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Lawrence von Arabien – der englische Patient

Ein wenig ähnelte er vom Aussehen her dem Komiker Stan Laurel – aber er tat alles, um sehr ernst genommen zu werden. Dabei geriet sein Leben zu einem Rätsel von Sphinxscher Ungreifbarkeit für die Nachwelt: Thomas Edward Lawrence, genannt Lawrence von Arabien.

In Oxford aufgewachsen war er schon früh mit der Vergangenheit vertraut. Der Knabe verschlang bereits alles Lesbare, bevorzugt Ritterromane, die im Viktorianischen England ohnedies hoch im Kurs standen. Sein Studium der Archäologie führte ihn nach Frankreich, wo er Festungsanlagen aus der Zeit Richard Löwenherz’ kennen lernte – im Nahen Osten suchte er deren Vorbilder aus den Kreuzzügen. In jener Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg war der Nahe Osten Teil des Osmanischen Reichs; Lawrence, der das Arabische beherrschte, erfuhr die unerhörte Gastfreundschaft der Beduinen, aber auch den tief verankerten Wunsch der Araber nach Freiheit vom türkischen Joch und nach Unabhängigkeit. Nach seiner Abschlussarbeit über die Kreuzfahrerburgen stand ihm eine wissenschaftliche Karriere in Oxford offen, aber Lawrence wollte zurück in den Orient. 1911 ist er wieder in Syrien, als Übersetzer. Damals schlossen die Osmanen und das Deutsche Reich jenen unseligen Pakt, der zum Ende beider Reiche führen sollte, und zu Schlimmerem. Die Bahnstrecke von Berlin nach Bagdad und auf die Arabische Halbinsel wurde zum Symbol dieser Verständigung und zu einer Provokation Britanniens. Das Ausgrabungsteam, dem Lawrence angehört, wird für Spionagezwecke eingesetzt, die Beschäftigung mit byzantinischen Funden in der Negev-Wüste zum Vorwand. Als nach Sarajevo der Krieg ausbricht, erhält die Südflanke des Türkischen Reichs strategische Bedeutung. Lawrence bietet an, die notorische verfeindeten Stämme zu einen und gegen die Osmanen auszurichten. In Prinz Feisal, dem Sohn des Emirs von Mekka, findet er die große Persönlichkeit, mit der er gemeinsam Geschichte schreiben will: der Mann der Vergangenheit ist zum Gestalter der Zukunft geworden. London schickt Geld, viel Geld, und Waffen. Und die Araber haben ein Ziel: einen eigenen Staat mit der Hauptstadt Damaskus. Diesem Traum ordnen sie selbst die Rivalitäten ihrer Sippen unter.

Nach Damaskus…

Ein kühner Plan soll umgesetzt werden: nach einem Umweg durch die Wüste und Wadi Rum wird Akaba genommen, der Überraschungsangriff gelingt. Überfälle in Guerillamanier auf den türkischen Nachschub werden immer effizienter. Lawrence erhält von den Arabern jenen berühmten weißen Umhang, der eigentlich Nachfahren des Propheten vorbehalten ist. Für die Beduinen ist er „El Awrence“, bald wird er Lawrence von Arabien. Dass jenes Arabien, das er und Feisal anstreben, nie eine Chance hatte, entdeckt er zu spät.

Als er in Dera an der syrischen Grenze zu Jordanien verhaftet wird, scheint eine Spionkarriere tragisch zu enden. Tatsächlich wird er gefoltert und ausgepeitscht, vielleicht auch sexuell missbraucht. Doch er kann fliehen und erlebt den siegreichen Einzug der Briten in Jerusalem und 1918 endlich in Damaskus mit. Doch nun wird der Kampf um die Unabhängigkeit auf dem Verhandlungstisch fortgesetzt. Dort sind die Araber gar nicht erst vertreten. Lawrence nimmt als Übersetzer für Feisal an Konferenzen in Versailles teil und liefert sich Schreiduelle mit Georges Clemenceau. Es hilft alles nichts, Syrien und Libyen werden französisch, Palästina, Irak und Jordanien britisch. Die Männer von Versailles haben nicht nur die Grundlagen für den Zweiten Weltkrieg und das Ende der Bedeutung Europas beschlossen, sie haben auch den Keim gepflanzt für das Martyrium der Menschen im Nahen Osten. Die Freundschaft zu Feisal zerbricht, heute gilt Lawrence in Arabien als Verräter.

Der Rätselhafte

Dafür wird er in Europa und den USA zum Superstar: nicht zuletzt aufgrund seiner „Erinnerungen“, die er völlig zurückgezogen schreibt, und die unter dem Titel „Die sieben Säulen der Weisheit“ zu einem Dauerbestseller werden. Wie groß die Rolle der Wahrheit darin ist, konnte noch immer nicht geklärt werden. Der Mann, der als Junge entdecken musste, dass er einer unehelichen Verbindung entstammte und der nach seinen Erlebnissen in der Haft kaum noch Menschen zu berühren vermochte, war wohl stets ein Außenseiter geblieben und hat sein Leben zu einem Labyrinth werden lassen: war er überhaupt im Kampf, war er ein Held, war seine Beteiligung bei der Einnahme Akabas wesentlich? War er homosexuell und lebte er sadomasochistische Gelüste aus? War seine Liebe zu den Beduinen (auch) erotisch orientiert? Hat er wirklich einen Mann exekutiert, um einen Streit zu schlichten?

Kurz nach seinem Abschied aus der Armee rast er 1935 mit einem Motorrad in den Tod. Winston Churchill sah in ihm einen der größten Männer des Jahrhunderts und war beim Begräbnis zugegen. Sein Buch ist jede Empfehlung wert – ein Besuch der Stätten, die er unsterblich gemacht hat, auch.

02 Feb 2011

Der schönste und traurigste Ort der Welt

Versailles im Spätherbst: keine Horden mehr, Muße und Raum. Dieses schreckliche Schloss, in dem so viel Unglück geschah, ist gleichwohl ein Wunder an Eleganz und Perfektion.
Es wird noch übertroffen vom kleinen Trianon-Schlösschen in diesem unergründlichen, herrlichen Garten, der ein Park ist, ja, eine Welt: Gabriels Meisterwerk für die Pompadour ist das Edelste, was bester Geschmack hervorbringen kann. Marie Antoinette hat sich dort gerne aufgehalten, und von dort wurde sie abgeholt, als es losging: am 4. Oktober 1789, der Weg bis zur Guillotine war von da an nicht mehr weit.

In den Gärten zu spazieren, die im November schön sind wie selten sonst, erfüllt mit jener befriedigenden Melancholie, die uns traurig und zufrieden macht zur selben Zeit.
Es war auch ein Abschied für mich, von Versailles, von Paris, von und für heuer.

Als es später regnete, saß ich lesend im Café des Schlosses; ein paar Tische weiter saß ein Paar, das deutliche Merkmale des Down-Syndrom aufwies. Beide nicht mehr jung, sie um einiges kleiner, und sie saß da und schluchzte, weinte hemmungslos, wie jemand, der soeben eine fürchterliche und nicht annehmbare Nachricht erhalten hat. Er saß daneben, offensichtlich ratlos, überfordert, verzweifelt, aber untätig. Ludwig XVI. und seine Marie Antoinette müssen sehr ähnlich ausgesehen haben im Gefängnis, und vielleicht schon hier, im Schloss, das ihnen so viel zu groß war.

Doch kann man Menschen mit dem Down-Syndrom trösten? Oder Könige? Oder uns?

01 Feb 2011