum. Dieses schreckliche Schloss, in dem so viel Unglück geschah, ist gleichwohl ein Wunder an Eleganz und Perfektion.
Es wird noch übertroffen vom kleinen Trianon-Schlösschen in diesem unergründlichen, herrlichen Garten, der ein Park ist, ja, eine Welt: Gabriels Meisterwerk für die Pompadour ist das Edelste, was bester Geschmack hervorbringen kann. Marie Antoinette hat sich dort gerne aufgehalten, und von dort wurde sie abgeholt, als es losging: am 4. Oktober 1789, der Weg bis zur Guillotine war von da an nicht mehr weit.

In den Gärten zu spazieren, die im November schön sind wie selten sonst, erfüllt mit jener befriedigenden Melancholie, die uns traurig und zufrieden macht zur selben Zeit.
Es war auch ein Abschied für mich, von Versailles, von Paris, von und für heuer.

Als es später regnete, saß ich lesend im Café des Schlosses; ein paar Tische weiter saß ein Paar, das deutliche Merkmale des Down-Syndrom aufwies. Beide nicht mehr jung, sie um einiges kleiner, und sie saß da und schluchzte, weinte hemmungslos, wie jemand, der soeben eine fürchterliche und nicht annehmbare Nachricht erhalten hat. Er saß daneben, offensichtlich ratlos, überfordert, verzweifelt, aber untätig. Ludwig XVI. und seine Marie Antoinette müssen sehr ähnlich ausgesehen haben im Gefängnis, und vielleicht schon hier, im Schloss, das ihnen so viel zu groß war.

Doch kann man Menschen mit dem Down-Syndrom trösten? Oder Könige? Oder uns?

Warum ich kein Diplomat geworden bin

Franz Molnár hat einmal gesagt, Fremdsprachen seien nützlich für Oberkellner und Gigolos. Na ja.

Ein paar Sprachen zu sprechen ist schon ganz praktisch. Und es gibt Berufe, für die das zumindest nicht hinderlich ist.

Irgendwann habe ich mich für die Arbeit im Außenministerium beworben. Man unterzieht sich dort einem Préalable – der Eignungsprüfung für den diplomatischen Dienst, für die sich damals (1996) so um die 150 Kandidatinnen und Kandidaten gemeldet haben, wovon eine Handvoll genommen wurde. Die Prüfung gilt als schwer, vor allem weil es keinen Stoff gibt, den man vorbereiten kann. Gefragt kann alles werden, und eben in mehreren Sprachen. Also eine Art „Wer wird Diplomat?“ ohne Joker und Publikum.

Ich hatte Glück und war dabei. Im Palais Liechtenstein neben der Minoritenkirche bekam ich als Referent der Budgetabteilung ein großes Zimmer mit schönem Ausblick zugewiesen. Darin stand eine Olivetti-Schreibmaschine aus den Siebzigern, die ich aber praktisch nie benutzen musste. Ich hatte nichts zu tun. Nach ein paar Monaten sollte ich an eine Botschaft versetzt werden.

Nach einiger Zeit hielt ich nach versteckten Kameras Ausschau: ich konnte nicht glauben, dass ich schlicht und einfach nichts zu arbeiten brauchte. Ab zehn Uhr sagte man „Mahlzeit!“ und ab Mittwoch „Schönes Wochenende!“. Hin und wieder setzte ich meine Unterschrift unter eine Rechnung für einen halben Liter Milch, den ein Botschafter zur Bewirtung angeschafft hatte. Manchmal las ich einem äußert netten Kollegen seine Post vor, da er de facto blind war. Man hielt ihn in Arbeit, weil er sich dem Pensionsalter näherte. Das war sympathisch. Aber ich hatte sonst nichts zu tun und las jeden Tag ein Buch, und das kann man auch nur eine Zeitlang tun ohne wahnsinnig zu werden.

Als Freiwillige gesucht wurden für den Nachtdienst im Notfallraum, meldete ich mich sofort. Mir schwebte ein James Bond-Szenario vor: endlich würde ich die Profis kennenlernen. Jene, die eingreifen, wenn die Republik in Gefahr gerät. Wenn Flugzeuge abstürzen, die Erde bebt oder die Russen kommen. Ihre Einsatzzentrale war der Notfallraum unter dem Bundeskanzleramt.

Am vereinbarten Tag meldete ich mich punkt 18 Uhr im Ballhausplatz. „Kriegelstein?“ wurde ich gefragt, was ich bestätigen konnte. Der Kollege drückte mir einen Schlüsselbund in die Hand, wünschte mir eine gute Nacht und ging. Ich hatte keinerlei Informationen erhalten, was ich im Notfall tun musste. Vor allem hatte ich nicht gewusst, dass ich allein sein würde. Allein mit dem Nachtportier im Bundeskanzleramt.

Im Notfallraum der Republik gab es ein Faxgerät und einen Fernsehapparat. Es gab auch ein Telefon mit Handkurbel (das ist allerdings ganz praktisch, wenn alles sonst ausfällt). Sonst gab es noch ein Bett und einen Koffer – DEN Koffer.

Dabei handelte es sich um einen jener Plastik-Aktenkoffer, die immer verkehrt herum aufgehen. Darin befand sich das Notfall-Kuvert der Republik Österreich. Dort standen die Nummern all jener, die ich wohl anrufen sollte, wenn die Russen kämen oder die Welt unterging. Dieses Kuvert war ein orangefarbenes Standard-A4-Kuvert; für den letzten Rettungsanker im Krisenfall eh schon recht ernüchternd, gab mir eine Kleinigkeit den Rest. In diesem Kellerraum aus Metternichs Tagen, in dem es (1996!) nicht einmal einen Computer gab, und in dem ich eine lange Nacht lang (gemeinsam mit dem Nachtportier) über die Sicherheit des Landes wachte, wurde mir klar, was der Schriftsteller Anton Kuh gefühlt haben musste, als er kurz vor dem Einmarsch der Nazis seine Koffer packte. In der allgemeinen Verzweiflung hatte jemand Regierungsmitgliedern der Ära Dollfuss nahegelegt, von allen weisen Bürgern Rat einzuholen, wie man der Katastrophe noch entrinnen könnte. „Wenn sie mich einmal fragen“, so der befragte Anton Kuh, „dann ist es hoffnungslos“. Er sollte recht behalten.

Ich glaube, dass ich den Entschluss, dem diplomatischen Dienst gestohlen zu bleiben, fasste, als ich das Notfallkuvert der Republik in Händen hielt. Es war quer aufgerissen, dann wieder mit einem Tixostreifen zugeklebt, und d’rüber stand: „Pokorny hat geöffnet“.

Vielleicht bin ich ein Pedant, wahrscheinlich ist mir Ästhetik zu wichtig, sicher brauche ich ein wenig Form und Stil – heute bin ich froh, dass das BMaA und ich einander rechtzeitig fremd geworden sind, wie nach einer geteilten Nacht, nach der man einander so fremd ist wie vorher. Ich habe Herrn Pokorny nie kennen gelernt. Aber ich bin ihm dankbar.

Rom mit Kindern (oder ohne)

Die belohnendste aller Städte, aber auch die komplizierteste – hier erstmal eine „kinderleichte“ Anleitung für zwei, drei Tage in der Ewigkeit:

Auf dem Gianicolo, der keiner der klassischen sieben Hügel ist, aber einen der besten Ausblicke auf die Ewige Stadt bietet, gibt es ein berühmtes Puppentheater – Teatro dei Burattini al Gianicolo, 16.00, tägl. außer MO. Gratis, Spende.

Es wird auch erwähnt in: http://files.hanser.de/hanser/docs/20070220_2722125611-59_20060304_3-446-20742-2_613.pdf (am Schluss der Leseprobe), ein gutes Buch, btw.

Neu ist ein besonders toller Blick auf Rom von oben: Monumento a Vittorio Emmanuele, Piazza Venezia, durch das Museo del Risogimento gehen und dann mit dem Aufzug ganz rauf: Blick über Forum Romanum und zum Palatin und Kapitol, und über die ganze Stadt. Dort um die Ecke, auf dem Kapitol, kann man Santa Maria Ara Coeli besuchen, wo hinter dem Altar links in einer Seitenkapelle das Christkind wohnt: eine wundertätige Christkind-Figur, die alljährlich alle Post der Welt kriegt, die ans Christkind (Santo Bambino) adressiert ist. Das Original wurde, aber psssst!, vor ein paar Jahren gestohlen und durch eine Kopie ersetzt :(

Um ins Kolosseum zu kommen, muss man sich normalerweise lange anstellen. Ein Roma Pass http://www.roma-antiqua.de/rom-reise-informationen/roma_pass#pass erleichtert vieles. Rundherum lassen sich „Legionäre“ in Uniform gerne fotografieren, wenn sie was dafür kriegen. Das Innere (des Kolosseums, nicht der Legionäre) ist oft enttäuschend, weil an sich leer. Man braucht dort viel Fantasie oder gute Erzähler. Angeboten werden außen Kutschenfahrten zu Nepp-Preisen. Besser ist der Circus Maximus, s.u.

Die berühmten Museen würde ich alle meiden. Ich glaube, dass man mit Kindern in Museen viel Freude haben kann, aber nicht, wenn sie voll sind, und das sind die berühmteren immer. (Nur) am Samstag Vormittag könntet Ihr den Palazzo Colonna besuchen, den prunkvollsten Roms der größten aller dortigen Familien. Die Deckengemälde und der ganze Prunk und Zinnober beeindrucken sicher auch die Kinder.

Das Museo Explora kenne ich nicht, klingt jedoch ziemlich gut: http://www.lifeinitaly.com/tourism/lazio/rome-children.asp – gute Ideen zum Thema, Bomarzo ist aber zu weit.

Links hinter dem Pantheon ist der kleine Elefant von Bernini für alle Kinder eine große Freude. Ihr solltet zwei Minuten davon entfernt auf der Piazza Sant’Eustacchio in der gleichnamigen Bar den besten Caffè der Erde trinken/mitnehmen und um die Ecke auf der Piazza Navona Eis essen, am besten bei Tre Scalini, obwohl ich Giolitti bevorzuge http://www.giolitti.it/english/home.html . Ein Blick ins Pantheon, den perfektesten aller Räume der Welt, kann auch nicht schaden. Piazza Navona ist ohnedies toll, der Vierströme-Brunnen und die Maler und Karikaturisten rundherum machen Kindern noch Spaß.

Ein herrlicher Platz morgens/vormittags ist Campo de Fiori, ein echter Markt, viel Leben und Rummel.

Auf dem Largo Argentina gibt es in den Ausgrabungen der ältesten Tempel aus republikanischer (i.e. vor-kaiserlicher) Zeit, dort, wo Cäsar ermordet wurde, ein Katzenasyl: Freiwillige pflegen arme, verwilderte und meist kranke Katzen http://en.wikipedia.org/wiki/Largo_di_Torre_Argentina (Kapitel „cat shelter“). Sehr sympathisch!

Der Rummel am Trevi-Brunnen, wo ab dem späteren Nachmittag immer was los ist, macht sicher Spaß. Falls Ihr auswärts zu Abend essen wollt: Trastevere ist dann immer schön, Fußgängerzone, viele Menschen, nette Lokale (zB anschließend an den Gianicolo).

Am Aventin gibt es den Parco degli Aranci, dort spielen immer Kinder und man hat einen netten Blick auf den Tiber, selten Touristen:

http://www.panorama-welt.de/italien/rom/aventin/aventin.htm . Ein paar Schritte weiter ist der „Schlüsselloch-Blick“, wenn man durch das Schlüsselloch des Malteserorden-Gartentors blickt, sieht man genau die Kuppel von St. Peter, spektakulär. Dort sind zwei schöne frühchristliche Kirchen. Und daneben natürlich der riesige Circus Maximus, wo die Wagenrennen stattfanden. Bringt mehr als das Kolosseum von innen, man kann einfach herumspazieren, kein Eintritt.

Den Luna Park würde ich auslassen. Einen solchen kann man überall besuchen.

http://www.forbeginners.info/rome/visiting-with-kids/ – die Kapuziner-Mumien sind eine Idee, aber morbide! (Eine andere Quelle sagt zurecht: „Santa Maria Concezione, Via Veneto 27: The crypt underneath this church just up from Piazza Barberini contains the skeletons of over 4000 capuchin monks. Some of the bones have been „artfully“ arranged into designs. Can be very frightening to young children.“)

http://www.romewithkids.com/ – ein Buch mit Tipps.

http://www.stuardtclarkesrome.com/children.htm – sehr nett geschrieben, ein paar gute Vorschläge (auf die Kuppel von St. Peter zu klettern ist sicher auch mit Kids nett bei schönem Wetter).

Und: „Another fun sight to take children is Castel Sant’Angelo. Kids enjoy the wide circular ramp leading up to the different levels of the castle, looking at the nice views of the district from the different terraces, and visiting the museum inside which has a lot of armor and weaponry of ancient times (not to mention the courtyard with several cannon and piles of cannonballs scattered all around.” stimmt auch.

http://www.amazon.de/Reiseführer-Kinder-Pollino-Pollina-entdecken/dp/3932000587 – ein nettes Buch, da finden sich auch Ideen.

„Asterix als Legionär“ zum Vorlesen versteht sich wohl von selbst!

Ex Oriente Lux

Calouste Gulbenkian nicht zu kennen ist eine läßliche Sünde, nur schade. Er wurde 1869 in Istanbul in eine Familie reicher Armenier geboren, absolvierte King’s College, London und hatte 1891, mit 22 Jahren, als erster die Idee, daß man sich mit Erdöl nicht nur schmutzig machen könnte.

Gulbenkian hatte zu tun mit den Gründungen von Shell, Iraq Petroleum, BP und Standard Oil. Daß er überall nur 5% beanspruchte, spricht für seine Bescheidenheit. Er gab nie Trinkgeld und seinen Kindern kein Taschengeld, erst nach seinem Tod eine Leibrente. Allerdings war er ein Wohltäter, der vor allem die armenischen Gemeinden im Exil unterstützte.

In London steht eine Kirche, St. Sarkis, zur Erinnerung an seine Eltern erbaut. Während des Zweiten Weltkrieges zog er sich nach Portugal zurück und blieb auch danach, weil das Regime Salazar nett zu ihm war. Er starb 1955 im Hotel Aviz in Lissabon, wo er gewohnt hatte. Und in Lissabon ist der Sitz seiner Stiftung, die u.a. ein Museum betreibt, in dem sich findet, was Gulbenkian sein Leben lang gesammelt hatte: Kunst.

Dieses Museum ist eines der besten Europas und damit der Welt und besitzt eine Sammlung Orientalischer Kunst, die ihresgleichen sucht und höchstens im British Museum und an den Orten der Mutter aller Schlachten findet, sowie französische Möbel des 18. Jahrhunderts, mit denen man Versailles endlich vollständig möblieren könnte. Die Gemäldegalerie zeigt Arbeiten von Bouts, Van der Weyden, Cima da Conegliano, Carpaccio, Rubens, Van Dyck, Frans Hals, Rembrandt, Guardi, Gainsborough, Turner, Fragonard, Corot, Renoir, Boucher, Manet, Degas und Monet.

Bis auf einen der beiden Corots und einen der Rembrandts sind es nur Meisterwerke. Unter den Skulpturen findet sich neben einem guten Rodin die berühmte Diana von Houdon, die Katharina von Rußland gehört hatte. Diese Menge an erlesener Kunst ist heute für Geld nicht mehr zu haben, und die wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage grübeln vermutlich darob, daß sogar Calouste Gulbenkian vergessen ist. Allerdings behaupte ich jetzt ’mal, daß die wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage von Calouste Gulbenkian noch nicht viel gehört haben. Nicht vergessen ist er bloß von den paar Menschen, die sich in sein Museum verirren, das außerhalb des Stadtzentrums von Lissabon liegt. Warum erzähle ich dann Dir davon? Nun, erstens, weil Du damit jetzt schon mehr weißt als die meisten der wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage, und zweitens, weil das eine brauchbare Einleitung für meinen Brief aus dem äußersten Südwesten Europas ist, aus Albufeira.

Vorher, Anfang April, war ich nämlich im äußersten Westen, in Irland. Ich war zum ersten Mal in Irland, ich war unvorbereitet und ich habe mir nicht viel erwartet. Schließlich, dachte ich, habe ich schon alles gesehen in unserem alten Kontinent. Es ist manchmal schön, wenn man so sehr irrt.

Gelandet bin ich in Shannon bei Limerick, weswegen ich mit einem dreckigen Grinsen in Gedanken an unanständige Fünfzeiler den Boden des Landes betreten habe. „Is this the way to Tipperary?“ brauchte ich dann nicht zu fragen, weil kein Krieg ist, weil ich abgeholt wurde und weil ich in die Gegenrichtung, nach Lisdoonvarna fuhr, im Burren gelegen, einer der tollsten Landschaften, die ich bisher gesehen. Gleich um die Ecke befinden sich die Cliffs of Moher, die 200m senkrecht ins Meer abfallen, und wenn man sich bäuchlings über den Rand wagt, hat man einen Blick, den sonst nur special effects auf der Leinwand in Aufnahmen von Hochhäusern bieten. Nur sieht man unten nicht viele viele gelbe Taxis sondern eine wütende, tosende Brandung, den Atlantik. Ein Sonnenuntergang an den Cliffs of Moher entspricht ca. zwei Gramm schwarzem Afghanen.

Ich habe Galway kennengelernt, die fröhlichste Studentenstadt, die Du Dir vorstellen kannst, die nur aus Pubs und Musik besteht, gut, und aus der Universität. Pubs habe ich immer schon geschätzt, aber in England, Wales und Schottland bin ich mir trotzdem immer wie ein Fremder im Wohnzimmer von irgendwelchen Leuten vorgekommen, außer einmal in Inverness, wo ich eine Gallon Cider zu mir nahm und mich recht wohl fühlte. In irischen Pubs fühlst Du Dich gleich wohl. Das habe ich schon in Irish Pubs in Paris, Antibes, Berlin, Nürnberg oder wo auch immer es welche gab, gemerkt. In Irland habe ich es noch gemerkter.

Vielleicht liegt es auch daran, daß die Iren andere Kategorien kennen: „verrückt“, zum Beispiel, ist absolut positiv besetzt. Ich habe die erfreuliche Bekanntschaft von Mr. Leprechaun und Mr. Clurican gemacht. Das sind zwei feenartige Wesen. Der Leprechaun, ein kleiner, häßlicher Gnom mit zerknittertem Gesicht, verbringt seine Zeit damit, Schuhe herzustellen, die Menschen an der Nase herumzuführen und ihnen ab und zu einen Goldschatz zu verraten; sein Verwandter, der Clurican, zeichnet sich durch seinen ungezügelten Alkoholkonsum aus. Es war wohl Clurican, der aus Bobby Charlton, dem Trainer der irischen Fußballnationalmannschaft, sprach, als er auf die Frage, was er und seine Mannschaft nach dem Ausscheiden bei der letzten WM (nachdem sie großartig gespielt und u.a. Italien besiegt hatten) als nächstes vorhätten, antwortete: „We’ll get roaring drunk!“. Nach dieser WM erhöhte sich übrigens die Zahl der italienischen Irland-Reisenden um 18.000%, weil die Italiener noch zu den Spätnachrichten in die Stadien rückblendeten, in denen drei Stunden nach den Spielen noch alle irischen Fans saßen und sangen. Ohne Ausschreitungen, ohne Probleme, einfach glücklich.

Das mit den Feen ist, nebenbei gesagt, wirklich wahr, denn noch 1959 wurde die Trasse einer geplanten Straße verlegt, weil sie sonst durch ein Feengebiet geführt hätte. Michael Ryan, mein Freund in Lisdoonvarna, glaubt selbst nicht an Feen, seine Nachbarn allerdings …

Am 16.06.1904 waren Leprechaun und Clurican jedenfalls in Dublin, das ist der Tag, von dem im Ulysses berichtet wird, und Daedalus und Leopold Bloom hätte James Joyce ohne sie wohl kaum so verschlungene Wege finden lassen. Noch verschlungenere Wege gehen überall auf der Welt, wo mehr als drei von ihnen zusammenkommen, alle Iren am 17. März, dem St. Patrick’s Day. Ich habe mir vorgenommen, diesen Tag in Hinkuft mit Iren zu verbringen, wenn möglich.

Nicht gesehen aber vorgenommen habe ich mir Slieve League, mit 601m Europas höchste Klippen, wo ein „nur von schwindelfreien Bergsteigern“ begehbarer „One Man’s Path“ einen atemberaubenden Spaziergang ermöglicht. Nach Irland wiederzukehren wünsche ich mir sehr. Vielleicht komme ich einmal dazu, den Einladungen zu folgen, die ich erhalten habe.

Nach drei Tagen dort hatte ich mich verändert, war ruhiger geworden und fast schon entspannt. Zum Glück mußte ich dann weiter, hierher.

Die Algarve ist hinüber. Ich habe sie vor acht Jahren, als ich sie erstmals bereiste, schon abgeschrieben, und in der Zwischenzeit ist sie Los Angeles am Meer geworden, eine 160 Kilometer lange Ferienanlage mit Großstadtcharakter.

Nur hat man nirgendwo sonst so wenig das Gefühl, am Meer zu sein. Keinen Meter Küstenstraße gibt es mehr, man sieht die See nur noch, wenn man durch eine Hotellobby gegangen ist, oder wenn man eine der zugegebenermaßen schönen Buchten entdeckt hat. Von diesen Buchten aus sieht man die Hotelanlagen nicht, die von den selben menschenverachtenden durchgeknallten Architekten hingepfuscht wurden und immer noch werden, als hätten nicht so viele andere Regionen schon vorgezeigt, was man alles falsch machen kann. Aber das Recht, die selben Fehler zu begehen wie alle anderen, hat Portugal schließlich auch. Ein Blick in die Alpen genügt, und schweigen wir still.

Vor dreißig Jahren wurde in Lagos die erste Verkehrsampel der Küste aufgestellt, zur Erheiterung der Einheimischen, und heute zieht sich von März bis Oktober eine nicht endenwollende Blechlawine durch die einst verschlafenen Fischerorte. Es gibt hier keine Geheimtips mehr, außer vielleicht Ferragudo, das noch seine Armut bewahrt hat, weil eine Fischfabrik daneben steht.

In Albufeira und Praia da Rocha, den Zentren des Tourismus, ist nichts mehr anders als an der Costa Brava oder in Bodrum.

Einmal bin ich nach Lissabon hinaufgefahren, mit meinem ulkigen Fiat Punto, den ich mir hier geliehen habe. Es tat gut, dem Zirkus der Küste zu entkommen, und es tat gut, Lissabon wieder einmal zu besuchen. Nach einem langen Bummel konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, die Nacht in meinem Hotelzimmer vor dem Fernseher zu verbringen, in meiner Wohnung in Albufeira habe ich keinen, nur meinen Weltempfänger.

Da ist etwas Komisches passiert: mangels Kabelfernsehen daheim hoppte ich freudvoll durch CNN, Sky Channel und die anderen Nachrichtensendungen und bin hängengeblieben – vor der „Traumhochzeit“. Ich hatte sie noch nie gesehen und ich werde sie nie mehr sehen, aber dieses Erlebnis war ein richtiger Schock für mich. Das war dann irgendwie zu viel nach Irland, diese Algarve und die Traumhochzeit im Penta-Hotel zu Lissabon.

Ich war gezeichnet am nächsten Morgen und ging zum Durchlüften ins Gulbenkian-Museum. Dort verliebte ich mich heftig in Mrs. Lowndes-Stone von Gainsborough und in Madame Claude Monet von Renoir. Danach fuhr ich auf das alte St. Georgs-Kastell und genoß einen der besten Blicke, die irgendeine Stadt zu bieten hat, und Lissabon ist von seiner Lage die schönste, die ich kenne. Man sagt, Rio sei noch schöner. Ich weiß es nicht.

Wenn man über die großartige Hängebrücke den Tejo überquert, sieht man auf der anderen Seite eine kleinere Kopie der Christusstatue von Rio de Janeiro. Als ich die Brücke und Lissabon hinter mir hatte, ging über der Stadt ein fürchterliches Unwetter nieder. Zweieinhalb Stunden später war ich wieder an der Algarve.

Was blieb von diesen drei Wochen ist nicht Irland, dessen Sendung die Missionierung Europas war, ist nicht Sagres hier an der Algarve, von wo aus Prinz Heinrich der Seefahrer die Entdeckung der anderen Welten einleitete, sondern die Sammlung altorientalischer Kunstwerke im Museu Gulbenkian. Das alles hier hat seine Zeit gehabt. Als ich vor ein paar Wochen in Cagnes-sur-Mer im Haus von Renoir glücklich war, hat mir etwas gefehlt, ich wußte nicht, was.

Der Armenier hat es gewußt, und jetzt weiß ich es auch: ex oriente lux.

Zugänge „Vier“

Vor schon recht geraumer Zeit war der Fluss, an dem die Stadt liegt, ein Nebenarm des Rheins. Die Herrscherfamilie ist zwar nicht rheinländisch, aber doch deutsch-stämmig, und erst vor wenigen Jahren veränderte sie ihren Namen, was Wilhelm II. zu der einzigen witzigen Bemerkung seines Lebens hinriss: nein, so weit ging man nicht, die Lustigen Weiber als von Sachsen-Coburg-Gotha stammend zu bezeichnen.

43 v. Chr. wurde das Land erobert, und 43 n. Chr. gründeten die Eroberer die Stadt, an einer der vier charakteristischen Krümmungen des Flusses, durch Sumpfgebiete zum Meer hin geschützt. Heute noch wird die Innenstadt an ihrem östlichen Rand, zum Meer hin, von einer mächtigen Festung begrenzt. Schaurige Geschichten werden dort den Besuchern präsentiert, bewohnt wird sie jedoch nur noch von Raben. Wären es Elstern, wer weiß, ob die funkelnden Schätze in der alten Trutzburg noch zu bestaunen wären.

Diese Innenstadt wird von nicht einmal 5.000 Menschen bewohnt, mehrheitlich Portieren. Zum Arbeiten kommen in die ”City” aber täglich über 400.000, und sie bedienen die Finanzmärkte der Welt. In der Stadt leben insgesamt über acht Millionen Einwohner, und keinem anderen Völkchen werden so viele Spleens unterstellt – die von den Betroffenen mit Sorgfalt und Liebe gehegt und gepflegt werden. Regenschirme (stets ungeöffnet), Schlangestehen, Lust an Makabrem, Sportlichkeit und ein Kastensystem wie die Inder, das sind nur einige der Attribute, mit denen sie bedacht werden.

Indien war lange Zeit die unerschöpfliche Quelle des Reichtums des Landes, dessen Hauptstadt die Stadt ist. Unzählige Restaurants wie auch ein Gutteil der Bewohner sind exotisch angehaucht, Folge des ausgerufenen Notstandes der einheimischen Küche einerseits und der glorreichen Vergangenheit andererseits. Ein wenig exotisch wirkt auch ein Obelisk vom Nil am doch kühleren hiesigen Flussufer, fast so verloren wie sein Bruder in New York.

Noch verlorener scheinen bloß die Angehörigen des königlichen Hauses, von allen guten monarchistischen Geistern verlassen, lebende Offenbarungseide eines einstweilen noch überlebt habenden aber eben vor allem gründlich überlebten Systems. Sollte der erstgeborene Spross doch noch den für ihn sehr hoch erscheinenden Thron erklimmen, zieht das Prinzip des Schrebergartens in die Architektur ein, immerhin.

Für die Besucher ist die Stadt ein Eldorado der Mode, der Theater und Musicals, der Museen und des Shopping.
Das berühmteste Kaufhaus ist gleich auch das berühmteste der Welt: 30 bis 40 Millionen Kunden werden von 2.000 Verkäufer(inne)n würdevoll bedient, und was es hier nicht gibt, das gibt es womöglich nirgendwo. Vom Umstandskleid bis zum Bestattungsinstitut mit 24-Stunden-Service, für alles ist gesorgt. Eine eigene Bank, ein Zoo, die größte Klavierabteilung der Welt, die Möglichkeit, was auch immer zu versichern oder seine Reise zu buchen, dieses Wunderland des Konsumrausches macht es möglich. Für Ronald Reagan suchte ein Anhänger der Republikanischen Partei einen Elefanten – er bekam ihn.

Ronald Reagans Schwester im Geiste hat das Land lange regiert, eisern und unerbittlich. Ihr Nachfolger konnte nur scheitern, und das tat er fast so gekonnt wie die Royals.

Von Besuchern wird heute mehr als früher der Palast gesucht, in dem ein Engel Zuflucht suchte vor den Unbillen des Schicksals. Ihr Andenken ist nicht nur dort gegenwärtig. Ihr Tod hat die Stadt und das Land und Menschen über-all auf der Welt erschüttert.

Aber die Stadt und das Land haben schon Ärgeres überlebt, die Pest, den Großen Brand, zwei Weltkriege und die Mode der Siebziger. Vielleicht bewältigen sie auch noch das neue Europa. Die Frage bleibt, ob das auch umgekehrt gelingt.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie heißt die Königsfamilie?
• Wie heißt der Obelisk?
• Wie heißt das Kaufhaus?
• Wie heißt der verlassene Palast?

Zugänge „Drei“

Für viele war die Ankunft in der Stadt die Erfüllung eines Traumes: für manche endete dort mit dem Traum auch das Leben. Das Grab eines deutschen Dichterfürsten Sohn trägt die eine Tragödie verbergende Inschrift ”Der Sohn dem Vater vorausgehend”, während Keats und Shelley in seiner Nachbarschaft ruhen.
Es hat sie alle hingezogen in die Stadt, die für sich ein Weltkreis ist, Fürsten, Kaiser, Dichter und Pilger. Nur die Päpste reisten nie dorthin.

Ihre Ursprünge verlieren sich im Dämmer. Der Ort musste günstig erscheinen: ein Hügelgelände mit Steilhängen und Schluchten, von sumpfigen, bachreichen Niederungen umzogen, verhieß Sicherheit und leichte Verteidigung. Der Fluss, der die Grenze zu einem Nachbarreich bildete, war nahe, so ließ der Übergang sich beherrschen, und die nahegelegene Insel erleichterte den Brückenbau.

Am Anfang der Überlieferung steht ein Brudermord, und gemordet wurde viel und mit Begeisterung in dieser Stadt. In einem halben Jahrhundert starb von sechsundzwanzig ihrer Herrscher nur einer eines natürlichen Todes.
Zur selben Zeit aber wurde in bloß fünf Jahren eine Mauer um sie gebaut, die nur mit der chinesischen verglichen werden kann. Sie steht noch, wenn sie auch ein Schattendasein fristet im Umfeld so vieler Wunder.

Im Schatten liegt hier vieles, in dem der Geschichte, in jenem altehrwürdiger Bauten, und eine ehemals große Partei hat ihren Sitz in der Straße der dunklen Geschäfte. Nur im Sommer, wenn die Nähe Afrikas bewusst wird, sucht der Besucher die Einwohner vergebens und den Schatten der Erholung in den kühlen Tempeln. Kühle spenden auch die Brunnen, deren mancher berühmt ist in allen Teilen des Erdkreises. Einer der Brunnen weist im verhüllten Haupt einer seiner Gestalten auf die unerforschlichen Quellen des Nils hin. Von dort, vom Reich am Nil, stammt das Erz für die Tore eines der Haupttempel, einst Schiffsschnäbel der stolzen Flotte Cleopatras. Die Sehnsucht nach jenem Land war groß, zu groß für den begnadetsten Herrscher der Stadt und zu groß für seinen Rivalen und angemaßten Erben.
Das Erbe blieb, und es ist unermesslich. So mancher gelahrte Besucher verzweifelte an seinem schieren Umfang.

Wer will auch von sich behaupten, ein Kenner jener Stadt zu sein? Liebhaber, das ja, Liebhaber hatte und hat die Stadt viele. Ihr Name, verkehrt gelesen, ist schließlich der Gott der Liebe selbst.

Nicht die wenigsten ihrer Verehrer sprachen deutsch, wenn sie von ihr schwärmten. Karl der Große errichtete für seine Landsleute einen Friedhof, der heute im Ausland liegt und von drolligen Älplern bewacht wird. Nur Besucher vertrauten Idioms dürfen ohne Sondererlaubnis in das Nachbarland, und nur auf diesen Friedhof.

Österreich hatte lange Zeit seine Botschaft in einem herrlichen Palast, der vorher Venedigs Vertretung beherbergt hatte – daher sein Name – und später einen Diktator.
Heute hat Österreich, wie die meisten anderen Staaten auch, zwei Botschaften dort, wenn auch in bescheideneren Quartieren.

Der Prunk bröckelt; der vorletzte Herrscher über die Stadt und das Land befand, dass sein Amtssitz ärmlich sei im Vergleich zu seiner privaten Residenz, ein nouveau riche, wie man sah. Nur die Franzosen habe noch eine Botschaft, die nichts zu erträumen übrig lässt, ist ihr Palast doch von Michelangelo entworfen. Ganz in der Nähe, und fern von seinen Kollegen, liegt der große Borgia, den die Stadt nur mit Mühe ertrug.

Viele Fremde kamen hierher, um ihr Gewicht an der Geschichte zu messen, und manchmal wurden sie zu leicht befunden.
Das Geschlecht der Stuarts erlosch in jener Stadt, ihre Familiengruft liegt dort, fern der schottischen Heimat, gleich neben dem Grab einer skandinavischen Königin, eine von zwei Frauen in einer Männerwelt ohnegleichen. Der große Mazarin liegt in einem Tempel gegenüber dem berühmtesten Brunnen, der eine nette Einnahmequelle für die Kinder des Viertels darstellt. Nicht weit davon steht ein Palast, der nach der Tochter Karls des Fünften genannt wird, die in zwei der größten Familien des Landes eingeheiratet wurde. Sein Architekt war der Gegenspieler des bedeutendsten Barockbaumeisters, der dieses erkennend daran zugrunde ging und seinem Leben ein Ende bereitete. Sein erfolgreicherer Kollege, ein Liebling der Götter fürwahr, verunstaltete den allen Göttern geweihten Tempel, dem wir das Fest Allerheiligen verdanken: sind dort doch die Gebeine unzähliger Märtyrer ungeordnet bestattet. Und doch wäre dieser Tempel allein es wert, alle Wege zu gehen. Sie führen ohnedies dorthin.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie hieß der Sohn?
• Wie hießen die verfeindeten Brüder?
• Wie heißt die Mauer?
• Wie heißt (eigentlich: hieß) die Partei?
• Wie heißt der Brunnen?
• Welchen Tempels Türen kommen von Cleopatra?
• Wie heißt das „Nachbarland“?
• Wie heißt der Palast, in dem Österreichs Botschaft sich befand?
• Wie heißt der Amtssitz des Ministerpräsidenten?
• Wie heißt die skandinavische Königin?
• Wie heißt der Palast der Österreicherin?
• Wie heißen die beiden Architekten?
• Wie heißt der Tempel aller Götter?

Zugänge „Zwei“

Der Christbaum kommt aus Straßburg, aber der berühmteste der nicht soo stillen Weihnachtsmärkte dieser stillen Zeit findet nicht in Frankreich statt, sondern in der Franken östlicherem Reich.
Die Kinder wissen zu schätzen, was von hier kommt, aus dem Herzen der Spielwarenwelt, das berühmt war lange bevor es LEGO gab, geschweige denn Game Boys, geschweige denn Super Mario. Einige der Spielzeuganstrichfarben (solche Wörter gab es damals noch) wurden sogar nach hier benannt.

Ein bißchen Provinz – und dennoch, was für ein Zentrum! Mochten die Kaiser anderswo gekrönt worden sein, mochten sie anderswo öfter getagt haben, mochten Könige andere Städte zu Residenzen erwählt haben, hier und nirgendwo anders wurden die Reichsinsignien am längsten aufbewahrt, fast 370 Jahre lang, bevor sie in den napoleonischen Wirren zu den Thurn und Taxis nach Regensburg wanderten, und weiter nach Wien.
Von 1938 – 1946 kehrten sie noch einmal wieder, ein seltenes Schicksal für Pretiosen dieser Art.

Aber das war kein Wunder: die Herren des Dritten Reiches beriefen sich nur allzu gern auf das Erste, und wo lieber als in der Stadt einiger ihrer größten Triumphe?

Dafür hat die Stadt gezahlt: von der Katharinenkirche, in der der Ritter Walther von Storzing die Frage an Evchen Pogner richtet, ob sie schon Braut sei, stehen nur mehr die Außenmauern. Haus und Werkstatt von Hans Sachs, wo der Dichter den Duft des Flieders besingt, wurden vollständig vernichtet. Zerstört wur-den auch der Hauptmarkt, die wichtigsten Kirchen der Stadt, ge-weiht den Heiligen Lorenz und Sebaldus, und so vieles, vieles andere, fast alles.

Aber so entsetzlich die Verheerungen des letzten Krieges waren, in dieser Stadt wollte man zeigen, dass man auch aufbauen kann.
Heute stapfen wieder die Kunst – und Kulturbeflissenen aller Herren Länder durch die Altstadt und fragen sich, was alt, was wiederaufgebaut, was neu erstanden aus Ruinen ist?
Die einzige “erhaltene” Stadtbefestigungsanlage einer deutschen Großstadt ist zu bestaunen, besagte – wiederaufgebaute – Kirchen, das Heilig-Geist-Spital aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die Kaiserburg klarerweise, der Handwerkerhof neben dem Frauentor und große Werke von Veit Stoß, Adam Krafft und Peter Vischer, vor allem aber natürlich das ansehliche Fachwerkhaus des berühmtesten Sohnes der Stadt: er lebte hier von 1509 bis 1528, Hasen, betende Hände und apokalyptische Reiter hinterlassend, weisere Zeiten werden mehr finden. An seinen heute bekanntesten Werken zeigt sich, wie sehr der Geschmack des 19. Jahrhunderts noch wirksam ist.

Am Platz, auf dem er wohnte, und überall sonst, erhält man die Spezialitäten, die die Stadt auch berühmt gemacht haben, neben den Spielwaren: Lebkuchen in bunten Dosen, Bratwürste und Karpfen, “blau” oder gebraten.
Nur wenige Schritte sind es von dort in südlicher Richtung auf den Hauptmarkt, wo sich eine gar große Zahl von Berühmtheiten drängelt: Karl IV., die sieben Kurfürsten, Moses und die Propheten, antike, christliche und jüdische Helden. Sie weilen auf der Frauenkirche und auf dem Brunnen, der zu den Hauptsehenswürdigkeiten zählt.

Nach der Stadt benannt wurde auch ein Ei, ein Ei, das die Zeit erstmals mobil machte, die erste Taschenuhr. Die erste deutsche Bahnlinie fuhr hier, Wissenschafter aus dieser Ecke der Welt brachten den Portugiesen das Wissen, mit dem die restliche Welt entdeckt werden konnte.

Heute ist die Stadt kein Zentrum mehr, es sei denn der amerikanischen Soldaten in den Biergärten, wegen der nahen Kasernen.
Aber einmal im Jahr, in der Zeit der Erwartung der Geburt des Sohnes, wenn Augen wieder glänzen bei Groß und bei Klein, ist sie ein Mittelpunkt. Dieser befindet sich auf ihrem Markt, der dann Christkindlesmarkt heißt.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie heißt ihr berühmtester Sohn?
• Wie heißt die angesprochene Oper?
• Wie heißt der Brunnen auf dem Hauptmarkt?

Zugänge „Eins“

Wie in fast allen afrikanischen Großstädten zogen sich bis vor wenigen Jahren am Stadtrand endlos die Ghettos der Ärmsten dahin. Wellblechbaracken ohne Kanalisation, ohne Strom, Endstation für viele kurz vor Erreichen der Wohlstandswelt. Flog man in die Stadt, ware sie der erste, für viele Besucher verblüffende Eindruck.

So haben die Einwohner wohl schon einmal gehaust, nach dem großen Erdbeben im Jahre 1755. Über zweihundert Jahre später sind es die Heimgekehrten in das Mutterland, die Vertriebenen und Geflohenen aus den unendlich großen und reichen Kolonien, die in improvisierten Behausungen ihr Dasein fristen.

Die Stadt ist alt, sehr alt sogar. Der Sage nach hat Odysseus sie auf einer seiner Irrfahrten gegründet. In Wahrheit geht ihr Name wohl auf das phönizische Alis Ubbo (= liebliche Bucht) zurück, also Karthager waren zuerst hier. Es folgten die Römer, die Vandalen, Sueben und die Westgoten, später die Nordafrikaner. Nach der Rückeroberung vom Islam wurde die Stadt Hauptstadt der ersten europäischen Nation im modernen Sinn, eines Landes übrigens, das als erstes seine Grenzen im heutigen Umfang erreicht hatte – von kleinen Korrekturen und zeitweiligen Eroberungen durch das Nachbarland abgesehen.

Im 15. und 16. Jahrhundert galt die Stadt an der Mündung des Tejo als eine der glanzvollsten Metropolen des Kontinents, Folge der unerhörten Reichtümer, die aus den neuerschlossenen Welten hereinströmten. Der Keim des Niedergangs, so hat Reinhold Schneider erkannt, war darin jedoch schon enthalten.

Die Lage der Stadt aber ist tatsächlich einzigartig: für den Weltreisenden Alexander von Humboldt gehörte sie zu den sieben schönsten der Erde. Daran hat auch das Erdbeben nichts geändert, und nichts der Niedergang nach dem Verlust der Überseebesitzungen, ja nicht einmal die wohl rückständigste europäische Diktatur dieses Jahrhunderts. Auch der melancholische Charme ist nicht verlorengegangen, den die Kenner der Stadt so lieben. Den Touristen allerdings wird er in Form unvorbereiteterweise unvermeidlich ”fader” Gesänge präsentiert, die nicht das Verständnis, sondern allenfalls den Weinkonsum erhöhen, manchmal in doppeltem Sinne.
Vor kurzem war sie Kulturhauptstadt Europas, und in neuem Glanz bieten sich dem Betrachter die Denkmäler der großen Söhne, der Seefahrer und Dichter, der Krieger und Könige, und des Stadterneuerers, dessen Werk nur mit dem Haussmanns in Paris verglichen werden kann.

An die größte Besitzung in Übersee, wo auch die Sprache noch gemeinsam ist, erinnert die Statue Christi, jenseits einer der schönsten Brücken des Kontinents. Dort, zu Füßen des Zuckerhuts, feierte man unlängst im Karneval eine Österreicherin, eingeheiratet in die Dynastie, die beide Länder regierte.

Doch dieser Teil der Vergangenheit ist weit entfernt. Heute kämpft man mit der Gegenwart, mit dem Rücken zum Meer, dem Blick nach Brüssel, und man kämpft – wirtschaftlich – mit dem übermächtigen Nachbarn, mit dem man nie befreundet war. Daß dessen Währungsprobleme auch die eigenen Gelder vor wenigen Jahren in den Strudel der Abwertung zogen, empfand man als Perfidie ersten Ranges.

Die Stadt aber bleibt, was sie immer schon war: ein Punkt des Kontinents, ohne den dieser sehr viel ärmer wäre. Denn es sind nicht immer die Städte in ihrer glücklicheren Epoche, die Wegweiser sind für die Zukunft der Völker. Oder wer wollte das Maß der Zukunft an Frankfurt, London oder New York legen, an die Angelpunkte unserer Wirtschaft? Da ist das alte Alis Ubbo, ein bißchen vergessen vom Glück, wie eine Schauspielerin, die nur mehr auf Provinzbühnen ihre Rollen findet, schon besser. Ihr bleibt die Erinnerung an wahre Größe.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie heißt der Stadterneuerer?
• Wie heißt die Dynastie?
• Wie heißt die Brücke?

Ein geheim gehaltenes kleines Kunstwerk

„Budapest – ein kritischer Reiseführer“;  András Török

Nun stehen sie wieder dicht gedrängt in den Buchhandlungen: auf der Suche nach der zu verlierenden Zeit. Legionen ferienhungriger, gebucht habender Touristen in magna spe. Sie blättern in Reiseführern, zerfleddern Karten und Pläne, treten häufig zu zweit auf und bringen die Buchhändler in Abgründe zynischer Verzweiflung. Buchhändler sind an sich schon eine geschlagene Art: nicht selten stehen sie ihren Produkten nicht gleichgültig gegenüber, müssen aber frühestmöglich erkennen, dass sie sich ihre ihnen am Herzen liegenden Werke und Kunden nur leisten können, wenn sie ausreichend Ratgeber, Kochbücher und Verlegenheits-Geburtstagsgeschenke („Haben Sie ’was für einen Steinbock?“) an den Menschen bringen.

Reiseführer sind hier ein Schulbeispiel. Einen solchen in den Urlaub mitzunehmen gehört dazu, man ist ja kein Ignorant. Ohnedies braucht man noch Lektüre für den Liegestuhl am Strand, und zu den Donna Leons und den richtig schlechten Krimis packt man eben noch einen dieser handlichen Reisebegleiter, die auf möglichst wenigen Seiten mit möglichst vielen hübschen Fotografien auch noch Überlebenstipps und einen Sprachkurs beinhalten.

Warum eigentlich? Warum investieren Reisefreudige, die am Vortag ohne mit der Wimper zu zucken 3.500,- €uro für Flug und Hotel ausgegeben haben, nur den Gegenwert eines Trinkgelds in der sie erwartenden Hotelbar für vernünftige Reiseführer? Weil die handlicher sind, weil man sie ohnehin nicht liest, weil es vor Ort eh die inkludierten Ausflüge mit Führung gibt? Genau deshalb, und weil Tourismus oft das Gegenteil einer Auseinandersetzung mit Land und Leuten zu sein hat.

Es gibt Ausnahmen: es gibt Reisende, die diesen Namen verdienen, und es gibt Bücher, die ihnen wertvolle Begleiter sein wollen. Die wunderbarsten sind aus dem Prestel-Verlag und die Baedeker von vor 1930. Es gibt sie nur noch antiquarisch…

András Török hat so ein Buch geschrieben, über seine Heimatstadt Budapest. In einem Essay mit dem Titel „Bekenntnisse eines Reiseführer-Autors“ (The New Hungarian Quaterly, N° 125, 1992) hat er sein Leben mit seinem Buch beschrieben: die Anfänge vor 1989, als er als Dissident 666 tätig war, den dramatischen Wechsel, der in Ungarn anfangs nicht so dramatisch war, und das Bemühen seitdem, sein Buch bei allen Umbrüchen und Wandlungen (und Budapest wurde seit 1989 umgebrochen!) gültig sein zu lassen. Ständige Neuauflagen waren notwendig, zu viel veränderte sich ständig in der Stadt, veränderte ständig die Stadt.

Török, ein denkender Dandy, wie er sich selbst nennt, schreibt auch über seinen Anspruch an einen Reiseführer: er möchte die Vorteile des „Baedeker“ (und meint wohl die Ausgaben bis in die Dreißigerjahre), des „kritischen Reiseführers“ und des „alternativen Reisebuchs“ bieten. Das ist ihm, mit kleinen Abstrichen, gelungen.

Töröks Budapest-Führer ist umfassend. Er zeigt dem Leser Sehenswertes, das in fast keinem der Standard-Guidebooks zu finden ist. Er macht aufmerksam auf „Kleinigkeiten“, die keine sind, weil sie das Bild der Stadt prägen. Hier seien einige Fundstücke angeführt, die nur andeuten können, wie viel Spaß es macht, Török zu folgen:

„Der beste Ort, Kaffee zu schlürfen und gleichzeitig die Vibration der U-Bahn zu spüren“
„Längste und geheimnisvollste Reihe von Torbogen“
„Das rührendste Denkmal“
„Traditionellste erhalte öffentliche Toilette“
„Die zwölf schlimmsten Dinge, die Sie in oder außerhalb von Budapest tun können“
„Das geschmackloseste Geschäft für Lampenschirme“

Natürlich werden alle Hauptsehenswürdigkeiten gründlich behandelt, aber eben auch eine Vielzahl an „Geheimtipps“. Eine ein wenig ausführlichere Auseinandersetzung mit den Kunstsammlungen und Museen hätte dem Buch vielleicht nicht geschadet.

Töröks Buch ist praktisch. Von Unterkunfts- (z.B. „Für Konferenz-Hopper, die anderen Konferenz-Hoppern aus dem Weg gehen möchten“) und Verpflegungsmöglichkeiten über Hinweise die „schreckliche ungarische Sprache“ betreffend bis zu Adressen und Öffnungszeiten so ziemlich aller Institutionen und Sehenswürdigkeiten findet sich nichts nicht. Besonders hervorzuheben sind die 41 „narrensicheren Karten“, die Stadtteile im 3-D-Effekt so vor Augen führen, dass man sich nur mehr mit Absicht verlaufen kann. Die vorgeschlagenen Spaziergänge führen tief ins Wesen der Stadt.
Dem Kulinarischen (und den Weinen im Besonderen) wird eine Aufmerksamkeit geschenkt, die man sich in Büchern über Paris oder Brüssel wünschen würde.

Töröks Buch ist kritisch. Ob es um Rückblicke auf geschichtliche Ereignisse oder um Architektur geht, um die Verlagerung von Einkaufszentren an den Stadtrand oder um die Taxifahrer, Török ist weit davon entfernt, neutral zu bleiben. Er macht deutlich, dass Liebe nicht mit Kritiklosigkeit einher gehen kann. Das gibt dem Leser umgekehrt das Vertrauen, Empfohlenes auch wirklich sehen und erleben zu wollen.

Török schreibt so, dass man seinen Führer auch vor und nach einem Aufenthalt an der Donau mit Vergnügen lesen wird. Mit Humor und Ironie, gebildet ohne zu belehren, augenzwinkernd ohne aufdringlich zu sein.

Gerade österreichischen Lesern kann dieses Werk nicht genug empfohlen werden. In Budapest war, nach Budapest kommt so ziemlich jede/r ÖsterreicherIn durchschnittlich mehrmals in seinem Leben. Und dennoch oder deshalb kennen wahrscheinlich die meisten europareisenden Japaner die Schwesterstadt Wiens besser. Das Gefühl, sicher noch einmal zurück zu kommen, nimmt offenbar Energie. Wer nun endlich mehr als die Fischerbastei und den Heldenplatz mit offenen Augen sehen will, dem kann geholfen werden.

Umso bedauerlicher ist, dass „Budapest – ein kritischer Reiseführer“, im englischsprachigen Raum seit Jahren ein Standardwerk, in Ungarn ein Bestseller, auf Deutsch nicht mehr lieferbar ist. Es ist ein geheim gehaltenes Kunstwerk. Man muss es bei Anbietern z.B. auf www.amazon.de bestellen. Aber das ist es wert.

Alexander Kriegelstein

ISBN 963 13 5105 X, Budapest 2001, Corvina Verlag:
Budapest – ein kritischer Reiseführer; András Török

András Török war Staatssekretär für Kultur, später Vorsitzender der Stiftung für ungarische Kultur und Direktor des ungarischen Hauses der Fotografie

Österreichische Printmedien

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(Nach einer Idee der Autoren der- sehr –  britischen Serie  „Yes, Minister“)