Ein letzter Liebesdienst

Jan Morris, 1926 – 2020

Das ist eine der unglaublichsten Geschichten, man muss sie atemlos erzählen:

Ein Mann wird 1926 in Wales geboren, studiert in Oxford, dient als Offizier im Krieg, heiratet 1949 die Frau, mit der er fünf Kinder bekommt. Ist als einziger Reporter bei der Erstbesteigung des Mount Everest dabei und wird schlagartig für seinen Bericht darüber am Tag der Krönung von Elizabeth II. (1953) in der „Times“ berühmt. Nimmt 1972 eine illegale Geschlechtsumwandlung in Casablanca vor (von neun Patienten für diese Operation überleben damals drei, die Hormontherapie dauert davor und danach Jahre).
Lässt sich – per Gesetz dazu gezwungen – scheiden, schreibt Dutzende Bücher, Bücher über Städte und Geschichte, übers Reisen, aus Kriegen, von Kunst und Menschen. Jan Morris‘ Trilogie über das Britische Imperium ist ein Standardwerk geworden, sie schrieb u.a. über Hongkong, Triest (und das Wesen des Nirgendwo), Venedig und den Maler Carpaccio, über Oxford, Spanien, New York, Persien, über ihre Geschlechtsumwandlung und über die geliebte Heimat Wales. Sie hat überall gelebt, in jeder Hinsicht.

Heiratet ihre ehemalige Frau 2008 noch einmal. Lebte bis zuletzt mit ihr („her closest companion for more than 70 years“, NYTimes, s.u.). Elizabeth ist seit Jahren dement (Demenz nennt Morris „That Subtle Demon of Our Time“).
“In all our long years together, in life as in love, we have not once said good night without the sweet kiss of reconciliation.” Auf ihrem gemeinsamen Grabstein, zu Lebzeiten verfasst, steht: ““Here are two friends, at the end of one life.“

Mit 92 veröffentlicht sie ein Tagebuch, ihr erstes: In My Mind’s Eye: A Thought Diary (2018), Mini-Essays, einen für jeden Tag. Die BBC bringt es in kurzen Ausschnitten als Serie, und nun, nun erst, wird ihren Mitbewohnern im walisischen Kaff klar, wer da unauffällig und zurückgezogen in ihrer Mitte lebt, nun ist sie ein Star.
Der ungeheure Erfolg bewegt zu einem zweiten Essay-Band in Tagebuchform, publiziert in ihrem 95. Lebensjahr: Thinking Again (2020).

Der Guardian schreibt: „… She is widely acclaimed for inventing a way of writing about cities that blends history and imaginative description and a sort of psychology of place “ (The Guardian, s.u.)
So kann man das ausdrücken. Nur berührt das noch nicht einmal den Rand der Essenz, nichts vom „Heart of the Matter“.

Jan Morris‘ Buch über Venedig habe ich gelesen, als ich noch sehr jung war und dachte, Wissen ansammeln zu müssen. Dass es gerade beim Verstehen von Städten, und gerade bei Venedig! nicht darum geht, was gewusst werden kann, habe ich nicht zuletzt ihr zu verdanken.
Ich erinnere mich, anfangs mit Unverständnis auf Schilderungen von Nebensächlichkeiten reagiert zu haben. Beim Besuch der Frari-Kirche ging es schon auch um Dogen und Tiepolo, aber eigentlich vor allem um eine Katze, die in einem der Kirche benachbarten Caffè lebte und Hof hielt und dort ein eigenes Gästebuch besaß, in dem sich gekrönte Häupter verewigten. Venedig und Triest, zwei meiner schwierigen Heimaten, haben keine besseren Biographen als Jan Morris.

Morris zu lesen heißt sich immer und immer wieder fragen zu müssen „Woher weiß sie das? Wie kann man so viel wissen? Wie kann man in einem Leben so viel gesehen und erlebt haben? Und woher, um Himmels Willen, kann ein Mensch die Zeit finden, so unendlich viel zu lesen, zu reisen und zu schreiben?? (allein die Geschichte des britischen Weltreichs umfasst 1.600 Seiten…)“.
Dabei schreibt Morris absolut nie belehrend, verwendet praktisch keine Jahreszahlen, sie erzählt einfach und greift offenbar auf einen Fundus zurück, der unvorstellbar reich ausgestattet ist.

Bei aller angemessenen Achtung vor der Geschichte des britischen Weltreichs bleibt Morris durchaus distanziert, respektiert Verdienste und nennt Versagen beim Namen. Die walisische Nationalistin lässt sich nicht verbergen und soll auch gar nicht verborgen werden. Jan Morris war auch eine erklärte Gegnerin des Falkland-Krieges.

Und: Morris zu lesen bringt es mit sich zu lachen, weil sie abenteuerlich und raffiniert witzig ist. Es ist schon gut, dass man ihr Werk auf Englisch zu lesen hat, weil dieser singuläre Humor, dieses einzigartige Understatement nur in dieser Sprache möglich ist. Ins Deutsche übersetzt wurde nur ein Bruchteil ihres Werks, und der ist vergriffen.

In einem Rückblick auf ihr Leben schreibt Scott Simon: “To open a book by Jan Morris is like popping the cork on a bottle of champagne: pop, fizz, then bubbles of delight.”

Vor vielen Jahren saß ich auf der Piazza Unità d’Italia und las in einem ihrer Bücher. Genau dort, im Caffè degli Specchi, hatte Jan Morris geschrieben, was ich so oft empfand: “Werde ich dafür wirklich bezahlt?”. Sie liebte und genoss das Reisen, und sie kannte den Preis des alleine-Reisens. So ging es mir immer, damals, als Reisen noch zu meinem Leben gehörte. Oft und oft hatte ich eines ihrer Bücher mit und fand den Trost der Einsamen mitten im unendlichen Glück des Unterwegs-Seins. Unzählige Wochen meines Lebens verbrachte ich mit ihr, und ich war dann in bester Gesellschaft.

Ihre Essays erschienen in so unterschiedlichen Medien wie dem Rolling Stone und der Financial Times (eine kleine Auswahl online: https://tinyurl.com/y5nf32fp), und die Daily Mail schrieb: “She’s never been honoured but she’s: One hell of a dame (So why don’t they make her one?)”. Nun ist es dafür zu spät.

Vorgestern ist Jan Morris noch einmal aufgebrochen. Einer ihrer Söhne schrieb: “ „The author and traveler Jan Morris began her greatest journey.”

In vielen Sprachen finden sich Nachrufe im Netz – keiner auf Deutsch. Du hättest dir einen besseren verdient, Jan Morris. Doch aus tiefstem, dankbarem Herzen: God bless you!

https://www.theguardian.com/…/jan-morris-thinking-again-int…

https://www.nytimes.com/…/b…/jan-morris-in-my-minds-eye.html

https://www.theparisreview.org/…/the-art-of-the-essay-no-2-…

Bilder: Getty Images