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Von Städten und Büchern

(Eine Liebeserklärung ans Lesen und an mein Buch der Bücher)

Natürlich werde ich oft gefragt, wo es für mich am schönsten ist. „Jemand, der schon so viel gesehen hat, der ständig reist – ?“

Ich muss dann immer ein wenig enttäuschen. Wo es für mich am schönsten ist, das klingt beinahe abgedroschen, in einer Zeit, in der die letzten Winkel der Erde vor Reisenden mit Lonely Planet-Führern nicht mehr sicher sind. Und ich suche keine Geheimtipps, ich habe meine Orte des Glücks gefunden: Venedig, Rom, Paris. Ich glaube auch, dass es dort am schönsten ist, wo die meisten hinwollen. Und jenes Dreigestirn an Städten ist eben das, ohne dessen Kenntnis, wie flüchtig sie auch sein mag, kein Reisen von Suchenden auch nur jene annähernde Erfüllung finden kann, die überhaupt möglich ist.
So atemberaubt ich in den Hochgebirgen Südamerikas auch gewesen bin, so beeindruckt ich von Neuseeland war oder von der grenzenlosen Mitte Australiens, so sehr mich jedes Wiedersehen mit dem Meer bezaubert und jedes mit Florenz oder dem Golf von Neapel oder den Fjorden des Nordens oder der staubigen Melancholie Arabiens, so sehr ich beeindruckt bin von dem, was ich von Asien erlebt habe – wenn ich Heimweh nach meinen Orten des Glücks habe, dann ist das ein Heimweh in die Lagune, an den Tiber und an die Seine.

Letztlich ist es wie mit Büchern: dem Richtigen das passende Buch im rechten Moment ans Herz zu legen – wie selten gelingt das. Es gibt Reisen, die jeder für sich zurücklegen muss – auch und gerade zu Büchern.

Ich habe sehr früh zu lesen begonnen, lange vor der Schule; in meiner Schulzeit habe ich die beiden Leihbibliotheken, die sich in meiner Döblinger Nähe befanden, praktisch leergelesen. Bücher waren mir bald, was sie auch jedem Lesenden sind: Freunde, Refugien, Trost. Vieles habe ich zu früh gelesen, und die größten Entdeckungen waren wohl solche, die ich nicht annähernd verstehen konnte, aber fühlen, fühlen konnte ich sie. Ich werde nie wieder Russen lesen können, aber zwischen 14 und 17 habe ich Dostojewskijs Gesamtwerk gelesen, und der hat viel geschrieben. Es war Lesen wie im Rausch, Begegnungen mit Menschen, die gedacht, gelitten und geschrieben hatten, wie ich noch kein Denken und kein Leiden und kein Lesen erfahren hatte, und vor allem anfangs keine Liebe. Einmal bin ich mit einem Reclam-Heftchen durch die Gassen des Lichtenthales gelaufen, lesend im Gehen, es wurde finster, und als die Straßenlampen nicht mehr genügten, zog ich mich in eine Telefonzelle zurück, um dort atemlos weiterlesen zu können. Ach, Zarathustra (und ach, Telefonzellen)…

Aber es musste nicht immer Kaviar sein: das gleichnamige Buch habe ich ebenso verschlungen wie ich noch als Kind alle Bände von Karl Mey gefressen hatte (und der schrieb noch mehr als good old Fjodor). Ich habe Jerry Cotton unter der Bettdecke gelesen und alle Liebesromane meiner Großmutter (als die Leihbibliotheken mir nichts mehr bieten konnten). Nach den ersten Zeilen von Hemingway und Fitzgerald wusste ich, dass ich erst wieder zur Ruhe kommen würde, wenn ich alles von ihnen und über sie gelesen hatte.

Das war dann irgendwann einmal so ziemlich meine größte Sorge: was, wenn ich einmal nichts mehr fände, was mich in jenes unsagbare Glücksgefühl vorstoßen lassen würde, das jeder kennt, der einmal ein Buch begonnen hat, auf das er sich freut, solange es noch Seiten gibt zum Umblättern.
Und das war vielleicht der größte Trost, den ich je erfahren habe: es hört nie auf. Man liest Bücher zum falschen Zeitpunkt, oder man liest und stellt fest: Mist. Man kann auch selbst eine Zeitlang für Bücher verdorben sein, weil man verliebt ist oder abgelenkt, weil man zu unruhig ist oder zu schwach oder zu stark: es kommt der Zeitpunkt, an dem man wieder jene Treue von Freunden braucht, die le Carrés Helden, die den Verrat so lieben, nicht finden, die aber jeder findet, wenn er das Buch in die Hand nimmt, das einmal geschrieben wurde, um diese nächsten Stunden und Nächte oder Straßenbahnfahrten zu etwas zu machen, das alles wert war. Dann, wenn Bücher zu Freunden werden.

Selten habe ich systematisch gelesen, wenn das nicht berufsbedingt nötig war: es gab die Freunde zum Lachen und jene zum Weinen, die, die Dich nicht loslassen mit ihrer Spannung, und jene, die Welten in Dir entstehen lassen, wo vorher keine waren.
Am Rande, aber sehr nur dort, hatte es früher einmal zu tun mit dem Ehrgeiz, ein wenig Bildung zu erlangen. Nach all dem Versagen aller Lehrer, die es nicht geschafft haben, mir einen einzigen Autor oder einzige Autorin nicht für alle Ewigkeiten zu entfremden, wollte ich irgendwann wohl auch wissen, warum es die Unsterblichen gibt, die gar nicht so unsterblich sind, wie ich nun merke, da ich alt werde und die Klassiker ins Vergessenwerden hinabsinken, so schnell, wie ich das nie für möglich gehalten hätte.
So wenig angenehm mir Herr Goethe bis heute erscheint, so wenig immer noch von Shakespeare bekannt ist, so hysterisch mich die Romantiker oft nerven, ich musste anerkennen, dass manchmal ein Satz nach Wüsteneien mühsamen Gebrabbels einen plötzlich innehalten lässt, und Du weißt etwas, das Du immer schon gewusst hattest, aber es war Dir nicht bewusst, bis Du diesen Satz gefunden hast, der ihn in Dir zum Leben erweckt und etwas vom Leben verständlich macht, das eine Antwort ist auf ein nie gestellte Frage, ohne die Du nun viel ärmer wärst.

Ich musste auch zur Kenntnis nehmen, dass kein Leben lang genug sein würde, um annähernd jene Belesenheit zu erreichen, die vor allem ein Bildungsbürgertum sich vor hundert Jahren angeeignet hatte, die es nie wieder geben wird. Wären diese Menschen nicht ausgelöscht worden, um wie viel reicher wäre bloß das Leben aller, die heute noch lesen könnten, was diese noch geschrieben hätten. Wenn das Schrecklichste, das Menschen Menschen angetan haben, nur nach sich gezogen hätte, dass keine Kulturgeschichte Roms mehr geschrieben werden konnte, weil Egon Friedell sich vor den Schärgen der SA in die Gentzgasse fallen lassen musste, dann wäre das allein bereits ein Verbrechen an der Menschheit gewesen. Und natürlich geht es nicht um den Geist, der damals vernichtet wurde, sondern um jedes einzelne Leben und die Ermöglichung des Undenkbaren, aber der Geist, der fehlt auch, auch und gerade heute und hier.

Aber ich habe auch gelernt, dass die Menschen, die nun jung sind, nicht weniger lernen, wenn sie weniger Bücher lesen. Die Vielzahl der Quellen verändert so vieles, auch das Lesen. Nicht wenige lesen heute durch das Internet wohl mehr, als sie ohne es gelesen hätten. Und dass Eminem und ein paar andere wirklich große Worte finden – Shakespeare oder wer immer er war hätte das als erster zugegeben. Doch Bücher sind und bleiben etwas besonderes. Noch heute, da ich keinen Umzug mehr wagen will, um nicht noch einmal solche Tonnen an Papier bewegen und ordnen zu müssen, kann ich an keinem Antiquariat vorbeigehen, und an kaum einer Buchhandlung. Immer noch zittere ich oft ein bisschen, wenn das Päckchen von Amazon gekommen ist oder das Packerl unterm Weihnachtsbaum drankommt, oder jenes deutsche Nachrichtenmagazin sich wieder einmal eine jener Reportagen leistet, für die Frau Scherer und so viele andere berühmt geworden sind, und deretwegen ich zu meiner eigenen Hochzeit zu spät gekommen bin, ich, der ewig Überpünktliche. Und jedes Beginnen eines neuen Buches ist das Inangriffnehmen eines großen, eines rätselhaften Abenteuers, an dessen Ende Du ein anderer geworden sein wirst und erst recht die Welt um Dich herum.

Wer ist die Schönste im ganzen Land? Solche Zeilen begleiten uns alle ein Leben lang, lassen Bilder entstehen und Erinnerungen wach werden. Aber ein Lieblingsbuch, das kann es, hat man mehr als eines gelesen, wohl nicht geben. Es gibt jene, zumindest für mich, die alle diese Freunde gemeinsam sein können, mit denen man lacht, die man nicht loslassen will, die einen dorthin führen, wo man noch nie gewesen ist, und die man niedersinken lässt, weil man durch die Tränen nicht mehr weiterlesen kann. Es gibt die, bei deren Lektüre man wünscht, dass sie nie zu Ende gehen, und es gibt jene, die man fiebrig in einer Nacht liest, obwohl der nächste Morgen frühe Pflichten bringt. Manche kann man nur einmal lesen, manche immer wieder, im Abstand von Jahren und Jahrzehnten, und manche werden zu einer Geliebten, die immer wieder überraschen kann, und manche zu einer, deren Vertrautheit uns glücklich und geborgen macht und sicher, gut durch diese Welt zu kommen.
Das ist so anders als die Liebe, die wir meinen: die zu Städten oder Büchern, die teilen wir gern. Gibt es sehr viel Schöneres als der Dank eines Freundes, den das rechte Buch zur passenden Zeit durch eine Zeit des Schweren gebracht hat oder in eine Zeit der Heiterkeit und des Glücks? Als der aufrichtige Dank von Menschen, die eine Stadt mit neuen Augen sehen können?

Bücher und Städte, jedenfalls die besten unter ihnen, und es liegt an uns, unsere Besten zu finden, lassen uns entdecken, dass wir Pilger sind, wie Bergengruen einmal über Rom sagt. Dass wir wenigstens jetzt, wenigstens diesmal, nicht enttäuscht werden, trotz aller hochfahrenden Erwartungen. Und dass uns die Heimkehr verheißen ist.

So, Mark Helprin, das wollte ich Dir sagen. Und danke für „Ein Soldat aus dem Großen Krieg“, again and again and again.

Artenkunde der Reisenden

 

Wie bei der Artenkunde der Reiseleiter (s. dort)  gilt auch hier: alle Arten gibt es in ihren männlichen und weiblichen Ausprägungen. Ich mag bloß die Sprache und die Frauen zu sehr um mit -innen oder gar /Innen anzufangen.
Manche der dargestellten Typen sind allerdings in freier Wildbahn fast ausschließlich in einer der beiden häufigeren Geschlechtervarianten vorkommend. Dies ist dann dort erwähnt.

Es sei noch festgehalten, dass in dieser Typologie eine Art fehlt: der völlig normale und zumeist auch durchaus liebenswerte Reisende ohne auffällige Ticks. Das ist übrigens die Mehrzahl derer, die einem so unterkommen. Nur sind die nicht besonders originell.

Hier also zu den anderen:

Der Sammler: sammelt Höhenmeter, Längen- und Breitengrade, Superlative und Rekorde aller Art; kein höchster Berg, kein letztes Haus ist vor ihm sicher, kein einziges Wasserklosett und kein letzter Dampfzug einer Region. Führt Buch, führt Statistiken sonder Zahl, führt Reisen ad absurdum. Will auch beim Liebesspiel stets Erster sein. Schon deshalb fast nur männlich vorkommend.

Free and Independent Lonely Planet Traveller – FIT/LP: verlässt jeden Raum, wenn ihn ein Tourist betritt. Betrachtet gemeinsam reisende Ehepaare als Herdentiere und Lonely Planet – Reiseführer als Bibel. Isst, schläft und atmet nach wenigen Stunden in einem Land wie die Eingeborenen. Verwandelt sich allerorten zum unauffälligen Einheimischen und ist damit erfolgreich, solange die örtliche Küche ohne Chilischoten auskommt. Größte Niederlage: Geheimtipps mit anderen Lonely Planet–Führer–Lesern teilen zu müssen.

Der Japaner: stellt nach der Heimkehr von Reisen beim Betrachten der Film- oder Fotobeute erstaunt fest, was er alles gesehen und bereist hat. Ist unterwegs völlig außerstande einen Eindruck zu erfassen, da die Motivsuche im Vordergrund steht. Steht reisend ständig unter Stress, klettert auf Mülltonnen, verliert seine Mitreisenden und fällt rücklings von Terrassen, immer auf der Suche nach dem optimalen Blickwinkel. Verfällt angesichts Fotografierverbot z.B. in Museen in Trübsinn. Treibt seine Nachbarn mit Diavorträgen oder Filmvorträgen in den Wahnsinn und zum Umzug.

Die Du Mont-Studienrätin: fast immer weiblich. Sie vergewissert sich eigentlich unterwegs nur mehr davon, dass alles noch ist, wie es im Du Mont – Kunstführer steht. Bereitet sich auf eine Tagesfahrt von Wien nach Mariazell nicht unter zwei Monate vor. Reist ausschließlich mit akademischen Studienreiseveranstaltern und sucht Partnerschaften ausschließlich in Akademiker-Singlebörsen. Nimmt an Reiseleitern Rache für erlittene Schmach in Klassenzimmern. Lacht nur leicht weniger häufig als ein Kamel durch ein Nadelöhr geht.

Der Schnäppchenjäger: urgiert bei Werbefahrten den Frühbucherbonus. Kann über Besucher zu anderen Jahreszeiten nur lachen, wenn er bei fünfzig Grad in Mexiko oder mittags im Dunkeln am Polarkreis ankommt. Genießt es, als einziger Gast im novembrig verregneten Rimini Ansichtskarten zu schreiben. Bei Einkäufen verwandt mit

Der Souvenirliebhaber: bummelt man durch den Soukh von Marrakesch oder den Basar von Istanbul oder über die Oxford Street oder die Rialtobrücke, stellt sich irgendwann die Frage: wer kauft sowas?
Er.
Der Souvenirliebhaber hat wirklich eine beleuchtbare Gondel auf dem Fernseher stehen, die Regale des Hobbyraums sind gesäumt mit Gipsstaub-Abgüssen des Kolosseums und von Büsten der Nofretete, kleine eiserne Eiffeltürme stehen neben Plastikpagoden, und die Sammlung an Kopfbedeckungen vom Sombrero bis zum Baskenberet lässt Requisiteure erblassen.

Hitchhiker to the Universe: lässt sich gerne überraschen. Und mitnehmen. Erfährt per Autostop ganze Kontinente und Lebensgeschichten übermüdeter Fernfahrer. Wollte schon manchmal nur bis zum nächsten Einkaufszentrum und landete eine Zeitzone weiter. Halb so schlimm, Zahnbürsten gibt es überall. Glaubt an das Gute im Menschen, und daran, dass alle Autofahrer autofahren können. Lebt gefährlich.

Der Kulinariker: weiß, dass die Kultur eines Landes sich in der Küche äußert. Betrachtet Besichtigungen als Verdauungsintervalle oder notwendige Appetitanreger. Kostet aus, kostet gerne, kostet alles. Geht für eine Spezialität meilenweit, sonst eher wenig. Letztlich wird alles mit der Nahrung im Heimatland verglichen – insofern verwandt mit dem Komparativ (s.u.).

Der einem Schlückchen nicht Abholde: was ihn interessiert, hat auf einer Getränkekarte Platz. Kein Koffer ohne eine Flasche Hochprozentigem („Fürs Zähneputzen“ bzw. „Zur Verdauung“ {*Zwinker*}). Zur Sicherheit noch eine eiserne Reserve im Duty Free-Bereich, dann ein Frühstücksgläschen zur Belohnung an der Bar und der Urlaub kann beginnen.

Der Komparativ: vergleicht alles, kennt alle Statistiken – dieser Typus ist absolut immer männlich. Trägt ein portables GPS-System und geht nie ohne Thermometer und Maßband auf Reisen. Kennt die Höhe jedes Kirchenschiffs und die durchschnittliche Verspätung aller Züge der Transsib. Vergleicht immer und überall, insbesondere Äpfel mit Birnen. Gefürchtet auf Herrentoiletten.

Die allein reisende Dame: war nicht immer allein. Macht aus allem das Beste und genießt endlich die Reisen, die ihn nicht interessiert haben. Ist unauffällig, sitzt meistens weiter hinten im Bus und an einem Einzeltischchen im Restaurant. Leidet zurecht unter Einzelzimmerzuschlägen. Bleibt nicht immer allein.

Der allein reisende Herr: es hat sich halt nie ergeben. War früher oft mit seiner Mutter unterwegs. Erzählt gerne Witze und ist ein richtiger Alleinunterhalter. Bleibt immer allein.

Der Kreuzfahrer: kennt alle Meere des Planeten mit Vor- und Zunamen, alle Kreuzfahrtschiffe mit Bruttoregistertonnen und alle Essenszeiten an Bord auswendig. Verlässt sein Schiff nur unter Androhung von Gewalt oder bei Reiseende. Lieblingsspiel: Bingo, Deck zwölf, 16 Uhr.

Der Kreuzritter: kann es nicht fassen. Warum können „die“ nicht so sein wie „wir“? Steht allem Fremden verständnislos gegenüber. Würde gerne missionieren. Kann sich aber mit der Küche auswärts nicht anfreunden. Bleibt irgendwann zuhause.

(c) Alexander Kriegelstein

Ein 1. Preis der GEO-Reisecommunity…

Das Reisemagazin GEO hat ein Internetportal, das in der Tat besuchenswert ist:

 

http://www.geo-reisecommunity.de

Ich empfehle es auch, weil ich denen Demut und Dankbarkeit schulde: mein kleiner Text „Venice for Pleasure“ (auch hier im Blog) hat dort den ersten Preis für Reiseberichte aus Italien gewonnen.

Artenkunde der Reiseleiter

Zuallererst: wenn hier von Begleitern, Leitern und Gästen die Rede ist: bitte dazudenken, dass es natürlich ebenso Begleiterinnen, Leiterinnen und Gästinnen gibt – oft sind das die besten ;-) Nur Väter werden sie eher selten – Typ 6 hingegen sehr wohl (s.u.).

Zuerst: es gibt Reisebegleiter und Reiseleiter.
Reisebegleiter besuchen Hotels, manchmal Gäste, und verkaufen Ausflüge. Reiseleiter machen aus Gästen Reisende und aus Reisen Erlebnisse.

Vorweg: dass sich Reisende jemandem anvertrauen, der ihnen vorerst wildfremd ist, und der sie durch den Louvre, das Innere von Laos oder von westgotischen Kirchen in den Pyrenäen führen soll, ist ein nicht enden wollendes Wunder. Zum Glück für die Reiseleiter gibt es solche Menschen. Zum Glück für diese Reisenden gibt es Reiseleiter. Und zum Glück für den Louvre, das Innere von Laos und westgotische Kirchen in den Pyrenäen gibt es die so oder so.

Natürlich gibt es Guides, die drei Prinzipien huldigen: Kirchen von außen, Berge von unten, Wirtshäuser von innen. Aber es gibt auch die anderen. Doch wo Menschen ans Werk gehen, gibt es Verschiedenes. Noch einmal: zum Glück. Hier eine Auswahl:

Artenkunde der Reiseleiter:

Typ 1: Die Rampensau: verwechselt die Aufgabe mit einer Mischung aus militärischen Exerzitien und Getoastetwerden im Scheinwerferlicht. Vom Anbeginn der Reise ist klar: hier ist der Boss. Arbeitet im Winter als Schilehrer. Laut, herrisch, selbstbegeistert. Manche brauchen so jemanden. Sensible Naturen sollten sich fernhalten.

Typ 2: Der Entertainer: kennt den Unterschied zwischen ortsüblichen Hydranten und manuelinischen Portalen mehr vom Hörensagen und nicht auf den ersten Blick. Spricht gerne jeden an, aber nicht unbedingt fremde Sprachen. Kennt alle Witze mit Vor- und Zunamen, auf tausend Meter und mit Stammbaum. Andere Stammbäume weniger, aber kennen Sie den: „…“? Kramt spät an der Bar gerne zufällig eine Gitarre hervor. Lässt sich nicht lange bitten.

Typ 3: Die Angewandte Eigentherapie: wurde immer schon von allen missverstanden und hat endlich ein weites Betätigungsfeld gefunden – die Welt. Verpackt Eigenbrötlerisches und bedenkliche Psychosen in das Vorrecht einer sehr individuellen Persönlichkeit. Lässt andere am eigenen Leben Anteil haben, und zwar ausgiebig, und zwar hallo! Motto: meine Couch ist mein Sitzplatz rechts vorne. Lässt sich sehr bitten.

Typ 4: Das Händchen fürs Geld: betrachtet Flugzeuge und Autobusse als Mischung zwischen Füllhörnern und Eier legenden Wollmilchsäuen. Was ihn interessiert, hat auf einer Preistabelle Platz. Bekommt sogar von Mc Donald’s Provision, auch wenn nur die Toiletten benutzt werden. Reiseprogramme sind Shopping-Touren, Städte Einkaufszentren und Kunden Opfer. Anatolische Teppichhändler genieren sich hin und wieder für sie. Schweizer Schmuck- und Uhrenmanufakturverkäufer nie.

Typ 5: Der Professor: hat dreiundzwanzig Semester Soziologie und Psychologie studiert, was ihn auf Reisegruppen in absolut keinster Weise vorbereitet hat. Wird vom Organisieren einer Kaffeepause heillos überfordert und versteckt sich in der Tankstelle neben dem Rasthaus. Trägt auch in den Tropen Krawatte und gerne vor. Macht Frauen mit unverfänglichen Gesprächen über das Dorische Eckproblem scharf. Liebt Rodins „Denker“. Hassobjekt aller Buslenker.

Typ 6: Das mobile Beziehungschaos: kann sich nicht so recht festlegen. Tröstet gerne über etwas hinweg, nur nicht über verpasste Gelegenheiten. Kann so gut zuhören und ist so verständnisvoll. Ist multipel geschieden, immer wieder verblüfft Vater geworden und inflationär versprochen. Verbringt die Freizeit mit dem Abgleichen von Handynummern und Flugplänen und auf der Flucht. Arbeitet häufig mit Typ 1 in Kitzbühel. Lieblingslied: „I Wanna Hold Your Hand“. Lieblingsbuch: „Vatsyayana Kamasutra“. Lieblingsfilm: „The Day After“.

Typ 7: Der Künstler: eigentlich malt/fotografiert/komponiert/schreibt er ja. Heutzutage kann man von so was halt leider nicht leben (*seufz*). Muss daher um schnöden Mammon ignoranten Touristen die Welt erklären. Könnte sich stundenlang zuhören. Kann alles interpretieren, vor allem miß-. Fühlt sich den Musen näher als der Erde, den Wenigen vertrauter als der Herde. Dieses Gefühl wird nicht erwidert.

Typ 8: Der Polyglotte: sammelt Städte, Sprachen und Stammlokale wie andere Bierdeckel. Spricht als einziger lebender Mensch noch (unabsichtlich) Esperanto, behauptet aber, es handele sich um Russisch/Schwedisch bzw. Spanisch. Kann Speisekarten aus zwölf Idiomen übersetzen und bevorzugt den Roten (Restaurant-) Michelin entschieden dem Grünen (Reiseführer). Kennt Kellner, Maîtres d’ und Rezeptionistinnen auf sieben bis acht Kontinenten. Heimat: los.

Typ 9: Das Helfersyndrom: trägt fremde Koffer und schwer am eigenen Schicksal. Tauscht bis in die Morgenstunden (dieselben zwei) Zimmer von Gästen aus und hat für alles Verständnis. Kostet vor, läuft nach und geht irgendwann unter. Überspielt mangelnde Ortskenntnis mit jovialer Schleimerei. Lebt vom und vor allem fürs Trinkgeld. Begleitet auch aufs Örtchen, wenn’s sein muss. Ist eigentlich auch eher Begleiter. Hassobjekt aller richtigen Reiseleiter.

Typ 10: Das Genie: kennt jedes Marterl am Wegesrand, jede Kathedrale an ihrem Schattenriss bei Gegenlicht, spricht und versteht wirklich sieben Sprachen und die eigene fehlerfrei, hat Psychologie, Kunstgeschichte, Theologie, Semiotik und Ethnologie studiert. Und verstanden. Und kann das anwenden bzw. weitergeben. Kann Karten lesen statt legen und nimmt Menschen ernst, aber gelassen. Begegnet Fremden vorurteilslos und Vorurteilen befremdet. Hat Humor, gibt ihn jedoch sparsam weiter. Ist sich der Notwendigkeit zu Schauspielerei bewusst, aber auch der Tatsache, nicht Hamlet zu sein. Nimmt sich gern zurück, aber auch ein Recht auf eine eigene Meinung. Naher Verwandter des Yeti und ähnlich häufig anzutreffen.

(c) Alexander Kriegelstein

Zanzibar

Nietzsche war immer unterwegs, gerne verbrachte er Winter in Venedig, Sorrent, Nizza. In Nizza bin ich seine Quartiere diesmal besuchen gegangen, die, die es noch gibt. Und in Èze war ich, wo der dritte Teil des Zarathustra entstand. Marc Chagalls Grab habe ich in St. Paul de Vence wieder besucht.

In Cannes wollte ich die ZanziBar besuchen, am Anfang der Fußgängerzone bei der Rue d’Antibes in der Altstadt. Irgendwie ist sich das dann nicht ausgegangen. Klaus Mann war dort Stammgast, noch in der Nacht vor seinem Freitod hat er dort einen Matrosen kennen gelernt. Klaus Mann liegt in Cannes begraben.

In der letzten Nacht in Nizza war ich dann noch in der Bahnhofsgegend. In einer Spelunke wurde es früh – mit Rachel, die aus Ghana kommt und mir die Mädchen aus dem Senegal ans Herz legte, und ihrer Freundin Mary, die aus Liberia ist und schwört, dass die Mädchen dort alle anderen übertreffen. Und mit Jean-Paul und David und den anderen. Den größeren Teil der Nacht standen wir vor dem Lokal und stellten unsere Gläser auf parkende Wagen. Verstöße gegen das Nichtrauchergesetz sind teuer. Wir haben viel gelacht und sehr gelebt. Als ich ging, fiel mein Blick auf den Namen der Bar: „Le Zanzibar“, allerdings Nizza. Ich denke, Klaus Mann war trotzdem da.

Pardon me boys, is that the Chattanooga Choo Choo?

Die Österreichischen Bundesbahnen sind ein einzigartiges Unternehmen. Es ist ihnen gelungen, den Schwerverkehr nicht von der Straße auf die Schiene zu bringen, obwohl massive Wettbewerbsvorteile gegeben wären. Es ist ihnen gelungen, in der Auseinandersetzung mit Fluglinien im Kampf um Passagiere auf allen Ebenen sang- und klanglos unterzugehen. Jedes Jahr zu allen Urlaubsbeginn-Terminen werden sie heillos überrascht und stellen fest, dass an manchen Tagen mehr Waggons benötigt worden wären als an anderen. Die Südstrecke wird immer noch mit alten Garnituren und unregelmäßig voraussetzbaren Klimaanlagen betrieben. Das Personal besteht aus als geheilt Entlassenen und in diesem Leben nicht mehr Resozialisierbaren.

Dafür gehen immer noch Verwaltungsangestellte zur Halbzeit ihrer Lebenserwartung in die erschuftete Pension, und der Häuptling des Vereins ist einer der Hot-Top-Jobs des Landes, heiß umfehdet, wild umstritten.

Zu teuer, zu unflexibel, zu dumm.

Inzwischen weiß ich jedoch, dass eine kernkompetente Abteilung von sicher kaum bezahl- geschweige denn überschätzbaren Spezialisten am Image der ÖBB arbeitet. Mit schmunzelnder Verwunderung saß ich vor kurzem ein paar Stunden in einem Zug, der den schönen Namen „EC 561 Europäischer Computer Führerschein“ trägt. Es gibt, fand ich dann heraus, auch den „IC 645 Beste Österreichische Gastlichkeit“, den „IC 640 60 Jahre Katholische Frauenbewegung“ und den „EC 662 WorldVision – Kinderpatenschaft“. Na ja, der Computer-Deckel ist echt wertlos, bei World Vision hat die Chefin Spenden für verhungernde Kinder eingesackt, Frauenbewegungen kenne ich schon zu lange nicht mehr, kann mir aber vorstellen, dass man sich in 60 Jahren katholischer Missionarsstellung langweilt, und die beste österreichische Gastlichkeit wird prägnant unter „Hamma net“ und „Kollege kommt gleich“ zusammengefasst, begleitet von rotzfrechen Preisen, oder?

Für 3600 Euro kann man schon den Namen eines Regionalzugs für ein Jahr kaufen. Ein Intercity, der durch mehrere Bundesländer fährt, kostet etwa 10 000 Euro pro Richtung.

Gestern jedoch musste ich endgültig meinen Hut ziehen vor den Marketing-Magiern der ÖBB: ein Unternehmen, das solche Namen durch die Lande trägt, muss einen Ruf wie Donnerhall bekommen – nach Graz brachte mich und viele andere fröhliche Passagiere kein anderer als der „EN 246“ – sicher bald besser bekannt als „TELEFONSEELSORGE RUF 142“.

Chapeau!

Addio, Italia!

 

Tobias Jones hat in einem überaus lesenswerten Buch „Das dunkle Herz Italiens“ beschrieben, aber immer noch als eine, wie untertitelt, „kritische Liebeserklärung“.

Das kann ich nun nicht mehr. Wir sind, mein einstmals geliebtes Italien, fertig. Ich mache Schluss mit uns.

Du wirst es überleben (das schon), und ich auch. Ich werde wiederkommen, aber nur, weil ich dafür bezahlt werde.

Enttäuschte Liebende sind die Schlimmsten, und vielleicht bin ich deswegen auch nicht fair; vielleicht war ich es schon nicht, als ich vom „Beginn einer lebenslangen Suche“ (hier im Blog und unter www.einestages.spiegel.de) schrieb.

Ich will auch nicht mehr von diesen Politikern schreiben, die einfach nur verkommen sind; nicht von den Medien, die einer zivilisierten Nation unwürdig sind, und nicht von den Auswirkungen der Gehirnwäsche durch das Fernsehen, das einen einsamen Tiefpunkt darstellt in Europa. Das gibt einem Volk den Rest, das noch nie allzu großer Bildungsnähe verdächtig war, und dessen intellektuelle Brillanz sich zunehmend in diesen stereotypen Gesten niederschlägt, die ähnlich von Individualität zeugen wie das „you know“ oder das sekündlich einzusetzende „like“ der US-Amerikaner. Dafür kann kein Korrespondent oder sonstiger Journalist Italiens, kein Manager und selbstverständlich kein Politiker, geschweige denn irgendein frei laufender Staatsbürger irgend einen fremdländischen Namen korrekt aussprechen und die große Mehrzahl nicht einmal ein rudimentäres Englisch.

Dass die Kinder nun auf der Überholspur verfetten, beraubt Dich, Italien, eines Deiner letzten Vorteile: Ihr seid nicht mehr schöner als die meisten, auch das ist vorbei. Nur besser gekleidet, und das geht gerade vorbei.

Italiens Wirtschaft ist erledigt. Jahrzehntelang wurde der Rest der Welt verhöhnt: zwölf Artikel im Warenkorb zur Inflationsmessung, wurde einer zu teuer, wurde er ausgetauscht. Ein Drittel lebt inzwischen an oder unter der Armutsgrenze. Man kann alle eine Zeitlang und viele für immer, aber man kann nicht die ganze Welt ewig verarschen.

Man könnte nun meinen, das wären die Angelegenheiten und Probleme Italiens – das stimmt leider schon bei der Wirtschaft nicht.

Doch eines ist ganz sicher nicht mehr hinnehmbar: Du, Italien, hast mehr als die Hälfte des UNESCO-Kultur- und Naturerbes Europas.

Die vergifteten Landstriche, in denen die Kindersterblichkeit und die Krebsrate höher sind als in der Dritten Welt, sind nicht nur ein Problem der direkt Betroffenen. Die Verschmutzung und Vernachlässigung der Umwelt, ökologisch, ästhetisch und akustisch, hat aus einem der schönsten Länder der Erde streckenweise eine Kloake gemacht. Es geht dabei nicht nur um Wirtschaftskriminalität und Giftmüll: es geht auch um die Verdreckung des Landes, die allerorten sichtbar ist, es geht auch um mangelnde Erziehung und mangelnden Respekt. Und es geht, jawohl, auch um den Zustand der öffentlichen Bedürfnisanstalten. Ihr wollt so gesehen werden? Bitte sehr.

Doch das Erbe der Menschheit gehört nicht Italien; und der Zustand der Museen, der Kirchen und archäologischen Stätten, der Städte und Küsten geht auf keine Kuhhaut mehr. Hier zeigt sich ein schockierender Mangel an Obsorge, an Verantwortungsbewusstsein und an – Geld, ich weiß. Doch umgekehrt funktioniert es ja: das Verramschen floriert, solange der Rubel rollt. Tausende und Abertausende werden täglich von jenen unsäglichen Seelenverkäufern, euphemistisch Kreuzfahrtschiffe genannt, in die Städte und Museen und auf die Inseln des Landes geflutet, ohne jede Rücksichtnahme auf das Besuchte oder die Besucher. Dass Letztere dann enttäuscht und traurig in ihre schwimmenden Werbefahrten-Bettenburgen zurückkommen, nachdem sie in Horden gepackt an vernachlässigten Sehenswürdigkeiten, geschlossenen Kirchen und Museen sowie in menschenunwürdige Restaurants geschleust wurden, ist offensichtlich allen Verantwortlichen völlig gleichgültig. Und die anderen, die absurde Preise für miserable Hotels zahlen, die in allen Nachbarländern jeweils eine Kategorie besser sind und um eine weitere Kategorie günstiger, stellen fest, dass es endlich (natürlich nur italienisches!) Fernsehen gibt in Italiens Alberghi, wenn auch immer noch keine Eiskästen, und WLAN nicht einmal in der Luxuskategorie voraussetzbar ist. Doch das ist Tourismus, darum geht es nicht. Es geht um das unerträgliche Zerstören der Natur und Kultur Italiens.

Die Missachtung der Verantwortung für diese Kernpunkte unseres gemeinsamen Erbes kann nur eine Konsequenz haben: Enteignung, UNO-Truppen nach Pompeji und in die Innenstädte Roms und San Gimignanos, die Fremdenlegion nach Venedig, Sperrung der Häfen und der Vatikanischen Museen, Mülltrennung als Pflichtfach ab der Volksschule, die Bastonade für Betreiber von Autobahntoiletten.

Bis dahin jedoch, Italien, sind wir geschiedene Leute. Vielleicht komme ich ja doch auch alleine mal wieder. Aber dann nach Venedig, im Winter. Und dort warst noch nie Du, Italien.

Addio!

(Das folgende Lied von Lucio Dalla stand am Anfang meines Erlernens des Italienischen; es passt auch als Abgesang):

L’anno che verrà

Lucio Dalla

Caro amico ti scrivo così mi distraggo un po‘
e siccome sei molto lontano più forte ti scriverò.
Da quando sei partito c’è una grossa novità,
l’anno vecchio è finito ormai ma qualcosa
ancora qui non va.

Si esce poco la sera compreso quando è
festa e c’è chi ha messo dei sacchi di sabbia vicino alla
finestra, e si sta senza parlare per intere settimane,
e a quelli che hanno niente da dire
del tempo ne rimane.

Ma la televisione ha detto che il nuovo anno
porterà una trasformazione
e tutti quanti stiamo già aspettando
sarà tre volte Natale e festa tutto il giorno,
ogni Cristo scenderà dalla
croce anche gli uccelli faranno ritorno.

Ci sarà da mangiare e luce tutto l’anno,
anche i muti potranno parlare
mentrei sordi già lo fanno.

E si farà l’amore ognuno come gli va,
anche i preti potranno sposarsi
ma soltanto a una certa età,
e senza grandi disturbi qualcuno sparirà,
saranno forse i troppo furbi
e i cretini di ogni età.

Vedi caro amico
cosa ti scrivo e ti dico
e come sono contento
di essere qui in
questo momento,
vedi, vedi, vedi, vedi,
vedi caro amico cosa si
deve inventare
per poterci ridere sopra,
per continuare a
sperare.

E se quest’anno poi passasse in un istante,
vedi amico mio
come diventa importante
che in questo istante ci sia anch’io.

L’anno che sta arrivando tra un anno passer�
io mi sto preparando è questa la novità…

Beginn einer lebenslangen Suche

 

Wir waren sechzehn und wir waren zu fünft. Wir hatten zwei Wochen in Pescara bei Freunden am Meer verbracht. Es war stets klar, wann wir zurück nach Wien reisen würden: am 2. August 1980. Warum wir 24 Stunden früher heimfuhren, weiß keiner von uns. Es hatte keinen Streit gegeben, eher das Gegenteil – es war schön gewesen.

Um den Zug nach Wien zu nehmen, mussten wir vormittags in Bologna umsteigen. Die Wartezeit vertrieben wir uns im Bahnhofscafé und im Wartesaal zweiter Klasse. Im Café ärgerten wir uns über einen ungewohnt unfreundlichen Kellner. Wir waren sehr in Italien verliebt, in alle Italiener und Italienerinnen, das Leben war schön. Ein mürrischer Kellner passte nicht ins Bild.

Falls er am nächsten Tag zur selben Zeit Dienst gehabt hatte, ist er wohl an jenem Tag gestorben. Im Wartesaal und im Café überlebte niemand. 85 Menschen wurden von einer Bombe, die in einem Koffer in der sala di attesa deponiert war, zerrissen, 200 weitere großteils schwer verletzt.

Wir selbst waren anfangs nur unendlich schockiert und teilten das Staunen über ein Wunder. Erst später begann ich, mich dafür zu interessieren, wer so viele – und auch mich – umzubringen geplant hatte. Seit einem Vierteljahrhundert habe ich fast alles gelesen, was auf Deutsch und Englisch über den Anschlag veröffentlicht wurde, auch vieles auf Italienisch.

Unglaubliche Wahrheit

Medien und die tonangebende Politik hatten anfangs die Roten Brigaden, eine linksextremistische Terrorgruppe, verantwortlich gemacht. Es dauerte lange, bis klar wurde, wer hinter „La Strage di Bologna“ steckte. Es gibt zwei Verurteilte (die mittlerweile wieder in Freiheit sind), aber die Hintermänner wurden nie schuldig gesprochen. Jeder weiß, um wen es sich handelt, und man kann nur verstehen, dass dieser Anschlag ungesühnt bleibt, wenn man Italien sehr nahe gekommen ist. Wenn man die Geschichte des Anarchismus und des Terrorismus kennt. Wenn man das abgrundtiefe Prinzip der Lüge und des Zynismus, die die italienische Innenpolitik mehr geprägt haben, als die jedes anderen demokratischen Landes, zur Kenntnis genommen hat. Wenn man eingesehen hat, dass das Unglaubliche wahr ist, und umso wahrer, je unglaublicher es scheint.

Der damals ermittelnde Staatsanwalt Libero Mancuso schreibt verbittert:

„Vielleicht ist Italien deshalb nicht mehr in Gefahr, weil bereits alles so gekommen ist, wie bestimmte Kreise es gewollt haben. Wir leben etwa nach Gesetzen, die für ein zivilisiertes Land entwürdigend sind. Mit Reformen, die uns weit zurückwerfen. Wir erleben eine Schwächung all jener Institutionen, die über die Verfassung wachen müssen. Das ist gefährlich für das demokratische Gleichgewicht. Überflüssig zu fragen, ob heute noch Terrorgefahr besteht. Die Dinge haben sich vollzogen, das Desaster ist bereits geschehen. Das Problem ist, wie man da wieder herauskommt.“

„Man muss alles verändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“ Das berühmte Zitat aus Lampedusas „Der Leopard“ ist ein schrecklicher Satz. Die höchsten Repräsentanten zahlreicher Regierungen (nicht nur) des italienischen Staates haben ihm eine grausame Bedeutung verliehen.

Ich habe Italien zu verstehen gelernt – auch aufgrund des unglaublichen Zufalls, damals davongekommen zu sein. Mein heutiges Italien hat nicht mehr viel zu tun mit dem von 1980. Nicht, weil Italien sich so verändert hätte, sondern weil ich es nun besser kenne. Es ist noch immer das Land meiner Träume und meiner Sehnsucht. Vielleicht war ich in keinem anderen Land so oft glücklich, und vielleicht lebt man nirgends näher am Schönen als dort. Aber es ist auch ein Land, in dem die Schlächter ungestraft bleiben.

Auch zu finden im SPIEGEL:
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/1089/beginn_einer_lebenslangen_suche.html

Understatement in Cash

Die Brücke auf den 100 €uro-Scheinen ist eines der verkanntesten Bauwerke Europas: jeder Besucher von Florenz stürmt auf den Ponte Vecchio, kaum einer hat einen Blick für die benachbarte Brücke stromabwärts: den Ponte della Trinitá, der nun zur Ehre der ökonomischen Altäre erhoben wurde, hundertfach die Hoffnung der Europäer illustrierend. Seine elegante Form ist eine Inkarnation von schlichter Schönheit: der Bogen ist dem einer Geige nahe verwandt, lässt sich jedoch in kein geometrisches Muster zwängen. Erst nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges haben umfangreiche Studien bestätigt, was bis dahin nur geahnt worden war: die Brücke geht auf einen Entwurf Michelangelos zurück. Was andernorts eine Sensation darstellte, bewirkt in Florenz kein großes Aufsehen. Schließlich weiß auch kaum jemand noch, dass Dante auf dem Ponte della Trinitá, der Vorgängerin derer des Buonarotti, seiner Beatrice und damit seinem Schicksal begegnete. So trägt unser Geldschein die Mahnung von Paradies und Inferno in sich; vielleicht ist es besser, wenn das weniger bekannt ist, ist doch die „Wissenschaft“ von der Wirtschaft ein empfindliches Pflänzchen und in erster Linie Psychologie. Dies wissend wurden die Medici was sie wurden.

Es findet sich diese Stein gewordene Harmonie dafür auf unzähligen Urlaubsfotos im Hintergrund, während sich die Goldhändlerläden und die Büste des größten aller Goldschmiede, Benvenuto Cellini, auf dem Ponte Vecchio ungeteilter Bewunderung erfreuen.

Der Ponte Vecchio ist dabei selber unter seinem Wert geschlagen: wenige seiner Besucher sehen den Gang, der über den Läden den Palazzo Pitti mit den Uffizien verbindet, selber eine, nicht ganz leicht zugängliche, Bildergalerie. Weil die damaligen Fleischerläden einem Ferdinando Medici geruchlich nicht konvenierten, ließ er die Juweliere und Goldhändler einziehen. Seine erhaltene Bebauung mit kleinen Läden entspricht dem Bild, das wir uns von allen Stadtbrücken des Mittelalters machen müssen: erst in der Neuzeit verloren fast alle ihren merkantilen Charakter.

So ziehen heute die Heerscharen der Genuss-Reisenden aus aller (Damen und) Herren Länder über den Ponte Vecchio, um von den Uffizien zum Pitti-Palast zwischen den Residenzen der Medici und zwei der herausragendsten Museen der Welt zu wandeln. Dabei ist es möglich, Florenz zu besuchen und vieles vom Größten, das je geschaffen wurde zu sehen, ohne ein Museum zu betreten: die Fassade von Santa Maria Novella ist in ihrer marmornen Pracht doch vor allem der Skizzenblock des Leon Battista Alberti, auf dem alles steht, was Architektur in der Renaissance sein sollte. Die Kuppel des Domes von Brunelleschi wurde das Vorbild derer von Sankt Peter zu Rom und aller Barockkuppeln dieser Welt, in San Lorenzo schuf er den Inbegriff eines Renaissance-Raumes, machte Donatello die Alte Sakristei zu einem Schrein, der kongenial in der neuen Sakristei von Michelangelo kontrapunktiert wird. Brunelleschi und Donatello hatten in Rom gegraben und vermessen und waren von den Römern als Schatzgräber belächelt worden: in einem anderen Sinn waren sie das, sie hoben den Schatz des Wissens der Antike um Symmetrie, Form und Maß.

In den Nischen der gotischen Wollhändler-Kirche Orsanmichele finden sich Statuen der Crème de la Crème der Bildhauerkunst: Werke von Verrocchio und Donatello neben solchen von Luca della Robbia und Lorenzo Ghiberti, Michelozzo und Giambologna an einem Ort zu finden macht schwindeln, wie der Skulpturenpark vor dem Rathaus mit Giambolognas Cosimo, Michelangelos David, Donatellos Judith und Ammanatis Brunnen, Cellini und die Antiken sind hier noch gar nicht erwähnt. Dass viele dieser Gigantenwerke im Original in Museen besser bewahrt sind, macht der Freude des Betrachters keinen Abbruch.

Die Malerei wie wir sie kennen gäbe es nicht ohne die Männer, die sich von Florenz und der Toskana aus in unerforschtes Neuland begaben: Duccio, Masaccio, Uccello, Mantegna, Piero della Francesca, Botticelli, Perugino, Lippi, Leonardo, Raphael und Michelangelo sind hier nur die bekanntesten. Wenn man sich vor Augen hält, dass die im Schlaf gesprochenen Worte des Paolo Uccelo „Ma com`é bella questa perspettiva!“ das eifersüchtige Rasen seiner Gattin auf eine vermeintliche Nebenbuhlerin namens Perspektive hervorrief, kann man ermessen, wie wenig der Blick für die Dinge damals noch vorhanden war. Er musste neu gefunden werden. Und neu gefunden, neu gesehen wurde hier alles.

Wieso hier? Lange Abhandlungen über die ökonomische Blüte der Toskana im 13. – 15. Jahrhundert, über die relative „demokratische“ Freiheit der Stadtstaaten, über lange Phasen glücklicher Ernten, die Bedeutung des Tuchhandels und die Vorausschau des Bankensystems geben eine Seite der Wirklichkeit wieder. Rationale materialistische Geschichtswissenschaft gerät jedoch an Grenzen, wenn die Frage auftritt: warum konnte hier die Schönheit siegen? Es ist über die Maßen verpönt geworden, Menschen und Menschliches in Erklärungen für historische Vorgänge einfließen zu lassen. Doch wo es um den Humanismus geht, führt am Menschen kein Weg vorbei.

Menschen, allzu menschlich, waren auch und gerade die Medici. Aber in den ersten Generationen ihrer Blüte vereinte dieses Geschlecht mehr kunstsinnige Mäzene als irgendeine andere Familie oder Regierung aller anderen Epochen. Sie machten dem ruinösen ständigen Bürgerkrieg zwischen Guelfen und Ghibellinen, Schwarzen und Weißen, Papst- und Kaisertreuen ein Ende, regierten hart und erfolgreich, auch mit List und Gewalt, aber sie ließen dem Genius Raum. Und sie hatten Geschmack. Das ist mehr als man von den meisten Regenten und Dynastien sagen kann. Noch die letzte ihres Namens, Anna Maria geborene von Sachsen, die es wahrlich nicht leicht gehabt hatte, die Orgien und öffentlichen Selbsterniedrigungen ihres Gatten, Gian Gastone, des letzten seines Stammes, zu ertragen, hinterließ Florenz das größte Erbe, das je einer Stadt zuteil wurde: die Schätze der Medici wurden zur Sammlung der Uffizien, die nie die Stadt verlassen dürfen.

Über den Ponte della Trinitá wird auch heute noch gegangen und gefahren: abgesehen vom Alltagsverkehr spazieren über sie Bildungshungrige, die in der Brancacci-Kapelle von Sta. Maria del Carmine  sehen wollen, wie Masaccio seine Mitbürger und alle Generationen nach ihm das Sehen lehrte: hier, wenn irgendwo, wurde die Renaissance-Malerei geboren. Die unauffällige Brücke des Michelangelo mit ihren Reminiszenzen an Dantes unsterbliche Liebe ist ein Weg an diesen Ort und vielleicht kein schlechtes Motiv für ein Stück Papier, das unsere Konten höher schlagen lässt.

Peter Paul Rubens – Malerfürst in X-Large

 

Hätten Sie’s nicht größer?

Was für ein Leben! Geboren wurde er im Exil seiner Eltern in Westfalen – der Vater, ein angesehener Jurist in Antwerpen, war ein kleines Pantscherl mit der Frau des Prinzen Wilhelm von Oranien eingegangen und hatte eine Übersiedlung aus den Niederlanden ausgesprochen lebensverlängernd gefunden.

Der Sohn bereiste halb Europa, Italien des Studiums wegen, die meisten anderen Länder als Diplomat. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und des Bürgerkriegs in England. Überall sollte er vermitteln und vor allem berichten, als Auslandskorrespondent und königlicher Berater, als Händchenhalter der abgehalfterten Königin von Frankreich Maria, geborene Medici, deren Heirat mit Heinrich IV. er zuvor in Kolossalplakaten gefeiert hatte. Er diente außerdem Albrecht von Habsburg, Karl I. von England, Philip III. von Spanien. Gerne ließ er sich beim Malen aus dem Tacitus vorlesen, während er gleichzeitig (!) einen Brief diktierte. Drei Sprachen sprach er, sieben konnte er lesen. Sir Peter wurde in England und Spanien geadelt, erhielt ein Ehrendoktorat aus Cambridge, zog sich jedoch aus der Politik zurück, sobald es ihm möglich war. Es ist trotzdem ein Wunder, dass er die Zeit fand, ein so gewaltiges Werk zu hinterlassen: 3.000 Bilder verließen seine Werkstatt, 600 sind von ihm, und was für welche: der Begriff „Schinken“ ist vielen seiner 40-Quadratmeter-Kulissen durchaus angemessen, sein Oeuvre insgesamt bedeckt gut und gerne die Fläche eines Fußballfeldes. Toulouse-Lautrec hat weniger Flüssiges zu sich genommen als Rubens in Form von Farben verbrauchte, was den Zusammenhang von „im Öl sein“ und „in Öl malen“ schön veranschaulicht. Selbst ein so privates Werk wie der „Liebesgarten“ im Prado, das er für sich selber malte, misst fast zwei mal drei Meter, für die wirklich große Brieftasche halt. Wahrscheinlich würde er heute nebenbei Dekorationsposter für XXXL-Möbelhäuser entwerfen, am Urheberrecht für Reproduktionen arbeitete er als erfolgreicher Kaufmann schon damals erfolgreich.

Jetzt muss man nach Paris in den Louvre, ins Schloss zu Windsor, in die Alte Pinakothek in München, in die National Gallery in London, die Eremitage in St. Petersburg, nach Dresden, Florenz, Berlin, in das Kunsthistorische Museum in Wien, vor allem nach Antwerpen, Vaduz, in den Madrider Prado reisen, um seine bedeutsamsten Werke zu sehen. Die Bilder der Liechtensteinischen Sammlung kehren allerdings bald wieder nach Wien zurück, woher sie 1938 ausquartiert worden waren. Das neue Museum im vorbildlich renovierten Palais Liechtenstein am Wiener Alsergrund ist ein würdiger Rahmen.

Warum wurde dieses Leben nicht erfolgreich verfilmt? Rubens war zum Leidwesen Hollywoods ein glücklicher Mensch. Er war keiner Droge verfallen, seine beiden Ehen waren harmonisch, er war hoch geehrt und räumte finanziell richtig ab, besaß ein Schloss in der Nähe von Brüssel und ein herrschaftliches Haus in Antwerpen, ja, er beging ärgerlicher Weise nicht einmal Selbstmord. Vor allem aber zweifelte er nicht an seinem Werk. Und dieser Mann schuf endlos Großes: manche seiner Bilder sind für die Ewigkeit – man kann sich darin verlaufen und wird nie fertig. Wer hatte vor ihm so geschildert, was „Leben“ ausmachen kann? Das pralle Leben war sein Thema, und das stellte er dar. Mit 53 und als Witwer heiratete er die 16-jährige berühmte Schönheit Hélène Fourment und hatte mit ihr noch vier Kinder. Glück pur, und das ist langweilig. Nicht langweilig sind seine Bilder. Viele seiner Gemälde hatte er bloß entworfen und angedeutet, seine Schüler (unter ihnen van Dyck) leisteten die Knochenarbeit, und Rubens hauchte den Gemälden mit einigen Pinselstrichen Leben ein, das tat er wirklich. Nicht wenige sind nicht erstrangig, um es vornehm auszudrücken. Sein Ildefonso-Altar in Wien wirkt leicht verwackelt und wäre als Werbesujet für die gleichnamigen Nougat-Würfelchen vielleicht geeigneter als für ein Sakralgemälde. Vorwegnahmen Fellinischer Dolce-Vita-Szenen in einer Orgie aus Technicolor und weiblichen wasserstoffblonden Sumo-Ringerinnen sind keine Ausnahme in seinem Werk. Diese seine dicken Frauen hat man ihm so oft vorgeworfen – aber im Ernst, wer hätte nicht lieber ein wenig mehr vom wirklichen Leben mit einem seiner Modelle anstatt mit einer selig entrückt-lächelnden Rosenkranz-betenden Madonna Leonardos oder einer der Bulimie-Schönheiten unserer Tage? Das Scheppern von Knochen hören wir alle noch früh genug.

Doch hätte Rubens nur das „Pelzchen“ des Kunsthistorischen in Wien gemalt oder seine Clara Serena aus Vaduz, die zwölfjährige Tochter, kurz vor ihrem frühen Tod, die hoffentlich bald wieder in Wien zu sehen sein wird, das genügte schon, ihm den Rang eines Unsterblichen zu verleihen. Mehr als bei allen anderen Großen der Kunstgeschichte kann man sein Auge als Betrachter an seinen Werken prüfen und schulen: hin und wieder war er plakativ, ja, aber manchmal, vor allem in seinen Kompositionen (Motto: „der ganze Doktor Schiwago in einem Bild“), war er eine Übergröße. Ein Titan, X-Large in jeder Hinsicht.