Venice for Pleasure

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ist gleich der Titel nicht nur des besten Führers für Venedig, sondern des besten je geschriebenen irgendeiner Stadt. Aber der Reihe nach:

Bestes Hinkommen:

Per Zug – entspannt in der Früh aufwachen mitten in der Stadt. Fliegen kostet viel Zeit vom An- bzw. Abreisetag. Und eine halbe Tonne CO2 pro Person fällt bei diesem Flug auch an… – muss ja nicht sein.

Per Auto ist sowas wie ein nicht bestandener Intelligenztest. Man kann in Punta Sabbioni oder am Piazzale Roma parken (zum Preis eines Hotelbetts pro Nacht). Aber eigentlich kommen wir nach Venedig auch wegen der Autos. Um keine mehr zu sehen, zu hören, zu riechen.

Bestes Wohnen:

Es gibt gute und günstige Quartiere – die besten werde ich hier nicht verraten. Nur soviel: Das Collegium der armenische Mönche im Palazzo Zenobio liegt gut (ums Eck vom Campo S. Margherita!), hat einen Ballsaal und einen Garten. Die Zimmer sind mönchisch, aber sauber, ruhig und billig. EZ/DZ ab € 25,-/50,-, mit Bad/WC das Doppelte. In der Nähe des Bahnhofs kann man sehr billig wohnen und dabei Vietnamesich oder Suaheli lernen (dort wohnen teils die Hotelsklaven und Straßenhändler zu zehnt auf fünf Quadratmetern), ausgeraubt werden oder englischen Hooligans ausgesetzt sein, die das Stadion suchen, weil es ja irgendwo ein Spiel geben muss, oder? Das Rio hinter San Marco ist eine gute bescheidene Lösung. Gute Mittelklasse ist das Kette bei La Fenice, Spaß macht es schon im Gritti, Danieli (nur im alten Teil mit Blick auf die Lagune!) und vor allem im Cipriani (ab ca. 500,-/Nacht).Faustregel: Karneval und Biennale sind – auch preislich – indiskutabel. Kanalblick heißt romantisch aber oft laut (O sole mio schmetternde Gondolieri und mit etwas Pech noch mitgrölende Kegelclubs aus Wanne Eickel, ratternde Müllabfuhrboote, etc.). Sommer geht eh nicht, weil überlaufen. Deshalb:

Beste Zeit:

Oktober nach der Biennale bis 14 Tage vor Faschingsdienstag, nach dem Karneval bis 10 Tage vor Ostern. Alles andere ist tabu, sauteuer und komplett touriverseucht.

Bestes Essen:

La Colomba, das Graspo de Uà, die Locanda Cipriani auf Torcello sind gut. In ein paar der großen Hotels, vorzugsweise mit Blick auf den Canal Grande, sowie in Harry’s Bar kann man vorzüglich essen – zu wirklich unverschämten Preisen. Sonst gilt: die Panini und Variationen an Sandwiches sind oft ausgezeichnet, seit kurzem gibt es – gute – Kebabs, Pizza über die Gasse ist oft fein, aber alles zwischen Luxus und frugal ist heikel: nie essen, wo Gruppen essen, nie, wo es Fotos der Speisen gibt, nie an den Durchzugsstraßen, nie, wo man reingekeilt wird, nie, wo man Touristenfamilien mit Kindern sieht. Es gibt den Restaurantführer Osterie d’Italia der Slow-Food-Bewegung – die haben immerhin drei Dutzend Lokale in Venedig aufgenommen.

Bestes Trinken:

Caffè immer und überall, Wein im Glas fast ebenso, aber vor allem do as the venetians do: Spritz (Aperol oder Campari, dazu Weißwein mit Selterswasser oder Prosecco). In gewissen Gegenden färbt sich die ganze Stadt ab gegen Abend rötlich und orange. Und damit kann man sich einen umhängen ohne die Kreditkarte zum Glühen zu bringen (€ 1,50,-/Glas, gut eingeschenkt). Harry’s etc.: einmal, um zu wissen, dass man nichts versäumt, wenn man nicht mehr hingeht.

Coolster Bürgermeister:

Massimo Cacciari, hatte eine Affäre mit Silvio Berlusconis Frau (Professor für Ästhetik am Institut für Architektur der Universität Venedig – er, nicht sie…), als der schon MP war.

Bestes Sightseeing:

Regel eins: bei den ersten fünf bis zehn Besuchen: keine Kirchen, auch nicht San Marco. Das ist so wie in Rom: die meisten kommen eh nur einmal und sehen sich etwas unterm Mikroskop an, von dem sie nie ein Gesamtbild erkennen (und was ihnen auch im Détail unverständlich bleibt).

Regel zwei: spazieren, spazieren, spazieren.

Regel drei: keine der Straßen mehr als einmal nehmen, die den Bahnhof mit der Rialtobrücke und diese mit San Marco verbinden.

Regel vier: San Marco (Piazza und Bezirk) überhaupt auslassen.

Regel fünf: OK, San Marco muss einmal sein (ich hab’ dort insgesamt – allerdings bei 68 Aufenthalten – sicher eine Woche verbracht, it pays): die Basilika deutlich vor neun Uhr morgens, nördlicher Seiteneingang – Sie wollen schließlich nur bei der byzantinischen Maria Nicopeia beten… ;-)

Dogenpalast: sehr früh oder sehr spät, Tickets am Vortag besorgen, und dann die inkludierten Sachen nicht vergessen: Museo Correr (wunderbar, Stadtgeschichte), „Geheime Gänge“ (Aufpreis, lohnend, wenn möglich nicht die deutsche Führung mitmachen, auf ital., engl., franz. sind die Führungen besser und das Publikum fröhlicher…), Museo del Risorgimento.

Campanile der Markuskirche: bei Schönwetter unbedingt und bei Sonnenuntergang: von dort sah Goethe erstmals das Meer und so mancher den Himmel, so schön ist der Blick über die Serenissima. Der Blick von S. Giorgio Maggiore vis-à-vis ist übrigens noch besser…

Ein Drink im Quadri oder Florian abends bei Musik: ja, aber nicht über den Rechnungsbetrag nachdenken. Und nicht über alle an den Nachbartischen, die ausschließlich das tun.

Regel sechs: Sobald man reif ist für die Kirchen nimmt man ein Sammelticket für die wichtigsten, ist ein Jahr lang gültig. Für San Zanipólo zahlt man extra, aber das ist es wert.

Regel sieben: Accademia mit Vergnügen besuchen, eine der besten Gemäldegalerien der Welt, klein, überschaubar, allein wegen Giorgione und Carpaccio die Reise wert, öffnet 08.15!

Regel acht: Nicht alle Bilder in den Museen und (107!) Kirchen sind erstrangig. Es macht viel Spaß, sich über die vielen schlechten Palma Giovane lustig zu machen oder über Tintoretto, der den Lichtschalter nie gefunden hat. Oder Pferde in Kirchen zu zählen oder Löwen überall. Tauben am Markusplatz gibt es übrigens 2.534, in Venedig ständig über 100.000. Nicht füttern!!!

Regel neun: es gibt viel und gute Moderne, nicht nur im Guggenheim.

Regel zehn: hin und wieder innehalten, niederknien (zumindest im Geiste) und sehr, sehr glücklich sein. Darüber, dass es Venedig gibt, darüber, dass es so nah ist, und vor allem darüber, dass Du gerade dort sein darfst.

Bestes Fortbewegen:

Zu Fuß, man geht rechts. Nicht nebeneinander in schmalen Gassen, nicht Stehenbleiben auf Brücken oder an engen Stellen.

Vaporetto: Mehrtageskarten sind ok, aber wozu überhaupt?

Gondel: zum Überqueren des Canal Grande um € 0,50 an mehreren Stellen ja, sonst: NO!

Taxi: machen Sie gern bei Kettenspielen mit? Setzen Sie gern auf österreichische Fußballclubs in internationalen Bewerben? Es gibt so viele sinnlose Arten, ein Vermögen zu verbrennen…

Schwimmen: verboten, plus man riecht nachher nicht so gut, wie ich ´mal am eigenen Leib erfahren musste.

Schlechtestes Spielcasino: Palazzo Vendramin, heute das einzige (als Napoleon kam, gab es immerhin noch 137). Dort starb Richard Wagner, und das würde er mit Vergnügen wieder tun, wenn er das Publikum sähe. Die Befreiung des Balkans ist großartig, und das Selbstbewusstsein gewisser ländlicher Schichten aus der Basilikata oder der Lombardei ist es auch, aber jemand sollte denen sagen, was kleidungsmäßig alles nicht wirklich geht. Venezianer und Pleasure-Seeker gehen seit 1870 nicht mehr hin.

Schlechteste Jahreszeit: „Karneval“. Als Rokoko-Venezianer verkleidete albanische Lohnsklaven der Tourismusindustrie und ebenso kostümierte freiwillig mitmachende Besucher aus Ohio, Seoul oder Tribuswinkel auf der Suche nach der unwiederbringlich verlorenen Würde, die sich zum Affen machen und dabei gegenseitig fotografieren.

Schlechtester Vorsatz: hinziehen. Unleistbare Mieten in Verbindung mit der schönsten Stadt der Erde vermixt mit Horden kurzbehoster Tagesbesucher der ultimativ unakzeptabelsten Art, Stadtpläne und verzweifelte Runden drehend, unfassbaren Kitsch kaufend und Karikaturen sowie Alpträume darstellend – wer noch dort wohnt, muss das. Oder kann es sich leisten, nur in den o.a. Perioden dazusein.

Schlechteste Idee: Hinfahren zum Italienischlernen. Man spricht Venezianisch, was wie Italienisch gesprochen von einem zuzelnden Karel Gott klingt.

Beste Gegenden: Dorsoduro (Campo S. Margherita, abends, nachts), Cannaregio (nördlich vom Ghetto, tags)

Beste Führer:

J.J. Links, Venice for Pleasure, es gibt nichts Vergleichbares. Dankesbezeugungen werden als Kommentare akzeptiert.

Jan Morris, Venice

Die Guidebooks von Michelin (auch dt.) und Lonely Planet (engl., ital.) sind zuverlässig und empfehlenswert, sonst gilt die Faustregel: ab € 20,- sind die meisten seriös, fast alle anderen eine Zumutung.

Alexander Kriegelstein: nur mehr for pleasure

Beste Filme:

Der Tod in Vendig

Wenn die Gondeln Trauer tragen

Begegnung in Venedig (Lelouch, HASARDS OU COINCIDENCES)

Beste Literatur:

Hemingway, Across the River and Into the Trees

Ein Soldat aus dem Großen Krieg, Mark Helprin

Ein Liebhaber ohne festen Wohnsitz, Fruttero & Lucentini

Und so viel mehr, zu viel allerdings, z.B.: Donna Leon! Sie lässt ihre Sachen nicht ins Italienische übersetzen, und sie weiß warum. Essen Sie gerne Topfenstrudel beim Chinesen?

Bestes Gedicht:

Venedig

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hörte jemand ihr zu? …

Friedrich Nietzsche

Was man leider auch wissen sollte, steht hier:

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,746568,00.html

 

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