Tiepolo – die Entdeckung der Langsamkeit

Er musste wissen, was er tat. Ein Fresko zu malen verlangt vom Künstler – auch – höchstes technisches Können. Beherrscht er die Technik nicht, sind künftige Schäden vorprogrammiert, wird seine Unfähigkeit gnadenlos bloßgelegt, sowohl in technischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Das Fresko erlaubt keine Kompromisse. Bis der Mörtel und somit die Freskomalerei nur einigermaßen frostbeständig abgebunden sind, dauert es mindestens drei Monate. In Wirklichkeit ist es sogar ein Prozess von Jahren und Jahrzehnten. Der Künstler malt nass in nass. Nachträgliche grundlegende Korrekturen sind nicht möglich.

Die nackte Decke des Stiegenaufgangs in der Residenz der Fürstbischöfe zu Würzburg aus dem Hause Schönborn muss Giovanni Battista Tiepolo schlaflose Nächte verursacht haben. Wie ein milder Scherz mutet dagegen die berühmte Angst der Schreibenden vor dem weißen Blatt Papier an.

Sechshundertfünfzig Quadratmeter gewölbte Fläche auszumalen, das größte Deckengemälde der Welt zu schaffen – darum ging es, vor einem Vierteljahrtausend. Sechshundertfünfzig Quadratmeter, ein gültiger Versuch.

Wie konnte ein Mensch sich zutrauen, das zu schaffen? Ist Hybris ein Teil von uns?

Das ist keine rhetorische Frage, und wir sollten sie für uns bald beantworten.

Wir leben an der Schwelle einer Revolution, und Zeitzeugen haben das Pech, von dem was um sie geschieht, eher wenig mitzubekommen. Wir sollten uns bemühen, diesmal nicht zu verschlafen was sich ereignet, allerspätestens seit jenem 26. Juni 2001, als Craig Venter die Entschlüsselung des Genoms bekannt geben konnte. Nun haben wir eine neue Formel, etwas sperriger als e=mc², aus drei Milliarden Buchstaben bestehend, aber von ähnlicher Bedeutung.

Jetzt geht es um die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, um embryonale Stammzellen. In Großbritannien und Frankreich, ja fast in ganz Europa ist sie erlaubt, nur in Deutschland, der Schweiz und Österreich noch nicht zugelassen. Wir stehen wieder an einer Weggabelung. Der bisherige Umgang damit in Deutschland wurde als der Versuch bezeichnet, die H-moll-Messe von Bach auf der Mundharmonika zu spielen.

Es liegt aber mehr im argen. Kommentatoren sind froh, dass Severino Antinori vielleicht demnächst das Klonen von Menschen auf Spur bringt, bevor es die Raëlianer Sekte tut, die die Unsterblichkeit des Menschen anstrebt und Pädophilie und Inzest zumindest theoretisch befürwortet. Bei den Raëlianern (www.rael.org) kann man heute schon um US$ 50.000,- Kopien seiner Lieben bestellen. Deshalb sollen wir Antinori dankbar sein, und nicht den toskanischen Weinproduzenten selbigen Namens, dankbar dafür, sich an die Drecksarbeit zu machen, bevor die Verrückten zuschlagen? Wie die 276 missglückten Vorgängerschafe von Dolly ausgesehen haben, ist nicht sehr publik geworden, vielleicht sehen wir bald, wie eine fast gelungene Kopie von Onkel Otto aussieht.

Natürlich ist es noch nicht so weit, und das Genom und die PID sind korrekter Weise nicht in einem Zusammenhang mit dem Klonen von Menschen zu nennen.

Es gibt auch Positives: weitgehend unbemerkt hat der Europarat das erste übernationale Rechtsinstrument geschaffen, die sogenannte Biomedizin-Konvention („Konvention zum Schutz der Menschenwürde und der Menschenrechte in Anwendung von Medizin und Biologie“).

Aber es geht nicht um nur Europa. Es geht bei wissenschaftlichen Entwicklungen um die einzige verbliebene Weltmacht, in der zum Beispiel Creationists, eine Fraktion fundamentalistischer Christen, postulieren, dass die Erdgeschichte bis zum Auftreten des Menschen nicht Millionen Jahre sondern sechs Tage gedauert habe – so steht es im Alten Testament, und Präsident Bush steht diesen Leuten nicht fern. 45 Prozent (!) der Amerikaner glauben an Creationism, noch mehr, dass Jesus (Nord-) Amerikaner war. Von dort kommt unsere Zukunft. Und in ein paar Jahren auch aus China …

Wir haben uns an allzu viel gewöhnt, zu viel als gegeben genommen: die beschleunigte Nahrung und ihre Folgen, von Fettleibigkeit bis zu BSE, die epidemische Ausbreitung von Allergien, dass wir krank werden, wenn wir zu lange in der Sonne liegen und dreckig im Regen, das Sterben der Wälder und unserer Mitgeschöpfe an den Segen der Neuzeit, wir nehmen hin, dass an den Börsen der Welt, wo Massenentlassungen Champagnerkorken knallen lassen, mehr an Werten gehandelt wird als es Gegenwerte in dieser Welt gibt, dass Forschung und Lehre nur mehr über Sponsoren „möglich“ seien, dass wieder daran gegangen wird, ein Mehrfaches der Bruttoinlandsprodukte aller Staaten Afrikas für einen Raketenschild im All aufzuwenden, dass optimiert werden muss, rationalisiert, weil der Markt es erfordert, der Markt, der schon regulieren wird, der alles gut machen wird, schließlich, nicht wahr, unterliegen wir der normativen Kraft des Faktischen.

Und wir haben einfach keine Zeit mehr. Der häufigst gedrückte Knopf in amerikanischen Aufzügen ist nicht mehr der ins Erdgeschoss führende, sondern „Türe zu“.

Jetzt sollte wer schreien: „Der König ist nackt“, jetzt sollten wir innehalten, jetzt sollten Türen offen bleiben. Es ist Zeit, wir haben sie, und wir müssen sie uns nehmen.

Vielleicht war es kein Zufall, dass Genua ein Symbol für die Antastbarkeit der Globalisierung, jedenfalls dieser Globalisierung, wurde. Kolumbus war Genuese gewesen, und es wird Zeit, nicht mehr alles zu begrüßen, was von dort kommt, wohin er aufgebrochen war. Schließlich hatte Kolumbus sich gründlich verfahren.

Es gibt in Umbrien und der Toskana eine Bewegung, die sich „Slow Cities“ nennt. Dort werden Fußgänger wichtiger genommen als Autos, Nahversorger haben bessere Karten als Supermärkte, der Rhythmus des traditionellen Lebens genießt Vorrang vor Events für Touristen. Man nimmt dort Kollateralschäden des Fortschritts nicht einfach in Kauf.

Tiepolo kam nicht aus Umbrien, nicht aus der Toskana, er stammte aus Venedig. Was er in Würzburg schuf ist groß, in jeder Hinsicht. Dass er in den Allegorien der Kontinente einen, damals noch nicht bekannten, ausließ, ändert daran nichts. Dass er letztlich die Verherrlichung des Heiligen Römischen Reiches darstellte, das damals schon todgeweiht war, auch nicht. Sein Mut, seine Option zu scheitern konnten Folgen nur für ihn haben.