Archiv des Autors: Alexander Kriegelstein

Über Alexander Kriegelstein

"Bricolage ist die nicht vordefinierte Reorganisation von unmittelbar zur Verfügung stehenden Zeichen beziehungsweise Ereignissen zu neuen Strukturen." Claude Lévi-Strauss, „Wildes Denken“ 

Beginn einer lebenslangen Suche

 

Wir waren sechzehn und wir waren zu fünft. Wir hatten zwei Wochen in Pescara bei Freunden am Meer verbracht. Es war stets klar, wann wir zurück nach Wien reisen würden: am 2. August 1980. Warum wir 24 Stunden früher heimfuhren, weiß keiner von uns. Es hatte keinen Streit gegeben, eher das Gegenteil – es war schön gewesen.

Um den Zug nach Wien zu nehmen, mussten wir vormittags in Bologna umsteigen. Die Wartezeit vertrieben wir uns im Bahnhofscafé und im Wartesaal zweiter Klasse. Im Café ärgerten wir uns über einen ungewohnt unfreundlichen Kellner. Wir waren sehr in Italien verliebt, in alle Italiener und Italienerinnen, das Leben war schön. Ein mürrischer Kellner passte nicht ins Bild.

Falls er am nächsten Tag zur selben Zeit Dienst gehabt hatte, ist er wohl an jenem Tag gestorben. Im Wartesaal und im Café überlebte niemand. 85 Menschen wurden von einer Bombe, die in einem Koffer in der sala di attesa deponiert war, zerrissen, 200 weitere großteils schwer verletzt.

Wir selbst waren anfangs nur unendlich schockiert und teilten das Staunen über ein Wunder. Erst später begann ich, mich dafür zu interessieren, wer so viele – und auch mich – umzubringen geplant hatte. Seit einem Vierteljahrhundert habe ich fast alles gelesen, was auf Deutsch und Englisch über den Anschlag veröffentlicht wurde, auch vieles auf Italienisch.

Unglaubliche Wahrheit

Medien und die tonangebende Politik hatten anfangs die Roten Brigaden, eine linksextremistische Terrorgruppe, verantwortlich gemacht. Es dauerte lange, bis klar wurde, wer hinter „La Strage di Bologna“ steckte. Es gibt zwei Verurteilte (die mittlerweile wieder in Freiheit sind), aber die Hintermänner wurden nie schuldig gesprochen. Jeder weiß, um wen es sich handelt, und man kann nur verstehen, dass dieser Anschlag ungesühnt bleibt, wenn man Italien sehr nahe gekommen ist. Wenn man die Geschichte des Anarchismus und des Terrorismus kennt. Wenn man das abgrundtiefe Prinzip der Lüge und des Zynismus, die die italienische Innenpolitik mehr geprägt haben, als die jedes anderen demokratischen Landes, zur Kenntnis genommen hat. Wenn man eingesehen hat, dass das Unglaubliche wahr ist, und umso wahrer, je unglaublicher es scheint.

Der damals ermittelnde Staatsanwalt Libero Mancuso schreibt verbittert:

„Vielleicht ist Italien deshalb nicht mehr in Gefahr, weil bereits alles so gekommen ist, wie bestimmte Kreise es gewollt haben. Wir leben etwa nach Gesetzen, die für ein zivilisiertes Land entwürdigend sind. Mit Reformen, die uns weit zurückwerfen. Wir erleben eine Schwächung all jener Institutionen, die über die Verfassung wachen müssen. Das ist gefährlich für das demokratische Gleichgewicht. Überflüssig zu fragen, ob heute noch Terrorgefahr besteht. Die Dinge haben sich vollzogen, das Desaster ist bereits geschehen. Das Problem ist, wie man da wieder herauskommt.“

„Man muss alles verändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“ Das berühmte Zitat aus Lampedusas „Der Leopard“ ist ein schrecklicher Satz. Die höchsten Repräsentanten zahlreicher Regierungen (nicht nur) des italienischen Staates haben ihm eine grausame Bedeutung verliehen.

Ich habe Italien zu verstehen gelernt – auch aufgrund des unglaublichen Zufalls, damals davongekommen zu sein. Mein heutiges Italien hat nicht mehr viel zu tun mit dem von 1980. Nicht, weil Italien sich so verändert hätte, sondern weil ich es nun besser kenne. Es ist noch immer das Land meiner Träume und meiner Sehnsucht. Vielleicht war ich in keinem anderen Land so oft glücklich, und vielleicht lebt man nirgends näher am Schönen als dort. Aber es ist auch ein Land, in dem die Schlächter ungestraft bleiben.

Auch zu finden im SPIEGEL:
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/1089/beginn_einer_lebenslangen_suche.html

Understatement in Cash

Die Brücke auf den 100 €uro-Scheinen ist eines der verkanntesten Bauwerke Europas: jeder Besucher von Florenz stürmt auf den Ponte Vecchio, kaum einer hat einen Blick für die benachbarte Brücke stromabwärts: den Ponte della Trinitá, der nun zur Ehre der ökonomischen Altäre erhoben wurde, hundertfach die Hoffnung der Europäer illustrierend. Seine elegante Form ist eine Inkarnation von schlichter Schönheit: der Bogen ist dem einer Geige nahe verwandt, lässt sich jedoch in kein geometrisches Muster zwängen. Erst nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges haben umfangreiche Studien bestätigt, was bis dahin nur geahnt worden war: die Brücke geht auf einen Entwurf Michelangelos zurück. Was andernorts eine Sensation darstellte, bewirkt in Florenz kein großes Aufsehen. Schließlich weiß auch kaum jemand noch, dass Dante auf dem Ponte della Trinitá, der Vorgängerin derer des Buonarotti, seiner Beatrice und damit seinem Schicksal begegnete. So trägt unser Geldschein die Mahnung von Paradies und Inferno in sich; vielleicht ist es besser, wenn das weniger bekannt ist, ist doch die „Wissenschaft“ von der Wirtschaft ein empfindliches Pflänzchen und in erster Linie Psychologie. Dies wissend wurden die Medici was sie wurden.

Es findet sich diese Stein gewordene Harmonie dafür auf unzähligen Urlaubsfotos im Hintergrund, während sich die Goldhändlerläden und die Büste des größten aller Goldschmiede, Benvenuto Cellini, auf dem Ponte Vecchio ungeteilter Bewunderung erfreuen.

Der Ponte Vecchio ist dabei selber unter seinem Wert geschlagen: wenige seiner Besucher sehen den Gang, der über den Läden den Palazzo Pitti mit den Uffizien verbindet, selber eine, nicht ganz leicht zugängliche, Bildergalerie. Weil die damaligen Fleischerläden einem Ferdinando Medici geruchlich nicht konvenierten, ließ er die Juweliere und Goldhändler einziehen. Seine erhaltene Bebauung mit kleinen Läden entspricht dem Bild, das wir uns von allen Stadtbrücken des Mittelalters machen müssen: erst in der Neuzeit verloren fast alle ihren merkantilen Charakter.

So ziehen heute die Heerscharen der Genuss-Reisenden aus aller (Damen und) Herren Länder über den Ponte Vecchio, um von den Uffizien zum Pitti-Palast zwischen den Residenzen der Medici und zwei der herausragendsten Museen der Welt zu wandeln. Dabei ist es möglich, Florenz zu besuchen und vieles vom Größten, das je geschaffen wurde zu sehen, ohne ein Museum zu betreten: die Fassade von Santa Maria Novella ist in ihrer marmornen Pracht doch vor allem der Skizzenblock des Leon Battista Alberti, auf dem alles steht, was Architektur in der Renaissance sein sollte. Die Kuppel des Domes von Brunelleschi wurde das Vorbild derer von Sankt Peter zu Rom und aller Barockkuppeln dieser Welt, in San Lorenzo schuf er den Inbegriff eines Renaissance-Raumes, machte Donatello die Alte Sakristei zu einem Schrein, der kongenial in der neuen Sakristei von Michelangelo kontrapunktiert wird. Brunelleschi und Donatello hatten in Rom gegraben und vermessen und waren von den Römern als Schatzgräber belächelt worden: in einem anderen Sinn waren sie das, sie hoben den Schatz des Wissens der Antike um Symmetrie, Form und Maß.

In den Nischen der gotischen Wollhändler-Kirche Orsanmichele finden sich Statuen der Crème de la Crème der Bildhauerkunst: Werke von Verrocchio und Donatello neben solchen von Luca della Robbia und Lorenzo Ghiberti, Michelozzo und Giambologna an einem Ort zu finden macht schwindeln, wie der Skulpturenpark vor dem Rathaus mit Giambolognas Cosimo, Michelangelos David, Donatellos Judith und Ammanatis Brunnen, Cellini und die Antiken sind hier noch gar nicht erwähnt. Dass viele dieser Gigantenwerke im Original in Museen besser bewahrt sind, macht der Freude des Betrachters keinen Abbruch.

Die Malerei wie wir sie kennen gäbe es nicht ohne die Männer, die sich von Florenz und der Toskana aus in unerforschtes Neuland begaben: Duccio, Masaccio, Uccello, Mantegna, Piero della Francesca, Botticelli, Perugino, Lippi, Leonardo, Raphael und Michelangelo sind hier nur die bekanntesten. Wenn man sich vor Augen hält, dass die im Schlaf gesprochenen Worte des Paolo Uccelo „Ma com`é bella questa perspettiva!“ das eifersüchtige Rasen seiner Gattin auf eine vermeintliche Nebenbuhlerin namens Perspektive hervorrief, kann man ermessen, wie wenig der Blick für die Dinge damals noch vorhanden war. Er musste neu gefunden werden. Und neu gefunden, neu gesehen wurde hier alles.

Wieso hier? Lange Abhandlungen über die ökonomische Blüte der Toskana im 13. – 15. Jahrhundert, über die relative „demokratische“ Freiheit der Stadtstaaten, über lange Phasen glücklicher Ernten, die Bedeutung des Tuchhandels und die Vorausschau des Bankensystems geben eine Seite der Wirklichkeit wieder. Rationale materialistische Geschichtswissenschaft gerät jedoch an Grenzen, wenn die Frage auftritt: warum konnte hier die Schönheit siegen? Es ist über die Maßen verpönt geworden, Menschen und Menschliches in Erklärungen für historische Vorgänge einfließen zu lassen. Doch wo es um den Humanismus geht, führt am Menschen kein Weg vorbei.

Menschen, allzu menschlich, waren auch und gerade die Medici. Aber in den ersten Generationen ihrer Blüte vereinte dieses Geschlecht mehr kunstsinnige Mäzene als irgendeine andere Familie oder Regierung aller anderen Epochen. Sie machten dem ruinösen ständigen Bürgerkrieg zwischen Guelfen und Ghibellinen, Schwarzen und Weißen, Papst- und Kaisertreuen ein Ende, regierten hart und erfolgreich, auch mit List und Gewalt, aber sie ließen dem Genius Raum. Und sie hatten Geschmack. Das ist mehr als man von den meisten Regenten und Dynastien sagen kann. Noch die letzte ihres Namens, Anna Maria geborene von Sachsen, die es wahrlich nicht leicht gehabt hatte, die Orgien und öffentlichen Selbsterniedrigungen ihres Gatten, Gian Gastone, des letzten seines Stammes, zu ertragen, hinterließ Florenz das größte Erbe, das je einer Stadt zuteil wurde: die Schätze der Medici wurden zur Sammlung der Uffizien, die nie die Stadt verlassen dürfen.

Über den Ponte della Trinitá wird auch heute noch gegangen und gefahren: abgesehen vom Alltagsverkehr spazieren über sie Bildungshungrige, die in der Brancacci-Kapelle von Sta. Maria del Carmine  sehen wollen, wie Masaccio seine Mitbürger und alle Generationen nach ihm das Sehen lehrte: hier, wenn irgendwo, wurde die Renaissance-Malerei geboren. Die unauffällige Brücke des Michelangelo mit ihren Reminiszenzen an Dantes unsterbliche Liebe ist ein Weg an diesen Ort und vielleicht kein schlechtes Motiv für ein Stück Papier, das unsere Konten höher schlagen lässt.

Peter Paul Rubens – Malerfürst in X-Large

 

Hätten Sie’s nicht größer?

Was für ein Leben! Geboren wurde er im Exil seiner Eltern in Westfalen – der Vater, ein angesehener Jurist in Antwerpen, war ein kleines Pantscherl mit der Frau des Prinzen Wilhelm von Oranien eingegangen und hatte eine Übersiedlung aus den Niederlanden ausgesprochen lebensverlängernd gefunden.

Der Sohn bereiste halb Europa, Italien des Studiums wegen, die meisten anderen Länder als Diplomat. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und des Bürgerkriegs in England. Überall sollte er vermitteln und vor allem berichten, als Auslandskorrespondent und königlicher Berater, als Händchenhalter der abgehalfterten Königin von Frankreich Maria, geborene Medici, deren Heirat mit Heinrich IV. er zuvor in Kolossalplakaten gefeiert hatte. Er diente außerdem Albrecht von Habsburg, Karl I. von England, Philip III. von Spanien. Gerne ließ er sich beim Malen aus dem Tacitus vorlesen, während er gleichzeitig (!) einen Brief diktierte. Drei Sprachen sprach er, sieben konnte er lesen. Sir Peter wurde in England und Spanien geadelt, erhielt ein Ehrendoktorat aus Cambridge, zog sich jedoch aus der Politik zurück, sobald es ihm möglich war. Es ist trotzdem ein Wunder, dass er die Zeit fand, ein so gewaltiges Werk zu hinterlassen: 3.000 Bilder verließen seine Werkstatt, 600 sind von ihm, und was für welche: der Begriff „Schinken“ ist vielen seiner 40-Quadratmeter-Kulissen durchaus angemessen, sein Oeuvre insgesamt bedeckt gut und gerne die Fläche eines Fußballfeldes. Toulouse-Lautrec hat weniger Flüssiges zu sich genommen als Rubens in Form von Farben verbrauchte, was den Zusammenhang von „im Öl sein“ und „in Öl malen“ schön veranschaulicht. Selbst ein so privates Werk wie der „Liebesgarten“ im Prado, das er für sich selber malte, misst fast zwei mal drei Meter, für die wirklich große Brieftasche halt. Wahrscheinlich würde er heute nebenbei Dekorationsposter für XXXL-Möbelhäuser entwerfen, am Urheberrecht für Reproduktionen arbeitete er als erfolgreicher Kaufmann schon damals erfolgreich.

Jetzt muss man nach Paris in den Louvre, ins Schloss zu Windsor, in die Alte Pinakothek in München, in die National Gallery in London, die Eremitage in St. Petersburg, nach Dresden, Florenz, Berlin, in das Kunsthistorische Museum in Wien, vor allem nach Antwerpen, Vaduz, in den Madrider Prado reisen, um seine bedeutsamsten Werke zu sehen. Die Bilder der Liechtensteinischen Sammlung kehren allerdings bald wieder nach Wien zurück, woher sie 1938 ausquartiert worden waren. Das neue Museum im vorbildlich renovierten Palais Liechtenstein am Wiener Alsergrund ist ein würdiger Rahmen.

Warum wurde dieses Leben nicht erfolgreich verfilmt? Rubens war zum Leidwesen Hollywoods ein glücklicher Mensch. Er war keiner Droge verfallen, seine beiden Ehen waren harmonisch, er war hoch geehrt und räumte finanziell richtig ab, besaß ein Schloss in der Nähe von Brüssel und ein herrschaftliches Haus in Antwerpen, ja, er beging ärgerlicher Weise nicht einmal Selbstmord. Vor allem aber zweifelte er nicht an seinem Werk. Und dieser Mann schuf endlos Großes: manche seiner Bilder sind für die Ewigkeit – man kann sich darin verlaufen und wird nie fertig. Wer hatte vor ihm so geschildert, was „Leben“ ausmachen kann? Das pralle Leben war sein Thema, und das stellte er dar. Mit 53 und als Witwer heiratete er die 16-jährige berühmte Schönheit Hélène Fourment und hatte mit ihr noch vier Kinder. Glück pur, und das ist langweilig. Nicht langweilig sind seine Bilder. Viele seiner Gemälde hatte er bloß entworfen und angedeutet, seine Schüler (unter ihnen van Dyck) leisteten die Knochenarbeit, und Rubens hauchte den Gemälden mit einigen Pinselstrichen Leben ein, das tat er wirklich. Nicht wenige sind nicht erstrangig, um es vornehm auszudrücken. Sein Ildefonso-Altar in Wien wirkt leicht verwackelt und wäre als Werbesujet für die gleichnamigen Nougat-Würfelchen vielleicht geeigneter als für ein Sakralgemälde. Vorwegnahmen Fellinischer Dolce-Vita-Szenen in einer Orgie aus Technicolor und weiblichen wasserstoffblonden Sumo-Ringerinnen sind keine Ausnahme in seinem Werk. Diese seine dicken Frauen hat man ihm so oft vorgeworfen – aber im Ernst, wer hätte nicht lieber ein wenig mehr vom wirklichen Leben mit einem seiner Modelle anstatt mit einer selig entrückt-lächelnden Rosenkranz-betenden Madonna Leonardos oder einer der Bulimie-Schönheiten unserer Tage? Das Scheppern von Knochen hören wir alle noch früh genug.

Doch hätte Rubens nur das „Pelzchen“ des Kunsthistorischen in Wien gemalt oder seine Clara Serena aus Vaduz, die zwölfjährige Tochter, kurz vor ihrem frühen Tod, die hoffentlich bald wieder in Wien zu sehen sein wird, das genügte schon, ihm den Rang eines Unsterblichen zu verleihen. Mehr als bei allen anderen Großen der Kunstgeschichte kann man sein Auge als Betrachter an seinen Werken prüfen und schulen: hin und wieder war er plakativ, ja, aber manchmal, vor allem in seinen Kompositionen (Motto: „der ganze Doktor Schiwago in einem Bild“), war er eine Übergröße. Ein Titan, X-Large in jeder Hinsicht.

Tiepolo – die Entdeckung der Langsamkeit

Er musste wissen, was er tat. Ein Fresko zu malen verlangt vom Künstler – auch – höchstes technisches Können. Beherrscht er die Technik nicht, sind künftige Schäden vorprogrammiert, wird seine Unfähigkeit gnadenlos bloßgelegt, sowohl in technischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Das Fresko erlaubt keine Kompromisse. Bis der Mörtel und somit die Freskomalerei nur einigermaßen frostbeständig abgebunden sind, dauert es mindestens drei Monate. In Wirklichkeit ist es sogar ein Prozess von Jahren und Jahrzehnten. Der Künstler malt nass in nass. Nachträgliche grundlegende Korrekturen sind nicht möglich.

Die nackte Decke des Stiegenaufgangs in der Residenz der Fürstbischöfe zu Würzburg aus dem Hause Schönborn muss Giovanni Battista Tiepolo schlaflose Nächte verursacht haben. Wie ein milder Scherz mutet dagegen die berühmte Angst der Schreibenden vor dem weißen Blatt Papier an.

Sechshundertfünfzig Quadratmeter gewölbte Fläche auszumalen, das größte Deckengemälde der Welt zu schaffen – darum ging es, vor einem Vierteljahrtausend. Sechshundertfünfzig Quadratmeter, ein gültiger Versuch.

Wie konnte ein Mensch sich zutrauen, das zu schaffen? Ist Hybris ein Teil von uns?

Das ist keine rhetorische Frage, und wir sollten sie für uns bald beantworten.

Wir leben an der Schwelle einer Revolution, und Zeitzeugen haben das Pech, von dem was um sie geschieht, eher wenig mitzubekommen. Wir sollten uns bemühen, diesmal nicht zu verschlafen was sich ereignet, allerspätestens seit jenem 26. Juni 2001, als Craig Venter die Entschlüsselung des Genoms bekannt geben konnte. Nun haben wir eine neue Formel, etwas sperriger als e=mc², aus drei Milliarden Buchstaben bestehend, aber von ähnlicher Bedeutung.

Jetzt geht es um die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, um embryonale Stammzellen. In Großbritannien und Frankreich, ja fast in ganz Europa ist sie erlaubt, nur in Deutschland, der Schweiz und Österreich noch nicht zugelassen. Wir stehen wieder an einer Weggabelung. Der bisherige Umgang damit in Deutschland wurde als der Versuch bezeichnet, die H-moll-Messe von Bach auf der Mundharmonika zu spielen.

Es liegt aber mehr im argen. Kommentatoren sind froh, dass Severino Antinori vielleicht demnächst das Klonen von Menschen auf Spur bringt, bevor es die Raëlianer Sekte tut, die die Unsterblichkeit des Menschen anstrebt und Pädophilie und Inzest zumindest theoretisch befürwortet. Bei den Raëlianern (www.rael.org) kann man heute schon um US$ 50.000,- Kopien seiner Lieben bestellen. Deshalb sollen wir Antinori dankbar sein, und nicht den toskanischen Weinproduzenten selbigen Namens, dankbar dafür, sich an die Drecksarbeit zu machen, bevor die Verrückten zuschlagen? Wie die 276 missglückten Vorgängerschafe von Dolly ausgesehen haben, ist nicht sehr publik geworden, vielleicht sehen wir bald, wie eine fast gelungene Kopie von Onkel Otto aussieht.

Natürlich ist es noch nicht so weit, und das Genom und die PID sind korrekter Weise nicht in einem Zusammenhang mit dem Klonen von Menschen zu nennen.

Es gibt auch Positives: weitgehend unbemerkt hat der Europarat das erste übernationale Rechtsinstrument geschaffen, die sogenannte Biomedizin-Konvention („Konvention zum Schutz der Menschenwürde und der Menschenrechte in Anwendung von Medizin und Biologie“).

Aber es geht nicht um nur Europa. Es geht bei wissenschaftlichen Entwicklungen um die einzige verbliebene Weltmacht, in der zum Beispiel Creationists, eine Fraktion fundamentalistischer Christen, postulieren, dass die Erdgeschichte bis zum Auftreten des Menschen nicht Millionen Jahre sondern sechs Tage gedauert habe – so steht es im Alten Testament, und Präsident Bush steht diesen Leuten nicht fern. 45 Prozent (!) der Amerikaner glauben an Creationism, noch mehr, dass Jesus (Nord-) Amerikaner war. Von dort kommt unsere Zukunft. Und in ein paar Jahren auch aus China …

Wir haben uns an allzu viel gewöhnt, zu viel als gegeben genommen: die beschleunigte Nahrung und ihre Folgen, von Fettleibigkeit bis zu BSE, die epidemische Ausbreitung von Allergien, dass wir krank werden, wenn wir zu lange in der Sonne liegen und dreckig im Regen, das Sterben der Wälder und unserer Mitgeschöpfe an den Segen der Neuzeit, wir nehmen hin, dass an den Börsen der Welt, wo Massenentlassungen Champagnerkorken knallen lassen, mehr an Werten gehandelt wird als es Gegenwerte in dieser Welt gibt, dass Forschung und Lehre nur mehr über Sponsoren „möglich“ seien, dass wieder daran gegangen wird, ein Mehrfaches der Bruttoinlandsprodukte aller Staaten Afrikas für einen Raketenschild im All aufzuwenden, dass optimiert werden muss, rationalisiert, weil der Markt es erfordert, der Markt, der schon regulieren wird, der alles gut machen wird, schließlich, nicht wahr, unterliegen wir der normativen Kraft des Faktischen.

Und wir haben einfach keine Zeit mehr. Der häufigst gedrückte Knopf in amerikanischen Aufzügen ist nicht mehr der ins Erdgeschoss führende, sondern „Türe zu“.

Jetzt sollte wer schreien: „Der König ist nackt“, jetzt sollten wir innehalten, jetzt sollten Türen offen bleiben. Es ist Zeit, wir haben sie, und wir müssen sie uns nehmen.

Vielleicht war es kein Zufall, dass Genua ein Symbol für die Antastbarkeit der Globalisierung, jedenfalls dieser Globalisierung, wurde. Kolumbus war Genuese gewesen, und es wird Zeit, nicht mehr alles zu begrüßen, was von dort kommt, wohin er aufgebrochen war. Schließlich hatte Kolumbus sich gründlich verfahren.

Es gibt in Umbrien und der Toskana eine Bewegung, die sich „Slow Cities“ nennt. Dort werden Fußgänger wichtiger genommen als Autos, Nahversorger haben bessere Karten als Supermärkte, der Rhythmus des traditionellen Lebens genießt Vorrang vor Events für Touristen. Man nimmt dort Kollateralschäden des Fortschritts nicht einfach in Kauf.

Tiepolo kam nicht aus Umbrien, nicht aus der Toskana, er stammte aus Venedig. Was er in Würzburg schuf ist groß, in jeder Hinsicht. Dass er in den Allegorien der Kontinente einen, damals noch nicht bekannten, ausließ, ändert daran nichts. Dass er letztlich die Verherrlichung des Heiligen Römischen Reiches darstellte, das damals schon todgeweiht war, auch nicht. Sein Mut, seine Option zu scheitern konnten Folgen nur für ihn haben.

Touristengebet, aktualisiert

Herr im Himmel, vor sechs Monaten hatten wir wieder vergessen, wie schön wir es zu Hause haben. Wir dachten, auf Reisen gehen zu müssen, und nun sind wir hier, fern der Heimat und ausgeliefert allem Fremden. Und mein Gott, hier ist viel fremd.

Himmlischer Vater, sieh herab auf uns, Deine bescheidenen, gehorsamen Touristendiener, die dazu verdammt sind, diese Erde zu bereisen, sinnfrei vor sich hin zu fotografieren, Postkarten mit vor Ewigkeiten abgelaufenem Haltbarkeitsdatum abzuschicken, völlig jenseitige Souvenirs zu kaufen und in schnell waschbarer Unterwäsche herumzulaufen.

Wir bitten dich, oh Herr, achtzugeben, dass wir das richtige Flugzeug besteigen, dass unser Gepäck nicht verloren geht und dessen Übergewicht unbemerkt bleibt. Beschütze uns vor habgierigen und skrupellosen Taxifahrern, die die Radiofrequenz statt dem Taxameter-Preis verrechnen.

Schenke uns Busfahrer, die ausgeschlafen, adrett gekleidet, reaktionsschnell und stets gut gelaunt sind. Lass sie ein GPS-System des 21. Jahrhunderts haben und wissen, wie man es bedient. Gewähre uns Reiseleiter, die Hydranten von gotischen Portalen unterscheiden können, die den Eindruck erwecken, stets zuhören zu wollen und die Landkarten nicht verkehrt herum halten.

Gib uns heute göttliche Führung in der Suche nach unseren Hotels, auf dass unsere vorbestellten Zimmer frei und sauber sind und wenn irgendwie möglich, dass es heißes Wasser gibt. Wir beten, dass die Rezeptionistin unsere Sprache spricht und dass wir die bösartigen Tricks moderner Elektronik beim Öffnen der Zimmertüre begreifen.

Nach jenen ewigen Nächten ohne Nahrung lass uns des Morgens Buffets vorfinden wie aus dem Schlaraffenland und Gelegenheiten, kulinarische Notgroschen mitgehen zu lassen.

Gib uns die Weisheit, korrekte Trinkgelder zu geben in Währungen, die wir nicht verstehen. Verzeih uns, wenn wir aus Unwissenheit zu wenig geben oder zuviel aus Furcht. Lass die Eingeborenen uns lieben für das was wir sind, und nicht für das, was wir ihren weltlichen Gütern hinzufügen können.
Gib uns die Kraft Museen, Kathedralen und Schlösser zu besuchen, die als ein Muss gelten. Und wenn wir einmal ein historisches Denkmal verpassen um ein Mittagsschläfchen zu halten, hab’ Gnade, denn unser Fleisch ist schwach.

Führe uns, oh Gott, in gute und billige Restaurants, wo die Kellner freundlich sind, das Essen vorzüglich ist, und der Wein im Preis inbegriffen. Lass die Toiletten zahlreich, frei und makellos sein, und die Klofrau gerade beim Testen.

Lieber Gott, halte unsere Frauen fern vom Einkaufen und behüte sie vor günstigen Gelegenheiten, die sie weder brauchen noch sich leisten können. Führe sie nicht in Versuchung, denn sie wissen nicht was sie tun.

Allmächtiger Vater, bewahre unsere Männer davor, fremden Frauen nachzustarren. Beschütze sie davor, sich in Cafés und Nachtbars zum Affen zu machen. Vor allem aber, vergib’ ihnen nicht Ihre Schuld, denn sie wissen genau was sie tun.

Und wenn unsere Reise zu Ende geht und wir zu unseren Lieben zurückkehren, gib uns die Gunst, jemanden zu finden, der sich unsere Fotos und Filme ansieht und unseren Erzählungen lauscht, so dass unser Leben als Tourist nicht umsonst gewesen ist.

© Art Buchwald, ausführlich überarbeitet und der Neuzeit angepasst von Alexander Kriegelstein

Reiseleiter? – Reiseleiter!

„Kann man das aushalten? Den Stress, die Menschen, die ganzen Wickel?“, fragen die einen.

„Ok, du machst also das ganze Jahr Urlaub!“, sagen die andern.

Die Wahrheit liegt, wie immer, nicht in der Mitte. Reisen zu leiten kann ein Traumberuf sein. Es ist ein Privileg, große Teile der Welt bereisen zu können, und viele immer wieder. Es ist auch zumeist lohnend, mit Menschen zu arbeiten, Ihnen etwas bieten zu dürfen, Sie zu begleiten und zu leiten. Man muss sie nur mögen.

Es kann sich die Frage stellen: wie lange hältst du das noch aus? 80-, manchmal 100-Stunden-Wochen, wochenlang ohne freie Tage, Wochenenden oder auch nur heimzukommen, das fordert. Das Einkommen hingegen bleibt überschaubar, es orientiert sich an dem was Reiseleitung für viele ist: ein Studentenjob. Man kommt Menschen sehr, manchmal manchen zu nahe; es gibt kleine Stunden der Nacht, in denen es in einem Hotelzimmer auch bei fünf Sternen recht finster wird.

Aber wenn man neugierig ist, mit Begeisterung lernt und es genießt, nie damit aufzuhören, wenn man dienen kann ohne bucklig zu werden und führen kann ohne abzuheben – dann kann es ein Traumjob sein.

Was man dazu braucht? Erfolg. Siehe: Artenkunde der Reiseleiter.

Marcel Prousts Fragebogen

Marcel Proust beantwortete auf einer Geburtstagsparty einen Fragebogen, der ob des berühmten Antwortgebers vielerorts (unter anderem auch von der FAZ) oft und gerne veröffentlicht wird. So auch hier. Proust hat diesen Fragebogen nicht erdacht – er war lediglich eine der ersten Berühmtheiten, die ihn beantwortet hat.

Übrigens: Einem intelligenten Menschen ist es zuzugestehen, dass er in seinem Leben Meinungen ändert. Niemand kann dazu gezwungen werden, nichts aus seinen Erfahrungen zu lernen. Proust füllte diesen Fragebogen im Laufe seines Lebens auch zweimal aus. Meine Antworten sind bloß – meine Antworten. Finden Sie Ihre! In diesem Sinne, viel Spaß:

Wo möchten Sie leben?
Dort, von wo der Aufbruch leicht fällt.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
In Ermangelung bisheriger Bekanntschaft: ich hoffe, ich hatte es noch nicht.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Die menschlichen. Im Gegensatz zu denen des Lebens.

Was ist für Sie das größte Unglück?
Nur einmal leben zu dürfen, aber einmal leben zu müssen.

Ihre liebsten Romanhelden?
Ich habe keine „lieben“ Romanhelden. Nur geliebte Romane.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
Unmöglich, nur eine herauszustellen. Übrigens mag ich auch da jene mehr, die nicht „Lieblinge“ sein können.

Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit?
Die Künstler der „ersten Reihe“, also die ewigen, dann mein Theo aus einer meiner Geschichten, so wie auch der Alte aus Cosenza, und alle, die das Leben überfordert, und die nie aufhören mehr zu fordern.

Ihr Lieblingsmaler?
Canaletto. Eigentlich kann man auch nicht einen Maler über alle stellen, schon gar nicht Canaletto, aber hier geht es um Venedig.

Ihr Lieblingsautor?
Marie-Luise Scherer.

Ihr Lieblingskomponist?
Ich ertrage Musik nicht.

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einer Frau am meisten?
Kein „Weibchen“ sein zu wollen.

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten?
Verlässlichkeit.

Ihre Lieblingstugend?
Treue. Nein, das ist kein schreckliches Wort. Es haben es bloß schreckliche Menschen pervertiert. Und ich meine auch nicht den „ehelichen“ Aspekt.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Lesen.

Wer oder was hätten Sie gern sein mögen?
Mögen? Weiß ich nicht. Sollen: ich.

Ihr Hauptcharakterzug?
C2-D4

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?
Verlässlichkeit.

Ihr größter Fehler?
Die Wahl meiner Schule (2. BG XIX, Wien).

Ihr Traum vom Glück?
Nicht träumen zu müssen.

Was wäre für Sie das größte Unglück?
Gebrechlich alt zu werden bei bestem Gedächtnis.

Was möchten Sie sein?
Froh, oft und oft.

Ihre Lieblingsfarbe?
Pastell.

Ihre Lieblingsblume?
Ich habe keine Lieblingsblume und keine Beziehung zu Blumen.

Ihr Lieblingsvogel?
Ich habe keinen Lieblingsvogel und keine Beziehung … aber lassen wir das.

Ihr Lieblingsschriftsteller?
Marie Luise Scherer. Hatten wir schon.

Ihr Lieblingslyriker?
Nietzsche.

Ihre Helden der Wirklichkeit?
Das hatten wir auch schon. Etwas mehr Konzentration, bitte! Aber gut, zu den oben erwähnten seien noch genannt: alle, die Opfer bringen, ohne etwas davon haben zu können. Aus anderen Gründen: Axel Corti fällt mir ein, und Rudolf Augstein. Karlheinz Deschner.

Ihre Heldinnen in der Geschichte?
Frauen, die mich lieben konnten.

Ihre Lieblingsnamen?
Nadine, Alice, Valérie, die Namen unserer Tochter.

Was verabscheuen sie am meisten?
Niedere Beweggründe. Die „Kronen Zeitung“.

Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?
Menschen, die das Unglück anderer bewirken, um sich daran zu bereichern, oder die später noch davon profitieren, und die gleichzeitig ihre Opfer und Anhänger verhöhnen. Das reicht von asiatischen und afrikanischen Potentaten bis zu südösterreichischen Provinzpolitikern.

Welche Reform bewundern Sie am meisten?
Jede, die etwas grundlegend verändert hat, obwohl sie dem Zeitgeist widersprach, und die nachträglich anerkannt wurde.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
(Noch mehr) Gelassenheit.

Wie möchten Sie gern sterben?
Im Schlaf.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Wach.

Ihr Motto?
Wer oft und mehr glücklich sein darf als andere, muss auch öfter und mehr leiden. Sehr ärgerlich, ist aber so.

Und was Katzanzakis als Grabinschrift hat:

„Δεν ελπίζω τίποτα. Δε φοβʊμαι τίποτα. Είμαι λέφτερος.“

(„Den elpízo típota. De fovoúme típota. Íme lévteros. –
Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“)

Der Alte von Cosenza

Es zählt doch eher zu den Errungenschaften des modernen Schulwesens, dass das stupide Auswendiglernen von Balladen zumindest nicht mehr als die einzig wahre Grundlage von Bildung angesehen wird. Den Eingangsmonolog im Faust nicht auswendig zu können galt vor hundert Jahren noch als unzivilisiert, Schillers endlose „Glocke“ `runterratschen zu können als geistig-olympische Disziplin. Aber bitte anschnallen: nach heutigen Maßstäben hatten Menschen um 1900 einen durchschnittlichen IQ zwischen 50 und 70. Sie waren also hochgradig geistig behindert. Nein, waren sie natürlich nicht. Sie dachten nur viel konkreter als wir. Und anders. (brand eins Magazin, „Ach ja, die Jugend“, 11/2008, www.brandeins.de)

Lyrik aber, und das ist ein Verlust, ist in ihrer herkömmlichen Form verlorengegangen. Texte von Songs, vor allem Rap-Gedichte, haben ihren Platz eingenommen. Sie sind, wie die Gereimtheiten und Ungereimtheiten der Vergangenheit, manchmal gut und oft schlecht. Moderne unvertonte Lyrik wird kaum noch gelesen. Daher werden Gedichte auch kaum noch geschrieben, außer von Pubertierenden und jenen Ärmsten des Literaturbetriebes, die oft viel aber meist nicht anders können.

Ein Klassiker, der noch auswendig gelernt werden musste, als eh schon niemand mehr wusste, wer Alarich war, ist „Das Grab im Busento“ von Platen. Ich habe solche Sachen immer in der Badewanne gelernt, aber wer heute anderes in der Badewanne zu tun weiß, hat Besseres zu tun. Die Ballade ist unsäglich, schon die ersten zwei Zeilen sollten jeden sprachlich Sensiblen aufheulen lassen, zur Sicherheit sei das Ganze aber weiter unten angeführt.

Den Busento gibt es jedoch noch, die Stadt Cosenza auch. Als der Gotenhäuptling Alarich im Jahre 410 dort hinschied und mit seinen gerade in Rom günstig geraubten Schätzen vergraben wurde, ist mit ihm vielleicht die Bundeslade aus Jerusalem verschwunden. Vor den Goten war sie jedenfalls noch da. Alarichs Grab und die Beute wurden nie gefunden (http://geschichte-westeuropa.suite101.de/article.cfm/auf_der_suche_nach_alarichs_grab).

Sicher ist, dass im normannischen Dom königlich bestattet wurde, Heinrich von Hohenstaufen und Isabella von Aragon (letztere, wie Wikipedia weiß, „teilbestattet“) lagen oder liegen dort zur Ruh’. Sicher ist auch, dass Cosenza heute eines der vielen Enden der Welt ist: tiefstes Kalabrien, turmhohe Häuser aus dem Mittelalter, in denen niemand mehr wohnt und ebenso hohe Müllberge, kaum Tourismus, keine Jugend, keine Zukunft.

Aber dort werden noch Gedichte geschrieben: in einer winzigen Buchhandlung auf der Piazza vor dem Dom, nicht größer als zwei Telefonzellen, lebt Antonio Rizzuti. Er ist etwa 80, eher älter, es fällt ihm schwer noch beweglich zu sein, aber er hütet das zu Bewahrende. Man kann bei ihm kleine Domführer kaufen, und dazu kriegt man von ihm kopierte Blätter über die Zahlensymbolik der Staufer. Er hat eigentlich keine Buchhandlung, sondern nur zwei kleine Stapel mit acht oder neun Titeln: Lokalhistorisches, uralte Schmöker über die Stadt und die Region, einen Museumsführer. Und spricht man seine Sprache, gibt er noch kleine, sauber in Streifen gerissene Teile von Seiten dazu, auf denen sich Gedichte von ihm finden wie dieses:

La Voce del Passato

Ritorna il passato
ritorna
in morbide luci di sogno
a volte inatteso,
impetuoso
come un torrente in piena,
al magico richiamo
d’un profumo,
d’un suono,
d’un fiore disseccato,
di un amico ritrovato.

Die Stimme des Gestern

Das Gestern kehrt wieder
es kommt zurück
in sanften Lichtern eines Traumes
unerwartet manchmal,
ungestüm
wie ein reißender Fluss,
als verklärter Hinweis
auf einen Geruch,
einen Klang,
eine vertrocknete Blume,
einen wiedergefundenen Freund.

(Alle Übersetzungsfehler sind Alexander Kriegelstein anzulasten)

Es wird diese Gedichte auf kleinen an Falten gerissenen Zettelchen bald nicht mehr geben, und keine Kopien über Zahlenmystik und keine verstaubte Buchhandlung mit kleinen Stapeln von acht oder neun Titeln an der Piazza von Cosenza. Aber ohne diese Träumer, die anschreiben gegen die Stürme und Zeiten der Welt, die sich schwer tun noch beweglich zu sein und hüten, was noch unentdeckt ist, gäbe es vieles nicht, was uns reich macht. Sie sind unser Erbe. Sie sind das wahre Grab im Busento.

Das Grab im Busento

Nächtlich am Busento lispeln
bei Cosenza dumpfe Lieder;
Aus den Wassern schallt es Antwort,
und in Wirbeln klingt es wider.

Und den Fluß hinauf, hinunter
zieh’n die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen,
ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat
mußten hier sie ihn begraben,
Während noch die Jugendlocken
seine Schulter blond umgaben.

Und am Ufer des Busento
reihten sie sich um die Wette,
Um die Strömung abzuleiten,
gruben sie ein frisches Bette.
In der wogenleeren Höhlung
wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam,
mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder
ihn und seine stolze Habe,
Daß die hohen Stromgewächse
wüchsen aus dem Heldengrabe.

Abgelenkt zum zweiten Male,
ward der Fluß herbeigezogen:
Mächtig in ihr altes Bette
schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern:
„Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht
soll dir je dein Grab versehren!“

Sangen’s und die Lobgesänge
tönten fort im Gotenheere;
Wälze sie, Busentowelle,
wälze sie von Meer zu Meere!

August Graf von Platen 1796-1835

Hier blühen keine Zitronen

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„Wir sehen einen Baum und sagen: das ist ein Baum. Aber eines Tages werden wir uns alle geirrt haben.“ Alexis Sorbas, Nikos Katzanzakis …

In einer idealen Welt wäre die Toskana überall. Es ist schon wahr: von ihr aus wurde auch die praktische moderne Welt geschaffen, von der Notenschrift bis zum Finanzwesen, von Pachtsystemen bis zur hohen Politik. Aber vor allem entstand hier der Inbegriff dafür, was wir noch heute unter Schönheit verstehen. Die Kunst einiger Jahrzehnte, die Malerei, Architektur und Bildhauerkunst der Renaissance, haben bis heute geprägt, was wir als „guten Geschmack“ empfinden. Ausgewogenheit, maßvolle Zurückgenommenheit und edle Anmut wurden nirgendwo sonst zu alles bestimmenden Maximen.

Wer die Hohe Schule des Sehenlernens in Florenz erleben durfte, wer Halbkreis und Quadrat bei Brunelleschi und Donatello als Ikonen der Harmonie verinnerlicht und die Perspektive bei Paolo Uccello und Masaccio als Lebensinhalt erkannt hat, wer vor Santa Maria Novella oder im Bargello ruhig geworden ist, der ist bereit, das größere Kunstwerk anzunehmen: die Toskana als Landschaft.

Im – wirklich – lieblichen Arnotal bei Vinci, gesäumt von sanften Hügeln und Olivenhainen, oder im schroffen Bergland von Caprese Michelangelo, im Mugello nördlich Florenz, Sommerfrische der Medici, oder von den abstrakt-surrealen Crete bei Siena bis in die Weinlagen des Chianti: kaum eine Landschaft scheint so für den Menschen geschaffen – und oft von Menschen gestaltet zu sein. Die einzelne Zypresse auf einem Hügelrücken ist nicht nur so schon bei Piero della Francesca vorzufinden, sondern sie steht da, prägend, einsam und stolz. Nichts ist hier Zufall. Beim Blick auf Giottos Campanile neben der Domkuppel von Florenz weiß man es später wieder.

Der Schiefe Turm auf dem Platz der Wunder zu Pisa ist eine Allegorie der Diagonale, die die kubischen Bauernhäuser ebenso bestimmt wie die fast schlichten Villen und Herrenhäuser und Landkirchen. Die Vertikale des Campanile oder der Geschlechtertürme von San Gimignano ritzt den Himmel auf.

Geometrische Strenge und Klarheit – es ist ganz einfach, einfach und menschlich, und der Mensch ist das Maß aller Dinge. Hier wurde der Humanismus geboren.

In dieser elysischen Landschaft braucht es keine starken Farben. Es braucht oft gar keine: das unergründliche, so vielen großen Bildhintergründen eigene dunstige sfumato, das allen Blick entschärft, genügt. Die bräunlich-gelblichen Erdtöne, das zitternde Silber der tausend Jahre alten Olivenbäume, das schwarze Grün der Zypressen (alles Farben des toskanischen Marmors aus dem Kirchen wie die von Lucca oder Siena wurden) und hie und da die Farbe des blutigen Weins: mehr geht nicht. Mehr sollte der Mensch nicht ertragen.

Reich ist nicht, wer viel hat. Und viel sieht nicht, wer geblendet ist. Doch wie reich ist, wer hier sehen darf.

Lawrence von Arabien – der englische Patient

Ein wenig ähnelte er vom Aussehen her dem Komiker Stan Laurel – aber er tat alles, um sehr ernst genommen zu werden. Dabei geriet sein Leben zu einem Rätsel von Sphinxscher Ungreifbarkeit für die Nachwelt: Thomas Edward Lawrence, genannt Lawrence von Arabien.

In Oxford aufgewachsen war er schon früh mit der Vergangenheit vertraut. Der Knabe verschlang bereits alles Lesbare, bevorzugt Ritterromane, die im Viktorianischen England ohnedies hoch im Kurs standen. Sein Studium der Archäologie führte ihn nach Frankreich, wo er Festungsanlagen aus der Zeit Richard Löwenherz’ kennen lernte – im Nahen Osten suchte er deren Vorbilder aus den Kreuzzügen. In jener Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg war der Nahe Osten Teil des Osmanischen Reichs; Lawrence, der das Arabische beherrschte, erfuhr die unerhörte Gastfreundschaft der Beduinen, aber auch den tief verankerten Wunsch der Araber nach Freiheit vom türkischen Joch und nach Unabhängigkeit. Nach seiner Abschlussarbeit über die Kreuzfahrerburgen stand ihm eine wissenschaftliche Karriere in Oxford offen, aber Lawrence wollte zurück in den Orient. 1911 ist er wieder in Syrien, als Übersetzer. Damals schlossen die Osmanen und das Deutsche Reich jenen unseligen Pakt, der zum Ende beider Reiche führen sollte, und zu Schlimmerem. Die Bahnstrecke von Berlin nach Bagdad und auf die Arabische Halbinsel wurde zum Symbol dieser Verständigung und zu einer Provokation Britanniens. Das Ausgrabungsteam, dem Lawrence angehört, wird für Spionagezwecke eingesetzt, die Beschäftigung mit byzantinischen Funden in der Negev-Wüste zum Vorwand. Als nach Sarajevo der Krieg ausbricht, erhält die Südflanke des Türkischen Reichs strategische Bedeutung. Lawrence bietet an, die notorische verfeindeten Stämme zu einen und gegen die Osmanen auszurichten. In Prinz Feisal, dem Sohn des Emirs von Mekka, findet er die große Persönlichkeit, mit der er gemeinsam Geschichte schreiben will: der Mann der Vergangenheit ist zum Gestalter der Zukunft geworden. London schickt Geld, viel Geld, und Waffen. Und die Araber haben ein Ziel: einen eigenen Staat mit der Hauptstadt Damaskus. Diesem Traum ordnen sie selbst die Rivalitäten ihrer Sippen unter.

Nach Damaskus…

Ein kühner Plan soll umgesetzt werden: nach einem Umweg durch die Wüste und Wadi Rum wird Akaba genommen, der Überraschungsangriff gelingt. Überfälle in Guerillamanier auf den türkischen Nachschub werden immer effizienter. Lawrence erhält von den Arabern jenen berühmten weißen Umhang, der eigentlich Nachfahren des Propheten vorbehalten ist. Für die Beduinen ist er „El Awrence“, bald wird er Lawrence von Arabien. Dass jenes Arabien, das er und Feisal anstreben, nie eine Chance hatte, entdeckt er zu spät.

Als er in Dera an der syrischen Grenze zu Jordanien verhaftet wird, scheint eine Spionkarriere tragisch zu enden. Tatsächlich wird er gefoltert und ausgepeitscht, vielleicht auch sexuell missbraucht. Doch er kann fliehen und erlebt den siegreichen Einzug der Briten in Jerusalem und 1918 endlich in Damaskus mit. Doch nun wird der Kampf um die Unabhängigkeit auf dem Verhandlungstisch fortgesetzt. Dort sind die Araber gar nicht erst vertreten. Lawrence nimmt als Übersetzer für Feisal an Konferenzen in Versailles teil und liefert sich Schreiduelle mit Georges Clemenceau. Es hilft alles nichts, Syrien und Libyen werden französisch, Palästina, Irak und Jordanien britisch. Die Männer von Versailles haben nicht nur die Grundlagen für den Zweiten Weltkrieg und das Ende der Bedeutung Europas beschlossen, sie haben auch den Keim gepflanzt für das Martyrium der Menschen im Nahen Osten. Die Freundschaft zu Feisal zerbricht, heute gilt Lawrence in Arabien als Verräter.

Der Rätselhafte

Dafür wird er in Europa und den USA zum Superstar: nicht zuletzt aufgrund seiner „Erinnerungen“, die er völlig zurückgezogen schreibt, und die unter dem Titel „Die sieben Säulen der Weisheit“ zu einem Dauerbestseller werden. Wie groß die Rolle der Wahrheit darin ist, konnte noch immer nicht geklärt werden. Der Mann, der als Junge entdecken musste, dass er einer unehelichen Verbindung entstammte und der nach seinen Erlebnissen in der Haft kaum noch Menschen zu berühren vermochte, war wohl stets ein Außenseiter geblieben und hat sein Leben zu einem Labyrinth werden lassen: war er überhaupt im Kampf, war er ein Held, war seine Beteiligung bei der Einnahme Akabas wesentlich? War er homosexuell und lebte er sadomasochistische Gelüste aus? War seine Liebe zu den Beduinen (auch) erotisch orientiert? Hat er wirklich einen Mann exekutiert, um einen Streit zu schlichten?

Kurz nach seinem Abschied aus der Armee rast er 1935 mit einem Motorrad in den Tod. Winston Churchill sah in ihm einen der größten Männer des Jahrhunderts und war beim Begräbnis zugegen. Sein Buch ist jede Empfehlung wert – ein Besuch der Stätten, die er unsterblich gemacht hat, auch.