Schlagwort Archiv: Reisen

Eyes wide open

„Aber reisten wir wohl, wenn wir nicht die Hoffnung hätten, an einem ganz fremden Ort uns selbst zu begegnen? Es ist schön, fremd zu sein, mit allen Städten vertraut, nirgends daheim zu sein. Im Grunde – wer, der viel reist, gibt es nicht zu – sind wir in der Fremde nicht, aber auch in der Heimat nicht ganz zu Hause. Das Endziel alles Reisens wäre vielleicht dieses Gefühl, das die Welt entschwert: ich kenne alles, ich lebte überall, aber ich kann nirgends bleiben. Die Welt gehört mir, aber ich gehöre nicht ganz hinein. Warum sonst hätten wir Deutsche die riesigen Systeme unserer Metaphysik errichtet, diese Festungen der Zuflucht, rücksichtsloser Dauer, unbegrenzter Eroberung, als weil wir uns nirgends zu Hause fühlen? Die Wandernden und Umhergetriebenen sind die Metaphysiker von Geburt.“

Reinhold Schneider, Portugal, 1928

Ein paar Jahre später hätte Schneider das Wort „Eroberung“ nicht mehr verwendet, aber alles andere ist für die Ewigkeit.

Ein wenig von der lebenslangen Müdigkeit Schneiders wird immer stärker auch ein Teil von mir; das Kraftraubende des ständigen Unterwegsseins beginnt im Älterwerden seinen Tribut zu fordern. Es war ja auch schon bisher auch heuer kein kurzer Weg, den ich zurückgelegt habe: von Marokko über Andalusien nach Nordportugal, in den Norden Spaniens, in Frankreichs Südwesten und via Englands Süden geht es nun in die Normandie und in die Bretagne, dann zu den Schlössern an der Loire. So folgerichtig war noch keine meine Tourneen, konsequent von Marrakesch nordwärts.

Es sind heute kleine Siege, die mich noch beflügeln: seit Jahren suchte ich die Stelle, an der ich mich einst über den Ausdruck „eyes wide shut“ gefreut hatte, woran mich der gleichnamige Film wieder erinnert hat. Ich habe das gefunden, beim Wiederlesen von John Le Carrés großartigem „Tinker Tailor Soldier Spy“. Etwas funktioniert noch, dort, wovon ich lebe. Jetzt weiß ich auch, dass ich die Antwort bei Wikipedia gefunden hätte…

Anbei ein paar Bilder vom Jakobsweg (sowie: https://picasaweb.google.com/107054723244977319050/ElCaminoDerWegNachSantiagoDeCompostela?authuser=0&feat=directlink);

Santiago möge uns Reisenden auf der großen Suche weiterhin beistehen.

25 Jun 2014

Ein kurzer Brief zum langen Abschied

[UNSET]Fés, 03.03.14

Letzte Woche hat mich Fés Demut gelehrt. Das ist schon die beeindruckendste Stadt des Landes, Welten von Marrakesch entfernt, das seinem touristischen Erfolg zum Opfer geworden ist. Marrakesch ist schön, faszinierend, aber schon lange nicht mehr als eine Kulisse für „Orient“-suchende Besucher. Und ich halte die alten Männer aus unserer Welt nicht aus, die mit jungen Marokkanern spazieren gehen, wie es andere mit ihren viel zu jungen Frauen in Thailand oder Odessa tun, stolz, schamlos und lächerlich. Auch wenn das schon immer so war: „1 Knabe – 3 Piaster“ stand auf der Herbergsrechnung eines Reisenden vor über hundert Jahren. (mehr …)

03 Mrz 2014

Die Irren von Baalbek

[nggallery id=5]Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, aber ausgerechnet der Libanon ist ruhig, während die restliche arabische Welt die Revolte probt. Die Vorwahl des Libanon ist 00961, aber in den letzten 7.000 Jahren war dieser Anschluss praktisch ständig besetzt. Beirut ersteht neu aus den Ruinen, die ein 16-jähriger „Bürgerkrieg“ aus der einstigen Perle des Orients gemacht hatte. Sidon, Tyrus, Byblos, Tripoli, die Bekaa-Ebene, das Libanon- und das Anti-Libanon-Gebirge waren Themen einer Reise durch ein kleines, altes Land, das schon alles gesehen hat, in dem Milch und Honig fließen, und in dem so viel Blut geflossen ist.

Was mir in Erinnerung bleiben wird von diesen Tagen wird Baalbek sein: nicht so sehr wegen der majestätischen Ruinen der römischen Kaiserzeit, sondern weil ich nach deren Besuch ein Café mit einem schattigen Garten aufgesucht hatte („Taverne Caesar“), um mich auszuruhen; links und rechts standen in etwa 200 Metern Entfernung voneinander zwei Minarette, aus deren Lautsprechern die rasenden Stimmen zweier Irrer dröhnten, einander überbietend an Hass, Lautstärke und Hysterie. Es war Freitag, wir waren in der Region der Schiiten, schon unterwegs waren die Plakate mit iranischen Mullahs aufgefallen. Die beiden Muezzins brüllten an gegen den Teufel, gegen die Sünde, den Unglauben, die Götter der Ruinen vor ihnen und die falschen Heiligtümer einer Welt, die zu ändern ist, gegen die ungläubigen Feinde Syriens, und natürlich gegen einander, und natürlich gegen „uns“. Im Vergleich zu ihren geifernden Schreien wirkte ein brasilianischer Fussballreporter nach diesem entscheidenden Siegestor in der letzten Minute gegen Argentinien wie ein Ausbund an Zurückhaltung und Leidenschaftslosigkeit, ein anachronistischer Lord voller Contenance. Meine Kopfhörer boten mir die Goldmann-Variationen von Gould, aber gegen diese Orgie an Lärm und Gebrüll musste auch Bach weichen.

Als wir am Abend dieses Tages in unser Hotel in Beirut zurückkamen, erfuhren wir, dass wenige Kilometer von Baalbek entfernt, auf der syrischen Seite, die Hassprediger erfolgreich gewesen waren – mindestens zehn Menschen waren getötet worden. Der Libanon hängt an einem seidenen Faden.

Aber das Schlimmste, was der Westen Arabien angetan hat, nach all dem Verrat und all den Kriegen, das ist, trotz der 16 Glaubensrichtungen und des ewigen Fiaskos der Stellvertreter-Kriege, trotz des Irrsinns moderner Städteplanung ohne Plan, trotz der absurden Jugendarbeitslosigkeit und der ganzen arabischen Müdigkeit und Lethargie, immer noch – die Hupe.

Ich gestehe, dass ich, ein durch und durch friedliebender Mensch, in Baalbek und Beirut des öfteren an einen Schalldämpfer gedacht habe – allerdings im ursprünglichen, waffenlosen Sinn des Wortes, und dann noch an den von Axel Corti: „Der Alte aus Beirut“ hieß einer seiner wunderbarsten Texte.

Möge dieser Teil der Welt Ruhe finden. Und eine Welt, die keine Prediger mehr braucht.

02 Apr 2011