Zwei Blondinen in Rom

Ob sie einander begegnet sind? Die eine hatte eben fast ihren Lebenstraum erreicht, die andere stand kurz vor ihrer ersten Ehe und hatte noch alles vor sich. Es war das Jahr, in dem Cäsar ermordet wurde, Cleopatra war damals fünfundzwanzig, Livia elf Jahre jünger. Die eine war die ehrgeizigste Frau der östlichen, die andere die der westlichen Welt.

Cleopatras Hoffnungen wurden mit Cäsars Tod noch nicht begraben, Livia konnte noch nicht wissen, daß sie die Frau des mächtigsten Mannes der Welt, Augustus, werden sollte, und nach seinem Tod Regentin gemeinsam mit ihrem Sohn Tiberius.
Von Cleopatra gibt es zwei Büsten, eine (angezweifelte) im British Museum in London, eine im Vatikan, Livia kennen wir besser.

Sie waren beide blond, Cleopatra, die griechischstämmige Königin Ägyptens, nicht unbedingt schön, aber von einer über alle Maßen einnehmenden Art und selten sprachgewandt, verfügte über das Erbe der Ptolemäer und der Pharaonen, den Glanz und Reichtum des Ostens, die Liebe zum Luxus und die Fähigkeit zur völligen Hingabe.
Livia, die Hocharistokratin aus dem Hause der Claudier, eine edle Schönheit, verkörperte den Stolz und den unbeugsamen Charakter der Römerin, die weiß, daß nur Götter ihrem Willen im Wege stehen können, die Liebe jedenfalls nicht.

Cleopatra hatte nach Cäsars Tod noch vierzehn Jahre, kam ihren Vorstellungen von der gleichberechtigten Vereinigung ihres Reiches mit Rom sehr nahe, am nächsten vielleicht in jenem Winter in Alexandria, als sie, „Königin der Königinnen“, mit Antonius die „Gesellschaft vom unvergleichlichen Leben“ gründete, sie setzte alles auf Antonius, und verlor zuletzt alles. Ihren Sohn, Cäsarion, der vielleicht wirklich Cäsars Kind war, ließ Augustus töten, nachdem er Antonius und Cleopatra endgültig besiegt hatte. Cäsars unfaßbare Weitsicht hatte in seinem Testament einen achtzehnjährigen, kränklichen Knaben zum Erben eingesetzt, der die Träume seiner Geliebten im Nichts enden ließ und aus Rom einen wahrgewordenen Traum machte.

Livias Ehe mit Augustus begann unter auch für römische Verhältnisse sensationellen Bedingungen: Augustus gab seiner Frau Scribonia den Scheidebrief und zwang Tiberius Claudius Nero, sich von seiner hochschwangeren Frau zu trennen, die er umgehend ehelichte. Solche Zwangsheiraten auf Augustus’ Geheiß sollten noch folgen: seine Tochter aus erster Ehe, Julia, wurde zuerst mit einem Neffen Augustus’ verheiratet, dann mit seinem fähigsten General, dem vielleicht reichsten Mann Roms, Agrippa (dem ersten Erbauer des Pantheons, der sich auch von seiner Gattin trennen mußte), nach seinem Tod mit Livias Sohn aus erster Ehe, Tiberius, der ebenfalls eine glückliche Ehe mit der sanften Vipsania, einer Tochter Agrippas, die gerade schwanger war, beenden mußte, und der daher die Witwe des Vaters seiner ersten Frau zu ehelichen gezwungen wurde. Die Folgen waren für die meisten Beteiligten katastrophal, Julia wurde ein Opfer ihrer Fluchten in kurzlebige Leidenschaften und von ihrem – in seiner zweiten Lebenshälfte zum allgemeinen Erstaunen sittenstreng gewordenen – Vater auf die trostlose Insel Ventoténe verbannt, Tiberius wurde, wie Plinius schreibt, der „traurigste Mann Roms“ und der vielleicht einsamste aller Cäsaren.

Nur Livias Ehe mit Augustus war von so etwas wie Glück geprägt. Sie wußte was sie wollte: „Ich lebte selbst in allen Züchten und Ehren, tat alles, was ihm angenehm war, mischte mich nicht in seine Händel, zankte nicht über seine Liebesabenteuer und tat, als ob ich nichts davon wüßte“. Vielleicht waren Augustus und Livia einander, wie Reinhard Raffalt schreibt, wesensfeindlich, was eine Voraussetzung für dauerhafte Bindung sein kann.
Ihrem Verstand und ihrer Illusionslosigkeit verdankte sie ihre Erfolge, die ihren Mann zum wirklichen Erschaffer des Weltreiches, ihren Sohn zum wenig geliebten aber als Staatsmann enorm segenbringenden Cäsaren und sie selbst zur Augusta, zur Mitbeherrscherin des Imperiums machen sollten.

Cleopatra wohnte mit Cäsar, wie Cicero (der sie gehaßt hat) schreibt, „in jener Villa jenseits des Tiber“, vielleicht dort, wo sich heute die Villa Farnesina befindet, und wo man 1879 einen Prunkbau und Fresken aus der fraglichen Zeit freilegte. Livia teilte mit Augustus neben dem Palast auf dem Palatin ein Landhaus an der Via Flaminia, etwa 15 Kilometer nördlich von Rom, nahe der Ortschaft Prima Porta.
Großenteils erhaltene Teile der Raumausschmückung, Fresken und Stuckverzierungen (!) dieser beiden Häuser, der „Villa der Livia“ und der „Villa der Farnesina“, lassen sich nun einander benachbart in einem Stockwerk eines neuen Museums in Rom besichtigen. Es sind dies die bedeutendsten Beispiele römischer Malerei der Antike nach dem Nationalmuseum von Neapel.

Szenenwechsel.

Sie haben es fast geschafft. In der Gluthitze des römischen Sommers, die die meisten Touristen eher auf der Flucht vor dem Kollaps als auf der Suche nach Kunst oder Heil in die Kühle der Kirchen flüchten läßt, sind sie am Corso Vittorio Emanuele beim Palazzo Massimo angelangt.
Die Massimo sind nicht irgendeine der großen Familien der Ewigen Stadt. Als 1797 ein päpstlicher Gesandter benötigt wurde, um in Tolentino mit dem General Bonaparte einen Friedensvertrag auszuhandeln, wurde Camillo Francesco Massimo beauftragt.
Napoleon, der erfahren hatte, mit wem er es zu tun haben sollte, empfing den Gesandten mit den Worten: „Ich höre, daß Ihre Familie sich von Fabius Maximus herleitet. Sie werden doch nicht denken, daß ich Ihnen einen solchen Unsinn glaube?“ – Der Fürst entgegnete: „Ob in dieser Legende eine Wahrheit steckt, Sire, kann ich nicht entscheiden. Ich weiß nur, daß man sich in unserer Familie diese Geschichte seit zwölfhundert Jahren erzählt.“
Quintus Fabius Maximus Cunctator war ein Gegenspieler Hannibals. Napoleon, der zeitlebens unter seiner kleinadeligen Herkunft litt, hatte dem nichts zu entgegnen.
Dieser erste Maximus hatte Hannibal nicht besiegen können, wie auch der Vertrag von Tolentino Pius VI. nicht rettete. Aber Hannibal und Napoleon sind letztlich gescheitert, und Rom, das Papsttum und die Familie der Massimo gibt es immer noch. Zuletzt zu lachen ist eine sehr römische Kunst.

Der Palazzo Massimo alle Colonne nahe der Piazza Venezia wird heute noch von der Familie bewohnt. Er ist nicht sehr alt, wurde nach dem Sacco di Roma, der Plünderung und Verwüstung der Stadt durch die Truppen Karls V. 1527, von den Massimo an Stelle des zerstörten Vorgängerbaus errichtet. Die Familie wohnt in dieser Gegend spätestens seit dem dreizehnten Jahrhundert. Aber der Palast ist nicht zugänglich. Die Suchenden haben es nur fast geschafft.
Im Jahre 1870 gehörten 48% des römischen Stadtgebietes 25 Familien. So ist es nicht verwunderlich, daß auch andere Häuser mit den Massimo in Verbindung gebracht werden. Die stehen allerdings nicht in den einschlägigen Führern. So lenkt der freundliche und geduldige Pförtner mehrmals täglich die Schritte von Verirrten wort- und gestenreich vom Corso Vittorio Emanuele dorthin, wo sie eigentlich hinwollten: Piazza dei Cinquecento (nicht nach einem Auto benannt), vor dem Hauptbahnhof, Palazzo Massimo bei den Thermen.
Hier wurde am 27. Juni 1998 vom Präsidenten der Republik das Museum eröffnet, das einen schwer erträglichen Zustand beendete: Das Römische Nationalmuseum in den Thermen des Diokletian und im Kreuzgang der Karthäusermönche der benachbarten Santa Maria degli Angeli war seit seiner Gründung nach der Einigung Italiens 1870 mit Problemen der Unterbringung der Ausstellungsstücke konfrontiert, Problemen des Raumes und der Konservierung. Seit über einem Jahrzehnt konnten nur Teilbereiche besichtigt werden, wesentliche Elemente gar nicht.
1995 wurde ein kleiner Teil der Sammlungen im Palazzo Massimo eröffnet, der bedeutende Großteil nun der Öffentlichkeit übergeben. Gemeinsam mit der ausgelagerten Sammlung Ludovisi im Palazzo Altemps stehen die Schätze des Römischen Nationalmuseums nun wieder dem Besucher offen.
Der Palazzo Massimo bei den Thermen ist mit seinen Statuen, Portraits, Reliefs, Intarsien, Fresken und Münzen aus römischer Zeit, mit Funden unter anderem aus der Hadriansvilla, den Gärten des Sallust, vom Esquilin und aus Anzio, eines der reichsten und schönsten Museen der Welt. Den Höhepunkt der Besichtigung stellt jedoch der Freskenschmuck des Trikliniums aus der Villa der Livia von Prima Porta dar. Marie Luise Kaschnitz hat ihn in den Fünfzigerjahren beschrieben:

„…ein paar Bäume von nordisch-fremdländischem Charakter, eine Kiefer, eine Eiche, vier Weißtannen, deren Nadeln auf der Unterseite silbern glänzen. Dahinter beginnt der eigentliche Garten, freilich auch ein von Menschenhand gepflanzter, mit Zierpalmen, Obstbäumen und Ölbäumen, aber doch einer, in dem das alles längst ohne die Hilfe des Gärtners weiter zu treiben scheint. Der Lorbeer ist vielfach vertreten, überhaupt viel Schmalblättriges, saftig Immergrünes, mit metallisch glänzender Blattunterseite, die der Wind aufblitzen läßt. Für die Früchte ist Erntezeit, rötlich und sonnengelb hängen sie in den Zweigen, Zitronen und Granatäpfel deutlich erkennbar und von den Granatäpfeln einige schon aufgeplatzt, die volle Samenschale von den Vögeln bepickt. Weiße Blumen, mohnähnliche, stehen in Blüte, auch weiße und gelbe Margeriten, alles gewiß mit Bedacht gepflanzt und doch schon halb wieder verwildert, im üppigen Gras. Absichtslos zufällig, wie vergessen, steht ein Vogelkäfig auf der Balustrade, mit weit angeordneten Stäben kein Gefängnis und nur wie zum Spaß von einem grauen Vögelchen bewohnt. Die andern Vögel sind vollends frei, picken im Gras, sitzen mit ihren weißen oder leuchtend gelben Brüsten auf den Bäumen oder schwingen sich, schwarzgeflügelt, jedes Federchen gespreizt, zum Himmel empor.

Je länger man die Malerei anschaut, um so mehr hat man das Gefühl, als solle kein Menschenfuß je diese blühende Wildnis betreten, keine Menschenhand nach diesen Früchten greifen oder diese Blumen pflücken. Fast scheint es, als sei die marmorne Schranke in der Meinung des Malers nicht nur dazu bestimmt, den Menschen vor der andrängenden Natur zu schützen, sondern auch die Natur vor dem Menschen, vor seinem Alter und seinem Tod. Er ließ in silberblauem Dunst hinter den nächsten Zweigen und Wipfeln immer fernere, blassere erscheinen, so gelang ihm eine Traumwelt von grenzenloser Ausdehnung, die Vorspiegelung einer ewig dauernden Blüte und Frucht. Ein irdisches Paradies, gemalt an die Wände eines Zimmers für Menschen, die bestimmt waren, zu altern und zu sterben und auf eine ganz andere Weise unsterblich zu werden.“

Vielleicht benötigt mancher für alles einen Grund. Man kann nach Rom fahren wegen eines Meetings, einer Geliebten, oder weil Rom ohnedies immer mehr gibt als uns je genommen werden kann. Diese Bilder sind aber für sich genommen ein ziemlich guter Grund.
Daß das elektronische Drehkreuz des Eingangs vier Wochen nach Eröffnung des Museums schon außer Betrieb ist, ist liebenswert-römisch. Von irgendwas müssen wir ja alle leben.

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