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Das traurigste Bild der Welt

Superlative sind fast immer ein Unsinn, bei Kunstwerken ganz besonders.

Marcel Proust hat einmal die Ansicht von Delft von Vermeer als das schönste Gemälde der Welt bezeichnet, auch deshalb wird es im Mauritshuis von Den Haag von immer noch vielen besucht. Eine Reproduktion hängt in meinem Schlafzimmer, und es ist in seiner Art ein Bild, das zum langen Verweilen einlädt. Im Krieg wurde Piero della Francescas Fresko von der Auferstehung in Sansepolcro gerettet, weil einem der amerikanischen Offiziere gerade noch rechtzeitig einfiel, dass Aldous Huxley diese Darstellung das schönste Bild der Kunstgeschichte genannt hat. So wurde das Rathaus von Sansepolcro bei der Belagerung verschont, und darin Pieros unendliche Harmonie. Dorthin verirren sich heute nur noch Liebhaber, aber auch ich war Huxley im Nachhinein dankbar für seine Unangemessenheit, ohne die ich nie ins Obere Tibertal gekommen wäre.

So gesehen haben auch eigentlich nicht vertretbare Bekundungen subjektiver Urteile ihre Berechtigung, sie machen manche neugierig, und wir hanteln uns halt gerne an Listen entlang, die einen Überblick erleichtern können.

Natürlich kennst du Don Mc Leans Ballade über Vincent. Jeder kennt sie. 
https://www.youtube.com/watch?v=oxHnRfhDmrk

Einmal habe ich in Rom, es muss etwa um 1981 gewesen sein, bei einer privaten Geburtstagsfeier Platten aufgelegt und fand zu meinem Erstaunen im Fundus die Single. Noch sehr viel mehr erstaunt war ich, als alle Anwesenden beim zweiten „starry“ bereits mitsangen – Italiener sind im Englischen selten beheimatet. Wie sich herausstellte, gab es damals eine sehr erfolgreiche Krimi-Serie im Fernsehen, bei der „Vincent“ die Kennmelodie war. 
Man konnte, als ich begonnen habe zu versuchen, zu wenig selbst Verständliches verständlicher zu machen, noch Witze über van Gogh erzählen. Das traut sich heute keiner mehr. Es wäre vermessen zu behaupten innerhalb einer oder zweier Generationen wäre das Verständnis für den Niederländer schon gesickert – aber seit einige seiner „Sonnenblumen“ eine Zeitlang das teuerste Bild der Welt waren, ist er unantastbar. Eines seiner wichtigsten Bilder ruft aber immer noch diese besonderen Reaktionen hervor: „kann ich auch, kann jedes Kind, was soll das?“ etc. 

Als Vincent van Gogh im Februar 1888 aus Paris kommend in Arles ankam, war er 35 und ihm war kalt. Er hatte entgegen seinen Plänen doch nicht studiert, war doch nicht Prediger geworden und als Kunsthändler gescheitert. In Paris hatte er die Impressionisten kennengelernt und neue Möglichkeiten die Welt zu sehen. Spät, mit 27 erst, hatte er den Weg zu malen eingeschlagen. Van Gogh war schwierig, wie man Menschen nennt, die sich nicht einfügen können, die anderen nicht leicht nahekommen und die es anderen schwermachen ihnen gefallen zu wollen.

Was er bei Toulouse-Lautrec und diesen Erneuerern gesehen und gelernt hatte, hatte ihn neugierig gemacht, aber es war nicht das, was er schaffen wollte. Ihm schwebte ein noch radikalerer Weg vor, ihn wollte er suchen. Dazu strebte er nach dem Licht des Südens, dafür zog er nach Arles, in die Provence am Rand der Camargue. 
In jenem Februar stieg er aus dem Zug und stand im Schnee. Es war der kälteste Winter seit langem, vom Süden war nicht viel zu spüren. Die Wärme ließ nicht lange auf sich warten, das Erkennen des Unerreichbaren ebensowenig. 

Er mietete eine Wohnung beim Bahnhof, und später ein kleines Häuschen gleich dort. Ein Treppenwitz der Geschichte wollte es, dass van Goghs beide Wohnstätten in Arles im Krieg zertört wurden, in einer Stadt, in der sonst fast nichts verlorengegangen ist, nicht die Zeugnisse aus der Römerzeit, nicht die des Mittelalters oder jüngerer Epochen. Man kann in Arles immer noch eine der besterhaltenen Arenen der Antike bewundern, die Ruine eines vorchristlichen Theaters, eine der wundervollsten romanischen Kirchenfassaden in diesem Land, das so reich ist an Romanik, und die größte Sammlung an römischen Sarkophagen nach der des Vatikans. Nur das Gelbe Haus ist verschwunden, zerbombt, abgerissen und vergessen. 
Geht man im Café, das am selben Platz beim Bahnhof steht, auf die Toilette, sind dort noch schwarz-weiß-Fotografien davon zu sehen, und eine Tafel mit einer Reproduktion aus Fliesen auf Stein erinnert am Ort des Verlorenen daran, an der Stelle, wo die Staffel des rothaarigen Wilden stand. Darauf sieht man das Gelbe Haus, dahinter die Eisenbahnbrücke, die es noch gibt. Wenige Schritte von dort befindet sich eine weitere solche witterungsbeständige Kopie am Ufer der Rhone, wo Vincent den nächtlichen Sternenhimmel gemalt hat, um den es in Don Mac Leans Ballade geht.

Now I understand

What you tried to say to me – How you suffered for your sanity – How you tried to set them free – They did not listen, They did not know how – Perhaps they‘ll listen now

Die Briefe an seinen Bruder Theo sind fast vollständig erhalten, und van Gogh schrieb viel. Theo erhielt seinen Bruder bis zu dessen Tod, die Briefe sind ein Ausdruck der Nähe und gleichzeitig Rechenschaftsberichte von einem, der schuf, was niemand wollte. Sie haben auch eine viel später erst erkannte literarische Qualität, und vor allem eine kunsthistorische. Selten hat ein Maler so detailliert über seine Intentionen Auskunft gegeben, von seinen inneren Kämpfen berichtet und von seinen kleinen Triumphen und großen Niederlagen, und von der nicht endenwollenden Einsamkeit.

Es gelang van Gogh auch in Arles nicht, nicht allein zu bleiben. Er war wenig gepflegt, kleidete sich unkonventionell, sprach kein gutes Französisch, und er trank Absinth, oft mehr als ihm guttat, nicht selten im Nachtcafé („In meinem Bild vom Café de nuit habe ich versucht, die Idee auszudrücken, dass das Café ein Ort ist, an dem man sich zerstören, verrückt werden oder ein Verbrechen begehen kann.“, Brief an Theo vom 09.09.1888). Ein rothaariger Wilder aus dem Norden eben, ein Barbar, nach dem die Kinder auf den Straßen mit Steinen warfen und dessen Bilder auf reinstes Unverständnis stießen.

Aber es war eine Periode einer unfassbaren Produktivität, in sechzehn Monaten schuf van Gogh in Arles 187 Gemälde. 
Was ihm darüber hinaus vorschwebte, war eine Künstlerkolonie mit Gleichgesinnten. Es war van Gogh jedoch nie leicht gefallen Freundschaften zu schließen. Der einzige, der verstanden hatte, was für ein Seher in die Zukunft da am Werk war, war Gauguin. Und er kam tatsächlich aus der Bretagne nach Arles, am 23. Oktober 1888. Die beiden teilten sich die kleine Wohnung im Gelben Haus, und zwei Monate lang malten sie nebeneinander. Vielleicht war es die glücklichste Periode im Leben van Goghs. 

Doch nächtens suchten und flohen die beiden die Träume und Gespenster, die sie schufen und von denen sie gepeinigt wurden. Wie muss das sein, zu wissen, Unendliches zu schaffen, und zu wissen, dass nichts davon den Maßstäben ihrer Zeit gerecht werden konnte? Vielleicht ist es sogar leichter, von Selbstzweifeln gepeinigt zu sein als im Bewusstsein des eigenen Könnens dem Scheitern nicht ausweichen zu können. Das einzige Gemälde, das zu van Goghs Lebzeiten verkauft wurde, hatte Theo insgeheim ankaufen lassen. („Ich kann nichts daran ändern, dass sich meine Bilder nicht verkaufen lassen. Es wird jedoch der Tag kommen, wenn die Menschen sehen werden, dass sie mehr wert sind als die Kosten für die Farbe und meinen mageren Lebensunterhalt.“, Brief an Theo vom 24.10.1888).

In einer nächtlichen Auseinandersetzung kam es zur Katastrophe: am Abend vor Weihnachten endete ein Streit blutig. Ob Gauguin, der ein geübter Fechter war, van Gogh verwundete, oder ob dieser sich selbst verletzte, wird nicht mehr zu eruieren sein. Van Gogh bezichtigte sich der Selbstverstümmelung, und Gauguin war tags darauf abgereist und schwieg über diese Episode sein Leben lang, bis zu seinem Säufertod auf Tahiti.
Vincent hatte jedoch nicht nur sehr selten das Glück der Freundschaft erfahren, seine Begegnungen mit der Liebe waren ein Desaster. Eine kurze Beziehung zu einer Prostituierten noch in Holland ist belegt, sonst nichts, im Leben eines, von dem sonst so vieles dokumentiert ist. Seine Begegnungen mit Frauen haben sich offenbar nur noch in Bordellen ergeben. 

In Arles arbeitete in einem solchen eine junge Frau mit Namen Rahel. Es scheint, dass van Gogh kurz vor jenem Vorweihnachtsabend von ihr abgewiesen worden war, weil er wieder einmal kein Geld hatte. Zu ihr kam der offensichtlich schwer Traumatisierte mit einem Verband um den Kopf und einem blutgetränkten Taschentuch, das er dem jungen Mädchen als Erinnerung an sich übergab. Darin fand Rahel zu ihrem vollkommenen Entsetzen den größeren Teil eines Ohrs des Malers. 

Die braven Bürger von Arles hatten nun genug. Eine Unterschriftenliste kursierte, zur ewigen Schande aller dort Verewigten, in der die Behörden aufgerufen wurden, den Wilden aus der Stadt zu jagen. Es ist wieder ein übler Streich des Schicksals, vielleicht aber auch ausgleichende Gerechtigkeit, aber von den Hunderten an unvergänglichen Kunstwerken, die van Gogh in Arles und bald danach in St. Rémy gleich nebenan erschuf, befindet sich keines vor Ort. Dafür muss man nach Amsterdam und Paris reisen, nach New York und in die großen Museen der Kunstwelt. 
Ausgewiesen brauchte der schwer Verletzte nicht mehr zu werden, er selbst ließ sich einweisen in die Nervenheilanstalt von St. Rémy. Dort entstanden noch einmal innerhalb weniger Monate mehr Bilder, Gemälde und Zeichnungen von Weltrang, als je ein Mann in kurzer Zeit an einem Ort gemalt hat.

Geholfen werden konnte ihm mit den damaligen ärztlichen Kenntnissen dort nicht, er wurde gar nicht behandelt: Schizophrenie wird heute befundet, in Verbindung mit Alkoholismus und Depressionen, manchmal wird, wohl unzutreffenderweise, auch Epilepsie vermutet. 

Neben allem anderen war van Goghs Einsatz der Farben das wirklich Neue. In seine Bilder begann nun Schwarz einzuziehen, der Weg, den er zu gehen imstande war, war nicht mehr lang.In Auvers-sur-Oise bei Paris, wo er noch einmal in 70 Tagen rund 80 Gemälde und 60 Zeichnungen schuf, erschoss sich van Gogh im Juli 1890. Sein jüngerer Bruder Theo überlebte ihn nur um ein halbes Jahr und ist neben ihm in Auvers bestattet.

Das Bild des Zimmers, das Gauguin und van Gogh im Gelben Haus in Arles bewohnt hatten, ist dreimal gemalt worden. Es ist ein karger Raum mit einem Holzfussboden, in dem sich Fenster, ein großes hölzernes Bett, ein Tisch, Stühle, Krüge, Gläser und Bilder an der Wand befinden.Es ist dieses Bild, das Betrachter immer noch ratlos hinterlässt. Die Perspektive ist verworren, die Darstellung flüchtig, keine Farbe gibt wieder was zu sehen gewesen sein muss, es ist ein Stillleben, in dem es still geworden ist. Van Gogh hatte es als Hommage an Seurat gemalt, vor allem aber als eine Art Willkommensgruß für Paul Gauguin.

Doch es gibt eine Dualität, die aus diesem Bild ein Manifest der Traurigkeit macht. Beinahe jeder der wenigen dargestellten Gegenstände findet sich zweimal. Zwei Polster, zwei Gläser, zwei Stühle, zwei Bilder, zwei Wasserkrüge – es ist die unstillbare und nie gestillte Sehnsucht nach dem alter ego, nach einem Menschen, der die Last des Alleinseins zu teilen imstande ist mit einem, dem in dieser Welt nicht mehr geholfen werden kann. Weiß man das, sieht und spürt man das, stockt einem der Atem. 

They did not listen – They‘re not listening still – Perhaps they never will.