Understatement in Cash

Die Brücke auf den 100 €uro-Scheinen ist eines der verkanntesten Bauwerke Europas: jeder Besucher von Florenz stürmt auf den Ponte Vecchio, kaum einer hat einen Blick für die benachbarte Brücke stromabwärts: den Ponte della Trinitá, der nun zur Ehre der ökonomischen Altäre erhoben wurde, hundertfach die Hoffnung der Europäer illustrierend. Seine elegante Form ist eine Inkarnation von schlichter Schönheit: der Bogen ist dem einer Geige nahe verwandt, lässt sich jedoch in kein geometrisches Muster zwängen. Erst nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges haben umfangreiche Studien bestätigt, was bis dahin nur geahnt worden war: die Brücke geht auf einen Entwurf Michelangelos zurück. Was andernorts eine Sensation darstellte, bewirkt in Florenz kein großes Aufsehen. Schließlich weiß auch kaum jemand noch, dass Dante auf dem Ponte della Trinitá, der Vorgängerin derer des Buonarotti, seiner Beatrice und damit seinem Schicksal begegnete. So trägt unser Geldschein die Mahnung von Paradies und Inferno in sich; vielleicht ist es besser, wenn das weniger bekannt ist, ist doch die „Wissenschaft“ von der Wirtschaft ein empfindliches Pflänzchen und in erster Linie Psychologie. Dies wissend wurden die Medici was sie wurden.

Es findet sich diese Stein gewordene Harmonie dafür auf unzähligen Urlaubsfotos im Hintergrund, während sich die Goldhändlerläden und die Büste des größten aller Goldschmiede, Benvenuto Cellini, auf dem Ponte Vecchio ungeteilter Bewunderung erfreuen.

Der Ponte Vecchio ist dabei selber unter seinem Wert geschlagen: wenige seiner Besucher sehen den Gang, der über den Läden den Palazzo Pitti mit den Uffizien verbindet, selber eine, nicht ganz leicht zugängliche, Bildergalerie. Weil die damaligen Fleischerläden einem Ferdinando Medici geruchlich nicht konvenierten, ließ er die Juweliere und Goldhändler einziehen. Seine erhaltene Bebauung mit kleinen Läden entspricht dem Bild, das wir uns von allen Stadtbrücken des Mittelalters machen müssen: erst in der Neuzeit verloren fast alle ihren merkantilen Charakter.

So ziehen heute die Heerscharen der Genuss-Reisenden aus aller (Damen und) Herren Länder über den Ponte Vecchio, um von den Uffizien zum Pitti-Palast zwischen den Residenzen der Medici und zwei der herausragendsten Museen der Welt zu wandeln. Dabei ist es möglich, Florenz zu besuchen und vieles vom Größten, das je geschaffen wurde zu sehen, ohne ein Museum zu betreten: die Fassade von Santa Maria Novella ist in ihrer marmornen Pracht doch vor allem der Skizzenblock des Leon Battista Alberti, auf dem alles steht, was Architektur in der Renaissance sein sollte. Die Kuppel des Domes von Brunelleschi wurde das Vorbild derer von Sankt Peter zu Rom und aller Barockkuppeln dieser Welt, in San Lorenzo schuf er den Inbegriff eines Renaissance-Raumes, machte Donatello die Alte Sakristei zu einem Schrein, der kongenial in der neuen Sakristei von Michelangelo kontrapunktiert wird. Brunelleschi und Donatello hatten in Rom gegraben und vermessen und waren von den Römern als Schatzgräber belächelt worden: in einem anderen Sinn waren sie das, sie hoben den Schatz des Wissens der Antike um Symmetrie, Form und Maß.

In den Nischen der gotischen Wollhändler-Kirche Orsanmichele finden sich Statuen der Crème de la Crème der Bildhauerkunst: Werke von Verrocchio und Donatello neben solchen von Luca della Robbia und Lorenzo Ghiberti, Michelozzo und Giambologna an einem Ort zu finden macht schwindeln, wie der Skulpturenpark vor dem Rathaus mit Giambolognas Cosimo, Michelangelos David, Donatellos Judith und Ammanatis Brunnen, Cellini und die Antiken sind hier noch gar nicht erwähnt. Dass viele dieser Gigantenwerke im Original in Museen besser bewahrt sind, macht der Freude des Betrachters keinen Abbruch.

Die Malerei wie wir sie kennen gäbe es nicht ohne die Männer, die sich von Florenz und der Toskana aus in unerforschtes Neuland begaben: Duccio, Masaccio, Uccello, Mantegna, Piero della Francesca, Botticelli, Perugino, Lippi, Leonardo, Raphael und Michelangelo sind hier nur die bekanntesten. Wenn man sich vor Augen hält, dass die im Schlaf gesprochenen Worte des Paolo Uccelo „Ma com`é bella questa perspettiva!“ das eifersüchtige Rasen seiner Gattin auf eine vermeintliche Nebenbuhlerin namens Perspektive hervorrief, kann man ermessen, wie wenig der Blick für die Dinge damals noch vorhanden war. Er musste neu gefunden werden. Und neu gefunden, neu gesehen wurde hier alles.

Wieso hier? Lange Abhandlungen über die ökonomische Blüte der Toskana im 13. – 15. Jahrhundert, über die relative „demokratische“ Freiheit der Stadtstaaten, über lange Phasen glücklicher Ernten, die Bedeutung des Tuchhandels und die Vorausschau des Bankensystems geben eine Seite der Wirklichkeit wieder. Rationale materialistische Geschichtswissenschaft gerät jedoch an Grenzen, wenn die Frage auftritt: warum konnte hier die Schönheit siegen? Es ist über die Maßen verpönt geworden, Menschen und Menschliches in Erklärungen für historische Vorgänge einfließen zu lassen. Doch wo es um den Humanismus geht, führt am Menschen kein Weg vorbei.

Menschen, allzu menschlich, waren auch und gerade die Medici. Aber in den ersten Generationen ihrer Blüte vereinte dieses Geschlecht mehr kunstsinnige Mäzene als irgendeine andere Familie oder Regierung aller anderen Epochen. Sie machten dem ruinösen ständigen Bürgerkrieg zwischen Guelfen und Ghibellinen, Schwarzen und Weißen, Papst- und Kaisertreuen ein Ende, regierten hart und erfolgreich, auch mit List und Gewalt, aber sie ließen dem Genius Raum. Und sie hatten Geschmack. Das ist mehr als man von den meisten Regenten und Dynastien sagen kann. Noch die letzte ihres Namens, Anna Maria geborene von Sachsen, die es wahrlich nicht leicht gehabt hatte, die Orgien und öffentlichen Selbsterniedrigungen ihres Gatten, Gian Gastone, des letzten seines Stammes, zu ertragen, hinterließ Florenz das größte Erbe, das je einer Stadt zuteil wurde: die Schätze der Medici wurden zur Sammlung der Uffizien, die nie die Stadt verlassen dürfen.

Über den Ponte della Trinitá wird auch heute noch gegangen und gefahren: abgesehen vom Alltagsverkehr spazieren über sie Bildungshungrige, die in der Brancacci-Kapelle von Sta. Maria del Carmine  sehen wollen, wie Masaccio seine Mitbürger und alle Generationen nach ihm das Sehen lehrte: hier, wenn irgendwo, wurde die Renaissance-Malerei geboren. Die unauffällige Brücke des Michelangelo mit ihren Reminiszenzen an Dantes unsterbliche Liebe ist ein Weg an diesen Ort und vielleicht kein schlechtes Motiv für ein Stück Papier, das unsere Konten höher schlagen lässt.