Zugänge „Eins“

Wie in fast allen afrikanischen Großstädten zogen sich bis vor wenigen Jahren am Stadtrand endlos die Ghettos der Ärmsten dahin. Wellblechbaracken ohne Kanalisation, ohne Strom, Endstation für viele kurz vor Erreichen der Wohlstandswelt. Flog man in die Stadt, ware sie der erste, für viele Besucher verblüffende Eindruck.

So haben die Einwohner wohl schon einmal gehaust, nach dem großen Erdbeben im Jahre 1755. Über zweihundert Jahre später sind es die Heimgekehrten in das Mutterland, die Vertriebenen und Geflohenen aus den unendlich großen und reichen Kolonien, die in improvisierten Behausungen ihr Dasein fristen.

Die Stadt ist alt, sehr alt sogar. Der Sage nach hat Odysseus sie auf einer seiner Irrfahrten gegründet. In Wahrheit geht ihr Name wohl auf das phönizische Alis Ubbo (= liebliche Bucht) zurück, also Karthager waren zuerst hier. Es folgten die Römer, die Vandalen, Sueben und die Westgoten, später die Nordafrikaner. Nach der Rückeroberung vom Islam wurde die Stadt Hauptstadt der ersten europäischen Nation im modernen Sinn, eines Landes übrigens, das als erstes seine Grenzen im heutigen Umfang erreicht hatte – von kleinen Korrekturen und zeitweiligen Eroberungen durch das Nachbarland abgesehen.

Im 15. und 16. Jahrhundert galt die Stadt an der Mündung des Tejo als eine der glanzvollsten Metropolen des Kontinents, Folge der unerhörten Reichtümer, die aus den neuerschlossenen Welten hereinströmten. Der Keim des Niedergangs, so hat Reinhold Schneider erkannt, war darin jedoch schon enthalten.

Die Lage der Stadt aber ist tatsächlich einzigartig: für den Weltreisenden Alexander von Humboldt gehörte sie zu den sieben schönsten der Erde. Daran hat auch das Erdbeben nichts geändert, und nichts der Niedergang nach dem Verlust der Überseebesitzungen, ja nicht einmal die wohl rückständigste europäische Diktatur dieses Jahrhunderts. Auch der melancholische Charme ist nicht verlorengegangen, den die Kenner der Stadt so lieben. Den Touristen allerdings wird er in Form unvorbereiteterweise unvermeidlich ”fader” Gesänge präsentiert, die nicht das Verständnis, sondern allenfalls den Weinkonsum erhöhen, manchmal in doppeltem Sinne.
Vor kurzem war sie Kulturhauptstadt Europas, und in neuem Glanz bieten sich dem Betrachter die Denkmäler der großen Söhne, der Seefahrer und Dichter, der Krieger und Könige, und des Stadterneuerers, dessen Werk nur mit dem Haussmanns in Paris verglichen werden kann.

An die größte Besitzung in Übersee, wo auch die Sprache noch gemeinsam ist, erinnert die Statue Christi, jenseits einer der schönsten Brücken des Kontinents. Dort, zu Füßen des Zuckerhuts, feierte man unlängst im Karneval eine Österreicherin, eingeheiratet in die Dynastie, die beide Länder regierte.

Doch dieser Teil der Vergangenheit ist weit entfernt. Heute kämpft man mit der Gegenwart, mit dem Rücken zum Meer, dem Blick nach Brüssel, und man kämpft – wirtschaftlich – mit dem übermächtigen Nachbarn, mit dem man nie befreundet war. Daß dessen Währungsprobleme auch die eigenen Gelder vor wenigen Jahren in den Strudel der Abwertung zogen, empfand man als Perfidie ersten Ranges.

Die Stadt aber bleibt, was sie immer schon war: ein Punkt des Kontinents, ohne den dieser sehr viel ärmer wäre. Denn es sind nicht immer die Städte in ihrer glücklicheren Epoche, die Wegweiser sind für die Zukunft der Völker. Oder wer wollte das Maß der Zukunft an Frankfurt, London oder New York legen, an die Angelpunkte unserer Wirtschaft? Da ist das alte Alis Ubbo, ein bißchen vergessen vom Glück, wie eine Schauspielerin, die nur mehr auf Provinzbühnen ihre Rollen findet, schon besser. Ihr bleibt die Erinnerung an wahre Größe.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie heißt der Stadterneuerer?
• Wie heißt die Dynastie?
• Wie heißt die Brücke?