Die Irren von Baalbek

[nggallery id=5]Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, aber ausgerechnet der Libanon ist ruhig, während die restliche arabische Welt die Revolte probt. Die Vorwahl des Libanon ist 00961, aber in den letzten 7.000 Jahren war dieser Anschluss praktisch ständig besetzt. Beirut ersteht neu aus den Ruinen, die ein 16-jähriger „Bürgerkrieg“ aus der einstigen Perle des Orients gemacht hatte. Sidon, Tyrus, Byblos, Tripoli, die Bekaa-Ebene, das Libanon- und das Anti-Libanon-Gebirge waren Themen einer Reise durch ein kleines, altes Land, das schon alles gesehen hat, in dem Milch und Honig fließen, und in dem so viel Blut geflossen ist.

Was mir in Erinnerung bleiben wird von diesen Tagen wird Baalbek sein: nicht so sehr wegen der majestätischen Ruinen der römischen Kaiserzeit, sondern weil ich nach deren Besuch ein Café mit einem schattigen Garten aufgesucht hatte („Taverne Caesar“), um mich auszuruhen; links und rechts standen in etwa 200 Metern Entfernung voneinander zwei Minarette, aus deren Lautsprechern die rasenden Stimmen zweier Irrer dröhnten, einander überbietend an Hass, Lautstärke und Hysterie. Es war Freitag, wir waren in der Region der Schiiten, schon unterwegs waren die Plakate mit iranischen Mullahs aufgefallen. Die beiden Muezzins brüllten an gegen den Teufel, gegen die Sünde, den Unglauben, die Götter der Ruinen vor ihnen und die falschen Heiligtümer einer Welt, die zu ändern ist, gegen die ungläubigen Feinde Syriens, und natürlich gegen einander, und natürlich gegen „uns“. Im Vergleich zu ihren geifernden Schreien wirkte ein brasilianischer Fussballreporter nach diesem entscheidenden Siegestor in der letzten Minute gegen Argentinien wie ein Ausbund an Zurückhaltung und Leidenschaftslosigkeit, ein anachronistischer Lord voller Contenance. Meine Kopfhörer boten mir die Goldmann-Variationen von Gould, aber gegen diese Orgie an Lärm und Gebrüll musste auch Bach weichen.

Als wir am Abend dieses Tages in unser Hotel in Beirut zurückkamen, erfuhren wir, dass wenige Kilometer von Baalbek entfernt, auf der syrischen Seite, die Hassprediger erfolgreich gewesen waren – mindestens zehn Menschen waren getötet worden. Der Libanon hängt an einem seidenen Faden.

Aber das Schlimmste, was der Westen Arabien angetan hat, nach all dem Verrat und all den Kriegen, das ist, trotz der 16 Glaubensrichtungen und des ewigen Fiaskos der Stellvertreter-Kriege, trotz des Irrsinns moderner Städteplanung ohne Plan, trotz der absurden Jugendarbeitslosigkeit und der ganzen arabischen Müdigkeit und Lethargie, immer noch – die Hupe.

Ich gestehe, dass ich, ein durch und durch friedliebender Mensch, in Baalbek und Beirut des öfteren an einen Schalldämpfer gedacht habe – allerdings im ursprünglichen, waffenlosen Sinn des Wortes, und dann noch an den von Axel Corti: „Der Alte aus Beirut“ hieß einer seiner wunderbarsten Texte.

Möge dieser Teil der Welt Ruhe finden. Und eine Welt, die keine Prediger mehr braucht.

Im Land ohne Lächeln

[nggallery id=3]Ein Optimist ist ein Pessimist, der (noch) nicht alt genug ist.  

Es ist zu spät, um Pessimist zu sein.  Yann Arthus-Bertrand

Eine Reise von Shanghai über den Yangtse nach Xian und Peking 

Mehr – und bedienerfreundlicher betrachtbare – Bilder finden sich HIER (Link mit der rechten Maustaste anklicken).

Im Land ohne Lächeln

Als ich erwachte, war unter uns das Himalaya-Gebirge zu sehen. Wir waren von Dubai unterwegs nach Shanghai. Die Sonne ging gerade auf, und die Berge des ewigen Schnees glühten fiebrig rot. Aus den höchsten Bergen der Erde wurden die größten Wüsten, bevor sich die Wolkendecke wieder schloss. Dann war der Ferne Osten erreicht. Wir landeten in Shanghai.

Der Transrapid brachte uns mit einer Höchstgeschwindigkeit von 431 km/h in die Stadt. Der Bus, in den wir unser Gepäck geladen hatten, war acht Minuten später auch da; die 400 km/h hatten nur eine Minute gedauert, zwischen Beschleunigen und Abbremsen.

Shanghai war vor siebzig jahren noch berüchtigt für seine Opiumhöhlen, seine Spielhöllen und seine Bordelle. Vor etwas mehr als hundert Jahren war einer der hieß wie ich schon dagewesen – als Kriegsberichterstatter während des Boxeraufstands. Sein China-Buch nannte er „Aus dem Lande der Verdammnis“. Ich war gewarnt.

Heute ist Shanghai, die modernste Stadt Chinas mit ihren fast 4.000 Wolkenkratzern, das Les Jeux Sont Faits des Wandels. Hier, mehr als sonstwo im Reich der Mitte, hat der Turbokapitalismus seine Triumphe gefeiert und damit gerade erst begonnen. Die Nanjing Road ist nachts ein Pendant zu Broadway und Times Square, und die Hunderttausend, die hier Nacht für Nacht sich, ihre Limousinen und Sportwagen, ihre Smartphones und Gold Cards feiern, haben eher noch mehr Selbstbewußtsein als die verwöhnten Töchter und Söhne des Glücks in Manhattan – und das will etwas heißen.

Für Europäer, die aufgehört haben jung zu sein, ist die Nanjing Road ein Jungbrunnen: so oft wurde ich noch nie angesprochen, und sicher noch nie von so vielen ausgesprochenen Schönheiten. Zwei Rolex kriegt man um 12,- €uro, wie hoch der Kurs für Liebe steht, kann ich nicht sagen.

Prostitution ist in China offiziell verboten, aber Reichwerden ist auch offiziell erwünscht, also wird angeschafft – ohne Zuhälter, einfach um Geld zu verdienen; das wird geduldet.

Von Shanghai fuhren wir mit einem supermodernen Zug nach Wuhan. In der Innenstadt – dem geografischen Stadtgebiet – leben 4,2 Millionen Menschen. Bald danach schifften wir uns für eine Flusskreuzfahrt auf dem Yangtse ein. Wir besuchten den größten Staudamm der Welt, durchfuhren die Drei Schluchten und gingen in Chongqing wieder an Land. Wenn ausschließlich die administrativen Stadtgrenzen herangezogen werden, ist Chongqing die größte Stadt der Welt: 28,6 Millionen…

Wir flogen nach Xiang, wo die Seidenstraße endete, und wo heute die 2.200 Jahre alten Terrakottakrieger Besucher aus aller Welt anziehen. Dann waren wir in Peking, unternahmen einen Ausflug zur Großen Mauer und hörten nicht auf zu staunen.

Ja, China ist eines der Abenteuer unserer Zeit; es ist ein endlos faszinierendes Universum, ein Reich mit einigen der ganz großen Eindruecke der Erde, ein Land aber vor allem, das aus dem besteht, was den Reichtum aller Nationen ausmacht: seinen Menschen. Und das ist das Problem.

Nach meiner Reise durch Südindien habe ich 2010 Paul Theroux zitiert. Darauf läuft es hinaus: irgendwann wird es zu viel. Man muss nicht Platons Idee von der idealen Stadt nachweinen, die nicht mehr als 10.000 Menschen haben sollte, weil sonst das menschliche Maß verloren geht. Aber in China wie in Indien, in Mexico City wie in Kairo geht die Gewissheit verloren, dass jedes einzelne Leben etwas Besonderes, einzigartig und uneingeschränkt wertvoll ist. An Orten wie vor dem Bahnhof von Xian, am Anfang oder Ende der Seidenstraße, je nachdem wie man es betrachtet, in diesen Tausendschaften von Wanderarbeitern, die sich drängen um jede Handbreit Raum, hört das Individuum auf, und die Masse beginnt.

Dennoch: man kann nur den Hut ziehen vor so vielem, was China in so kurzer Zeit geschafft hat. Die Halbierung der Armut, das Ende der Hungersnöte, das sind Errungenschaften, die so viele Staaten mit kleineren Herausforderungen nicht in Ansätzen erreicht haben.

Das beste – und ambivalenteste – Beispiel ist die Geburtenrate: hätte China nicht vor einer Generation, also 30 Jahren, die Ein-Kind-Politik durchgesetzt, sie wären heute zwei Milliarden. So gibt es erst 1.300 Millionen. Armin Berg sagt in Torbergs Tante Jolesch: „ Es gibt 500 Millionen Chinesen auf der Welt und nur 15 Millionen Juden. Wieso sieht man in Ischl nicht einen Chinesen?“

Das hat sich, die Juden betreffend, geändert, und das wird sich, die Chinesen betreffend, sehr bald ändern. Doch diese angeordnete Geburtenkontrolle hat Konsequenzen: 84% der 14-jaehrigen jungen Chinesen sind nicht bereit, ihr Pausenbrot zu teilen. Eine Generation verwöhnter Prinzessinnen und Prinzen wächst heran, vor allem Prinzen. 2050 wird es, weil ‚Eltern‘ immer noch weibliche Föten abtreiben, da Töchter Geld kosten und Söhne Geld bringen, um 100 Millionen mehr Männer als Frauen geben. Eine rapide Zunahme der Homosexualität wird eine der geringfügigeren Konsequenzen auf sozialem Sektor sein.

Dann das mit dem Glauben: es gibt noch Buddhisten, Taoisten, Anhänger Konfuzius‘, Moslems und Christen in China, aber eine Milliarde glaubt nicht mehr, hat das Hoffen auf das Heilige, das Numinose aufgegeben, abgestreift . Mir haben Ratzinger und fast alle seine Vorgänger den Glauben aus der Seele geprügelt, wahrhaftig. An mich glaubt Gott nicht mehr. Ich weiß jedoch um die Schwere des Verlusts, und ich denke, wenn ein ganzes Volk seine Religiosität an der Garderobe abgibt, dass etwas verloren geht, das unwiederbringlich ist. Und ich behaupte, dass die grossartigsten Komponenten unseres Erbes aus einem Umfeld kommen, in dem noch geglaubt werden konnte.

Eine Religion freilich gibt es, o China, du Land des verlorenen Lächelns: im Alten Testament wurde davor gewarnt, angesichts des Goldenen Kalbes. Diese Gier ist es, die China schwierig macht, wenn man nicht uneingeschränkt wachstumsgläubig ist. Ob der Nationalismus auf Dauer unter Kontrolle gehalten werden kann, die 56 Minderheiten mit der übergroßen Mehrheit der Han-Chinesen in einem Land leben können, das wird sich weisen. Ob jedoch das Land mit den Menschen, die Erde mit uns leben kann, das ist eine Frage, die man stellen dürfen muss.

Soll man China bereisen? Haben wir noch das Recht, dutzende Tonnen von CO2 pro Person zu verursachen, um ans andere Ende der Welt zu gelangen? Was haben wir dort eigentlich verloren? Vielleicht sind das Fragen, die ein Reiseleiter und Extremvielflieger nicht stellen sollte, aber ich tue es. “Elitär” wird hoffentlich bald eine Bedeutung erlangen, die mit Verzicht zu tun haben wird.

Und weiter: unterstützt nicht jeder Besucher Chinas (es sind noch nicht so viele, nur zweieinhalb Mal die Zahl jener, die Österreich besuchen) ein Regime, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, das unsere gemeinsame ökologische und ökonomische Zukunft mit lockerer Hand aufs Spiel setzt? Das muss jeder für sich beantworten. Vom touristischen Standpunkt: China kann enttäuschen. Ein pragmatischer Zugang zur Vergangenheit und die Verwüstungen der letzten hundertzwanzig Jahre haben nicht viel übriggelassen vom kulturellen Erbe. Altes ist selten in diesem Land der ältesten bestehenden Zivilsation. Es ist auch ein Land unter Schock: die Alten in China haben in einem Leben mehr an fundamentalen Veränderungen erlitten als Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg. Die Brutalität des Wandels, wohlweislich zuerst verschuldet durch den Westen und Japan, hat Spuren hinterlassen, auch in der Psyche eines Volkes, das Kaiserreich und Kolonialismus, Bürgerkrieg und Kommunismus, Kulturrevolution und Turbokapitalismus in wenigen Jahrzehnten über sich ergehen lassen musste, eine Gehirnwäsche pro Jahrzehnt.

Die Landschaften abseits der grossen Leere, abseits der höchsten Gebirge der Erde und der größten Wüsten, sie sind verwüstet. Die Städte sind Megalopolen geworden, die absurd sind, 20-, 30-Millionen-Haufen von berückender Häßlichkeit, Architektur aus dem Bauch von Architekten, wo Bauen zu Diarrhoe geworden ist. Der Dreck ist unbeschreiblich, der grosse Yangtse eine Kloake, beim Drei-Schluchten-Staudamm fliegt kein Vogel mehr und schwimmt kein Fisch, und drunter müssen Millionen und Abermillionen sich darauf verlassen, dass das Schlimmste schon passiert ist mit dem Bau des Dammes, der bereits Risse aufweist, der Millionen heimatlos gemacht hat und die Natur hilf-, fassungs- und hoffnungslos.

Thomas Maurer beschreibt in seinem vorletzten, durchaus genialen Kabarettprogramm „Audilí“, das innehalten lässt im Lachen, wie Fengdu, eine Stadt mit 100.000 Einwohnern, abgerissen und auf der anderen Flussseite neu aufgebaut wurde im Laufe einiger Monate. Macht euch die Erde untertan? Man kann es auch übertreiben. Der Untertan schlägt zurück:

Als ich über die Mauer von Xian spazierte, 14 Kilometer lang, an jenem Ausgangs- oder Endpunkt der Seidenstraße, ging in Japan die Sonne unter, für viele für immer.

Haben wir noch eine Partnerschaft mit der Erde? Ist unser Hunger, ist unsere Gier nach dem, was wir ‚Energie‘ nennen, noch stillbar?

Doch wo soll China seine Energie ‚gewinnen‘? Alle fünf Tage wird ein Kohlekraftwerk eröffnet, siebenundzwanzig Atomkraftwerke sind in Bau, 60 geplant, Dämme wie den der Drei Schluchten kann man keine mehr bauen. Ist da noch etwas zu gewinnen? Alle Formen der Energiegewinnung tragen den Keim des Untergangs in sich oder gehen zu Ende, und in chinesischen Dimensionen werden solche Perspektiven zu Ahnungen der Apokalypse.

Die Chinesen haben, so dachte ich lange, das Recht, die selben Fehler zu begehen wie wir. Vielleicht. Aber das wird dann eine endenwollende Entwicklung. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Doch hier wird Sturm gesät.

Diese zwei Wochen waren auch großartig – neben allem was wir gesehen und bestaunt haben:  ich habe Freunde gefunden, ach, Viviane, du hast mich ahnen lassen, wie süß Shanghai einmal gewesen sein muss. Und Huang und Christine, John, Wang und Mo, ihr bleibt ein Teil von mir, und ich einer von euch.

Kann ein Fremder China überhaupt verstehen? Darf er es eigentlich versuchen? Wie lange braucht man dafür?

Ich habe nur einen Blick in dieses Reich der schiefen Mitte werfen können, einen Blick, der nicht länger dauerte als der Flügelschlag einer Libelle. Aber ich glaube, dass ich etwas von China verstanden habe. Und dass ich etwas von seiner und unserer Zukunft gesehen habe. Ich glaube. Ich fürchte.

Xian, Beijing, Dubai, Wien, 10.-15.03.MMXI

 

Arte zeigt derzeit Reportagen, die Obiges dokumentieren (online verfügbar):

http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=1258731,day=6,week=13,year=2011.html

http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=1211912,day=6,week=13,year=2011.html

„China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und produziert Güter für alle anderen Länder. Die Konsequenzen für die Umwelt und die Menschen sind jedoch erschreckend. 300 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Das Krebsrisiko ist bis zu 80 Prozent gestiegen und die Luft in China gilt als lebensgefährlich. China produziert die meisten Treibhausgase, riesige Müllberge und ist ein frühes Opfer des Klimawandels…“  ©2011 ARTE G.E.I.E.

 

Eine Lesung

Egon Friedell – Kulturgeschichte der Neuzeit

Es wurde mir die Ehre zuteil, an einem höchst erbaulichen Projekt mitzuwirken: auf Radio Orange (Raum Wien: UKW 94,0) wird Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von wechselnden Gästen gelesen und besprochen. Nach meiner Lesung gibt es eine kleine Plauderei über Friedell mit Sendungsgestalter Herbert Gnauer.

Podcast zum Nachhören:  http://sendungsarchiv.o94.at/get.php?id=094pr3293

Von Städten und Büchern

(Eine Liebeserklärung ans Lesen und an mein Buch der Bücher)

Natürlich werde ich oft gefragt, wo es für mich am schönsten ist. „Jemand, der schon so viel gesehen hat, der ständig reist – ?“

Ich muss dann immer ein wenig enttäuschen. Wo es für mich am schönsten ist, das klingt beinahe abgedroschen, in einer Zeit, in der die letzten Winkel der Erde vor Reisenden mit Lonely Planet-Führern nicht mehr sicher sind. Und ich suche keine Geheimtipps, ich habe meine Orte des Glücks gefunden: Venedig, Rom, Paris. Ich glaube auch, dass es dort am schönsten ist, wo die meisten hinwollen. Und jenes Dreigestirn an Städten ist eben das, ohne dessen Kenntnis, wie flüchtig sie auch sein mag, kein Reisen von Suchenden auch nur jene annähernde Erfüllung finden kann, die überhaupt möglich ist.
So atemberaubt ich in den Hochgebirgen Südamerikas auch gewesen bin, so beeindruckt ich von Neuseeland war oder von der grenzenlosen Mitte Australiens, so sehr mich jedes Wiedersehen mit dem Meer bezaubert und jedes mit Florenz oder dem Golf von Neapel oder den Fjorden des Nordens oder der staubigen Melancholie Arabiens, so sehr ich beeindruckt bin von dem, was ich von Asien erlebt habe – wenn ich Heimweh nach meinen Orten des Glücks habe, dann ist das ein Heimweh in die Lagune, an den Tiber und an die Seine.

Letztlich ist es wie mit Büchern: dem Richtigen das passende Buch im rechten Moment ans Herz zu legen – wie selten gelingt das. Es gibt Reisen, die jeder für sich zurücklegen muss – auch und gerade zu Büchern.

Ich habe sehr früh zu lesen begonnen, lange vor der Schule; in meiner Schulzeit habe ich die beiden Leihbibliotheken, die sich in meiner Döblinger Nähe befanden, praktisch leergelesen. Bücher waren mir bald, was sie auch jedem Lesenden sind: Freunde, Refugien, Trost. Vieles habe ich zu früh gelesen, und die größten Entdeckungen waren wohl solche, die ich nicht annähernd verstehen konnte, aber fühlen, fühlen konnte ich sie. Ich werde nie wieder Russen lesen können, aber zwischen 14 und 17 habe ich Dostojewskijs Gesamtwerk gelesen, und der hat viel geschrieben. Es war Lesen wie im Rausch, Begegnungen mit Menschen, die gedacht, gelitten und geschrieben hatten, wie ich noch kein Denken und kein Leiden und kein Lesen erfahren hatte, und vor allem anfangs keine Liebe. Einmal bin ich mit einem Reclam-Heftchen durch die Gassen des Lichtenthales gelaufen, lesend im Gehen, es wurde finster, und als die Straßenlampen nicht mehr genügten, zog ich mich in eine Telefonzelle zurück, um dort atemlos weiterlesen zu können. Ach, Zarathustra (und ach, Telefonzellen)…

Aber es musste nicht immer Kaviar sein: das gleichnamige Buch habe ich ebenso verschlungen wie ich noch als Kind alle Bände von Karl Mey gefressen hatte (und der schrieb noch mehr als good old Fjodor). Ich habe Jerry Cotton unter der Bettdecke gelesen und alle Liebesromane meiner Großmutter (als die Leihbibliotheken mir nichts mehr bieten konnten). Nach den ersten Zeilen von Hemingway und Fitzgerald wusste ich, dass ich erst wieder zur Ruhe kommen würde, wenn ich alles von ihnen und über sie gelesen hatte.

Das war dann irgendwann einmal so ziemlich meine größte Sorge: was, wenn ich einmal nichts mehr fände, was mich in jenes unsagbare Glücksgefühl vorstoßen lassen würde, das jeder kennt, der einmal ein Buch begonnen hat, auf das er sich freut, solange es noch Seiten gibt zum Umblättern.
Und das war vielleicht der größte Trost, den ich je erfahren habe: es hört nie auf. Man liest Bücher zum falschen Zeitpunkt, oder man liest und stellt fest: Mist. Man kann auch selbst eine Zeitlang für Bücher verdorben sein, weil man verliebt ist oder abgelenkt, weil man zu unruhig ist oder zu schwach oder zu stark: es kommt der Zeitpunkt, an dem man wieder jene Treue von Freunden braucht, die le Carrés Helden, die den Verrat so lieben, nicht finden, die aber jeder findet, wenn er das Buch in die Hand nimmt, das einmal geschrieben wurde, um diese nächsten Stunden und Nächte oder Straßenbahnfahrten zu etwas zu machen, das alles wert war. Dann, wenn Bücher zu Freunden werden.

Selten habe ich systematisch gelesen, wenn das nicht berufsbedingt nötig war: es gab die Freunde zum Lachen und jene zum Weinen, die, die Dich nicht loslassen mit ihrer Spannung, und jene, die Welten in Dir entstehen lassen, wo vorher keine waren.
Am Rande, aber sehr nur dort, hatte es früher einmal zu tun mit dem Ehrgeiz, ein wenig Bildung zu erlangen. Nach all dem Versagen aller Lehrer, die es nicht geschafft haben, mir einen einzigen Autor oder einzige Autorin nicht für alle Ewigkeiten zu entfremden, wollte ich irgendwann wohl auch wissen, warum es die Unsterblichen gibt, die gar nicht so unsterblich sind, wie ich nun merke, da ich alt werde und die Klassiker ins Vergessenwerden hinabsinken, so schnell, wie ich das nie für möglich gehalten hätte.
So wenig angenehm mir Herr Goethe bis heute erscheint, so wenig immer noch von Shakespeare bekannt ist, so hysterisch mich die Romantiker oft nerven, ich musste anerkennen, dass manchmal ein Satz nach Wüsteneien mühsamen Gebrabbels einen plötzlich innehalten lässt, und Du weißt etwas, das Du immer schon gewusst hattest, aber es war Dir nicht bewusst, bis Du diesen Satz gefunden hast, der ihn in Dir zum Leben erweckt und etwas vom Leben verständlich macht, das eine Antwort ist auf ein nie gestellte Frage, ohne die Du nun viel ärmer wärst.

Ich musste auch zur Kenntnis nehmen, dass kein Leben lang genug sein würde, um annähernd jene Belesenheit zu erreichen, die vor allem ein Bildungsbürgertum sich vor hundert Jahren angeeignet hatte, die es nie wieder geben wird. Wären diese Menschen nicht ausgelöscht worden, um wie viel reicher wäre bloß das Leben aller, die heute noch lesen könnten, was diese noch geschrieben hätten. Wenn das Schrecklichste, das Menschen Menschen angetan haben, nur nach sich gezogen hätte, dass keine Kulturgeschichte Roms mehr geschrieben werden konnte, weil Egon Friedell sich vor den Schärgen der SA in die Gentzgasse fallen lassen musste, dann wäre das allein bereits ein Verbrechen an der Menschheit gewesen. Und natürlich geht es nicht um den Geist, der damals vernichtet wurde, sondern um jedes einzelne Leben und die Ermöglichung des Undenkbaren, aber der Geist, der fehlt auch, auch und gerade heute und hier.

Aber ich habe auch gelernt, dass die Menschen, die nun jung sind, nicht weniger lernen, wenn sie weniger Bücher lesen. Die Vielzahl der Quellen verändert so vieles, auch das Lesen. Nicht wenige lesen heute durch das Internet wohl mehr, als sie ohne es gelesen hätten. Und dass Eminem und ein paar andere wirklich große Worte finden – Shakespeare oder wer immer er war hätte das als erster zugegeben. Doch Bücher sind und bleiben etwas besonderes. Noch heute, da ich keinen Umzug mehr wagen will, um nicht noch einmal solche Tonnen an Papier bewegen und ordnen zu müssen, kann ich an keinem Antiquariat vorbeigehen, und an kaum einer Buchhandlung. Immer noch zittere ich oft ein bisschen, wenn das Päckchen von Amazon gekommen ist oder das Packerl unterm Weihnachtsbaum drankommt, oder jenes deutsche Nachrichtenmagazin sich wieder einmal eine jener Reportagen leistet, für die Frau Scherer und so viele andere berühmt geworden sind, und deretwegen ich zu meiner eigenen Hochzeit zu spät gekommen bin, ich, der ewig Überpünktliche. Und jedes Beginnen eines neuen Buches ist das Inangriffnehmen eines großen, eines rätselhaften Abenteuers, an dessen Ende Du ein anderer geworden sein wirst und erst recht die Welt um Dich herum.

Wer ist die Schönste im ganzen Land? Solche Zeilen begleiten uns alle ein Leben lang, lassen Bilder entstehen und Erinnerungen wach werden. Aber ein Lieblingsbuch, das kann es, hat man mehr als eines gelesen, wohl nicht geben. Es gibt jene, zumindest für mich, die alle diese Freunde gemeinsam sein können, mit denen man lacht, die man nicht loslassen will, die einen dorthin führen, wo man noch nie gewesen ist, und die man niedersinken lässt, weil man durch die Tränen nicht mehr weiterlesen kann. Es gibt die, bei deren Lektüre man wünscht, dass sie nie zu Ende gehen, und es gibt jene, die man fiebrig in einer Nacht liest, obwohl der nächste Morgen frühe Pflichten bringt. Manche kann man nur einmal lesen, manche immer wieder, im Abstand von Jahren und Jahrzehnten, und manche werden zu einer Geliebten, die immer wieder überraschen kann, und manche zu einer, deren Vertrautheit uns glücklich und geborgen macht und sicher, gut durch diese Welt zu kommen.
Das ist so anders als die Liebe, die wir meinen: die zu Städten oder Büchern, die teilen wir gern. Gibt es sehr viel Schöneres als der Dank eines Freundes, den das rechte Buch zur passenden Zeit durch eine Zeit des Schweren gebracht hat oder in eine Zeit der Heiterkeit und des Glücks? Als der aufrichtige Dank von Menschen, die eine Stadt mit neuen Augen sehen können?

Bücher und Städte, jedenfalls die besten unter ihnen, und es liegt an uns, unsere Besten zu finden, lassen uns entdecken, dass wir Pilger sind, wie Bergengruen einmal über Rom sagt. Dass wir wenigstens jetzt, wenigstens diesmal, nicht enttäuscht werden, trotz aller hochfahrenden Erwartungen. Und dass uns die Heimkehr verheißen ist.

So, Mark Helprin, das wollte ich Dir sagen. Und danke für „Ein Soldat aus dem Großen Krieg“, again and again and again.

Artenkunde der Reisenden

 

Wie bei der Artenkunde der Reiseleiter (s. dort)  gilt auch hier: alle Arten gibt es in ihren männlichen und weiblichen Ausprägungen. Ich mag bloß die Sprache und die Frauen zu sehr um mit -innen oder gar /Innen anzufangen.
Manche der dargestellten Typen sind allerdings in freier Wildbahn fast ausschließlich in einer der beiden häufigeren Geschlechtervarianten vorkommend. Dies ist dann dort erwähnt.

Es sei noch festgehalten, dass in dieser Typologie eine Art fehlt: der völlig normale und zumeist auch durchaus liebenswerte Reisende ohne auffällige Ticks. Das ist übrigens die Mehrzahl derer, die einem so unterkommen. Nur sind die nicht besonders originell.

Hier also zu den anderen:

Der Sammler: sammelt Höhenmeter, Längen- und Breitengrade, Superlative und Rekorde aller Art; kein höchster Berg, kein letztes Haus ist vor ihm sicher, kein einziges Wasserklosett und kein letzter Dampfzug einer Region. Führt Buch, führt Statistiken sonder Zahl, führt Reisen ad absurdum. Will auch beim Liebesspiel stets Erster sein. Schon deshalb fast nur männlich vorkommend.

Free and Independent Lonely Planet Traveller – FIT/LP: verlässt jeden Raum, wenn ihn ein Tourist betritt. Betrachtet gemeinsam reisende Ehepaare als Herdentiere und Lonely Planet – Reiseführer als Bibel. Isst, schläft und atmet nach wenigen Stunden in einem Land wie die Eingeborenen. Verwandelt sich allerorten zum unauffälligen Einheimischen und ist damit erfolgreich, solange die örtliche Küche ohne Chilischoten auskommt. Größte Niederlage: Geheimtipps mit anderen Lonely Planet–Führer–Lesern teilen zu müssen.

Der Japaner: stellt nach der Heimkehr von Reisen beim Betrachten der Film- oder Fotobeute erstaunt fest, was er alles gesehen und bereist hat. Ist unterwegs völlig außerstande einen Eindruck zu erfassen, da die Motivsuche im Vordergrund steht. Steht reisend ständig unter Stress, klettert auf Mülltonnen, verliert seine Mitreisenden und fällt rücklings von Terrassen, immer auf der Suche nach dem optimalen Blickwinkel. Verfällt angesichts Fotografierverbot z.B. in Museen in Trübsinn. Treibt seine Nachbarn mit Diavorträgen oder Filmvorträgen in den Wahnsinn und zum Umzug.

Die Du Mont-Studienrätin: fast immer weiblich. Sie vergewissert sich eigentlich unterwegs nur mehr davon, dass alles noch ist, wie es im Du Mont – Kunstführer steht. Bereitet sich auf eine Tagesfahrt von Wien nach Mariazell nicht unter zwei Monate vor. Reist ausschließlich mit akademischen Studienreiseveranstaltern und sucht Partnerschaften ausschließlich in Akademiker-Singlebörsen. Nimmt an Reiseleitern Rache für erlittene Schmach in Klassenzimmern. Lacht nur leicht weniger häufig als ein Kamel durch ein Nadelöhr geht.

Der Schnäppchenjäger: urgiert bei Werbefahrten den Frühbucherbonus. Kann über Besucher zu anderen Jahreszeiten nur lachen, wenn er bei fünfzig Grad in Mexiko oder mittags im Dunkeln am Polarkreis ankommt. Genießt es, als einziger Gast im novembrig verregneten Rimini Ansichtskarten zu schreiben. Bei Einkäufen verwandt mit

Der Souvenirliebhaber: bummelt man durch den Soukh von Marrakesch oder den Basar von Istanbul oder über die Oxford Street oder die Rialtobrücke, stellt sich irgendwann die Frage: wer kauft sowas?
Er.
Der Souvenirliebhaber hat wirklich eine beleuchtbare Gondel auf dem Fernseher stehen, die Regale des Hobbyraums sind gesäumt mit Gipsstaub-Abgüssen des Kolosseums und von Büsten der Nofretete, kleine eiserne Eiffeltürme stehen neben Plastikpagoden, und die Sammlung an Kopfbedeckungen vom Sombrero bis zum Baskenberet lässt Requisiteure erblassen.

Hitchhiker to the Universe: lässt sich gerne überraschen. Und mitnehmen. Erfährt per Autostop ganze Kontinente und Lebensgeschichten übermüdeter Fernfahrer. Wollte schon manchmal nur bis zum nächsten Einkaufszentrum und landete eine Zeitzone weiter. Halb so schlimm, Zahnbürsten gibt es überall. Glaubt an das Gute im Menschen, und daran, dass alle Autofahrer autofahren können. Lebt gefährlich.

Der Kulinariker: weiß, dass die Kultur eines Landes sich in der Küche äußert. Betrachtet Besichtigungen als Verdauungsintervalle oder notwendige Appetitanreger. Kostet aus, kostet gerne, kostet alles. Geht für eine Spezialität meilenweit, sonst eher wenig. Letztlich wird alles mit der Nahrung im Heimatland verglichen – insofern verwandt mit dem Komparativ (s.u.).

Der einem Schlückchen nicht Abholde: was ihn interessiert, hat auf einer Getränkekarte Platz. Kein Koffer ohne eine Flasche Hochprozentigem („Fürs Zähneputzen“ bzw. „Zur Verdauung“ {*Zwinker*}). Zur Sicherheit noch eine eiserne Reserve im Duty Free-Bereich, dann ein Frühstücksgläschen zur Belohnung an der Bar und der Urlaub kann beginnen.

Der Komparativ: vergleicht alles, kennt alle Statistiken – dieser Typus ist absolut immer männlich. Trägt ein portables GPS-System und geht nie ohne Thermometer und Maßband auf Reisen. Kennt die Höhe jedes Kirchenschiffs und die durchschnittliche Verspätung aller Züge der Transsib. Vergleicht immer und überall, insbesondere Äpfel mit Birnen. Gefürchtet auf Herrentoiletten.

Die allein reisende Dame: war nicht immer allein. Macht aus allem das Beste und genießt endlich die Reisen, die ihn nicht interessiert haben. Ist unauffällig, sitzt meistens weiter hinten im Bus und an einem Einzeltischchen im Restaurant. Leidet zurecht unter Einzelzimmerzuschlägen. Bleibt nicht immer allein.

Der allein reisende Herr: es hat sich halt nie ergeben. War früher oft mit seiner Mutter unterwegs. Erzählt gerne Witze und ist ein richtiger Alleinunterhalter. Bleibt immer allein.

Der Kreuzfahrer: kennt alle Meere des Planeten mit Vor- und Zunamen, alle Kreuzfahrtschiffe mit Bruttoregistertonnen und alle Essenszeiten an Bord auswendig. Verlässt sein Schiff nur unter Androhung von Gewalt oder bei Reiseende. Lieblingsspiel: Bingo, Deck zwölf, 16 Uhr.

Der Kreuzritter: kann es nicht fassen. Warum können „die“ nicht so sein wie „wir“? Steht allem Fremden verständnislos gegenüber. Würde gerne missionieren. Kann sich aber mit der Küche auswärts nicht anfreunden. Bleibt irgendwann zuhause.

(c) Alexander Kriegelstein

Ein 1. Preis der GEO-Reisecommunity…

Das Reisemagazin GEO hat ein Internetportal, das in der Tat besuchenswert ist:

 

http://www.geo-reisecommunity.de

Ich empfehle es auch, weil ich denen Demut und Dankbarkeit schulde: mein kleiner Text „Venice for Pleasure“ (auch hier im Blog) hat dort den ersten Preis für Reiseberichte aus Italien gewonnen.

Artenkunde der Reiseleiter

Zuallererst: wenn hier von Begleitern, Leitern und Gästen die Rede ist: bitte dazudenken, dass es natürlich ebenso Begleiterinnen, Leiterinnen und Gästinnen gibt – oft sind das die besten ;-) Nur Väter werden sie eher selten – Typ 6 hingegen sehr wohl (s.u.).

Zuerst: es gibt Reisebegleiter und Reiseleiter.
Reisebegleiter besuchen Hotels, manchmal Gäste, und verkaufen Ausflüge. Reiseleiter machen aus Gästen Reisende und aus Reisen Erlebnisse.

Vorweg: dass sich Reisende jemandem anvertrauen, der ihnen vorerst wildfremd ist, und der sie durch den Louvre, das Innere von Laos oder von westgotischen Kirchen in den Pyrenäen führen soll, ist ein nicht enden wollendes Wunder. Zum Glück für die Reiseleiter gibt es solche Menschen. Zum Glück für diese Reisenden gibt es Reiseleiter. Und zum Glück für den Louvre, das Innere von Laos und westgotische Kirchen in den Pyrenäen gibt es die so oder so.

Natürlich gibt es Guides, die drei Prinzipien huldigen: Kirchen von außen, Berge von unten, Wirtshäuser von innen. Aber es gibt auch die anderen. Doch wo Menschen ans Werk gehen, gibt es Verschiedenes. Noch einmal: zum Glück. Hier eine Auswahl:

Artenkunde der Reiseleiter:

Typ 1: Die Rampensau: verwechselt die Aufgabe mit einer Mischung aus militärischen Exerzitien und Getoastetwerden im Scheinwerferlicht. Vom Anbeginn der Reise ist klar: hier ist der Boss. Arbeitet im Winter als Schilehrer. Laut, herrisch, selbstbegeistert. Manche brauchen so jemanden. Sensible Naturen sollten sich fernhalten.

Typ 2: Der Entertainer: kennt den Unterschied zwischen ortsüblichen Hydranten und manuelinischen Portalen mehr vom Hörensagen und nicht auf den ersten Blick. Spricht gerne jeden an, aber nicht unbedingt fremde Sprachen. Kennt alle Witze mit Vor- und Zunamen, auf tausend Meter und mit Stammbaum. Andere Stammbäume weniger, aber kennen Sie den: „…“? Kramt spät an der Bar gerne zufällig eine Gitarre hervor. Lässt sich nicht lange bitten.

Typ 3: Die Angewandte Eigentherapie: wurde immer schon von allen missverstanden und hat endlich ein weites Betätigungsfeld gefunden – die Welt. Verpackt Eigenbrötlerisches und bedenkliche Psychosen in das Vorrecht einer sehr individuellen Persönlichkeit. Lässt andere am eigenen Leben Anteil haben, und zwar ausgiebig, und zwar hallo! Motto: meine Couch ist mein Sitzplatz rechts vorne. Lässt sich sehr bitten.

Typ 4: Das Händchen fürs Geld: betrachtet Flugzeuge und Autobusse als Mischung zwischen Füllhörnern und Eier legenden Wollmilchsäuen. Was ihn interessiert, hat auf einer Preistabelle Platz. Bekommt sogar von Mc Donald’s Provision, auch wenn nur die Toiletten benutzt werden. Reiseprogramme sind Shopping-Touren, Städte Einkaufszentren und Kunden Opfer. Anatolische Teppichhändler genieren sich hin und wieder für sie. Schweizer Schmuck- und Uhrenmanufakturverkäufer nie.

Typ 5: Der Professor: hat dreiundzwanzig Semester Soziologie und Psychologie studiert, was ihn auf Reisegruppen in absolut keinster Weise vorbereitet hat. Wird vom Organisieren einer Kaffeepause heillos überfordert und versteckt sich in der Tankstelle neben dem Rasthaus. Trägt auch in den Tropen Krawatte und gerne vor. Macht Frauen mit unverfänglichen Gesprächen über das Dorische Eckproblem scharf. Liebt Rodins „Denker“. Hassobjekt aller Buslenker.

Typ 6: Das mobile Beziehungschaos: kann sich nicht so recht festlegen. Tröstet gerne über etwas hinweg, nur nicht über verpasste Gelegenheiten. Kann so gut zuhören und ist so verständnisvoll. Ist multipel geschieden, immer wieder verblüfft Vater geworden und inflationär versprochen. Verbringt die Freizeit mit dem Abgleichen von Handynummern und Flugplänen und auf der Flucht. Arbeitet häufig mit Typ 1 in Kitzbühel. Lieblingslied: „I Wanna Hold Your Hand“. Lieblingsbuch: „Vatsyayana Kamasutra“. Lieblingsfilm: „The Day After“.

Typ 7: Der Künstler: eigentlich malt/fotografiert/komponiert/schreibt er ja. Heutzutage kann man von so was halt leider nicht leben (*seufz*). Muss daher um schnöden Mammon ignoranten Touristen die Welt erklären. Könnte sich stundenlang zuhören. Kann alles interpretieren, vor allem miß-. Fühlt sich den Musen näher als der Erde, den Wenigen vertrauter als der Herde. Dieses Gefühl wird nicht erwidert.

Typ 8: Der Polyglotte: sammelt Städte, Sprachen und Stammlokale wie andere Bierdeckel. Spricht als einziger lebender Mensch noch (unabsichtlich) Esperanto, behauptet aber, es handele sich um Russisch/Schwedisch bzw. Spanisch. Kann Speisekarten aus zwölf Idiomen übersetzen und bevorzugt den Roten (Restaurant-) Michelin entschieden dem Grünen (Reiseführer). Kennt Kellner, Maîtres d’ und Rezeptionistinnen auf sieben bis acht Kontinenten. Heimat: los.

Typ 9: Das Helfersyndrom: trägt fremde Koffer und schwer am eigenen Schicksal. Tauscht bis in die Morgenstunden (dieselben zwei) Zimmer von Gästen aus und hat für alles Verständnis. Kostet vor, läuft nach und geht irgendwann unter. Überspielt mangelnde Ortskenntnis mit jovialer Schleimerei. Lebt vom und vor allem fürs Trinkgeld. Begleitet auch aufs Örtchen, wenn’s sein muss. Ist eigentlich auch eher Begleiter. Hassobjekt aller richtigen Reiseleiter.

Typ 10: Das Genie: kennt jedes Marterl am Wegesrand, jede Kathedrale an ihrem Schattenriss bei Gegenlicht, spricht und versteht wirklich sieben Sprachen und die eigene fehlerfrei, hat Psychologie, Kunstgeschichte, Theologie, Semiotik und Ethnologie studiert. Und verstanden. Und kann das anwenden bzw. weitergeben. Kann Karten lesen statt legen und nimmt Menschen ernst, aber gelassen. Begegnet Fremden vorurteilslos und Vorurteilen befremdet. Hat Humor, gibt ihn jedoch sparsam weiter. Ist sich der Notwendigkeit zu Schauspielerei bewusst, aber auch der Tatsache, nicht Hamlet zu sein. Nimmt sich gern zurück, aber auch ein Recht auf eine eigene Meinung. Naher Verwandter des Yeti und ähnlich häufig anzutreffen.

(c) Alexander Kriegelstein

Zanzibar

Nietzsche war immer unterwegs, gerne verbrachte er Winter in Venedig, Sorrent, Nizza. In Nizza bin ich seine Quartiere diesmal besuchen gegangen, die, die es noch gibt. Und in Èze war ich, wo der dritte Teil des Zarathustra entstand. Marc Chagalls Grab habe ich in St. Paul de Vence wieder besucht.

In Cannes wollte ich die ZanziBar besuchen, am Anfang der Fußgängerzone bei der Rue d’Antibes in der Altstadt. Irgendwie ist sich das dann nicht ausgegangen. Klaus Mann war dort Stammgast, noch in der Nacht vor seinem Freitod hat er dort einen Matrosen kennen gelernt. Klaus Mann liegt in Cannes begraben.

In der letzten Nacht in Nizza war ich dann noch in der Bahnhofsgegend. In einer Spelunke wurde es früh – mit Rachel, die aus Ghana kommt und mir die Mädchen aus dem Senegal ans Herz legte, und ihrer Freundin Mary, die aus Liberia ist und schwört, dass die Mädchen dort alle anderen übertreffen. Und mit Jean-Paul und David und den anderen. Den größeren Teil der Nacht standen wir vor dem Lokal und stellten unsere Gläser auf parkende Wagen. Verstöße gegen das Nichtrauchergesetz sind teuer. Wir haben viel gelacht und sehr gelebt. Als ich ging, fiel mein Blick auf den Namen der Bar: „Le Zanzibar“, allerdings Nizza. Ich denke, Klaus Mann war trotzdem da.

Pardon me boys, is that the Chattanooga Choo Choo?

Die Österreichischen Bundesbahnen sind ein einzigartiges Unternehmen. Es ist ihnen gelungen, den Schwerverkehr nicht von der Straße auf die Schiene zu bringen, obwohl massive Wettbewerbsvorteile gegeben wären. Es ist ihnen gelungen, in der Auseinandersetzung mit Fluglinien im Kampf um Passagiere auf allen Ebenen sang- und klanglos unterzugehen. Jedes Jahr zu allen Urlaubsbeginn-Terminen werden sie heillos überrascht und stellen fest, dass an manchen Tagen mehr Waggons benötigt worden wären als an anderen. Die Südstrecke wird immer noch mit alten Garnituren und unregelmäßig voraussetzbaren Klimaanlagen betrieben. Das Personal besteht aus als geheilt Entlassenen und in diesem Leben nicht mehr Resozialisierbaren.

Dafür gehen immer noch Verwaltungsangestellte zur Halbzeit ihrer Lebenserwartung in die erschuftete Pension, und der Häuptling des Vereins ist einer der Hot-Top-Jobs des Landes, heiß umfehdet, wild umstritten.

Zu teuer, zu unflexibel, zu dumm.

Inzwischen weiß ich jedoch, dass eine kernkompetente Abteilung von sicher kaum bezahl- geschweige denn überschätzbaren Spezialisten am Image der ÖBB arbeitet. Mit schmunzelnder Verwunderung saß ich vor kurzem ein paar Stunden in einem Zug, der den schönen Namen „EC 561 Europäischer Computer Führerschein“ trägt. Es gibt, fand ich dann heraus, auch den „IC 645 Beste Österreichische Gastlichkeit“, den „IC 640 60 Jahre Katholische Frauenbewegung“ und den „EC 662 WorldVision – Kinderpatenschaft“. Na ja, der Computer-Deckel ist echt wertlos, bei World Vision hat die Chefin Spenden für verhungernde Kinder eingesackt, Frauenbewegungen kenne ich schon zu lange nicht mehr, kann mir aber vorstellen, dass man sich in 60 Jahren katholischer Missionarsstellung langweilt, und die beste österreichische Gastlichkeit wird prägnant unter „Hamma net“ und „Kollege kommt gleich“ zusammengefasst, begleitet von rotzfrechen Preisen, oder?

Für 3600 Euro kann man schon den Namen eines Regionalzugs für ein Jahr kaufen. Ein Intercity, der durch mehrere Bundesländer fährt, kostet etwa 10 000 Euro pro Richtung.

Gestern jedoch musste ich endgültig meinen Hut ziehen vor den Marketing-Magiern der ÖBB: ein Unternehmen, das solche Namen durch die Lande trägt, muss einen Ruf wie Donnerhall bekommen – nach Graz brachte mich und viele andere fröhliche Passagiere kein anderer als der „EN 246“ – sicher bald besser bekannt als „TELEFONSEELSORGE RUF 142“.

Chapeau!

Addio, Italia!

 

Tobias Jones hat in einem überaus lesenswerten Buch „Das dunkle Herz Italiens“ beschrieben, aber immer noch als eine, wie untertitelt, „kritische Liebeserklärung“.

Das kann ich nun nicht mehr. Wir sind, mein einstmals geliebtes Italien, fertig. Ich mache Schluss mit uns.

Du wirst es überleben (das schon), und ich auch. Ich werde wiederkommen, aber nur, weil ich dafür bezahlt werde.

Enttäuschte Liebende sind die Schlimmsten, und vielleicht bin ich deswegen auch nicht fair; vielleicht war ich es schon nicht, als ich vom „Beginn einer lebenslangen Suche“ (hier im Blog und unter www.einestages.spiegel.de) schrieb.

Ich will auch nicht mehr von diesen Politikern schreiben, die einfach nur verkommen sind; nicht von den Medien, die einer zivilisierten Nation unwürdig sind, und nicht von den Auswirkungen der Gehirnwäsche durch das Fernsehen, das einen einsamen Tiefpunkt darstellt in Europa. Das gibt einem Volk den Rest, das noch nie allzu großer Bildungsnähe verdächtig war, und dessen intellektuelle Brillanz sich zunehmend in diesen stereotypen Gesten niederschlägt, die ähnlich von Individualität zeugen wie das „you know“ oder das sekündlich einzusetzende „like“ der US-Amerikaner. Dafür kann kein Korrespondent oder sonstiger Journalist Italiens, kein Manager und selbstverständlich kein Politiker, geschweige denn irgendein frei laufender Staatsbürger irgend einen fremdländischen Namen korrekt aussprechen und die große Mehrzahl nicht einmal ein rudimentäres Englisch.

Dass die Kinder nun auf der Überholspur verfetten, beraubt Dich, Italien, eines Deiner letzten Vorteile: Ihr seid nicht mehr schöner als die meisten, auch das ist vorbei. Nur besser gekleidet, und das geht gerade vorbei.

Italiens Wirtschaft ist erledigt. Jahrzehntelang wurde der Rest der Welt verhöhnt: zwölf Artikel im Warenkorb zur Inflationsmessung, wurde einer zu teuer, wurde er ausgetauscht. Ein Drittel lebt inzwischen an oder unter der Armutsgrenze. Man kann alle eine Zeitlang und viele für immer, aber man kann nicht die ganze Welt ewig verarschen.

Man könnte nun meinen, das wären die Angelegenheiten und Probleme Italiens – das stimmt leider schon bei der Wirtschaft nicht.

Doch eines ist ganz sicher nicht mehr hinnehmbar: Du, Italien, hast mehr als die Hälfte des UNESCO-Kultur- und Naturerbes Europas.

Die vergifteten Landstriche, in denen die Kindersterblichkeit und die Krebsrate höher sind als in der Dritten Welt, sind nicht nur ein Problem der direkt Betroffenen. Die Verschmutzung und Vernachlässigung der Umwelt, ökologisch, ästhetisch und akustisch, hat aus einem der schönsten Länder der Erde streckenweise eine Kloake gemacht. Es geht dabei nicht nur um Wirtschaftskriminalität und Giftmüll: es geht auch um die Verdreckung des Landes, die allerorten sichtbar ist, es geht auch um mangelnde Erziehung und mangelnden Respekt. Und es geht, jawohl, auch um den Zustand der öffentlichen Bedürfnisanstalten. Ihr wollt so gesehen werden? Bitte sehr.

Doch das Erbe der Menschheit gehört nicht Italien; und der Zustand der Museen, der Kirchen und archäologischen Stätten, der Städte und Küsten geht auf keine Kuhhaut mehr. Hier zeigt sich ein schockierender Mangel an Obsorge, an Verantwortungsbewusstsein und an – Geld, ich weiß. Doch umgekehrt funktioniert es ja: das Verramschen floriert, solange der Rubel rollt. Tausende und Abertausende werden täglich von jenen unsäglichen Seelenverkäufern, euphemistisch Kreuzfahrtschiffe genannt, in die Städte und Museen und auf die Inseln des Landes geflutet, ohne jede Rücksichtnahme auf das Besuchte oder die Besucher. Dass Letztere dann enttäuscht und traurig in ihre schwimmenden Werbefahrten-Bettenburgen zurückkommen, nachdem sie in Horden gepackt an vernachlässigten Sehenswürdigkeiten, geschlossenen Kirchen und Museen sowie in menschenunwürdige Restaurants geschleust wurden, ist offensichtlich allen Verantwortlichen völlig gleichgültig. Und die anderen, die absurde Preise für miserable Hotels zahlen, die in allen Nachbarländern jeweils eine Kategorie besser sind und um eine weitere Kategorie günstiger, stellen fest, dass es endlich (natürlich nur italienisches!) Fernsehen gibt in Italiens Alberghi, wenn auch immer noch keine Eiskästen, und WLAN nicht einmal in der Luxuskategorie voraussetzbar ist. Doch das ist Tourismus, darum geht es nicht. Es geht um das unerträgliche Zerstören der Natur und Kultur Italiens.

Die Missachtung der Verantwortung für diese Kernpunkte unseres gemeinsamen Erbes kann nur eine Konsequenz haben: Enteignung, UNO-Truppen nach Pompeji und in die Innenstädte Roms und San Gimignanos, die Fremdenlegion nach Venedig, Sperrung der Häfen und der Vatikanischen Museen, Mülltrennung als Pflichtfach ab der Volksschule, die Bastonade für Betreiber von Autobahntoiletten.

Bis dahin jedoch, Italien, sind wir geschiedene Leute. Vielleicht komme ich ja doch auch alleine mal wieder. Aber dann nach Venedig, im Winter. Und dort warst noch nie Du, Italien.

Addio!

(Das folgende Lied von Lucio Dalla stand am Anfang meines Erlernens des Italienischen; es passt auch als Abgesang):

L’anno che verrà

Lucio Dalla

Caro amico ti scrivo così mi distraggo un po‘
e siccome sei molto lontano più forte ti scriverò.
Da quando sei partito c’è una grossa novità,
l’anno vecchio è finito ormai ma qualcosa
ancora qui non va.

Si esce poco la sera compreso quando è
festa e c’è chi ha messo dei sacchi di sabbia vicino alla
finestra, e si sta senza parlare per intere settimane,
e a quelli che hanno niente da dire
del tempo ne rimane.

Ma la televisione ha detto che il nuovo anno
porterà una trasformazione
e tutti quanti stiamo già aspettando
sarà tre volte Natale e festa tutto il giorno,
ogni Cristo scenderà dalla
croce anche gli uccelli faranno ritorno.

Ci sarà da mangiare e luce tutto l’anno,
anche i muti potranno parlare
mentrei sordi già lo fanno.

E si farà l’amore ognuno come gli va,
anche i preti potranno sposarsi
ma soltanto a una certa età,
e senza grandi disturbi qualcuno sparirà,
saranno forse i troppo furbi
e i cretini di ogni età.

Vedi caro amico
cosa ti scrivo e ti dico
e come sono contento
di essere qui in
questo momento,
vedi, vedi, vedi, vedi,
vedi caro amico cosa si
deve inventare
per poterci ridere sopra,
per continuare a
sperare.

E se quest’anno poi passasse in un istante,
vedi amico mio
come diventa importante
che in questo istante ci sia anch’io.

L’anno che sta arrivando tra un anno passer�
io mi sto preparando è questa la novità…