Archiv des Autors: Alexander Kriegelstein

Über Alexander Kriegelstein

"Bricolage ist die nicht vordefinierte Reorganisation von unmittelbar zur Verfügung stehenden Zeichen beziehungsweise Ereignissen zu neuen Strukturen." Claude Lévi-Strauss, „Wildes Denken“ 

Venice for Pleasure

[nggallery id=4]Venice for Pleasure

ist gleich der Titel nicht nur des besten Führers für Venedig, sondern des besten je geschriebenen irgendeiner Stadt. Aber der Reihe nach:

Bestes Hinkommen:

Per Zug – entspannt in der Früh aufwachen mitten in der Stadt. Fliegen kostet viel Zeit vom An- bzw. Abreisetag. Und eine halbe Tonne CO2 pro Person fällt bei diesem Flug auch an… – muss ja nicht sein.

Per Auto ist sowas wie ein nicht bestandener Intelligenztest. Man kann in Punta Sabbioni oder am Piazzale Roma parken (zum Preis eines Hotelbetts pro Nacht). Aber eigentlich kommen wir nach Venedig auch wegen der Autos. Um keine mehr zu sehen, zu hören, zu riechen. Weiterlesen

COS I’M FREE

Eine Geschichte, die Mut machen soll:

Die Olympischen Spiele 2000 waren etwas Besonderes. Weil sie 2000 stattfanden, weil sie erstmals am anderen Ende der Welt stattfanden, und weil sie von ALLEN Aussies getragen wurden. Die ganze Nation war stolz dieses Ereignis bei sich zu haben, und eine unglaubliche Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern, jung und alt, arm und reich, hat in einem nicht unbeträchtlichen Ausmaß als Freiwillige mitgearbeitet, um diese Spiele zu einem Erfolg werden zu lassen.

Ich war ein paar Jahre später im Stadion von Sydney, und davor sind Stelen aufgestellt mit den Namen aller, die daran mitgebaut und während der Spiele mitgearbeitet haben. Es müssen so ziemlich alle 20 Millionen Australier gewesen sein. Weiterlesen

Das größere Puzzle

Sigurd Schädeldrunk wurde 1965 als elftes Kind seiner Eltern in Tromsö geboren, 600 km südlich des Nordkaps und 1600 km nördlich von Oslo oder 4000 km nördlich von Palermo.                                                                                Sein Vater war im Straßenbau beschäftigt, aufgrund der Schneeverhältnisse bis auf wenige Wochen des Jahres beschäftigungslos und, wie praktisch alle Arbeiter in Tromsö, dem Trunk ergeben. Die Mutter führte anscheinend ein extrem unauffälliges und aufopferndes Dasein als Hausfrau und Mitglied im Kirchenchor einer örtlichen Stabkirchen-Gesangsgruppe. Von frühester Jugend an waren Schädeldrunks Träume und Wünsche nach Süden orientiert.

Die acht jährlichen Wintermonate, sechs davon bei ständiger Dunkelheit, zerrütteten sein Nervensystem bereits, bevor er die Volksschule besuchte. Erkennbar wurden seine Schwierigkeiten, sich den Bedingungen seiner lokalen Hemisphäre anzupassen, durch vereinzelte autistische Ansätze, eine Hingabe zu Puzzles und eine Vorliebe für neapolitanische Volkslieder. Dies machte ihn bald zu einem Außenseiter in seinem unmittelbaren Lebensumfeld. Von Freundschaften in seiner Jugend ist nichts überliefert, von Geborgenheit bei seinen Eltern noch weniger. Zwei Entscheidungen sollten seinen Lebensweg entscheidend beeinflussen: der Entschluss, in Trondheim Kunstgeschichte zu studieren und die Lektüre des Buches „Die Kinder von Torremolinos“ von James Michener. Weiterlesen

Der letzte Kreis der Hölle – volkstümliche Musik revisited

Seit einem durchaus traumatischen Erlebnis, meinem ersten Musikantenstadl, hatte ich mir vorgenommen, das Kapitel „volkstümliche Musik“ einmal zu verarbeiten. Nach einem ersten Ansatz, der sich zufällig ergeben hatte, wollte ich es gestern wissen: „Das Sommerfest der Volksmusik“ stand auf dem Programm. Gewappnet mit guten Vorsätzen, stimulierenden Essenzen, Diktiergerät, Block und Stift, Popcorn und Pulsmesser ließ ich mich auf das Abenteuer ein.

Die Moderatorin heißt angeblich wirklich Carmen Nebel, tritt als grellgrüne Hüpfburg auf, deren Farbe sich mit allen im Studio reichlich arrangierten Pflanzen schlägt und wird ob ihres Darstellungsvermögens während der gesamten Sendung von einem relativ kleinen Philodendron links hinten an die Wand gespielt.

Die Kulissen gewähren diesmal einen tiefen Einblick in südliche Gefilde und die dunkle Seele des Ausstatters. Ein mutiger Sonnenuntergang vor der Silhouette des Vesuvs in Technicolor im Hintergrund, davor eine Pizzeria namens Don Vaffanculo oder so ähnlich, ein Ristorante Wurstelconkrauti und die unvermeidbare Vespa lassen Urlaubsgefühle von Ruhrpottbewohnern der Fünfzigerjahre wach werden. Dieses Italien gibt es nicht mehr und hat es nie gegeben, aber den Ruhrpott gibt es auch nicht mehr, und den hat es gegeben. Sein ist die Rache. Weiterlesen

Zwei Blondinen in Rom

Ob sie einander begegnet sind? Die eine hatte eben fast ihren Lebenstraum erreicht, die andere stand kurz vor ihrer ersten Ehe und hatte noch alles vor sich. Es war das Jahr, in dem Cäsar ermordet wurde, Cleopatra war damals fünfundzwanzig, Livia elf Jahre jünger. Die eine war die ehrgeizigste Frau der östlichen, die andere die der westlichen Welt.

Cleopatras Hoffnungen wurden mit Cäsars Tod noch nicht begraben, Livia konnte noch nicht wissen, daß sie die Frau des mächtigsten Mannes der Welt, Augustus, werden sollte, und nach seinem Tod Regentin gemeinsam mit ihrem Sohn Tiberius.
Von Cleopatra gibt es zwei Büsten, eine (angezweifelte) im British Museum in London, eine im Vatikan, Livia kennen wir besser.

Sie waren beide blond, Cleopatra, die griechischstämmige Königin Ägyptens, nicht unbedingt schön, aber von einer über alle Maßen einnehmenden Art und selten sprachgewandt, verfügte über das Erbe der Ptolemäer und der Pharaonen, den Glanz und Reichtum des Ostens, die Liebe zum Luxus und die Fähigkeit zur völligen Hingabe.
Livia, die Hocharistokratin aus dem Hause der Claudier, eine edle Schönheit, verkörperte den Stolz und den unbeugsamen Charakter der Römerin, die weiß, daß nur Götter ihrem Willen im Wege stehen können, die Liebe jedenfalls nicht. Weiterlesen

Österliches aus dem Morgenland

“Doch wir alle scheitern irgendwann. Unsere Gesundheit verlässt uns. Wir lassen nach. Wir schwinden.“ Meryl Streep. Eine kluge Frau. Bis es soweit ist, trinke ich dieses Leben noch zur Neige, in vollen Zügen, mit Lust und Durst. Momentan macht es mir endlos Freude. Und Spaß.

Ibrahim nicht. Ibrahim hat heute Früh resigniert. Die Japaner haben ihn geschafft. Ibrahim verkauft Fotos, die seine Mitarbeiter von Touristen in Fes machen. Am nächsten Morgen bietet er sie vor den Hotels der Reisenden an. Die Bilder sind geschmückt mit marokkanischen Motiven und tragen Inschriften wie “Gruß aus Fes“. Ibrahim mag mich, weil ich ihm beim Verkaufen behilflich bin. “Merci, chef!“ zwinkert er mir morgens fröhlich zu. Heute war er nicht fröhlich sondern geknickt.
Gestern haben sie in Fes Japaner fotografiert, vor der ältesten Uni der Welt, gegründet von einer Frau dreihundert Jahre vor Oxford. Die Japaner waren kichernd begeistert, sich auf den hübschen Bildern wiederzufinden. Aber Ibrahim ist nun am Ende. Sie haben kein Foto gekauft, kein einziges. Sie haben sie fotografiert.

Zu Palästina, wo es wieder brennt seit dem Tag meiner Abreise, ist mir noch eingefallen: an einer Stelle dieser schrecklichen Mauer (hier) die die Palästinenser in Israel einsperrt und demütigt, ist ein Graffiti angebracht, das die Feinde anprangert: Israel, die USA, den Kapitalismus. Letzterer wird durch einen Löwen dargestellt, der ein $-Zeichen eintätowiert hat, der Dollar als Symbol des Bösen. Natürlich haben die Palästinenser keine eigene Währung, und dass sie den israelischen Schekel ablehnen, versteht sich. Also haben sie eine improvisierte Währung, als Kompromiss. Es ist der Dollar.

Ich empfinde mittlerweile eine große Zärtlichkeit für unsere arabischen Brüder und Schwestern – auch und gerade für ihre Beladenheiten, das Irrationale, das Schwermütige, das Resignative, das Absurde. Und die immer wieder aufblitzende Unfähigkeit, die Unmöglichkeit der Organisiertheit, die allgegenwärtige Schläfrigkeit, die melancholische Verstaubtheit ihrer Welt. Im 7-Tage-Krieg hat eine ägyptische MIG (Kampfflieger) eine andere versehentlich abgeschossen und wurde folgerichtig ebenso versehentlich von einer ägyptischen Flak zerstört. Das mit dem Dollar passt dazu.

Das Bild mit Küken: Österliches aus Moulay Idriss, Marokkos Heiliger Stadt. Nein, ich habe keine Ahnung, wie man eine Hundertschaft zappelnder Küken gleichmäßig bunt einfärbt :)
In Manchem sind sie uns über. Ziemlich.

Seid gegrüßt aus dem Reich des Dösens!
A

 

Küste des Lichts

[nggallery id=18]Die Côte d’Azur ist eine einzige Ode an die Schönheit. Zu jeder Tages- und zu jeder Jahreszeit ist es das Licht dieser Küste, das in seinen Bann schlägt. Die Bilder sind aus Cannes, Nizza, Monaco, St. Tropez, Èze und Antibes – und aus St. Jean/Cap Ferrat mit der märchenhaften Villa Ephrussi de Rothschild.