Schlagwort Archiv: Rom

Ein Papst tritt ab

 

You raise up your head
And you ask, „Is this where it is?“
And somebody points to you and says
„It’s his“
And you say, „What’s mine?“
And somebody else says, „Where what is?“
And you say, „Oh my God
Am I here all alone?“

Bob Dylan, Ballad of a Thin Man

Es gibt in Italien diesen Witz, in dem ein Carabiniere, Angehöriger eines Berufsstandes, dem in Italien enzyklopädisches Wissen selten unterstellt wird, in einem Laden Poster für die Kaserne erfragt. Auf die Frage des Verkäufers: „Di Giotto?“, was im Italienischen auch wie „Diciotto (18)?“ klingt, erwidert er, es könnten auch neunzehn oder zwanzig sein. So weit muss man kommen, nach siebenhundert Jahren noch für solche Scherze herhalten zu können. Er ist auch in einer Redewendung präsent, „rund wie das O von Giotto“, weil er, wie das unersetzliche Klatschmaul Vasari berichtet, dem Papst aufgeforderter weise kein Bild als Zeichen seiner Kunstfertigkeit übersendet, sondern einen freihändig gezeichneten Kreis. (mehr …)

08 Dez 2012

Zwei Blondinen in Rom

Ob sie einander begegnet sind? Die eine hatte eben fast ihren Lebenstraum erreicht, die andere stand kurz vor ihrer ersten Ehe und hatte noch alles vor sich. Es war das Jahr, in dem Cäsar ermordet wurde, Cleopatra war damals fünfundzwanzig, Livia elf Jahre jünger. Die eine war die ehrgeizigste Frau der östlichen, die andere die der westlichen Welt.

Cleopatras Hoffnungen wurden mit Cäsars Tod noch nicht begraben, Livia konnte noch nicht wissen, daß sie die Frau des mächtigsten Mannes der Welt, Augustus, werden sollte, und nach seinem Tod Regentin gemeinsam mit ihrem Sohn Tiberius.
Von Cleopatra gibt es zwei Büsten, eine (angezweifelte) im British Museum in London, eine im Vatikan, Livia kennen wir besser.

Sie waren beide blond, Cleopatra, die griechischstämmige Königin Ägyptens, nicht unbedingt schön, aber von einer über alle Maßen einnehmenden Art und selten sprachgewandt, verfügte über das Erbe der Ptolemäer und der Pharaonen, den Glanz und Reichtum des Ostens, die Liebe zum Luxus und die Fähigkeit zur völligen Hingabe.
Livia, die Hocharistokratin aus dem Hause der Claudier, eine edle Schönheit, verkörperte den Stolz und den unbeugsamen Charakter der Römerin, die weiß, daß nur Götter ihrem Willen im Wege stehen können, die Liebe jedenfalls nicht. (mehr …)

24 Mai 2012

Hier blühen keine Zitronen

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„Wir sehen einen Baum und sagen: das ist ein Baum. Aber eines Tages werden wir uns alle geirrt haben.“ Alexis Sorbas, Nikos Katzanzakis …

In einer idealen Welt wäre die Toskana überall. Es ist schon wahr: von ihr aus wurde auch die praktische moderne Welt geschaffen, von der Notenschrift bis zum Finanzwesen, von Pachtsystemen bis zur hohen Politik. Aber vor allem entstand hier der Inbegriff dafür, was wir noch heute unter Schönheit verstehen. Die Kunst einiger Jahrzehnte, die Malerei, Architektur und Bildhauerkunst der Renaissance, haben bis heute geprägt, was wir als „guten Geschmack“ empfinden. Ausgewogenheit, maßvolle Zurückgenommenheit und edle Anmut wurden nirgendwo sonst zu alles bestimmenden Maximen.

Wer die Hohe Schule des Sehenlernens in Florenz erleben durfte, wer Halbkreis und Quadrat bei Brunelleschi und Donatello als Ikonen der Harmonie verinnerlicht und die Perspektive bei Paolo Uccello und Masaccio als Lebensinhalt erkannt hat, wer vor Santa Maria Novella oder im Bargello ruhig geworden ist, der ist bereit, das größere Kunstwerk anzunehmen: die Toskana als Landschaft.

Im – wirklich – lieblichen Arnotal bei Vinci, gesäumt von sanften Hügeln und Olivenhainen, oder im schroffen Bergland von Caprese Michelangelo, im Mugello nördlich Florenz, Sommerfrische der Medici, oder von den abstrakt-surrealen Crete bei Siena bis in die Weinlagen des Chianti: kaum eine Landschaft scheint so für den Menschen geschaffen – und oft von Menschen gestaltet zu sein. Die einzelne Zypresse auf einem Hügelrücken ist nicht nur so schon bei Piero della Francesca vorzufinden, sondern sie steht da, prägend, einsam und stolz. Nichts ist hier Zufall. Beim Blick auf Giottos Campanile neben der Domkuppel von Florenz weiß man es später wieder.

Der Schiefe Turm auf dem Platz der Wunder zu Pisa ist eine Allegorie der Diagonale, die die kubischen Bauernhäuser ebenso bestimmt wie die fast schlichten Villen und Herrenhäuser und Landkirchen. Die Vertikale des Campanile oder der Geschlechtertürme von San Gimignano ritzt den Himmel auf.

Geometrische Strenge und Klarheit – es ist ganz einfach, einfach und menschlich, und der Mensch ist das Maß aller Dinge. Hier wurde der Humanismus geboren.

In dieser elysischen Landschaft braucht es keine starken Farben. Es braucht oft gar keine: das unergründliche, so vielen großen Bildhintergründen eigene dunstige sfumato, das allen Blick entschärft, genügt. Die bräunlich-gelblichen Erdtöne, das zitternde Silber der tausend Jahre alten Olivenbäume, das schwarze Grün der Zypressen (alles Farben des toskanischen Marmors aus dem Kirchen wie die von Lucca oder Siena wurden) und hie und da die Farbe des blutigen Weins: mehr geht nicht. Mehr sollte der Mensch nicht ertragen.

Reich ist nicht, wer viel hat. Und viel sieht nicht, wer geblendet ist. Doch wie reich ist, wer hier sehen darf.

02 Feb 2011

Rom mit Kindern (oder ohne)

Die belohnendste aller Städte, aber auch die komplizierteste – hier erstmal eine „kinderleichte“ Anleitung für zwei, drei Tage in der Ewigkeit:

Auf dem Gianicolo, der keiner der klassischen sieben Hügel ist, aber einen der besten Ausblicke auf die Ewige Stadt bietet, gibt es ein berühmtes Puppentheater – Teatro dei Burattini al Gianicolo, 16.00, tägl. außer MO. Gratis, Spende.

Es wird auch erwähnt in: http://files.hanser.de/hanser/docs/20070220_2722125611-59_20060304_3-446-20742-2_613.pdf (am Schluss der Leseprobe), ein gutes Buch, btw.

Neu ist ein besonders toller Blick auf Rom von oben: Monumento a Vittorio Emmanuele, Piazza Venezia, durch das Museo del Risogimento gehen und dann mit dem Aufzug ganz rauf: Blick über Forum Romanum und zum Palatin und Kapitol, und über die ganze Stadt. Dort um die Ecke, auf dem Kapitol, kann man Santa Maria Ara Coeli besuchen, wo hinter dem Altar links in einer Seitenkapelle das Christkind wohnt: eine wundertätige Christkind-Figur, die alljährlich alle Post der Welt kriegt, die ans Christkind (Santo Bambino) adressiert ist. Das Original wurde, aber psssst!, vor ein paar Jahren gestohlen und durch eine Kopie ersetzt :(

Um ins Kolosseum zu kommen, muss man sich normalerweise lange anstellen. Ein Roma Pass http://www.roma-antiqua.de/rom-reise-informationen/roma_pass#pass erleichtert vieles. Rundherum lassen sich „Legionäre“ in Uniform gerne fotografieren, wenn sie was dafür kriegen. Das Innere (des Kolosseums, nicht der Legionäre) ist oft enttäuschend, weil an sich leer. Man braucht dort viel Fantasie oder gute Erzähler. Angeboten werden außen Kutschenfahrten zu Nepp-Preisen. Besser ist der Circus Maximus, s.u.

Die berühmten Museen würde ich alle meiden. Ich glaube, dass man mit Kindern in Museen viel Freude haben kann, aber nicht, wenn sie voll sind, und das sind die berühmteren immer. (Nur) am Samstag Vormittag könntet Ihr den Palazzo Colonna besuchen, den prunkvollsten Roms der größten aller dortigen Familien. Die Deckengemälde und der ganze Prunk und Zinnober beeindrucken sicher auch die Kinder.

Das Museo Explora kenne ich nicht, klingt jedoch ziemlich gut: http://www.lifeinitaly.com/tourism/lazio/rome-children.asp – gute Ideen zum Thema, Bomarzo ist aber zu weit.

Links hinter dem Pantheon ist der kleine Elefant von Bernini für alle Kinder eine große Freude. Ihr solltet zwei Minuten davon entfernt auf der Piazza Sant’Eustacchio in der gleichnamigen Bar den besten Caffè der Erde trinken/mitnehmen und um die Ecke auf der Piazza Navona Eis essen, am besten bei Tre Scalini, obwohl ich Giolitti bevorzuge http://www.giolitti.it/english/home.html . Ein Blick ins Pantheon, den perfektesten aller Räume der Welt, kann auch nicht schaden. Piazza Navona ist ohnedies toll, der Vierströme-Brunnen und die Maler und Karikaturisten rundherum machen Kindern noch Spaß.

Ein herrlicher Platz morgens/vormittags ist Campo de Fiori, ein echter Markt, viel Leben und Rummel.

Auf dem Largo Argentina gibt es in den Ausgrabungen der ältesten Tempel aus republikanischer (i.e. vor-kaiserlicher) Zeit, dort, wo Cäsar ermordet wurde, ein Katzenasyl: Freiwillige pflegen arme, verwilderte und meist kranke Katzen http://en.wikipedia.org/wiki/Largo_di_Torre_Argentina (Kapitel „cat shelter“). Sehr sympathisch!

Der Rummel am Trevi-Brunnen, wo ab dem späteren Nachmittag immer was los ist, macht sicher Spaß. Falls Ihr auswärts zu Abend essen wollt: Trastevere ist dann immer schön, Fußgängerzone, viele Menschen, nette Lokale (zB anschließend an den Gianicolo).

Am Aventin gibt es den Parco degli Aranci, dort spielen immer Kinder und man hat einen netten Blick auf den Tiber, selten Touristen:

http://www.panorama-welt.de/italien/rom/aventin/aventin.htm . Ein paar Schritte weiter ist der „Schlüsselloch-Blick“, wenn man durch das Schlüsselloch des Malteserorden-Gartentors blickt, sieht man genau die Kuppel von St. Peter, spektakulär. Dort sind zwei schöne frühchristliche Kirchen. Und daneben natürlich der riesige Circus Maximus, wo die Wagenrennen stattfanden. Bringt mehr als das Kolosseum von innen, man kann einfach herumspazieren, kein Eintritt.

Den Luna Park würde ich auslassen. Einen solchen kann man überall besuchen.

http://www.forbeginners.info/rome/visiting-with-kids/ – die Kapuziner-Mumien sind eine Idee, aber morbide! (Eine andere Quelle sagt zurecht: „Santa Maria Concezione, Via Veneto 27: The crypt underneath this church just up from Piazza Barberini contains the skeletons of over 4000 capuchin monks. Some of the bones have been „artfully“ arranged into designs. Can be very frightening to young children.“)

http://www.romewithkids.com/ – ein Buch mit Tipps.

http://www.stuardtclarkesrome.com/children.htm – sehr nett geschrieben, ein paar gute Vorschläge (auf die Kuppel von St. Peter zu klettern ist sicher auch mit Kids nett bei schönem Wetter).

Und: „Another fun sight to take children is Castel Sant’Angelo. Kids enjoy the wide circular ramp leading up to the different levels of the castle, looking at the nice views of the district from the different terraces, and visiting the museum inside which has a lot of armor and weaponry of ancient times (not to mention the courtyard with several cannon and piles of cannonballs scattered all around.” stimmt auch.

http://www.amazon.de/Reiseführer-Kinder-Pollino-Pollina-entdecken/dp/3932000587 – ein nettes Buch, da finden sich auch Ideen.

„Asterix als Legionär“ zum Vorlesen versteht sich wohl von selbst!

01 Feb 2011

Zugänge „Drei“

Für viele war die Ankunft in der Stadt die Erfüllung eines Traumes: für manche endete dort mit dem Traum auch das Leben. Das Grab eines deutschen Dichterfürsten Sohn trägt die eine Tragödie verbergende Inschrift ”Der Sohn dem Vater vorausgehend”, während Keats und Shelley in seiner Nachbarschaft ruhen.
Es hat sie alle hingezogen in die Stadt, die für sich ein Weltkreis ist, Fürsten, Kaiser, Dichter und Pilger. Nur die Päpste reisten nie dorthin.

Ihre Ursprünge verlieren sich im Dämmer. Der Ort musste günstig erscheinen: ein Hügelgelände mit Steilhängen und Schluchten, von sumpfigen, bachreichen Niederungen umzogen, verhieß Sicherheit und leichte Verteidigung. Der Fluss, der die Grenze zu einem Nachbarreich bildete, war nahe, so ließ der Übergang sich beherrschen, und die nahegelegene Insel erleichterte den Brückenbau.

Am Anfang der Überlieferung steht ein Brudermord, und gemordet wurde viel und mit Begeisterung in dieser Stadt. In einem halben Jahrhundert starb von sechsundzwanzig ihrer Herrscher nur einer eines natürlichen Todes.
Zur selben Zeit aber wurde in bloß fünf Jahren eine Mauer um sie gebaut, die nur mit der chinesischen verglichen werden kann. Sie steht noch, wenn sie auch ein Schattendasein fristet im Umfeld so vieler Wunder.

Im Schatten liegt hier vieles, in dem der Geschichte, in jenem altehrwürdiger Bauten, und eine ehemals große Partei hat ihren Sitz in der Straße der dunklen Geschäfte. Nur im Sommer, wenn die Nähe Afrikas bewusst wird, sucht der Besucher die Einwohner vergebens und den Schatten der Erholung in den kühlen Tempeln. Kühle spenden auch die Brunnen, deren mancher berühmt ist in allen Teilen des Erdkreises. Einer der Brunnen weist im verhüllten Haupt einer seiner Gestalten auf die unerforschlichen Quellen des Nils hin. Von dort, vom Reich am Nil, stammt das Erz für die Tore eines der Haupttempel, einst Schiffsschnäbel der stolzen Flotte Cleopatras. Die Sehnsucht nach jenem Land war groß, zu groß für den begnadetsten Herrscher der Stadt und zu groß für seinen Rivalen und angemaßten Erben.
Das Erbe blieb, und es ist unermesslich. So mancher gelahrte Besucher verzweifelte an seinem schieren Umfang.

Wer will auch von sich behaupten, ein Kenner jener Stadt zu sein? Liebhaber, das ja, Liebhaber hatte und hat die Stadt viele. Ihr Name, verkehrt gelesen, ist schließlich der Gott der Liebe selbst.

Nicht die wenigsten ihrer Verehrer sprachen deutsch, wenn sie von ihr schwärmten. Karl der Große errichtete für seine Landsleute einen Friedhof, der heute im Ausland liegt und von drolligen Älplern bewacht wird. Nur Besucher vertrauten Idioms dürfen ohne Sondererlaubnis in das Nachbarland, und nur auf diesen Friedhof.

Österreich hatte lange Zeit seine Botschaft in einem herrlichen Palast, der vorher Venedigs Vertretung beherbergt hatte – daher sein Name – und später einen Diktator.
Heute hat Österreich, wie die meisten anderen Staaten auch, zwei Botschaften dort, wenn auch in bescheideneren Quartieren.

Der Prunk bröckelt; der vorletzte Herrscher über die Stadt und das Land befand, dass sein Amtssitz ärmlich sei im Vergleich zu seiner privaten Residenz, ein nouveau riche, wie man sah. Nur die Franzosen habe noch eine Botschaft, die nichts zu erträumen übrig lässt, ist ihr Palast doch von Michelangelo entworfen. Ganz in der Nähe, und fern von seinen Kollegen, liegt der große Borgia, den die Stadt nur mit Mühe ertrug.

Viele Fremde kamen hierher, um ihr Gewicht an der Geschichte zu messen, und manchmal wurden sie zu leicht befunden.
Das Geschlecht der Stuarts erlosch in jener Stadt, ihre Familiengruft liegt dort, fern der schottischen Heimat, gleich neben dem Grab einer skandinavischen Königin, eine von zwei Frauen in einer Männerwelt ohnegleichen. Der große Mazarin liegt in einem Tempel gegenüber dem berühmtesten Brunnen, der eine nette Einnahmequelle für die Kinder des Viertels darstellt. Nicht weit davon steht ein Palast, der nach der Tochter Karls des Fünften genannt wird, die in zwei der größten Familien des Landes eingeheiratet wurde. Sein Architekt war der Gegenspieler des bedeutendsten Barockbaumeisters, der dieses erkennend daran zugrunde ging und seinem Leben ein Ende bereitete. Sein erfolgreicherer Kollege, ein Liebling der Götter fürwahr, verunstaltete den allen Göttern geweihten Tempel, dem wir das Fest Allerheiligen verdanken: sind dort doch die Gebeine unzähliger Märtyrer ungeordnet bestattet. Und doch wäre dieser Tempel allein es wert, alle Wege zu gehen. Sie führen ohnedies dorthin.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie hieß der Sohn?
• Wie hießen die verfeindeten Brüder?
• Wie heißt die Mauer?
• Wie heißt (eigentlich: hieß) die Partei?
• Wie heißt der Brunnen?
• Welchen Tempels Türen kommen von Cleopatra?
• Wie heißt das „Nachbarland“?
• Wie heißt der Palast, in dem Österreichs Botschaft sich befand?
• Wie heißt der Amtssitz des Ministerpräsidenten?
• Wie heißt die skandinavische Königin?
• Wie heißt der Palast der Österreicherin?
• Wie heißen die beiden Architekten?
• Wie heißt der Tempel aller Götter?

21 Jan 2011