Archiv der Kategorie: Texte, Essays

Tiepolo – die Entdeckung der Langsamkeit

Er musste wissen, was er tat. Ein Fresko zu malen verlangt vom Künstler – auch – höchstes technisches Können. Beherrscht er die Technik nicht, sind künftige Schäden vorprogrammiert, wird seine Unfähigkeit gnadenlos bloßgelegt, sowohl in technischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Das Fresko erlaubt keine Kompromisse. Bis der Mörtel und somit die Freskomalerei nur einigermaßen frostbeständig abgebunden sind, dauert es mindestens drei Monate. In Wirklichkeit ist es sogar ein Prozess von Jahren und Jahrzehnten. Der Künstler malt nass in nass. Nachträgliche grundlegende Korrekturen sind nicht möglich.

Die nackte Decke des Stiegenaufgangs in der Residenz der Fürstbischöfe zu Würzburg aus dem Hause Schönborn muss Giovanni Battista Tiepolo schlaflose Nächte verursacht haben. Wie ein milder Scherz mutet dagegen die berühmte Angst der Schreibenden vor dem weißen Blatt Papier an.

Sechshundertfünfzig Quadratmeter gewölbte Fläche auszumalen, das größte Deckengemälde der Welt zu schaffen – darum ging es, vor einem Vierteljahrtausend. Sechshundertfünfzig Quadratmeter, ein gültiger Versuch.

Wie konnte ein Mensch sich zutrauen, das zu schaffen? Ist Hybris ein Teil von uns?

Das ist keine rhetorische Frage, und wir sollten sie für uns bald beantworten.

Wir leben an der Schwelle einer Revolution, und Zeitzeugen haben das Pech, von dem was um sie geschieht, eher wenig mitzubekommen. Wir sollten uns bemühen, diesmal nicht zu verschlafen was sich ereignet, allerspätestens seit jenem 26. Juni 2001, als Craig Venter die Entschlüsselung des Genoms bekannt geben konnte. Nun haben wir eine neue Formel, etwas sperriger als e=mc², aus drei Milliarden Buchstaben bestehend, aber von ähnlicher Bedeutung.

Jetzt geht es um die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, um embryonale Stammzellen. In Großbritannien und Frankreich, ja fast in ganz Europa ist sie erlaubt, nur in Deutschland, der Schweiz und Österreich noch nicht zugelassen. Wir stehen wieder an einer Weggabelung. Der bisherige Umgang damit in Deutschland wurde als der Versuch bezeichnet, die H-moll-Messe von Bach auf der Mundharmonika zu spielen.

Es liegt aber mehr im argen. Kommentatoren sind froh, dass Severino Antinori vielleicht demnächst das Klonen von Menschen auf Spur bringt, bevor es die Raëlianer Sekte tut, die die Unsterblichkeit des Menschen anstrebt und Pädophilie und Inzest zumindest theoretisch befürwortet. Bei den Raëlianern (www.rael.org) kann man heute schon um US$ 50.000,- Kopien seiner Lieben bestellen. Deshalb sollen wir Antinori dankbar sein, und nicht den toskanischen Weinproduzenten selbigen Namens, dankbar dafür, sich an die Drecksarbeit zu machen, bevor die Verrückten zuschlagen? Wie die 276 missglückten Vorgängerschafe von Dolly ausgesehen haben, ist nicht sehr publik geworden, vielleicht sehen wir bald, wie eine fast gelungene Kopie von Onkel Otto aussieht.

Natürlich ist es noch nicht so weit, und das Genom und die PID sind korrekter Weise nicht in einem Zusammenhang mit dem Klonen von Menschen zu nennen.

Es gibt auch Positives: weitgehend unbemerkt hat der Europarat das erste übernationale Rechtsinstrument geschaffen, die sogenannte Biomedizin-Konvention („Konvention zum Schutz der Menschenwürde und der Menschenrechte in Anwendung von Medizin und Biologie“).

Aber es geht nicht um nur Europa. Es geht bei wissenschaftlichen Entwicklungen um die einzige verbliebene Weltmacht, in der zum Beispiel Creationists, eine Fraktion fundamentalistischer Christen, postulieren, dass die Erdgeschichte bis zum Auftreten des Menschen nicht Millionen Jahre sondern sechs Tage gedauert habe – so steht es im Alten Testament, und Präsident Bush steht diesen Leuten nicht fern. 45 Prozent (!) der Amerikaner glauben an Creationism, noch mehr, dass Jesus (Nord-) Amerikaner war. Von dort kommt unsere Zukunft. Und in ein paar Jahren auch aus China …

Wir haben uns an allzu viel gewöhnt, zu viel als gegeben genommen: die beschleunigte Nahrung und ihre Folgen, von Fettleibigkeit bis zu BSE, die epidemische Ausbreitung von Allergien, dass wir krank werden, wenn wir zu lange in der Sonne liegen und dreckig im Regen, das Sterben der Wälder und unserer Mitgeschöpfe an den Segen der Neuzeit, wir nehmen hin, dass an den Börsen der Welt, wo Massenentlassungen Champagnerkorken knallen lassen, mehr an Werten gehandelt wird als es Gegenwerte in dieser Welt gibt, dass Forschung und Lehre nur mehr über Sponsoren „möglich“ seien, dass wieder daran gegangen wird, ein Mehrfaches der Bruttoinlandsprodukte aller Staaten Afrikas für einen Raketenschild im All aufzuwenden, dass optimiert werden muss, rationalisiert, weil der Markt es erfordert, der Markt, der schon regulieren wird, der alles gut machen wird, schließlich, nicht wahr, unterliegen wir der normativen Kraft des Faktischen.

Und wir haben einfach keine Zeit mehr. Der häufigst gedrückte Knopf in amerikanischen Aufzügen ist nicht mehr der ins Erdgeschoss führende, sondern „Türe zu“.

Jetzt sollte wer schreien: „Der König ist nackt“, jetzt sollten wir innehalten, jetzt sollten Türen offen bleiben. Es ist Zeit, wir haben sie, und wir müssen sie uns nehmen.

Vielleicht war es kein Zufall, dass Genua ein Symbol für die Antastbarkeit der Globalisierung, jedenfalls dieser Globalisierung, wurde. Kolumbus war Genuese gewesen, und es wird Zeit, nicht mehr alles zu begrüßen, was von dort kommt, wohin er aufgebrochen war. Schließlich hatte Kolumbus sich gründlich verfahren.

Es gibt in Umbrien und der Toskana eine Bewegung, die sich „Slow Cities“ nennt. Dort werden Fußgänger wichtiger genommen als Autos, Nahversorger haben bessere Karten als Supermärkte, der Rhythmus des traditionellen Lebens genießt Vorrang vor Events für Touristen. Man nimmt dort Kollateralschäden des Fortschritts nicht einfach in Kauf.

Tiepolo kam nicht aus Umbrien, nicht aus der Toskana, er stammte aus Venedig. Was er in Würzburg schuf ist groß, in jeder Hinsicht. Dass er in den Allegorien der Kontinente einen, damals noch nicht bekannten, ausließ, ändert daran nichts. Dass er letztlich die Verherrlichung des Heiligen Römischen Reiches darstellte, das damals schon todgeweiht war, auch nicht. Sein Mut, seine Option zu scheitern konnten Folgen nur für ihn haben.

Touristengebet, aktualisiert

Herr im Himmel, vor sechs Monaten hatten wir wieder vergessen, wie schön wir es zu Hause haben. Wir dachten, auf Reisen gehen zu müssen, und nun sind wir hier, fern der Heimat und ausgeliefert allem Fremden. Und mein Gott, hier ist viel fremd.

Himmlischer Vater, sieh herab auf uns, Deine bescheidenen, gehorsamen Touristendiener, die dazu verdammt sind, diese Erde zu bereisen, sinnfrei vor sich hin zu fotografieren, Postkarten mit vor Ewigkeiten abgelaufenem Haltbarkeitsdatum abzuschicken, völlig jenseitige Souvenirs zu kaufen und in schnell waschbarer Unterwäsche herumzulaufen.

Wir bitten dich, oh Herr, achtzugeben, dass wir das richtige Flugzeug besteigen, dass unser Gepäck nicht verloren geht und dessen Übergewicht unbemerkt bleibt. Beschütze uns vor habgierigen und skrupellosen Taxifahrern, die die Radiofrequenz statt dem Taxameter-Preis verrechnen.

Schenke uns Busfahrer, die ausgeschlafen, adrett gekleidet, reaktionsschnell und stets gut gelaunt sind. Lass sie ein GPS-System des 21. Jahrhunderts haben und wissen, wie man es bedient. Gewähre uns Reiseleiter, die Hydranten von gotischen Portalen unterscheiden können, die den Eindruck erwecken, stets zuhören zu wollen und die Landkarten nicht verkehrt herum halten.

Gib uns heute göttliche Führung in der Suche nach unseren Hotels, auf dass unsere vorbestellten Zimmer frei und sauber sind und wenn irgendwie möglich, dass es heißes Wasser gibt. Wir beten, dass die Rezeptionistin unsere Sprache spricht und dass wir die bösartigen Tricks moderner Elektronik beim Öffnen der Zimmertüre begreifen.

Nach jenen ewigen Nächten ohne Nahrung lass uns des Morgens Buffets vorfinden wie aus dem Schlaraffenland und Gelegenheiten, kulinarische Notgroschen mitgehen zu lassen.

Gib uns die Weisheit, korrekte Trinkgelder zu geben in Währungen, die wir nicht verstehen. Verzeih uns, wenn wir aus Unwissenheit zu wenig geben oder zuviel aus Furcht. Lass die Eingeborenen uns lieben für das was wir sind, und nicht für das, was wir ihren weltlichen Gütern hinzufügen können.
Gib uns die Kraft Museen, Kathedralen und Schlösser zu besuchen, die als ein Muss gelten. Und wenn wir einmal ein historisches Denkmal verpassen um ein Mittagsschläfchen zu halten, hab’ Gnade, denn unser Fleisch ist schwach.

Führe uns, oh Gott, in gute und billige Restaurants, wo die Kellner freundlich sind, das Essen vorzüglich ist, und der Wein im Preis inbegriffen. Lass die Toiletten zahlreich, frei und makellos sein, und die Klofrau gerade beim Testen.

Lieber Gott, halte unsere Frauen fern vom Einkaufen und behüte sie vor günstigen Gelegenheiten, die sie weder brauchen noch sich leisten können. Führe sie nicht in Versuchung, denn sie wissen nicht was sie tun.

Allmächtiger Vater, bewahre unsere Männer davor, fremden Frauen nachzustarren. Beschütze sie davor, sich in Cafés und Nachtbars zum Affen zu machen. Vor allem aber, vergib’ ihnen nicht Ihre Schuld, denn sie wissen genau was sie tun.

Und wenn unsere Reise zu Ende geht und wir zu unseren Lieben zurückkehren, gib uns die Gunst, jemanden zu finden, der sich unsere Fotos und Filme ansieht und unseren Erzählungen lauscht, so dass unser Leben als Tourist nicht umsonst gewesen ist.

© Art Buchwald, ausführlich überarbeitet und der Neuzeit angepasst von Alexander Kriegelstein

Reiseleiter? – Reiseleiter!

„Kann man das aushalten? Den Stress, die Menschen, die ganzen Wickel?“, fragen die einen.

„Ok, du machst also das ganze Jahr Urlaub!“, sagen die andern.

Die Wahrheit liegt, wie immer, nicht in der Mitte. Reisen zu leiten kann ein Traumberuf sein. Es ist ein Privileg, große Teile der Welt bereisen zu können, und viele immer wieder. Es ist auch zumeist lohnend, mit Menschen zu arbeiten, Ihnen etwas bieten zu dürfen, Sie zu begleiten und zu leiten. Man muss sie nur mögen.

Es kann sich die Frage stellen: wie lange hältst du das noch aus? 80-, manchmal 100-Stunden-Wochen, wochenlang ohne freie Tage, Wochenenden oder auch nur heimzukommen, das fordert. Das Einkommen hingegen bleibt überschaubar, es orientiert sich an dem was Reiseleitung für viele ist: ein Studentenjob. Man kommt Menschen sehr, manchmal manchen zu nahe; es gibt kleine Stunden der Nacht, in denen es in einem Hotelzimmer auch bei fünf Sternen recht finster wird.

Aber wenn man neugierig ist, mit Begeisterung lernt und es genießt, nie damit aufzuhören, wenn man dienen kann ohne bucklig zu werden und führen kann ohne abzuheben – dann kann es ein Traumjob sein.

Was man dazu braucht? Erfolg. Siehe: Artenkunde der Reiseleiter.

Marcel Prousts Fragebogen

Marcel Proust beantwortete auf einer Geburtstagsparty einen Fragebogen, der ob des berühmten Antwortgebers vielerorts (unter anderem auch von der FAZ) oft und gerne veröffentlicht wird. So auch hier. Proust hat diesen Fragebogen nicht erdacht – er war lediglich eine der ersten Berühmtheiten, die ihn beantwortet hat.

Übrigens: Einem intelligenten Menschen ist es zuzugestehen, dass er in seinem Leben Meinungen ändert. Niemand kann dazu gezwungen werden, nichts aus seinen Erfahrungen zu lernen. Proust füllte diesen Fragebogen im Laufe seines Lebens auch zweimal aus. Meine Antworten sind bloß – meine Antworten. Finden Sie Ihre! In diesem Sinne, viel Spaß:

Wo möchten Sie leben?
Dort, von wo der Aufbruch leicht fällt.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
In Ermangelung bisheriger Bekanntschaft: ich hoffe, ich hatte es noch nicht.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Die menschlichen. Im Gegensatz zu denen des Lebens.

Was ist für Sie das größte Unglück?
Nur einmal leben zu dürfen, aber einmal leben zu müssen.

Ihre liebsten Romanhelden?
Ich habe keine „lieben“ Romanhelden. Nur geliebte Romane.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
Unmöglich, nur eine herauszustellen. Übrigens mag ich auch da jene mehr, die nicht „Lieblinge“ sein können.

Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit?
Die Künstler der „ersten Reihe“, also die ewigen, dann mein Theo aus einer meiner Geschichten, so wie auch der Alte aus Cosenza, und alle, die das Leben überfordert, und die nie aufhören mehr zu fordern.

Ihr Lieblingsmaler?
Canaletto. Eigentlich kann man auch nicht einen Maler über alle stellen, schon gar nicht Canaletto, aber hier geht es um Venedig.

Ihr Lieblingsautor?
Marie-Luise Scherer.

Ihr Lieblingskomponist?
Ich ertrage Musik nicht.

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einer Frau am meisten?
Kein „Weibchen“ sein zu wollen.

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten?
Verlässlichkeit.

Ihre Lieblingstugend?
Treue. Nein, das ist kein schreckliches Wort. Es haben es bloß schreckliche Menschen pervertiert. Und ich meine auch nicht den „ehelichen“ Aspekt.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Lesen.

Wer oder was hätten Sie gern sein mögen?
Mögen? Weiß ich nicht. Sollen: ich.

Ihr Hauptcharakterzug?
C2-D4

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?
Verlässlichkeit.

Ihr größter Fehler?
Die Wahl meiner Schule (2. BG XIX, Wien).

Ihr Traum vom Glück?
Nicht träumen zu müssen.

Was wäre für Sie das größte Unglück?
Gebrechlich alt zu werden bei bestem Gedächtnis.

Was möchten Sie sein?
Froh, oft und oft.

Ihre Lieblingsfarbe?
Pastell.

Ihre Lieblingsblume?
Ich habe keine Lieblingsblume und keine Beziehung zu Blumen.

Ihr Lieblingsvogel?
Ich habe keinen Lieblingsvogel und keine Beziehung … aber lassen wir das.

Ihr Lieblingsschriftsteller?
Marie Luise Scherer. Hatten wir schon.

Ihr Lieblingslyriker?
Nietzsche.

Ihre Helden der Wirklichkeit?
Das hatten wir auch schon. Etwas mehr Konzentration, bitte! Aber gut, zu den oben erwähnten seien noch genannt: alle, die Opfer bringen, ohne etwas davon haben zu können. Aus anderen Gründen: Axel Corti fällt mir ein, und Rudolf Augstein. Karlheinz Deschner.

Ihre Heldinnen in der Geschichte?
Frauen, die mich lieben konnten.

Ihre Lieblingsnamen?
Nadine, Alice, Valérie, die Namen unserer Tochter.

Was verabscheuen sie am meisten?
Niedere Beweggründe. Die „Kronen Zeitung“.

Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?
Menschen, die das Unglück anderer bewirken, um sich daran zu bereichern, oder die später noch davon profitieren, und die gleichzeitig ihre Opfer und Anhänger verhöhnen. Das reicht von asiatischen und afrikanischen Potentaten bis zu südösterreichischen Provinzpolitikern.

Welche Reform bewundern Sie am meisten?
Jede, die etwas grundlegend verändert hat, obwohl sie dem Zeitgeist widersprach, und die nachträglich anerkannt wurde.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
(Noch mehr) Gelassenheit.

Wie möchten Sie gern sterben?
Im Schlaf.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Wach.

Ihr Motto?
Wer oft und mehr glücklich sein darf als andere, muss auch öfter und mehr leiden. Sehr ärgerlich, ist aber so.

Und was Katzanzakis als Grabinschrift hat:

„Δεν ελπίζω τίποτα. Δε φοβʊμαι τίποτα. Είμαι λέφτερος.“

(„Den elpízo típota. De fovoúme típota. Íme lévteros. –
Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“)

Der Alte von Cosenza

Es zählt doch eher zu den Errungenschaften des modernen Schulwesens, dass das stupide Auswendiglernen von Balladen zumindest nicht mehr als die einzig wahre Grundlage von Bildung angesehen wird. Den Eingangsmonolog im Faust nicht auswendig zu können galt vor hundert Jahren noch als unzivilisiert, Schillers endlose „Glocke“ `runterratschen zu können als geistig-olympische Disziplin. Aber bitte anschnallen: nach heutigen Maßstäben hatten Menschen um 1900 einen durchschnittlichen IQ zwischen 50 und 70. Sie waren also hochgradig geistig behindert. Nein, waren sie natürlich nicht. Sie dachten nur viel konkreter als wir. Und anders. (brand eins Magazin, „Ach ja, die Jugend“, 11/2008, www.brandeins.de)

Lyrik aber, und das ist ein Verlust, ist in ihrer herkömmlichen Form verlorengegangen. Texte von Songs, vor allem Rap-Gedichte, haben ihren Platz eingenommen. Sie sind, wie die Gereimtheiten und Ungereimtheiten der Vergangenheit, manchmal gut und oft schlecht. Moderne unvertonte Lyrik wird kaum noch gelesen. Daher werden Gedichte auch kaum noch geschrieben, außer von Pubertierenden und jenen Ärmsten des Literaturbetriebes, die oft viel aber meist nicht anders können.

Ein Klassiker, der noch auswendig gelernt werden musste, als eh schon niemand mehr wusste, wer Alarich war, ist „Das Grab im Busento“ von Platen. Ich habe solche Sachen immer in der Badewanne gelernt, aber wer heute anderes in der Badewanne zu tun weiß, hat Besseres zu tun. Die Ballade ist unsäglich, schon die ersten zwei Zeilen sollten jeden sprachlich Sensiblen aufheulen lassen, zur Sicherheit sei das Ganze aber weiter unten angeführt.

Den Busento gibt es jedoch noch, die Stadt Cosenza auch. Als der Gotenhäuptling Alarich im Jahre 410 dort hinschied und mit seinen gerade in Rom günstig geraubten Schätzen vergraben wurde, ist mit ihm vielleicht die Bundeslade aus Jerusalem verschwunden. Vor den Goten war sie jedenfalls noch da. Alarichs Grab und die Beute wurden nie gefunden (http://geschichte-westeuropa.suite101.de/article.cfm/auf_der_suche_nach_alarichs_grab).

Sicher ist, dass im normannischen Dom königlich bestattet wurde, Heinrich von Hohenstaufen und Isabella von Aragon (letztere, wie Wikipedia weiß, „teilbestattet“) lagen oder liegen dort zur Ruh’. Sicher ist auch, dass Cosenza heute eines der vielen Enden der Welt ist: tiefstes Kalabrien, turmhohe Häuser aus dem Mittelalter, in denen niemand mehr wohnt und ebenso hohe Müllberge, kaum Tourismus, keine Jugend, keine Zukunft.

Aber dort werden noch Gedichte geschrieben: in einer winzigen Buchhandlung auf der Piazza vor dem Dom, nicht größer als zwei Telefonzellen, lebt Antonio Rizzuti. Er ist etwa 80, eher älter, es fällt ihm schwer noch beweglich zu sein, aber er hütet das zu Bewahrende. Man kann bei ihm kleine Domführer kaufen, und dazu kriegt man von ihm kopierte Blätter über die Zahlensymbolik der Staufer. Er hat eigentlich keine Buchhandlung, sondern nur zwei kleine Stapel mit acht oder neun Titeln: Lokalhistorisches, uralte Schmöker über die Stadt und die Region, einen Museumsführer. Und spricht man seine Sprache, gibt er noch kleine, sauber in Streifen gerissene Teile von Seiten dazu, auf denen sich Gedichte von ihm finden wie dieses:

La Voce del Passato

Ritorna il passato
ritorna
in morbide luci di sogno
a volte inatteso,
impetuoso
come un torrente in piena,
al magico richiamo
d’un profumo,
d’un suono,
d’un fiore disseccato,
di un amico ritrovato.

Die Stimme des Gestern

Das Gestern kehrt wieder
es kommt zurück
in sanften Lichtern eines Traumes
unerwartet manchmal,
ungestüm
wie ein reißender Fluss,
als verklärter Hinweis
auf einen Geruch,
einen Klang,
eine vertrocknete Blume,
einen wiedergefundenen Freund.

(Alle Übersetzungsfehler sind Alexander Kriegelstein anzulasten)

Es wird diese Gedichte auf kleinen an Falten gerissenen Zettelchen bald nicht mehr geben, und keine Kopien über Zahlenmystik und keine verstaubte Buchhandlung mit kleinen Stapeln von acht oder neun Titeln an der Piazza von Cosenza. Aber ohne diese Träumer, die anschreiben gegen die Stürme und Zeiten der Welt, die sich schwer tun noch beweglich zu sein und hüten, was noch unentdeckt ist, gäbe es vieles nicht, was uns reich macht. Sie sind unser Erbe. Sie sind das wahre Grab im Busento.

Das Grab im Busento

Nächtlich am Busento lispeln
bei Cosenza dumpfe Lieder;
Aus den Wassern schallt es Antwort,
und in Wirbeln klingt es wider.

Und den Fluß hinauf, hinunter
zieh’n die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen,
ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat
mußten hier sie ihn begraben,
Während noch die Jugendlocken
seine Schulter blond umgaben.

Und am Ufer des Busento
reihten sie sich um die Wette,
Um die Strömung abzuleiten,
gruben sie ein frisches Bette.
In der wogenleeren Höhlung
wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam,
mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder
ihn und seine stolze Habe,
Daß die hohen Stromgewächse
wüchsen aus dem Heldengrabe.

Abgelenkt zum zweiten Male,
ward der Fluß herbeigezogen:
Mächtig in ihr altes Bette
schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern:
„Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht
soll dir je dein Grab versehren!“

Sangen’s und die Lobgesänge
tönten fort im Gotenheere;
Wälze sie, Busentowelle,
wälze sie von Meer zu Meere!

August Graf von Platen 1796-1835

Hier blühen keine Zitronen

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„Wir sehen einen Baum und sagen: das ist ein Baum. Aber eines Tages werden wir uns alle geirrt haben.“ Alexis Sorbas, Nikos Katzanzakis …

In einer idealen Welt wäre die Toskana überall. Es ist schon wahr: von ihr aus wurde auch die praktische moderne Welt geschaffen, von der Notenschrift bis zum Finanzwesen, von Pachtsystemen bis zur hohen Politik. Aber vor allem entstand hier der Inbegriff dafür, was wir noch heute unter Schönheit verstehen. Die Kunst einiger Jahrzehnte, die Malerei, Architektur und Bildhauerkunst der Renaissance, haben bis heute geprägt, was wir als „guten Geschmack“ empfinden. Ausgewogenheit, maßvolle Zurückgenommenheit und edle Anmut wurden nirgendwo sonst zu alles bestimmenden Maximen.

Wer die Hohe Schule des Sehenlernens in Florenz erleben durfte, wer Halbkreis und Quadrat bei Brunelleschi und Donatello als Ikonen der Harmonie verinnerlicht und die Perspektive bei Paolo Uccello und Masaccio als Lebensinhalt erkannt hat, wer vor Santa Maria Novella oder im Bargello ruhig geworden ist, der ist bereit, das größere Kunstwerk anzunehmen: die Toskana als Landschaft.

Im – wirklich – lieblichen Arnotal bei Vinci, gesäumt von sanften Hügeln und Olivenhainen, oder im schroffen Bergland von Caprese Michelangelo, im Mugello nördlich Florenz, Sommerfrische der Medici, oder von den abstrakt-surrealen Crete bei Siena bis in die Weinlagen des Chianti: kaum eine Landschaft scheint so für den Menschen geschaffen – und oft von Menschen gestaltet zu sein. Die einzelne Zypresse auf einem Hügelrücken ist nicht nur so schon bei Piero della Francesca vorzufinden, sondern sie steht da, prägend, einsam und stolz. Nichts ist hier Zufall. Beim Blick auf Giottos Campanile neben der Domkuppel von Florenz weiß man es später wieder.

Der Schiefe Turm auf dem Platz der Wunder zu Pisa ist eine Allegorie der Diagonale, die die kubischen Bauernhäuser ebenso bestimmt wie die fast schlichten Villen und Herrenhäuser und Landkirchen. Die Vertikale des Campanile oder der Geschlechtertürme von San Gimignano ritzt den Himmel auf.

Geometrische Strenge und Klarheit – es ist ganz einfach, einfach und menschlich, und der Mensch ist das Maß aller Dinge. Hier wurde der Humanismus geboren.

In dieser elysischen Landschaft braucht es keine starken Farben. Es braucht oft gar keine: das unergründliche, so vielen großen Bildhintergründen eigene dunstige sfumato, das allen Blick entschärft, genügt. Die bräunlich-gelblichen Erdtöne, das zitternde Silber der tausend Jahre alten Olivenbäume, das schwarze Grün der Zypressen (alles Farben des toskanischen Marmors aus dem Kirchen wie die von Lucca oder Siena wurden) und hie und da die Farbe des blutigen Weins: mehr geht nicht. Mehr sollte der Mensch nicht ertragen.

Reich ist nicht, wer viel hat. Und viel sieht nicht, wer geblendet ist. Doch wie reich ist, wer hier sehen darf.

Lawrence von Arabien – der englische Patient

Ein wenig ähnelte er vom Aussehen her dem Komiker Stan Laurel – aber er tat alles, um sehr ernst genommen zu werden. Dabei geriet sein Leben zu einem Rätsel von Sphinxscher Ungreifbarkeit für die Nachwelt: Thomas Edward Lawrence, genannt Lawrence von Arabien.

In Oxford aufgewachsen war er schon früh mit der Vergangenheit vertraut. Der Knabe verschlang bereits alles Lesbare, bevorzugt Ritterromane, die im Viktorianischen England ohnedies hoch im Kurs standen. Sein Studium der Archäologie führte ihn nach Frankreich, wo er Festungsanlagen aus der Zeit Richard Löwenherz’ kennen lernte – im Nahen Osten suchte er deren Vorbilder aus den Kreuzzügen. In jener Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg war der Nahe Osten Teil des Osmanischen Reichs; Lawrence, der das Arabische beherrschte, erfuhr die unerhörte Gastfreundschaft der Beduinen, aber auch den tief verankerten Wunsch der Araber nach Freiheit vom türkischen Joch und nach Unabhängigkeit. Nach seiner Abschlussarbeit über die Kreuzfahrerburgen stand ihm eine wissenschaftliche Karriere in Oxford offen, aber Lawrence wollte zurück in den Orient. 1911 ist er wieder in Syrien, als Übersetzer. Damals schlossen die Osmanen und das Deutsche Reich jenen unseligen Pakt, der zum Ende beider Reiche führen sollte, und zu Schlimmerem. Die Bahnstrecke von Berlin nach Bagdad und auf die Arabische Halbinsel wurde zum Symbol dieser Verständigung und zu einer Provokation Britanniens. Das Ausgrabungsteam, dem Lawrence angehört, wird für Spionagezwecke eingesetzt, die Beschäftigung mit byzantinischen Funden in der Negev-Wüste zum Vorwand. Als nach Sarajevo der Krieg ausbricht, erhält die Südflanke des Türkischen Reichs strategische Bedeutung. Lawrence bietet an, die notorische verfeindeten Stämme zu einen und gegen die Osmanen auszurichten. In Prinz Feisal, dem Sohn des Emirs von Mekka, findet er die große Persönlichkeit, mit der er gemeinsam Geschichte schreiben will: der Mann der Vergangenheit ist zum Gestalter der Zukunft geworden. London schickt Geld, viel Geld, und Waffen. Und die Araber haben ein Ziel: einen eigenen Staat mit der Hauptstadt Damaskus. Diesem Traum ordnen sie selbst die Rivalitäten ihrer Sippen unter.

Nach Damaskus…

Ein kühner Plan soll umgesetzt werden: nach einem Umweg durch die Wüste und Wadi Rum wird Akaba genommen, der Überraschungsangriff gelingt. Überfälle in Guerillamanier auf den türkischen Nachschub werden immer effizienter. Lawrence erhält von den Arabern jenen berühmten weißen Umhang, der eigentlich Nachfahren des Propheten vorbehalten ist. Für die Beduinen ist er „El Awrence“, bald wird er Lawrence von Arabien. Dass jenes Arabien, das er und Feisal anstreben, nie eine Chance hatte, entdeckt er zu spät.

Als er in Dera an der syrischen Grenze zu Jordanien verhaftet wird, scheint eine Spionkarriere tragisch zu enden. Tatsächlich wird er gefoltert und ausgepeitscht, vielleicht auch sexuell missbraucht. Doch er kann fliehen und erlebt den siegreichen Einzug der Briten in Jerusalem und 1918 endlich in Damaskus mit. Doch nun wird der Kampf um die Unabhängigkeit auf dem Verhandlungstisch fortgesetzt. Dort sind die Araber gar nicht erst vertreten. Lawrence nimmt als Übersetzer für Feisal an Konferenzen in Versailles teil und liefert sich Schreiduelle mit Georges Clemenceau. Es hilft alles nichts, Syrien und Libyen werden französisch, Palästina, Irak und Jordanien britisch. Die Männer von Versailles haben nicht nur die Grundlagen für den Zweiten Weltkrieg und das Ende der Bedeutung Europas beschlossen, sie haben auch den Keim gepflanzt für das Martyrium der Menschen im Nahen Osten. Die Freundschaft zu Feisal zerbricht, heute gilt Lawrence in Arabien als Verräter.

Der Rätselhafte

Dafür wird er in Europa und den USA zum Superstar: nicht zuletzt aufgrund seiner „Erinnerungen“, die er völlig zurückgezogen schreibt, und die unter dem Titel „Die sieben Säulen der Weisheit“ zu einem Dauerbestseller werden. Wie groß die Rolle der Wahrheit darin ist, konnte noch immer nicht geklärt werden. Der Mann, der als Junge entdecken musste, dass er einer unehelichen Verbindung entstammte und der nach seinen Erlebnissen in der Haft kaum noch Menschen zu berühren vermochte, war wohl stets ein Außenseiter geblieben und hat sein Leben zu einem Labyrinth werden lassen: war er überhaupt im Kampf, war er ein Held, war seine Beteiligung bei der Einnahme Akabas wesentlich? War er homosexuell und lebte er sadomasochistische Gelüste aus? War seine Liebe zu den Beduinen (auch) erotisch orientiert? Hat er wirklich einen Mann exekutiert, um einen Streit zu schlichten?

Kurz nach seinem Abschied aus der Armee rast er 1935 mit einem Motorrad in den Tod. Winston Churchill sah in ihm einen der größten Männer des Jahrhunderts und war beim Begräbnis zugegen. Sein Buch ist jede Empfehlung wert – ein Besuch der Stätten, die er unsterblich gemacht hat, auch.

Warum ich kein Diplomat geworden bin

Franz Molnár hat einmal gesagt, Fremdsprachen seien nützlich für Oberkellner und Gigolos. Na ja.

Ein paar Sprachen zu sprechen ist schon ganz praktisch. Und es gibt Berufe, für die das zumindest nicht hinderlich ist.

Irgendwann habe ich mich für die Arbeit im Außenministerium beworben. Man unterzieht sich dort einem Préalable – der Eignungsprüfung für den diplomatischen Dienst, für die sich damals (1996) so um die 150 Kandidatinnen und Kandidaten gemeldet haben, wovon eine Handvoll genommen wurde. Die Prüfung gilt als schwer, vor allem weil es keinen Stoff gibt, den man vorbereiten kann. Gefragt kann alles werden, und eben in mehreren Sprachen. Also eine Art „Wer wird Diplomat?“ ohne Joker und Publikum.

Ich hatte Glück und war dabei. Im Palais Liechtenstein neben der Minoritenkirche bekam ich als Referent der Budgetabteilung ein großes Zimmer mit schönem Ausblick zugewiesen. Darin stand eine Olivetti-Schreibmaschine aus den Siebzigern, die ich aber praktisch nie benutzen musste. Ich hatte nichts zu tun. Nach ein paar Monaten sollte ich an eine Botschaft versetzt werden.

Nach einiger Zeit hielt ich nach versteckten Kameras Ausschau: ich konnte nicht glauben, dass ich schlicht und einfach nichts zu arbeiten brauchte. Ab zehn Uhr sagte man „Mahlzeit!“ und ab Mittwoch „Schönes Wochenende!“. Hin und wieder setzte ich meine Unterschrift unter eine Rechnung für einen halben Liter Milch, den ein Botschafter zur Bewirtung angeschafft hatte. Manchmal las ich einem äußert netten Kollegen seine Post vor, da er de facto blind war. Man hielt ihn in Arbeit, weil er sich dem Pensionsalter näherte. Das war sympathisch. Aber ich hatte sonst nichts zu tun und las jeden Tag ein Buch, und das kann man auch nur eine Zeitlang tun ohne wahnsinnig zu werden.

Als Freiwillige gesucht wurden für den Nachtdienst im Notfallraum, meldete ich mich sofort. Mir schwebte ein James Bond-Szenario vor: endlich würde ich die Profis kennenlernen. Jene, die eingreifen, wenn die Republik in Gefahr gerät. Wenn Flugzeuge abstürzen, die Erde bebt oder die Russen kommen. Ihre Einsatzzentrale war der Notfallraum unter dem Bundeskanzleramt.

Am vereinbarten Tag meldete ich mich punkt 18 Uhr im Ballhausplatz. „Kriegelstein?“ wurde ich gefragt, was ich bestätigen konnte. Der Kollege drückte mir einen Schlüsselbund in die Hand, wünschte mir eine gute Nacht und ging. Ich hatte keinerlei Informationen erhalten, was ich im Notfall tun musste. Vor allem hatte ich nicht gewusst, dass ich allein sein würde. Allein mit dem Nachtportier im Bundeskanzleramt.

Im Notfallraum der Republik gab es ein Faxgerät und einen Fernsehapparat. Es gab auch ein Telefon mit Handkurbel (das ist allerdings ganz praktisch, wenn alles sonst ausfällt). Sonst gab es noch ein Bett und einen Koffer – DEN Koffer.

Dabei handelte es sich um einen jener Plastik-Aktenkoffer, die immer verkehrt herum aufgehen. Darin befand sich das Notfall-Kuvert der Republik Österreich. Dort standen die Nummern all jener, die ich wohl anrufen sollte, wenn die Russen kämen oder die Welt unterging. Dieses Kuvert war ein orangefarbenes Standard-A4-Kuvert; für den letzten Rettungsanker im Krisenfall eh schon recht ernüchternd, gab mir eine Kleinigkeit den Rest. In diesem Kellerraum aus Metternichs Tagen, in dem es (1996!) nicht einmal einen Computer gab, und in dem ich eine lange Nacht lang (gemeinsam mit dem Nachtportier) über die Sicherheit des Landes wachte, wurde mir klar, was der Schriftsteller Anton Kuh gefühlt haben musste, als er kurz vor dem Einmarsch der Nazis seine Koffer packte. In der allgemeinen Verzweiflung hatte jemand Regierungsmitgliedern der Ära Dollfuss nahegelegt, von allen weisen Bürgern Rat einzuholen, wie man der Katastrophe noch entrinnen könnte. „Wenn sie mich einmal fragen“, so der befragte Anton Kuh, „dann ist es hoffnungslos“. Er sollte recht behalten.

Ich glaube, dass ich den Entschluss, dem diplomatischen Dienst gestohlen zu bleiben, fasste, als ich das Notfallkuvert der Republik in Händen hielt. Es war quer aufgerissen, dann wieder mit einem Tixostreifen zugeklebt, und d’rüber stand: „Pokorny hat geöffnet“.

Vielleicht bin ich ein Pedant, wahrscheinlich ist mir Ästhetik zu wichtig, sicher brauche ich ein wenig Form und Stil – heute bin ich froh, dass das BMaA und ich einander rechtzeitig fremd geworden sind, wie nach einer geteilten Nacht, nach der man einander so fremd ist wie vorher. Ich habe Herrn Pokorny nie kennen gelernt. Aber ich bin ihm dankbar.

Rom mit Kindern (oder ohne)

Die belohnendste aller Städte, aber auch die komplizierteste – hier erstmal eine „kinderleichte“ Anleitung für zwei, drei Tage in der Ewigkeit:

Auf dem Gianicolo, der keiner der klassischen sieben Hügel ist, aber einen der besten Ausblicke auf die Ewige Stadt bietet, gibt es ein berühmtes Puppentheater – Teatro dei Burattini al Gianicolo, 16.00, tägl. außer MO. Gratis, Spende.

Es wird auch erwähnt in: http://files.hanser.de/hanser/docs/20070220_2722125611-59_20060304_3-446-20742-2_613.pdf (am Schluss der Leseprobe), ein gutes Buch, btw.

Neu ist ein besonders toller Blick auf Rom von oben: Monumento a Vittorio Emmanuele, Piazza Venezia, durch das Museo del Risogimento gehen und dann mit dem Aufzug ganz rauf: Blick über Forum Romanum und zum Palatin und Kapitol, und über die ganze Stadt. Dort um die Ecke, auf dem Kapitol, kann man Santa Maria Ara Coeli besuchen, wo hinter dem Altar links in einer Seitenkapelle das Christkind wohnt: eine wundertätige Christkind-Figur, die alljährlich alle Post der Welt kriegt, die ans Christkind (Santo Bambino) adressiert ist. Das Original wurde, aber psssst!, vor ein paar Jahren gestohlen und durch eine Kopie ersetzt :(

Um ins Kolosseum zu kommen, muss man sich normalerweise lange anstellen. Ein Roma Pass http://www.roma-antiqua.de/rom-reise-informationen/roma_pass#pass erleichtert vieles. Rundherum lassen sich „Legionäre“ in Uniform gerne fotografieren, wenn sie was dafür kriegen. Das Innere (des Kolosseums, nicht der Legionäre) ist oft enttäuschend, weil an sich leer. Man braucht dort viel Fantasie oder gute Erzähler. Angeboten werden außen Kutschenfahrten zu Nepp-Preisen. Besser ist der Circus Maximus, s.u.

Die berühmten Museen würde ich alle meiden. Ich glaube, dass man mit Kindern in Museen viel Freude haben kann, aber nicht, wenn sie voll sind, und das sind die berühmteren immer. (Nur) am Samstag Vormittag könntet Ihr den Palazzo Colonna besuchen, den prunkvollsten Roms der größten aller dortigen Familien. Die Deckengemälde und der ganze Prunk und Zinnober beeindrucken sicher auch die Kinder.

Das Museo Explora kenne ich nicht, klingt jedoch ziemlich gut: http://www.lifeinitaly.com/tourism/lazio/rome-children.asp – gute Ideen zum Thema, Bomarzo ist aber zu weit.

Links hinter dem Pantheon ist der kleine Elefant von Bernini für alle Kinder eine große Freude. Ihr solltet zwei Minuten davon entfernt auf der Piazza Sant’Eustacchio in der gleichnamigen Bar den besten Caffè der Erde trinken/mitnehmen und um die Ecke auf der Piazza Navona Eis essen, am besten bei Tre Scalini, obwohl ich Giolitti bevorzuge http://www.giolitti.it/english/home.html . Ein Blick ins Pantheon, den perfektesten aller Räume der Welt, kann auch nicht schaden. Piazza Navona ist ohnedies toll, der Vierströme-Brunnen und die Maler und Karikaturisten rundherum machen Kindern noch Spaß.

Ein herrlicher Platz morgens/vormittags ist Campo de Fiori, ein echter Markt, viel Leben und Rummel.

Auf dem Largo Argentina gibt es in den Ausgrabungen der ältesten Tempel aus republikanischer (i.e. vor-kaiserlicher) Zeit, dort, wo Cäsar ermordet wurde, ein Katzenasyl: Freiwillige pflegen arme, verwilderte und meist kranke Katzen http://en.wikipedia.org/wiki/Largo_di_Torre_Argentina (Kapitel „cat shelter“). Sehr sympathisch!

Der Rummel am Trevi-Brunnen, wo ab dem späteren Nachmittag immer was los ist, macht sicher Spaß. Falls Ihr auswärts zu Abend essen wollt: Trastevere ist dann immer schön, Fußgängerzone, viele Menschen, nette Lokale (zB anschließend an den Gianicolo).

Am Aventin gibt es den Parco degli Aranci, dort spielen immer Kinder und man hat einen netten Blick auf den Tiber, selten Touristen:

http://www.panorama-welt.de/italien/rom/aventin/aventin.htm . Ein paar Schritte weiter ist der „Schlüsselloch-Blick“, wenn man durch das Schlüsselloch des Malteserorden-Gartentors blickt, sieht man genau die Kuppel von St. Peter, spektakulär. Dort sind zwei schöne frühchristliche Kirchen. Und daneben natürlich der riesige Circus Maximus, wo die Wagenrennen stattfanden. Bringt mehr als das Kolosseum von innen, man kann einfach herumspazieren, kein Eintritt.

Den Luna Park würde ich auslassen. Einen solchen kann man überall besuchen.

http://www.forbeginners.info/rome/visiting-with-kids/ – die Kapuziner-Mumien sind eine Idee, aber morbide! (Eine andere Quelle sagt zurecht: „Santa Maria Concezione, Via Veneto 27: The crypt underneath this church just up from Piazza Barberini contains the skeletons of over 4000 capuchin monks. Some of the bones have been „artfully“ arranged into designs. Can be very frightening to young children.“)

http://www.romewithkids.com/ – ein Buch mit Tipps.

http://www.stuardtclarkesrome.com/children.htm – sehr nett geschrieben, ein paar gute Vorschläge (auf die Kuppel von St. Peter zu klettern ist sicher auch mit Kids nett bei schönem Wetter).

Und: „Another fun sight to take children is Castel Sant’Angelo. Kids enjoy the wide circular ramp leading up to the different levels of the castle, looking at the nice views of the district from the different terraces, and visiting the museum inside which has a lot of armor and weaponry of ancient times (not to mention the courtyard with several cannon and piles of cannonballs scattered all around.” stimmt auch.

http://www.amazon.de/Reiseführer-Kinder-Pollino-Pollina-entdecken/dp/3932000587 – ein nettes Buch, da finden sich auch Ideen.

„Asterix als Legionär“ zum Vorlesen versteht sich wohl von selbst!

Ex Oriente Lux

Calouste Gulbenkian nicht zu kennen ist eine läßliche Sünde, nur schade. Er wurde 1869 in Istanbul in eine Familie reicher Armenier geboren, absolvierte King’s College, London und hatte 1891, mit 22 Jahren, als erster die Idee, daß man sich mit Erdöl nicht nur schmutzig machen könnte.

Gulbenkian hatte zu tun mit den Gründungen von Shell, Iraq Petroleum, BP und Standard Oil. Daß er überall nur 5% beanspruchte, spricht für seine Bescheidenheit. Er gab nie Trinkgeld und seinen Kindern kein Taschengeld, erst nach seinem Tod eine Leibrente. Allerdings war er ein Wohltäter, der vor allem die armenischen Gemeinden im Exil unterstützte.

In London steht eine Kirche, St. Sarkis, zur Erinnerung an seine Eltern erbaut. Während des Zweiten Weltkrieges zog er sich nach Portugal zurück und blieb auch danach, weil das Regime Salazar nett zu ihm war. Er starb 1955 im Hotel Aviz in Lissabon, wo er gewohnt hatte. Und in Lissabon ist der Sitz seiner Stiftung, die u.a. ein Museum betreibt, in dem sich findet, was Gulbenkian sein Leben lang gesammelt hatte: Kunst.

Dieses Museum ist eines der besten Europas und damit der Welt und besitzt eine Sammlung Orientalischer Kunst, die ihresgleichen sucht und höchstens im British Museum und an den Orten der Mutter aller Schlachten findet, sowie französische Möbel des 18. Jahrhunderts, mit denen man Versailles endlich vollständig möblieren könnte. Die Gemäldegalerie zeigt Arbeiten von Bouts, Van der Weyden, Cima da Conegliano, Carpaccio, Rubens, Van Dyck, Frans Hals, Rembrandt, Guardi, Gainsborough, Turner, Fragonard, Corot, Renoir, Boucher, Manet, Degas und Monet.

Bis auf einen der beiden Corots und einen der Rembrandts sind es nur Meisterwerke. Unter den Skulpturen findet sich neben einem guten Rodin die berühmte Diana von Houdon, die Katharina von Rußland gehört hatte. Diese Menge an erlesener Kunst ist heute für Geld nicht mehr zu haben, und die wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage grübeln vermutlich darob, daß sogar Calouste Gulbenkian vergessen ist. Allerdings behaupte ich jetzt ’mal, daß die wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage von Calouste Gulbenkian noch nicht viel gehört haben. Nicht vergessen ist er bloß von den paar Menschen, die sich in sein Museum verirren, das außerhalb des Stadtzentrums von Lissabon liegt. Warum erzähle ich dann Dir davon? Nun, erstens, weil Du damit jetzt schon mehr weißt als die meisten der wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage, und zweitens, weil das eine brauchbare Einleitung für meinen Brief aus dem äußersten Südwesten Europas ist, aus Albufeira.

Vorher, Anfang April, war ich nämlich im äußersten Westen, in Irland. Ich war zum ersten Mal in Irland, ich war unvorbereitet und ich habe mir nicht viel erwartet. Schließlich, dachte ich, habe ich schon alles gesehen in unserem alten Kontinent. Es ist manchmal schön, wenn man so sehr irrt.

Gelandet bin ich in Shannon bei Limerick, weswegen ich mit einem dreckigen Grinsen in Gedanken an unanständige Fünfzeiler den Boden des Landes betreten habe. „Is this the way to Tipperary?“ brauchte ich dann nicht zu fragen, weil kein Krieg ist, weil ich abgeholt wurde und weil ich in die Gegenrichtung, nach Lisdoonvarna fuhr, im Burren gelegen, einer der tollsten Landschaften, die ich bisher gesehen. Gleich um die Ecke befinden sich die Cliffs of Moher, die 200m senkrecht ins Meer abfallen, und wenn man sich bäuchlings über den Rand wagt, hat man einen Blick, den sonst nur special effects auf der Leinwand in Aufnahmen von Hochhäusern bieten. Nur sieht man unten nicht viele viele gelbe Taxis sondern eine wütende, tosende Brandung, den Atlantik. Ein Sonnenuntergang an den Cliffs of Moher entspricht ca. zwei Gramm schwarzem Afghanen.

Ich habe Galway kennengelernt, die fröhlichste Studentenstadt, die Du Dir vorstellen kannst, die nur aus Pubs und Musik besteht, gut, und aus der Universität. Pubs habe ich immer schon geschätzt, aber in England, Wales und Schottland bin ich mir trotzdem immer wie ein Fremder im Wohnzimmer von irgendwelchen Leuten vorgekommen, außer einmal in Inverness, wo ich eine Gallon Cider zu mir nahm und mich recht wohl fühlte. In irischen Pubs fühlst Du Dich gleich wohl. Das habe ich schon in Irish Pubs in Paris, Antibes, Berlin, Nürnberg oder wo auch immer es welche gab, gemerkt. In Irland habe ich es noch gemerkter.

Vielleicht liegt es auch daran, daß die Iren andere Kategorien kennen: „verrückt“, zum Beispiel, ist absolut positiv besetzt. Ich habe die erfreuliche Bekanntschaft von Mr. Leprechaun und Mr. Clurican gemacht. Das sind zwei feenartige Wesen. Der Leprechaun, ein kleiner, häßlicher Gnom mit zerknittertem Gesicht, verbringt seine Zeit damit, Schuhe herzustellen, die Menschen an der Nase herumzuführen und ihnen ab und zu einen Goldschatz zu verraten; sein Verwandter, der Clurican, zeichnet sich durch seinen ungezügelten Alkoholkonsum aus. Es war wohl Clurican, der aus Bobby Charlton, dem Trainer der irischen Fußballnationalmannschaft, sprach, als er auf die Frage, was er und seine Mannschaft nach dem Ausscheiden bei der letzten WM (nachdem sie großartig gespielt und u.a. Italien besiegt hatten) als nächstes vorhätten, antwortete: „We’ll get roaring drunk!“. Nach dieser WM erhöhte sich übrigens die Zahl der italienischen Irland-Reisenden um 18.000%, weil die Italiener noch zu den Spätnachrichten in die Stadien rückblendeten, in denen drei Stunden nach den Spielen noch alle irischen Fans saßen und sangen. Ohne Ausschreitungen, ohne Probleme, einfach glücklich.

Das mit den Feen ist, nebenbei gesagt, wirklich wahr, denn noch 1959 wurde die Trasse einer geplanten Straße verlegt, weil sie sonst durch ein Feengebiet geführt hätte. Michael Ryan, mein Freund in Lisdoonvarna, glaubt selbst nicht an Feen, seine Nachbarn allerdings …

Am 16.06.1904 waren Leprechaun und Clurican jedenfalls in Dublin, das ist der Tag, von dem im Ulysses berichtet wird, und Daedalus und Leopold Bloom hätte James Joyce ohne sie wohl kaum so verschlungene Wege finden lassen. Noch verschlungenere Wege gehen überall auf der Welt, wo mehr als drei von ihnen zusammenkommen, alle Iren am 17. März, dem St. Patrick’s Day. Ich habe mir vorgenommen, diesen Tag in Hinkuft mit Iren zu verbringen, wenn möglich.

Nicht gesehen aber vorgenommen habe ich mir Slieve League, mit 601m Europas höchste Klippen, wo ein „nur von schwindelfreien Bergsteigern“ begehbarer „One Man’s Path“ einen atemberaubenden Spaziergang ermöglicht. Nach Irland wiederzukehren wünsche ich mir sehr. Vielleicht komme ich einmal dazu, den Einladungen zu folgen, die ich erhalten habe.

Nach drei Tagen dort hatte ich mich verändert, war ruhiger geworden und fast schon entspannt. Zum Glück mußte ich dann weiter, hierher.

Die Algarve ist hinüber. Ich habe sie vor acht Jahren, als ich sie erstmals bereiste, schon abgeschrieben, und in der Zwischenzeit ist sie Los Angeles am Meer geworden, eine 160 Kilometer lange Ferienanlage mit Großstadtcharakter.

Nur hat man nirgendwo sonst so wenig das Gefühl, am Meer zu sein. Keinen Meter Küstenstraße gibt es mehr, man sieht die See nur noch, wenn man durch eine Hotellobby gegangen ist, oder wenn man eine der zugegebenermaßen schönen Buchten entdeckt hat. Von diesen Buchten aus sieht man die Hotelanlagen nicht, die von den selben menschenverachtenden durchgeknallten Architekten hingepfuscht wurden und immer noch werden, als hätten nicht so viele andere Regionen schon vorgezeigt, was man alles falsch machen kann. Aber das Recht, die selben Fehler zu begehen wie alle anderen, hat Portugal schließlich auch. Ein Blick in die Alpen genügt, und schweigen wir still.

Vor dreißig Jahren wurde in Lagos die erste Verkehrsampel der Küste aufgestellt, zur Erheiterung der Einheimischen, und heute zieht sich von März bis Oktober eine nicht endenwollende Blechlawine durch die einst verschlafenen Fischerorte. Es gibt hier keine Geheimtips mehr, außer vielleicht Ferragudo, das noch seine Armut bewahrt hat, weil eine Fischfabrik daneben steht.

In Albufeira und Praia da Rocha, den Zentren des Tourismus, ist nichts mehr anders als an der Costa Brava oder in Bodrum.

Einmal bin ich nach Lissabon hinaufgefahren, mit meinem ulkigen Fiat Punto, den ich mir hier geliehen habe. Es tat gut, dem Zirkus der Küste zu entkommen, und es tat gut, Lissabon wieder einmal zu besuchen. Nach einem langen Bummel konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, die Nacht in meinem Hotelzimmer vor dem Fernseher zu verbringen, in meiner Wohnung in Albufeira habe ich keinen, nur meinen Weltempfänger.

Da ist etwas Komisches passiert: mangels Kabelfernsehen daheim hoppte ich freudvoll durch CNN, Sky Channel und die anderen Nachrichtensendungen und bin hängengeblieben – vor der „Traumhochzeit“. Ich hatte sie noch nie gesehen und ich werde sie nie mehr sehen, aber dieses Erlebnis war ein richtiger Schock für mich. Das war dann irgendwie zu viel nach Irland, diese Algarve und die Traumhochzeit im Penta-Hotel zu Lissabon.

Ich war gezeichnet am nächsten Morgen und ging zum Durchlüften ins Gulbenkian-Museum. Dort verliebte ich mich heftig in Mrs. Lowndes-Stone von Gainsborough und in Madame Claude Monet von Renoir. Danach fuhr ich auf das alte St. Georgs-Kastell und genoß einen der besten Blicke, die irgendeine Stadt zu bieten hat, und Lissabon ist von seiner Lage die schönste, die ich kenne. Man sagt, Rio sei noch schöner. Ich weiß es nicht.

Wenn man über die großartige Hängebrücke den Tejo überquert, sieht man auf der anderen Seite eine kleinere Kopie der Christusstatue von Rio de Janeiro. Als ich die Brücke und Lissabon hinter mir hatte, ging über der Stadt ein fürchterliches Unwetter nieder. Zweieinhalb Stunden später war ich wieder an der Algarve.

Was blieb von diesen drei Wochen ist nicht Irland, dessen Sendung die Missionierung Europas war, ist nicht Sagres hier an der Algarve, von wo aus Prinz Heinrich der Seefahrer die Entdeckung der anderen Welten einleitete, sondern die Sammlung altorientalischer Kunstwerke im Museu Gulbenkian. Das alles hier hat seine Zeit gehabt. Als ich vor ein paar Wochen in Cagnes-sur-Mer im Haus von Renoir glücklich war, hat mir etwas gefehlt, ich wußte nicht, was.

Der Armenier hat es gewußt, und jetzt weiß ich es auch: ex oriente lux.