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Trio Infernale

– Dublin, Prag und Barcelona

Eines Liebhabers ohne festen Wohnsitz stellenweise ernst gemeinte Warnungen von einem, der diese Städte liebt – obwohl er sie kennt

Städtereisen sind eine feine Sache: sie lassen sich in einem verlängerten Wochenende unterbringen, kosten nicht die Welt und stehen renomméemäßig deutlich über dem Herumliegen an irgendwelchen Küsten der Badewanne Europas aka Mittelmeer.

Gründe, Städte zu besuchen, gibt es fast so viele wie es Städte gibt: Kultur, Nachtleben, Shopping, Abwechslung, fremde Küche und original fremde Menschen werden allerorten all-in geboten. In Europa kommt man manchmal d‘rauf, dass nicht alles woanders soo wahnsinnig anders ist als zuhause – aber das Vertraute in der Ferne zu finden ist für nicht Wenige ein durchaus gewollter Glücksfaktor.

Drei europäische Metropolen sind im letzten Vierteljahrhundert besonders erfolgreich vermarktet worden: noch nie in Prag, Dublin oder Barcelona gewesen zu sein lässt manche Augenbraue irritiert nach oben wandern. „Dann ist es aber höchste Zeit…“

Nicht für jede(n).

Reisen beruht wirklich oft auf Mißverständnissen. Man muss nicht, wie Humphrey Bogart als „Rick“, in Casablanca wegen der heißen Quellen, die es dort nicht gibt, landen. Man kann ja auch Dresden ganz toll finden, obwohl die Sixtinische Kapelle dort verwirrenderweise eine Madonna ist.

Manchmal ist mangelnde Vorbereitung schuld: wie unglaublich viele Städte in Italien „Binario“ oder „Uscita“ heißen, wird manchen auf einer längeren Bahnreise bewusst. Nicht selten tragen schnell noch im letzten Moment erstandene billigst-Reiseführer zu falschen Erwartungen bei, und unmerklich als bezahlte Einschaltungen ausgewiesene Huldigungen in Hochglanzmagazinen.

Autoren von Reiseberichten schreiben voneinander ab, das war schon immer so, und es wäre sonst ja wirklich mühsam. Deshalb steht immer noch in jedem zweiten Reiseführer, in Paris wäre der Autoverkehr heute noch eine Fortsetzung der zahlreichen blutigen Revolutionen mit anderen Mitteln, in England wäre ein Hungertod ein deutliches Zeichen bewahrter Würde und die Wiener gingen nirgendwohin lieber Wien vergessen als nach Grinzing.

Wer aber in die Trend-Hochburg Barcelona, ins hippe Dublin oder ins Goldene Prag zu reisen beabsichtigt, der sei gewarnt: stellvertrend für viele andere Hotspots des europäischen Städtetourismus sollten Besucher wissen, dass diese sehr zurecht überaus beliebten Städte in Wahrheit fast nur einem sehr speziellen Publikum wirklich alle Träume zu erfüllen imstande sind.

Was diese drei recht willkürlich gewählten Hauptstädte (ich weiß, Barcelona ist noch keine…) zuallererst verbindet, ist der Preis ihres Erfolgs – sie sind zwischen Ostern und Oktober heillos überlaufen. Wer die Zeit vor einem Apple-Store in der Nacht vor dem Erstverkauf des neuen iPhones wirklich genießen kann, der wird auch die Ramblas in der schönen Jahreszeit toll finden, den Königsweg in Prag wie Temple Bar. Wer sich aber auf die Sagrada Famila freut ohne online sein Ticket vorbestellt zu haben, der wird nachdenklich werden, wenn er neben der Warteschlange („Hinter‘m Horizont geht‘s weiter…“) Rot-Kreuz-Zelte vorfindet, in denen schlecht Ausgerüstete erstversorgt werden. Wer sich wirklich auf ein gepflegtes Guiness freut, sollte vor dem Besuch des Temple Bar-Bezirks in Dublin eine Kneipe in gebührendem Abstand davon aufsuchen. Und one for the road kann nicht schaden, bis zum ersten Bier in einem der Temple Bar-Pubs könnte es dauern. Es haben schon indische Bahnreisende auf Zugdächern weniger beengte Verhältnisse und kürzere Wartezeiten bis zum Erreichen des Zieles hinter sich zu bringen gehabt.

Überkommt Sie beim Durchschreiten des Prager Königsweges aus welchem Grund auch immer das absurde Bedürfnis, etwas so Ausgefallenes wie ein Pflaster, einen Liter Milch oder eine Unterhose, auf der nichts steht, was Sie Ihrer Mutter nicht zumuten möchten, erstehen zu wollen, sollten Sie gleich die nächstbeste Metro-Station ansteuern. Wo Sie sich gerade befinden, gibt es nichts mehr zu kaufen, das nicht einer Babushka nahekommt, einer pseudo-kubistischen Marionette oder Glasscherben von Swarowski.

Das macht es auch ein wenig schwierig, mit authentischen Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Es sind ja die Besten unter uns, die Reisen auch als völkerverbindend verstanden wissen wollen. Dort, wo der Bär tanzt in Prag, Dublin oder Barcelona, tanzen die Einheimischen nicht mehr häufig. Viel eher werden Sie bedient von Kellnerinnen aus Polen oder aus der Ukraine, von Sovenirverkäufern aus China oder von Rezeptionisten aus Athen. Auch spannend, keine Frage, aber die sind oft nicht so gesprächig.

Einheimische findet man dort auch deshalb nur noch selten, weil raubritterische Mietwucherpreise ihnen das Wohnen und Einkaufen in den touristisch relevanten Zonen verunmöglicht haben.

Was die Kultur betrifft, ist dieses Dreigestirn unter uns gesagt ein klein wenig überbewertet. In Barcelona stehen sich die Millionen Besucher die Beine in den Bauch um die Sagrada Familia zu sehen – zugegebenermaßen eine der großartigsten Baustellen der Erde. Darüber hinaus können sie eine überrestaurierte Kathedrale besuchen, deren Hauptattraktion ein paar Gänse sind, die im Kreuzgang leben – und ein verrostetes Pissoir ebenda. Der Stadtteil rundum, der Barri Gòtic, wirkt stellenweise einigermaßen mittelalterlich, ist es aber kaum irgendwo noch. Man kann sich weitere Gaudí-Bauten ansehen und einen von ihm mitgestalteten Park, aber irgendwann denkt man, dass es vielleicht einfach an der Zeit war, dass die Straßenbahn kam.

In Dublin besuchen alle Touristen das Book of Kells. Es ist ein Wunder der frühmittelalterlichen Buchkunst. Dafür ist ein Anstellen notwendig, das definitiv immer sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Betrachten des ehrwürdigen Prunkstücks im Trinity College, wo in einem vernünftigerweise recht dunklen Raum eine Doppelseite bestaunt werden kann – ein paar Sekunden lang, bis man von ins Dunkel Nachstolpernden abgedrängt wird und sich im großartigen Long Room der Bibliothek wiederfindet, den die meisten vor lauter Enttäuschung mit dem Vorangegangenen kaum zur Kenntnis nehmen.

Dann besuchen temporäre Dubliner noch St. Patrick‘s, eine der beiden nicht (!) katholischen Hauptkirchen der Stadt, in der die Dame am Kassenschalter so ungefähr zum Ältesten gehört, was dort bestaunt werden kann. Den Abschluss eines typischen Programms der Kulturbeflissenen bildet ein Besuch der Guiness-Brauerei, wobei man perfektes Marketing zu bewundern lernt.

Was man bei Guiness besucht, ist keine Brauerei, sondern im Prinzip ein aufwändig gestalteter Shop mit angeschlossenem Museum. Wer die architektonische Meisterleistung von PR-Strategen hinter sich gebracht hat, landet im obersten Stock in einer verglasten Bar, wo man ein Pint der dunklen Brühe als Trost dafür erhält, dass der Ausblick wohl nirgendwo sonst in Dublin selbst an einem der acht Sonnentage eines Jahres  deprimierender ist. Man sollte das Bier andächtig trinken – es war wohl für die meisten das mit Abstand teuerste ihres Lebens. Zum Glück haben nur sehr wenige der Besucher Dublins den Ulysses gelesen – sie wären gewarnt gewesen.

Prag wiederum hat in der Tat den Kulturhungrigen einiges zu bieten. Allerdings gewinnt man sehr schnell den keineswegs täuschenden Eindruck, dass der Hunger der Touristen anders orientiert ist: wer die endlose Meile an Kitsch- und Souvenirbuden laufbandartig durchstreift, landet früher oder später in einem der Bierhäuser, in denen Schweijk genausowenig Platz genommen hätte wie Kafka. Wer großes Glück hat, fällt nicht auf die allgegenwärtigen Ticketverkäufer herein, die „klassische Konzertaufführungen“ oder vollkommen unprofessionelle Darbietungen eines „Schwarzen Theaters“ verkeilen. Wer Pech hat, findet sich in einer Gruppe randalierender Engländer wieder, für die ein Polterabend an der Moldau inklusive Flug, Hotel und Vollrausch immer noch billiger ist als Vergleichbares in Blackpool.

Was sich noch nicht breitenwirksam herzumgesprochen hat, ist, dass Prag heute eine liberalere Drogenpolitik (und ein sehr viel größeres Drogenproblem) aufweist als Amsterdam.

Gemeinsam ist den drei Städten, dass es sich um wahre Paradiese für Taschendiebe handelt. Wer sich angesichts der Preise für ein schäbiges Hotelzimmer, ein warmes Bier oder eine Portion Paella aus der Dose noch nicht genug ausgeraubt fühlt, hat gute Chancen diesbezüglich noch auf seine Kosten zu kommen.

Um nicht mißverstanden zu werden: Barcelona, Dublin und Prag sind wunderbare Städte. Im Winter.

Eyes wide open

„Aber reisten wir wohl, wenn wir nicht die Hoffnung hätten, an einem ganz fremden Ort uns selbst zu begegnen? Es ist schön, fremd zu sein, mit allen Städten vertraut, nirgends daheim zu sein. Im Grunde – wer, der viel reist, gibt es nicht zu – sind wir in der Fremde nicht, aber auch in der Heimat nicht ganz zu Hause. Das Endziel alles Reisens wäre vielleicht dieses Gefühl, das die Welt entschwert: ich kenne alles, ich lebte überall, aber ich kann nirgends bleiben. Die Welt gehört mir, aber ich gehöre nicht ganz hinein. Warum sonst hätten wir Deutsche die riesigen Systeme unserer Metaphysik errichtet, diese Festungen der Zuflucht, rücksichtsloser Dauer, unbegrenzter Eroberung, als weil wir uns nirgends zu Hause fühlen? Die Wandernden und Umhergetriebenen sind die Metaphysiker von Geburt.“

Reinhold Schneider, Portugal, 1928

Ein paar Jahre später hätte Schneider das Wort „Eroberung“ nicht mehr verwendet, aber alles andere ist für die Ewigkeit.

Ein wenig von der lebenslangen Müdigkeit Schneiders wird immer stärker auch ein Teil von mir; das Kraftraubende des ständigen Unterwegsseins beginnt im Älterwerden seinen Tribut zu fordern. Es war ja auch schon bisher auch heuer kein kurzer Weg, den ich zurückgelegt habe: von Marokko über Andalusien nach Nordportugal, in den Norden Spaniens, in Frankreichs Südwesten und via Englands Süden geht es nun in die Normandie und in die Bretagne, dann zu den Schlössern an der Loire. So folgerichtig war noch keine meine Tourneen, konsequent von Marrakesch nordwärts.

Es sind heute kleine Siege, die mich noch beflügeln: seit Jahren suchte ich die Stelle, an der ich mich einst über den Ausdruck „eyes wide shut“ gefreut hatte, woran mich der gleichnamige Film wieder erinnert hat. Ich habe das gefunden, beim Wiederlesen von John Le Carrés großartigem „Tinker Tailor Soldier Spy“. Etwas funktioniert noch, dort, wovon ich lebe. Jetzt weiß ich auch, dass ich die Antwort bei Wikipedia gefunden hätte…

Anbei ein paar Bilder vom Jakobsweg (sowie: https://picasaweb.google.com/107054723244977319050/ElCaminoDerWegNachSantiagoDeCompostela?authuser=0&feat=directlink);

Santiago möge uns Reisenden auf der großen Suche weiterhin beistehen.

Ein kurzer Brief zum langen Abschied

[UNSET]Fés, 03.03.14

Letzte Woche hat mich Fés Demut gelehrt. Das ist schon die beeindruckendste Stadt des Landes, Welten von Marrakesch entfernt, das seinem touristischen Erfolg zum Opfer geworden ist. Marrakesch ist schön, faszinierend, aber schon lange nicht mehr als eine Kulisse für „Orient“-suchende Besucher. Und ich halte die alten Männer aus unserer Welt nicht aus, die mit jungen Marokkanern spazieren gehen, wie es andere mit ihren viel zu jungen Frauen in Thailand oder Odessa tun, stolz, schamlos und lächerlich. Auch wenn das schon immer so war: „1 Knabe – 3 Piaster“ stand auf der Herbergsrechnung eines Reisenden vor über hundert Jahren. Weiterlesen

Die Irren von Baalbek

[nggallery id=5]Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, aber ausgerechnet der Libanon ist ruhig, während die restliche arabische Welt die Revolte probt. Die Vorwahl des Libanon ist 00961, aber in den letzten 7.000 Jahren war dieser Anschluss praktisch ständig besetzt. Beirut ersteht neu aus den Ruinen, die ein 16-jähriger „Bürgerkrieg“ aus der einstigen Perle des Orients gemacht hatte. Sidon, Tyrus, Byblos, Tripoli, die Bekaa-Ebene, das Libanon- und das Anti-Libanon-Gebirge waren Themen einer Reise durch ein kleines, altes Land, das schon alles gesehen hat, in dem Milch und Honig fließen, und in dem so viel Blut geflossen ist.

Was mir in Erinnerung bleiben wird von diesen Tagen wird Baalbek sein: nicht so sehr wegen der majestätischen Ruinen der römischen Kaiserzeit, sondern weil ich nach deren Besuch ein Café mit einem schattigen Garten aufgesucht hatte („Taverne Caesar“), um mich auszuruhen; links und rechts standen in etwa 200 Metern Entfernung voneinander zwei Minarette, aus deren Lautsprechern die rasenden Stimmen zweier Irrer dröhnten, einander überbietend an Hass, Lautstärke und Hysterie. Es war Freitag, wir waren in der Region der Schiiten, schon unterwegs waren die Plakate mit iranischen Mullahs aufgefallen. Die beiden Muezzins brüllten an gegen den Teufel, gegen die Sünde, den Unglauben, die Götter der Ruinen vor ihnen und die falschen Heiligtümer einer Welt, die zu ändern ist, gegen die ungläubigen Feinde Syriens, und natürlich gegen einander, und natürlich gegen „uns“. Im Vergleich zu ihren geifernden Schreien wirkte ein brasilianischer Fussballreporter nach diesem entscheidenden Siegestor in der letzten Minute gegen Argentinien wie ein Ausbund an Zurückhaltung und Leidenschaftslosigkeit, ein anachronistischer Lord voller Contenance. Meine Kopfhörer boten mir die Goldmann-Variationen von Gould, aber gegen diese Orgie an Lärm und Gebrüll musste auch Bach weichen.

Als wir am Abend dieses Tages in unser Hotel in Beirut zurückkamen, erfuhren wir, dass wenige Kilometer von Baalbek entfernt, auf der syrischen Seite, die Hassprediger erfolgreich gewesen waren – mindestens zehn Menschen waren getötet worden. Der Libanon hängt an einem seidenen Faden.

Aber das Schlimmste, was der Westen Arabien angetan hat, nach all dem Verrat und all den Kriegen, das ist, trotz der 16 Glaubensrichtungen und des ewigen Fiaskos der Stellvertreter-Kriege, trotz des Irrsinns moderner Städteplanung ohne Plan, trotz der absurden Jugendarbeitslosigkeit und der ganzen arabischen Müdigkeit und Lethargie, immer noch – die Hupe.

Ich gestehe, dass ich, ein durch und durch friedliebender Mensch, in Baalbek und Beirut des öfteren an einen Schalldämpfer gedacht habe – allerdings im ursprünglichen, waffenlosen Sinn des Wortes, und dann noch an den von Axel Corti: „Der Alte aus Beirut“ hieß einer seiner wunderbarsten Texte.

Möge dieser Teil der Welt Ruhe finden. Und eine Welt, die keine Prediger mehr braucht.