Archiv der Kategorie: Texte, Essays

Ultimo Viaggio – eine letzte Reise

„Alexander, das ist das letzte Mal“, hatte sie gesagt. Auf meinen fragenden Blick hin erklärte sie mir, dass sie nur noch wenige Monate hatte. Das war zu Beginn des vorjährigen Frühlings. Vorige Woche ist sie aufgebrochen, für immer.

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Männer reisen seltener allein, wenn sie älter werden. Frauen werden älter, und sie sind dann eben häufiger allein.Frau G war nicht wirklich alt geworden, nach heutigen Maßstäben. Sie war allerdings schon lange allein gewesen, „mehr als mein halbes Leben“ hatte sie einmal gesagt.Sie war in den vergangenen Jahren sieben- oder achtmal mit mir auf Reisen gewesen, das erste Mal gleich bis Neuseeland. Wir hatten einander sofort gemocht, glaube ich. Soviel ich weiß hat sie ihre Reisen dann – auch – danach ausgerichtet, wohin ich unterwegs war. Weiterlesen

A Dream Come True

“Was hat Sie eigentlich nach Casablanca geführt?“ “Die heißen Quellen.“ “Aber es gibt hier keine heißen Quellen…“ “Ich weiß. Es war ein Missverständnis.“ Humphrey Bogart als “Rick“ in Casablanca

Sie sitzen und sehen der Erde beim Sich-Drehen zu. Und träumen. Von Casablanca bis Muscat sitzen die stolzen Männer Arabiens vor oder in ihren Läden und Büros und warten und verwalten und träumen, plaudern, trinken Tee oder Kaffee, und sitzen. Und denken es wäre Arbeit. 
Ist es ein schöner Sonntag und ist etwas Geld da, kennen sie kein größeres kleines Glück als mit der Familie in eine Oase zu fahren und dort ein Picknick zu genießen. Dort sitzen sie dann, stundenlang, und trinken Tee, knabbern Kekse und träumen. Das sind die friedlichsten Kinder Gottes.

Nahi wollte nicht so leben. Nahi ist Berber, aus dem Süden Marokkos. Er war auffallend gut in der Schule, wissbegierig und aufgeweckt. Träumen, das konnte er auch. Sein Traum war es, Reiseführer zu werden. Mit Menschen aus allen Teilen der Erde zu arbeiten. Zu reisen. Nahi hatte Glück, nur vier Geschwister, eine verständnisvolle Familie und einen Onkel, der in Frankreich genug Geld verdiente, um die Familie zu unterstützen. Nach der Schule konnte Nahi neben dem Französischen bereits ein paar Brocken Deutsch, Satzfetzen, die er von Touristen erbeutet hatte. In seinem Schulbuch hatte er ein Bild aus der Schweiz gesehen, eine Alpenlandschaft mit Bergen und Seen und viel Schnee. Ziemlich genau so stellte sich Nahi, der aus der Wüste bei Agadir stammt, das Paradies vor. Und dort, in der Schweiz, so stand es in seinem Schulbuch, wird deutsch gesprochen. Nun bekam er, vor mehr als dreißig Jahren, die Chance seines Lebens, und er war entschlossen sie zu nutzen. Weiterlesen

Venice for Pleasure

[nggallery id=4]Venice for Pleasure

ist gleich der Titel nicht nur des besten Führers für Venedig, sondern des besten je geschriebenen irgendeiner Stadt. Aber der Reihe nach:

Bestes Hinkommen:

Per Zug – entspannt in der Früh aufwachen mitten in der Stadt. Fliegen kostet viel Zeit vom An- bzw. Abreisetag. Und eine halbe Tonne CO2 pro Person fällt bei diesem Flug auch an… – muss ja nicht sein.

Per Auto ist sowas wie ein nicht bestandener Intelligenztest. Man kann in Punta Sabbioni oder am Piazzale Roma parken (zum Preis eines Hotelbetts pro Nacht). Aber eigentlich kommen wir nach Venedig auch wegen der Autos. Um keine mehr zu sehen, zu hören, zu riechen. Weiterlesen

COS I’M FREE

Eine Geschichte, die Mut machen soll:

Die Olympischen Spiele 2000 waren etwas Besonderes. Weil sie 2000 stattfanden, weil sie erstmals am anderen Ende der Welt stattfanden, und weil sie von ALLEN Aussies getragen wurden. Die ganze Nation war stolz dieses Ereignis bei sich zu haben, und eine unglaubliche Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern, jung und alt, arm und reich, hat in einem nicht unbeträchtlichen Ausmaß als Freiwillige mitgearbeitet, um diese Spiele zu einem Erfolg werden zu lassen.

Ich war ein paar Jahre später im Stadion von Sydney, und davor sind Stelen aufgestellt mit den Namen aller, die daran mitgebaut und während der Spiele mitgearbeitet haben. Es müssen so ziemlich alle 20 Millionen Australier gewesen sein. Weiterlesen

Das größere Puzzle

Sigurd Schädeldrunk wurde 1965 als elftes Kind seiner Eltern in Tromsö geboren, 600 km südlich des Nordkaps und 1600 km nördlich von Oslo oder 4000 km nördlich von Palermo.                                                                                Sein Vater war im Straßenbau beschäftigt, aufgrund der Schneeverhältnisse bis auf wenige Wochen des Jahres beschäftigungslos und, wie praktisch alle Arbeiter in Tromsö, dem Trunk ergeben. Die Mutter führte anscheinend ein extrem unauffälliges und aufopferndes Dasein als Hausfrau und Mitglied im Kirchenchor einer örtlichen Stabkirchen-Gesangsgruppe. Von frühester Jugend an waren Schädeldrunks Träume und Wünsche nach Süden orientiert.

Die acht jährlichen Wintermonate, sechs davon bei ständiger Dunkelheit, zerrütteten sein Nervensystem bereits, bevor er die Volksschule besuchte. Erkennbar wurden seine Schwierigkeiten, sich den Bedingungen seiner lokalen Hemisphäre anzupassen, durch vereinzelte autistische Ansätze, eine Hingabe zu Puzzles und eine Vorliebe für neapolitanische Volkslieder. Dies machte ihn bald zu einem Außenseiter in seinem unmittelbaren Lebensumfeld. Von Freundschaften in seiner Jugend ist nichts überliefert, von Geborgenheit bei seinen Eltern noch weniger. Zwei Entscheidungen sollten seinen Lebensweg entscheidend beeinflussen: der Entschluss, in Trondheim Kunstgeschichte zu studieren und die Lektüre des Buches „Die Kinder von Torremolinos“ von James Michener. Weiterlesen

Der letzte Kreis der Hölle – volkstümliche Musik revisited

Seit einem durchaus traumatischen Erlebnis, meinem ersten Musikantenstadl, hatte ich mir vorgenommen, das Kapitel „volkstümliche Musik“ einmal zu verarbeiten. Nach einem ersten Ansatz, der sich zufällig ergeben hatte, wollte ich es gestern wissen: „Das Sommerfest der Volksmusik“ stand auf dem Programm. Gewappnet mit guten Vorsätzen, stimulierenden Essenzen, Diktiergerät, Block und Stift, Popcorn und Pulsmesser ließ ich mich auf das Abenteuer ein.

Die Moderatorin heißt angeblich wirklich Carmen Nebel, tritt als grellgrüne Hüpfburg auf, deren Farbe sich mit allen im Studio reichlich arrangierten Pflanzen schlägt und wird ob ihres Darstellungsvermögens während der gesamten Sendung von einem relativ kleinen Philodendron links hinten an die Wand gespielt.

Die Kulissen gewähren diesmal einen tiefen Einblick in südliche Gefilde und die dunkle Seele des Ausstatters. Ein mutiger Sonnenuntergang vor der Silhouette des Vesuvs in Technicolor im Hintergrund, davor eine Pizzeria namens Don Vaffanculo oder so ähnlich, ein Ristorante Wurstelconkrauti und die unvermeidbare Vespa lassen Urlaubsgefühle von Ruhrpottbewohnern der Fünfzigerjahre wach werden. Dieses Italien gibt es nicht mehr und hat es nie gegeben, aber den Ruhrpott gibt es auch nicht mehr, und den hat es gegeben. Sein ist die Rache. Weiterlesen

Zwei Blondinen in Rom

Ob sie einander begegnet sind? Die eine hatte eben fast ihren Lebenstraum erreicht, die andere stand kurz vor ihrer ersten Ehe und hatte noch alles vor sich. Es war das Jahr, in dem Cäsar ermordet wurde, Cleopatra war damals fünfundzwanzig, Livia elf Jahre jünger. Die eine war die ehrgeizigste Frau der östlichen, die andere die der westlichen Welt.

Cleopatras Hoffnungen wurden mit Cäsars Tod noch nicht begraben, Livia konnte noch nicht wissen, daß sie die Frau des mächtigsten Mannes der Welt, Augustus, werden sollte, und nach seinem Tod Regentin gemeinsam mit ihrem Sohn Tiberius.
Von Cleopatra gibt es zwei Büsten, eine (angezweifelte) im British Museum in London, eine im Vatikan, Livia kennen wir besser.

Sie waren beide blond, Cleopatra, die griechischstämmige Königin Ägyptens, nicht unbedingt schön, aber von einer über alle Maßen einnehmenden Art und selten sprachgewandt, verfügte über das Erbe der Ptolemäer und der Pharaonen, den Glanz und Reichtum des Ostens, die Liebe zum Luxus und die Fähigkeit zur völligen Hingabe.
Livia, die Hocharistokratin aus dem Hause der Claudier, eine edle Schönheit, verkörperte den Stolz und den unbeugsamen Charakter der Römerin, die weiß, daß nur Götter ihrem Willen im Wege stehen können, die Liebe jedenfalls nicht. Weiterlesen

Österliches aus dem Morgenland

“Doch wir alle scheitern irgendwann. Unsere Gesundheit verlässt uns. Wir lassen nach. Wir schwinden.“ Meryl Streep. Eine kluge Frau. Bis es soweit ist, trinke ich dieses Leben noch zur Neige, in vollen Zügen, mit Lust und Durst. Momentan macht es mir endlos Freude. Und Spaß.

Ibrahim nicht. Ibrahim hat heute Früh resigniert. Die Japaner haben ihn geschafft. Ibrahim verkauft Fotos, die seine Mitarbeiter von Touristen in Fes machen. Am nächsten Morgen bietet er sie vor den Hotels der Reisenden an. Die Bilder sind geschmückt mit marokkanischen Motiven und tragen Inschriften wie “Gruß aus Fes“. Ibrahim mag mich, weil ich ihm beim Verkaufen behilflich bin. “Merci, chef!“ zwinkert er mir morgens fröhlich zu. Heute war er nicht fröhlich sondern geknickt.
Gestern haben sie in Fes Japaner fotografiert, vor der ältesten Uni der Welt, gegründet von einer Frau dreihundert Jahre vor Oxford. Die Japaner waren kichernd begeistert, sich auf den hübschen Bildern wiederzufinden. Aber Ibrahim ist nun am Ende. Sie haben kein Foto gekauft, kein einziges. Sie haben sie fotografiert.

Zu Palästina, wo es wieder brennt seit dem Tag meiner Abreise, ist mir noch eingefallen: an einer Stelle dieser schrecklichen Mauer (hier) die die Palästinenser in Israel einsperrt und demütigt, ist ein Graffiti angebracht, das die Feinde anprangert: Israel, die USA, den Kapitalismus. Letzterer wird durch einen Löwen dargestellt, der ein $-Zeichen eintätowiert hat, der Dollar als Symbol des Bösen. Natürlich haben die Palästinenser keine eigene Währung, und dass sie den israelischen Schekel ablehnen, versteht sich. Also haben sie eine improvisierte Währung, als Kompromiss. Es ist der Dollar.

Ich empfinde mittlerweile eine große Zärtlichkeit für unsere arabischen Brüder und Schwestern – auch und gerade für ihre Beladenheiten, das Irrationale, das Schwermütige, das Resignative, das Absurde. Und die immer wieder aufblitzende Unfähigkeit, die Unmöglichkeit der Organisiertheit, die allgegenwärtige Schläfrigkeit, die melancholische Verstaubtheit ihrer Welt. Im 7-Tage-Krieg hat eine ägyptische MIG (Kampfflieger) eine andere versehentlich abgeschossen und wurde folgerichtig ebenso versehentlich von einer ägyptischen Flak zerstört. Das mit dem Dollar passt dazu.

Das Bild mit Küken: Österliches aus Moulay Idriss, Marokkos Heiliger Stadt. Nein, ich habe keine Ahnung, wie man eine Hundertschaft zappelnder Küken gleichmäßig bunt einfärbt :)
In Manchem sind sie uns über. Ziemlich.

Seid gegrüßt aus dem Reich des Dösens!
A

 

Look Back in Anger

To-morrow, and to-morrow, and to-morrow,
Creeps in this petty pace from day to day,
To the last syllable of recorded time;
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life’s but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury
Signifying nothing.“
 — Macbeth (Act 5, Scene 5, lines 17-28)

 

Man muss auch seine Irrtümer eingestehen können. Den folgenden Text habe ich vor zwölf Jahren geschrieben, kurz bevor der Euro eingeführt wurde. Ich glaube nicht, dass ich völlig unrecht hatte, aber ich hatte die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik überschätzt. Und ich hatte die Gier unterschätzt. Außerdem hatte ich mich für einen Pessimisten gehalten. Mit dem, was gerade passiert, hatte ich nicht gerechnet. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Ich kann es immer noch nicht glauben.

Es hätte auch anders kommen können. Wie, steht hier.

„Warum wir uns über den €uro freuen könnten

 Manchmal sollte man spaßeshalber einen Globus verkehrt herum in seine Fassung schrauben, um sich jedesmal, wenn es auffällt, darauf aufmerksam zu machen, dass nichts sein muss wie wir es gewohnt sind. Überhaupt kann man sich die Welt nicht oft genug ansehen. Dabei kann einem auffallen, dass Europa nur ein relativ kleiner Wurmfortsatz Asiens ist. Und doch waren es diese paar hunderttausend Quadratkilometer, von denen aus die Welt, wie wir sie kennen, zu ihr gemacht wurde, im Guten wie im Bösen.

Es gab eine Phase in der Geschichte, im Labyrinth der Zeit so lang wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, in der sich das entschieden hat: um das Jahr 1470 hatten das China der Ming und die moslemischen Reiche im Nahen Osten und in Afrika ebenso sehr wie Europa die Hoffnung auf Ausdehnung ihrer Hemisphäre, wirtschaftlich, kulturell und politisch. Eine Generation später hatten europäische Reiche das Rennen gemacht. Über die Gründe streiten Historiker immer noch mit Leidenschaft: sie waren geographischer, wirtschaftlicher, politischer und philosophischer Natur. Sie hatten zu tun mit dem Einsatz des Schwarzpulvers wie des Buchdrucks, mit dem Schiffbau und dem Geldverkehr, der Landwirtschaft, mit Mäzenatentum und Erbfolgen.

Als 1492 Kolumbus die Neue Welt erreicht und die spanische Krone die Mauren aus Iberien zurück nach Afrika vertrieben hatten, waren das symbolische Meilensteine, mit denen wir den Beginn der Neuzeit festlegen. Die hervorragende Schau im Kunsthistorischen Museum hat die Auswirkungen eindrucksvoll beleuchtet: das Reich Karls V., in dem die Sonne nicht unterging, war das größte aller Zeiten geworden. Viel wichtiger war, dass in jenen Jahrzehnten das Bild des modernen Menschen geboren wurde, und das der Welt, wie er sie sah. Während so faszinierende Persönlichkeiten wie Karl V., Franz I. von Frankreich, die Medici in der Toskana, Heinrich VIII. von England, Päpste wie Julius II. oder Alexander Borgia regierten, fanden revolutionäre Umwälzungen auf allen Gebieten statt: der Buchdruck hatte Auswirkungen in Breitenwirksamkeit, wie erst das Internet die Welt wieder verändern sollte, die Renaissance, von Italien ausgehend, prägte das Ideal der Schönheit bis zum heutigen Tage, die Malerei, Baukunst und Bildhauerkunst erreichten ungeahnte Höhen, eine Vorläuferin der Aufklärung erschütterte das mittelalterliche Weltbild vom Wissen über das All bis zur Infragestellung aller Werte, nichts war plötzlich wie es immer gewesen war. Das Mittelalter war nicht dunkel gewesen, doch nun strahlte ein neues Licht.

Es war ein Griff nach den Sternen, machtpolitisch bald ein vergeblicher, weil zu den Folgen der Entwicklung auch neue europäische Koalitionen gehörten, die alles daran setzten, keine Hegemonie eines Reiches zuzulassen, weil die philosophische Zuspitzung des Denkens, die Verbreitung gedruckten Wissens und die moralische Hemmungslosigkeit des katholischen Kirchenmonopols zur Reformation und zu Kriegen führte, schlimmer als alles Dagewesene, weil der Fluss der unermesslichen Reichtümer aus der Neuen Welt falsch gesteuert wurde, und weil sich Erben wahrer Größe nie ihres Reichtums würdig erweisen.

Was blieb, war jedoch die Grundlage für Entwicklungen, die eine Weltkultur und eine Verfeinerung allen Lebens nach sich zogen, vom Alltag bis zur Staatskunst, wie es das bis dahin nicht gegeben hatte. Es war Europa, das die Erde reicher machte um Musik, die aus dem Himmel zu kommen schien, um Kunstwerke, die für die Ewigkeit geschaffen wurden, um Wagnisse des Denkens, die die Menschenrechte und die Demokratie verwirklichen sollten. Andere Reiche anderer Kontinente haben auch Großes geschaffen seitdem, aber nichts ist vergleichbar mit der Fülle an Herrlichkeit, die Europa hervorbrachte.

Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts hat die Französische Revolution mit sich gebracht und das Ahnen der Unterdrückten um die Machbarkeit von Chancengleichheit und Gerechtigkeit, aber im Zuge der Napoleonischen Kriege auch die Geißel der beiden letzten Jahrhunderte: den Nationalismus.

Er war es, der letztlich zu den Auseinandersetzungen führen sollte, die Europa fast zerstörten und seine Vorherrschaft endgültig beendeten. Im Osten und im Westen haben nun andere das Beste, was von unserem Kontinent ausgegangen war, sich angeeignet und damit Weltmacht erlangt. Ob sich diese Erben als würdig erweisen werden, ist fraglich.

Als bald nach dem letzten Krieg Menschen darin gingen, eine Montanunion zu schaffen, geschah dies, um nach den Katastrophen von 1870, 1914 und 1939 die beiden ewigen Feinde Deutschland und Frankreich wirtschaftlich aneinander zu binden. Wenige wagten es damals, an eine europäische Einheit zu denken, noch weniger, solche Gedanken auszusprechen. Doch der Beginn war wirtschaftlich, weil wir in einer Welt leben, die den Materialismus zur Religion erhoben hat, und weil nur die Wirtschaft Fakten schaffen kann, die auch verstanden werden. Umgekehrt wäre das nicht gegangen. Das Wachsen der Europäischen Gemeinschaft war das einer Wirtschaftsgemeinschaft, der EWG, aber immer mehr Verträge gingen auf andere Aspekte ein. In den letzten zwanzig Jahren ging die Zusammenführung der Staaten in einer unerwarteten Dynamik weiter, und keiner der Gründungsväter des europäischen Gedankens, oder gar der ersten, die im 19. Jahrhundert von einer Europäischen Idee träumten, wie Victor Hugo, hätte eine solche Geschwindigkeit für möglich gehalten.

Was hier erreicht wurde und angestrebt wird, war und ist das mutigste Experiment der Geschichte: auf wirtschaftlichem Weg die Verankerung der Grundsätze der Menschenrechte und die Ächtung von Kriegen zu erreichen, in einem Kontinent, der von mehr Verschiedenheiten geprägt ist als jeder andere. Mit der Ausnahme der Vereinigten Staaten von Amerika, die historisch und bevölkerungsmäßig gänzlich andere Voraussetzungen hatten (und diese nützten und damit das reichste und mächtigste Land der Welt wurden) hat kein Kontinent Vergleichbares erreicht. Man stelle sich eine Einheit der afrikanischen, südamerikanischen, asiatischen oder nur arabischen Staaten vor, unter der Voraussetzung von Demokratie und Einhaltung der Menschenrechte! Doch ebenso undurchführbar musste ein solches Wagnis noch vor einer Generation in Europa erscheinen, und 1900 hatte es gerade zwei Republiken gegeben, Frankreich und die Schweiz.

Es gibt berechtigte Vorbehalte:

„Das Zustandekommen der Europäischen Union wird nationale Eigenheiten und Charakteristika beseitigen“ – aber wäre das nicht in einer Welt der unbegrenzten Kommunikation, der Globalisierung und des Medienzeitalters ohnedies geschehen?

„Es wird das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Staat schwächer werden“, damit aber auch der Nationalismus, der beispielsweise im Sport immer noch seine Gefährlichkeit zeigt (das Beispiel der Heimkehr Schranz’ aus Sapporo hat damals sogar Kreisky erschüttert), oder wenn populistische Meinungsbildner sich seiner bemächtigen, in Medien oder in der Politik. Ob ein europäischer Nationalismus zu Konflikten mit anderen Teilen der Welt führen wird, wird sich zeigen, aber diese Auseinandersetzung hätte in jedem Fall stattgefunden. So ist Europa besser dafür gerüstet.

Regionale Zugehörigkeit wird eher noch betont werden. Gerade in einem liberalen, minderheitenfreundlichen Europa werden die Rechte und Traditionen, soweit sie den Weltströmungen standhalten, besser überleben als ohne dieses.

„Kleine Staaten werden kleiner, große größer im neuen Europa.“ Auch das wäre so oder so eingetreten, die Ausformung demokratischer Prinzipien, die gerade jetzt stattfindet, wird erweisen, ob nicht eben diese Entwicklung verändert werden kann.

„Der Beamtenmoloch in Brüssel vereinheitlicht alles, bis zur Krümmung von Salatgurken.“ Das Standardisieren von Werten ist aber die einzig messbare Form von Regulierung. Vielleicht arbeiten Tausende in Brüssel an perversen Auswüchsen einer Regulierungswut. Wenn aber das mit sich bringt, dass die Arbeit anderer ermöglicht, dass soziale Mindeststandards in allen Mitgliedsländern – und umso mehr in den weiteren Beitrittsländern! – eingeführt werden, die Gleichberechtigung der Geschlechter, das Recht auf Bildung, die Ächtung der Todesstrafe, medizinische Grundversorgung auf hohem Niveau, Asylrecht für Flüchtlinge, Wohlstand für die möglichst Meisten, dann ist erreicht, was zu erträumen noch gestern niemand wagte.

„Die Großkonzerne beherrschen die EU.“ Würden sie Einzelstaaten weniger beherrschen? Die Macht der EU wird hingegen wesentlich effizienter die Einhaltung von Vorschriften bewirken können als das vor allem Kleinstaaten möglich gewesen wäre.

Der Verlust an Identität, größere Abhängigkeit von weltwirtschaftlichen Prozessen, problematische Entwicklungen wie in der Gentechnologie oder im Umweltbereich wären ohne Frage auch ohne die EU zu schwierigen Herausforderungen der Gegenwart geworden. Wenn überhaupt, ist es einem starken Europa eher möglich, hier einzugreifen.

Nicht zuletzt: Kriege zwischen Mitgliedsstaaten werden in Zukunft immer unrealisierbarer. Das allein wäre, nach den Abermillionen Toten der Vergangenheit, eine Erlösung ohnegleichen.

Diese EU ist aus vielen Gründen nur über die Ökonomie zum Erfolg befähigt. Wirtschaftlich ist das Risiko ungeheuer. Niemand weiß, wie der Götze unserer Zeit, der Markt, auf diese Herausforderung reagieren wird. Das ist der einzige Grund, warum es gefahrloser gewesen wäre, diesen Weg nicht zu gehen. Eine Weltwirtschaftskrise ist jedoch auch ohne das Zutun Europas möglich und von einem geeinten Europa jedenfalls eher abwendbar. Ob die möglichen Errungenschaften das Wagnis wert sind, wird sich zeigen. Die dräuende Unwahrscheinlichkeit kriegerischer Konflikte spricht dafür. Einen Weg zurück gibt es nicht. Scheitert Europa wirtschaftlich, scheitert alles.

Und wovon heute noch nicht geflüstert werden kann, wird, wenn es hier gelingt,  einmal Wirklichkeit werden: Beethovens Neunte wurde nicht für Europa geschrieben, sondern für die Welt. Alle Menschen werden Brüder…

Die Voraussetzungen der anderen sind nicht Hoffnung verheißend. Die USA sind zu berauscht von der alten Versuchung der Menschheit, die Weltherrschaft zu erreichen, scheinen dem Materialismus am meisten verfallen und bringen zu wenig an moralischer Kraft mit, um ihre Rolle auszufüllen.

Die anderen Kontinente sind noch zu weit entfernt von der Anerkennung der Demokratie, zu sehr nationalistischen Denkmustern verhaftet, wirtschaftlich außerstande, den Luxus der Freiheit als Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens zu akzeptieren.

Der alte Kontinent, in dem vor zweieinhalb Jahrtausenden die Demokratie geboren wurde, der vor einem halben Jahrtausend den neuen Menschen, seinen Geschmack, seine Sicht der Schönheit und Gerechtigkeit gebar, hat die Aufgabe, wieder einmal das Mögliche aufzuzeigen. An einer solchen Herausforderung zu zerbrechen wäre nicht unehrenhaft. Es würde nur die Entwicklung der Menschheit um eine Ewigkeit zurückwerfen. Dass das mit einer Kleinigkeit wie dem Euro zu tun hat, kann tragisch werden. Wer aber den Mut hat, sich dem Unwägbaren zu stellen, hat die Pflicht, dem Gelingen zu dienen. Das Teilenkönnen wird die Zukunft der Erde bestimmen. Europa hat zuerst seinen ungeheuren Reichtum zu teilen, noch einmal der Welt schenken zu können, was niemand sonst aufbieten kann.“

(geschrieben 1999…)

Macbeth zu zitieren angesichts des aktuellen Irrsinns ist auch anderen schon eingefallen: http://www.economist.com/node/18713850

Was am Anfang dieses Endes stand: http://www.peshawar.ch/varia/winston.htm

 

Im Land ohne Lächeln

[nggallery id=3]Ein Optimist ist ein Pessimist, der (noch) nicht alt genug ist.  

Es ist zu spät, um Pessimist zu sein.  Yann Arthus-Bertrand

Eine Reise von Shanghai über den Yangtse nach Xian und Peking 

Mehr – und bedienerfreundlicher betrachtbare – Bilder finden sich HIER (Link mit der rechten Maustaste anklicken).

Im Land ohne Lächeln

Als ich erwachte, war unter uns das Himalaya-Gebirge zu sehen. Wir waren von Dubai unterwegs nach Shanghai. Die Sonne ging gerade auf, und die Berge des ewigen Schnees glühten fiebrig rot. Aus den höchsten Bergen der Erde wurden die größten Wüsten, bevor sich die Wolkendecke wieder schloss. Dann war der Ferne Osten erreicht. Wir landeten in Shanghai.

Der Transrapid brachte uns mit einer Höchstgeschwindigkeit von 431 km/h in die Stadt. Der Bus, in den wir unser Gepäck geladen hatten, war acht Minuten später auch da; die 400 km/h hatten nur eine Minute gedauert, zwischen Beschleunigen und Abbremsen.

Shanghai war vor siebzig jahren noch berüchtigt für seine Opiumhöhlen, seine Spielhöllen und seine Bordelle. Vor etwas mehr als hundert Jahren war einer der hieß wie ich schon dagewesen – als Kriegsberichterstatter während des Boxeraufstands. Sein China-Buch nannte er „Aus dem Lande der Verdammnis“. Ich war gewarnt.

Heute ist Shanghai, die modernste Stadt Chinas mit ihren fast 4.000 Wolkenkratzern, das Les Jeux Sont Faits des Wandels. Hier, mehr als sonstwo im Reich der Mitte, hat der Turbokapitalismus seine Triumphe gefeiert und damit gerade erst begonnen. Die Nanjing Road ist nachts ein Pendant zu Broadway und Times Square, und die Hunderttausend, die hier Nacht für Nacht sich, ihre Limousinen und Sportwagen, ihre Smartphones und Gold Cards feiern, haben eher noch mehr Selbstbewußtsein als die verwöhnten Töchter und Söhne des Glücks in Manhattan – und das will etwas heißen.

Für Europäer, die aufgehört haben jung zu sein, ist die Nanjing Road ein Jungbrunnen: so oft wurde ich noch nie angesprochen, und sicher noch nie von so vielen ausgesprochenen Schönheiten. Zwei Rolex kriegt man um 12,- €uro, wie hoch der Kurs für Liebe steht, kann ich nicht sagen.

Prostitution ist in China offiziell verboten, aber Reichwerden ist auch offiziell erwünscht, also wird angeschafft – ohne Zuhälter, einfach um Geld zu verdienen; das wird geduldet.

Von Shanghai fuhren wir mit einem supermodernen Zug nach Wuhan. In der Innenstadt – dem geografischen Stadtgebiet – leben 4,2 Millionen Menschen. Bald danach schifften wir uns für eine Flusskreuzfahrt auf dem Yangtse ein. Wir besuchten den größten Staudamm der Welt, durchfuhren die Drei Schluchten und gingen in Chongqing wieder an Land. Wenn ausschließlich die administrativen Stadtgrenzen herangezogen werden, ist Chongqing die größte Stadt der Welt: 28,6 Millionen…

Wir flogen nach Xiang, wo die Seidenstraße endete, und wo heute die 2.200 Jahre alten Terrakottakrieger Besucher aus aller Welt anziehen. Dann waren wir in Peking, unternahmen einen Ausflug zur Großen Mauer und hörten nicht auf zu staunen.

Ja, China ist eines der Abenteuer unserer Zeit; es ist ein endlos faszinierendes Universum, ein Reich mit einigen der ganz großen Eindruecke der Erde, ein Land aber vor allem, das aus dem besteht, was den Reichtum aller Nationen ausmacht: seinen Menschen. Und das ist das Problem.

Nach meiner Reise durch Südindien habe ich 2010 Paul Theroux zitiert. Darauf läuft es hinaus: irgendwann wird es zu viel. Man muss nicht Platons Idee von der idealen Stadt nachweinen, die nicht mehr als 10.000 Menschen haben sollte, weil sonst das menschliche Maß verloren geht. Aber in China wie in Indien, in Mexico City wie in Kairo geht die Gewissheit verloren, dass jedes einzelne Leben etwas Besonderes, einzigartig und uneingeschränkt wertvoll ist. An Orten wie vor dem Bahnhof von Xian, am Anfang oder Ende der Seidenstraße, je nachdem wie man es betrachtet, in diesen Tausendschaften von Wanderarbeitern, die sich drängen um jede Handbreit Raum, hört das Individuum auf, und die Masse beginnt.

Dennoch: man kann nur den Hut ziehen vor so vielem, was China in so kurzer Zeit geschafft hat. Die Halbierung der Armut, das Ende der Hungersnöte, das sind Errungenschaften, die so viele Staaten mit kleineren Herausforderungen nicht in Ansätzen erreicht haben.

Das beste – und ambivalenteste – Beispiel ist die Geburtenrate: hätte China nicht vor einer Generation, also 30 Jahren, die Ein-Kind-Politik durchgesetzt, sie wären heute zwei Milliarden. So gibt es erst 1.300 Millionen. Armin Berg sagt in Torbergs Tante Jolesch: „ Es gibt 500 Millionen Chinesen auf der Welt und nur 15 Millionen Juden. Wieso sieht man in Ischl nicht einen Chinesen?“

Das hat sich, die Juden betreffend, geändert, und das wird sich, die Chinesen betreffend, sehr bald ändern. Doch diese angeordnete Geburtenkontrolle hat Konsequenzen: 84% der 14-jaehrigen jungen Chinesen sind nicht bereit, ihr Pausenbrot zu teilen. Eine Generation verwöhnter Prinzessinnen und Prinzen wächst heran, vor allem Prinzen. 2050 wird es, weil ‚Eltern‘ immer noch weibliche Föten abtreiben, da Töchter Geld kosten und Söhne Geld bringen, um 100 Millionen mehr Männer als Frauen geben. Eine rapide Zunahme der Homosexualität wird eine der geringfügigeren Konsequenzen auf sozialem Sektor sein.

Dann das mit dem Glauben: es gibt noch Buddhisten, Taoisten, Anhänger Konfuzius‘, Moslems und Christen in China, aber eine Milliarde glaubt nicht mehr, hat das Hoffen auf das Heilige, das Numinose aufgegeben, abgestreift . Mir haben Ratzinger und fast alle seine Vorgänger den Glauben aus der Seele geprügelt, wahrhaftig. An mich glaubt Gott nicht mehr. Ich weiß jedoch um die Schwere des Verlusts, und ich denke, wenn ein ganzes Volk seine Religiosität an der Garderobe abgibt, dass etwas verloren geht, das unwiederbringlich ist. Und ich behaupte, dass die grossartigsten Komponenten unseres Erbes aus einem Umfeld kommen, in dem noch geglaubt werden konnte.

Eine Religion freilich gibt es, o China, du Land des verlorenen Lächelns: im Alten Testament wurde davor gewarnt, angesichts des Goldenen Kalbes. Diese Gier ist es, die China schwierig macht, wenn man nicht uneingeschränkt wachstumsgläubig ist. Ob der Nationalismus auf Dauer unter Kontrolle gehalten werden kann, die 56 Minderheiten mit der übergroßen Mehrheit der Han-Chinesen in einem Land leben können, das wird sich weisen. Ob jedoch das Land mit den Menschen, die Erde mit uns leben kann, das ist eine Frage, die man stellen dürfen muss.

Soll man China bereisen? Haben wir noch das Recht, dutzende Tonnen von CO2 pro Person zu verursachen, um ans andere Ende der Welt zu gelangen? Was haben wir dort eigentlich verloren? Vielleicht sind das Fragen, die ein Reiseleiter und Extremvielflieger nicht stellen sollte, aber ich tue es. “Elitär” wird hoffentlich bald eine Bedeutung erlangen, die mit Verzicht zu tun haben wird.

Und weiter: unterstützt nicht jeder Besucher Chinas (es sind noch nicht so viele, nur zweieinhalb Mal die Zahl jener, die Österreich besuchen) ein Regime, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, das unsere gemeinsame ökologische und ökonomische Zukunft mit lockerer Hand aufs Spiel setzt? Das muss jeder für sich beantworten. Vom touristischen Standpunkt: China kann enttäuschen. Ein pragmatischer Zugang zur Vergangenheit und die Verwüstungen der letzten hundertzwanzig Jahre haben nicht viel übriggelassen vom kulturellen Erbe. Altes ist selten in diesem Land der ältesten bestehenden Zivilsation. Es ist auch ein Land unter Schock: die Alten in China haben in einem Leben mehr an fundamentalen Veränderungen erlitten als Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg. Die Brutalität des Wandels, wohlweislich zuerst verschuldet durch den Westen und Japan, hat Spuren hinterlassen, auch in der Psyche eines Volkes, das Kaiserreich und Kolonialismus, Bürgerkrieg und Kommunismus, Kulturrevolution und Turbokapitalismus in wenigen Jahrzehnten über sich ergehen lassen musste, eine Gehirnwäsche pro Jahrzehnt.

Die Landschaften abseits der grossen Leere, abseits der höchsten Gebirge der Erde und der größten Wüsten, sie sind verwüstet. Die Städte sind Megalopolen geworden, die absurd sind, 20-, 30-Millionen-Haufen von berückender Häßlichkeit, Architektur aus dem Bauch von Architekten, wo Bauen zu Diarrhoe geworden ist. Der Dreck ist unbeschreiblich, der grosse Yangtse eine Kloake, beim Drei-Schluchten-Staudamm fliegt kein Vogel mehr und schwimmt kein Fisch, und drunter müssen Millionen und Abermillionen sich darauf verlassen, dass das Schlimmste schon passiert ist mit dem Bau des Dammes, der bereits Risse aufweist, der Millionen heimatlos gemacht hat und die Natur hilf-, fassungs- und hoffnungslos.

Thomas Maurer beschreibt in seinem vorletzten, durchaus genialen Kabarettprogramm „Audilí“, das innehalten lässt im Lachen, wie Fengdu, eine Stadt mit 100.000 Einwohnern, abgerissen und auf der anderen Flussseite neu aufgebaut wurde im Laufe einiger Monate. Macht euch die Erde untertan? Man kann es auch übertreiben. Der Untertan schlägt zurück:

Als ich über die Mauer von Xian spazierte, 14 Kilometer lang, an jenem Ausgangs- oder Endpunkt der Seidenstraße, ging in Japan die Sonne unter, für viele für immer.

Haben wir noch eine Partnerschaft mit der Erde? Ist unser Hunger, ist unsere Gier nach dem, was wir ‚Energie‘ nennen, noch stillbar?

Doch wo soll China seine Energie ‚gewinnen‘? Alle fünf Tage wird ein Kohlekraftwerk eröffnet, siebenundzwanzig Atomkraftwerke sind in Bau, 60 geplant, Dämme wie den der Drei Schluchten kann man keine mehr bauen. Ist da noch etwas zu gewinnen? Alle Formen der Energiegewinnung tragen den Keim des Untergangs in sich oder gehen zu Ende, und in chinesischen Dimensionen werden solche Perspektiven zu Ahnungen der Apokalypse.

Die Chinesen haben, so dachte ich lange, das Recht, die selben Fehler zu begehen wie wir. Vielleicht. Aber das wird dann eine endenwollende Entwicklung. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Doch hier wird Sturm gesät.

Diese zwei Wochen waren auch großartig – neben allem was wir gesehen und bestaunt haben:  ich habe Freunde gefunden, ach, Viviane, du hast mich ahnen lassen, wie süß Shanghai einmal gewesen sein muss. Und Huang und Christine, John, Wang und Mo, ihr bleibt ein Teil von mir, und ich einer von euch.

Kann ein Fremder China überhaupt verstehen? Darf er es eigentlich versuchen? Wie lange braucht man dafür?

Ich habe nur einen Blick in dieses Reich der schiefen Mitte werfen können, einen Blick, der nicht länger dauerte als der Flügelschlag einer Libelle. Aber ich glaube, dass ich etwas von China verstanden habe. Und dass ich etwas von seiner und unserer Zukunft gesehen habe. Ich glaube. Ich fürchte.

Xian, Beijing, Dubai, Wien, 10.-15.03.MMXI

 

Arte zeigt derzeit Reportagen, die Obiges dokumentieren (online verfügbar):

http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=1258731,day=6,week=13,year=2011.html

http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=1211912,day=6,week=13,year=2011.html

„China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und produziert Güter für alle anderen Länder. Die Konsequenzen für die Umwelt und die Menschen sind jedoch erschreckend. 300 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Das Krebsrisiko ist bis zu 80 Prozent gestiegen und die Luft in China gilt als lebensgefährlich. China produziert die meisten Treibhausgase, riesige Müllberge und ist ein frühes Opfer des Klimawandels…“  ©2011 ARTE G.E.I.E.