Zwölf Minuten

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Vicente betreibt einen dieser winzigen Greissler-Läden in Sevilla. Sein Geschäft liegt gleich beim Parasol, dem “Schwammerl“, das ich so liebe, und das ich jeden Tag, den ich hier verbringe, besuche, bei Tag oder nachts. In Vicentes Laden, nicht größer als vier Telefonzellen, gibt es geschätzte zweitausend Artikel, eigentlich alles, von Schnürsenkeln bis Putzmitteln, vor allem aber Lebensmittel. Von der Decke hängen herrliche Schinken, in der Vitrine liegen Wurst und Käse in allen Variationen, in den Regalen drängen sich Flaschen mit allem, was das Herz begehrt. An der Wand hängt ein Zeitungsausschnitt, in dem steht, dass Vicente seine Kunden seit 57 Jahren bedient und Fan von Betis Sevilla ist.
Mir macht er ein Schinkenbrötchen mit ein wenig Mayonnaise, immer wenn ich ihn besuche. Mit mehr Liebe wurde mir nicht oft ein Sandwich zubereitet: er braucht dafür zwölf Minuten, jedes Mal. Bei unserer Premiere wollte ich nach vier oder fünf Minuten gehen, aber dann begann mich die Prozedur zu faszinieren. Zwischen den einzelnen Arbeitsschritten – Brötchen holen, Brötchen schneiden, Schinken auf die Schneidemaschine wuchten, schneiden, auflegen, Mayo holen, auftragen, Sachen zurücklegen, zärtlich einpacken – geht er mehrmals in das Hinterzimmer (Weshalb?? Warum bloß?), um dann geschäftig murmelnd wiederzukehren und weiterzumachen.Beim ersten Mal kam ich einem Nervenzusammenbruch gefährlich nahe, seitdem bin ich süchtig. Ist Vicente fertig mit mir, während sich hinter mir ein Dutzend Wartender gebildet hat, die völlig offensichtlich Bescheid wissen und nie ungeduldig werden, im Gegenteil gebannt wie ich den Beweis für das Fortdauern von Gewissenhaftigkeit in dieser unserer Welt verfolgen, nimmt er mein Geld großmütig entgegen und gibt mir mit dem Wechselgeld noch zwei Zuckerln, jedesmal. Dann darf ich gehen, mit einem Fünfstern-Brötchen um eineinhalb Euro und meinen Bonbons. Damit setze ich mich vors Schwammerl und bin glücklich. Ist es Nacht, hole ich mir danach von der Kneipe ums Eck ein Glas Bier um vierzig Cent.
Ich könnte noch viel von Sevilla schreiben, von seiner Schönheit und Würde, der Atmosphäre, der Grandezza einer Stadt, der ich nun verfallen bin. Hier könnte ich leben, trotz der vierzig und mehr Grad von Juni bis September, und Du weißt, was das bei mir bedeutet. Bilder von Vicente und dem Parasol folgen, von der Giralda und aus Cordoba, aus Granada und aus diesem herrlichen, großartigen Andalusien, vor allem aus Sevilla. Aber Vicente beim Parasol, am Platz der Fleischwerdung, wo seit maurischen Zeiten ein Markt gehalten wird, bringt alles auf den Punkt.

Hemingway hat einmal gesagt, Spanisch sei so leicht, dass man es in drei Wochen lernen könne. Aber Hemingway war ein “Einedrahrer“, ein Über- oder Untertreiber, je nachdem.
Man braucht fünf. Und zwölf Minuten für ein Brötchen.