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Zugänge „Drei“

Für viele war die Ankunft in der Stadt die Erfüllung eines Traumes: für manche endete dort mit dem Traum auch das Leben. Das Grab eines deutschen Dichterfürsten Sohn trägt die eine Tragödie verbergende Inschrift ”Der Sohn dem Vater vorausgehend”, während Keats und Shelley in seiner Nachbarschaft ruhen.
Es hat sie alle hingezogen in die Stadt, die für sich ein Weltkreis ist, Fürsten, Kaiser, Dichter und Pilger. Nur die Päpste reisten nie dorthin.

Ihre Ursprünge verlieren sich im Dämmer. Der Ort musste günstig erscheinen: ein Hügelgelände mit Steilhängen und Schluchten, von sumpfigen, bachreichen Niederungen umzogen, verhieß Sicherheit und leichte Verteidigung. Der Fluss, der die Grenze zu einem Nachbarreich bildete, war nahe, so ließ der Übergang sich beherrschen, und die nahegelegene Insel erleichterte den Brückenbau.

Am Anfang der Überlieferung steht ein Brudermord, und gemordet wurde viel und mit Begeisterung in dieser Stadt. In einem halben Jahrhundert starb von sechsundzwanzig ihrer Herrscher nur einer eines natürlichen Todes.
Zur selben Zeit aber wurde in bloß fünf Jahren eine Mauer um sie gebaut, die nur mit der chinesischen verglichen werden kann. Sie steht noch, wenn sie auch ein Schattendasein fristet im Umfeld so vieler Wunder.

Im Schatten liegt hier vieles, in dem der Geschichte, in jenem altehrwürdiger Bauten, und eine ehemals große Partei hat ihren Sitz in der Straße der dunklen Geschäfte. Nur im Sommer, wenn die Nähe Afrikas bewusst wird, sucht der Besucher die Einwohner vergebens und den Schatten der Erholung in den kühlen Tempeln. Kühle spenden auch die Brunnen, deren mancher berühmt ist in allen Teilen des Erdkreises. Einer der Brunnen weist im verhüllten Haupt einer seiner Gestalten auf die unerforschlichen Quellen des Nils hin. Von dort, vom Reich am Nil, stammt das Erz für die Tore eines der Haupttempel, einst Schiffsschnäbel der stolzen Flotte Cleopatras. Die Sehnsucht nach jenem Land war groß, zu groß für den begnadetsten Herrscher der Stadt und zu groß für seinen Rivalen und angemaßten Erben.
Das Erbe blieb, und es ist unermesslich. So mancher gelahrte Besucher verzweifelte an seinem schieren Umfang.

Wer will auch von sich behaupten, ein Kenner jener Stadt zu sein? Liebhaber, das ja, Liebhaber hatte und hat die Stadt viele. Ihr Name, verkehrt gelesen, ist schließlich der Gott der Liebe selbst.

Nicht die wenigsten ihrer Verehrer sprachen deutsch, wenn sie von ihr schwärmten. Karl der Große errichtete für seine Landsleute einen Friedhof, der heute im Ausland liegt und von drolligen Älplern bewacht wird. Nur Besucher vertrauten Idioms dürfen ohne Sondererlaubnis in das Nachbarland, und nur auf diesen Friedhof.

Österreich hatte lange Zeit seine Botschaft in einem herrlichen Palast, der vorher Venedigs Vertretung beherbergt hatte – daher sein Name – und später einen Diktator.
Heute hat Österreich, wie die meisten anderen Staaten auch, zwei Botschaften dort, wenn auch in bescheideneren Quartieren.

Der Prunk bröckelt; der vorletzte Herrscher über die Stadt und das Land befand, dass sein Amtssitz ärmlich sei im Vergleich zu seiner privaten Residenz, ein nouveau riche, wie man sah. Nur die Franzosen habe noch eine Botschaft, die nichts zu erträumen übrig lässt, ist ihr Palast doch von Michelangelo entworfen. Ganz in der Nähe, und fern von seinen Kollegen, liegt der große Borgia, den die Stadt nur mit Mühe ertrug.

Viele Fremde kamen hierher, um ihr Gewicht an der Geschichte zu messen, und manchmal wurden sie zu leicht befunden.
Das Geschlecht der Stuarts erlosch in jener Stadt, ihre Familiengruft liegt dort, fern der schottischen Heimat, gleich neben dem Grab einer skandinavischen Königin, eine von zwei Frauen in einer Männerwelt ohnegleichen. Der große Mazarin liegt in einem Tempel gegenüber dem berühmtesten Brunnen, der eine nette Einnahmequelle für die Kinder des Viertels darstellt. Nicht weit davon steht ein Palast, der nach der Tochter Karls des Fünften genannt wird, die in zwei der größten Familien des Landes eingeheiratet wurde. Sein Architekt war der Gegenspieler des bedeutendsten Barockbaumeisters, der dieses erkennend daran zugrunde ging und seinem Leben ein Ende bereitete. Sein erfolgreicherer Kollege, ein Liebling der Götter fürwahr, verunstaltete den allen Göttern geweihten Tempel, dem wir das Fest Allerheiligen verdanken: sind dort doch die Gebeine unzähliger Märtyrer ungeordnet bestattet. Und doch wäre dieser Tempel allein es wert, alle Wege zu gehen. Sie führen ohnedies dorthin.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie hieß der Sohn?
• Wie hießen die verfeindeten Brüder?
• Wie heißt die Mauer?
• Wie heißt (eigentlich: hieß) die Partei?
• Wie heißt der Brunnen?
• Welchen Tempels Türen kommen von Cleopatra?
• Wie heißt das „Nachbarland“?
• Wie heißt der Palast, in dem Österreichs Botschaft sich befand?
• Wie heißt der Amtssitz des Ministerpräsidenten?
• Wie heißt die skandinavische Königin?
• Wie heißt der Palast der Österreicherin?
• Wie heißen die beiden Architekten?
• Wie heißt der Tempel aller Götter?

21 Jan 2011

Zugänge „Zwei“

Der Christbaum kommt aus Straßburg, aber der berühmteste der nicht soo stillen Weihnachtsmärkte dieser stillen Zeit findet nicht in Frankreich statt, sondern in der Franken östlicherem Reich.
Die Kinder wissen zu schätzen, was von hier kommt, aus dem Herzen der Spielwarenwelt, das berühmt war lange bevor es LEGO gab, geschweige denn Game Boys, geschweige denn Super Mario. Einige der Spielzeuganstrichfarben (solche Wörter gab es damals noch) wurden sogar nach hier benannt.

Ein bißchen Provinz – und dennoch, was für ein Zentrum! Mochten die Kaiser anderswo gekrönt worden sein, mochten sie anderswo öfter getagt haben, mochten Könige andere Städte zu Residenzen erwählt haben, hier und nirgendwo anders wurden die Reichsinsignien am längsten aufbewahrt, fast 370 Jahre lang, bevor sie in den napoleonischen Wirren zu den Thurn und Taxis nach Regensburg wanderten, und weiter nach Wien.
Von 1938 – 1946 kehrten sie noch einmal wieder, ein seltenes Schicksal für Pretiosen dieser Art.

Aber das war kein Wunder: die Herren des Dritten Reiches beriefen sich nur allzu gern auf das Erste, und wo lieber als in der Stadt einiger ihrer größten Triumphe?

Dafür hat die Stadt gezahlt: von der Katharinenkirche, in der der Ritter Walther von Storzing die Frage an Evchen Pogner richtet, ob sie schon Braut sei, stehen nur mehr die Außenmauern. Haus und Werkstatt von Hans Sachs, wo der Dichter den Duft des Flieders besingt, wurden vollständig vernichtet. Zerstört wur-den auch der Hauptmarkt, die wichtigsten Kirchen der Stadt, ge-weiht den Heiligen Lorenz und Sebaldus, und so vieles, vieles andere, fast alles.

Aber so entsetzlich die Verheerungen des letzten Krieges waren, in dieser Stadt wollte man zeigen, dass man auch aufbauen kann.
Heute stapfen wieder die Kunst – und Kulturbeflissenen aller Herren Länder durch die Altstadt und fragen sich, was alt, was wiederaufgebaut, was neu erstanden aus Ruinen ist?
Die einzige “erhaltene” Stadtbefestigungsanlage einer deutschen Großstadt ist zu bestaunen, besagte – wiederaufgebaute – Kirchen, das Heilig-Geist-Spital aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die Kaiserburg klarerweise, der Handwerkerhof neben dem Frauentor und große Werke von Veit Stoß, Adam Krafft und Peter Vischer, vor allem aber natürlich das ansehliche Fachwerkhaus des berühmtesten Sohnes der Stadt: er lebte hier von 1509 bis 1528, Hasen, betende Hände und apokalyptische Reiter hinterlassend, weisere Zeiten werden mehr finden. An seinen heute bekanntesten Werken zeigt sich, wie sehr der Geschmack des 19. Jahrhunderts noch wirksam ist.

Am Platz, auf dem er wohnte, und überall sonst, erhält man die Spezialitäten, die die Stadt auch berühmt gemacht haben, neben den Spielwaren: Lebkuchen in bunten Dosen, Bratwürste und Karpfen, “blau” oder gebraten.
Nur wenige Schritte sind es von dort in südlicher Richtung auf den Hauptmarkt, wo sich eine gar große Zahl von Berühmtheiten drängelt: Karl IV., die sieben Kurfürsten, Moses und die Propheten, antike, christliche und jüdische Helden. Sie weilen auf der Frauenkirche und auf dem Brunnen, der zu den Hauptsehenswürdigkeiten zählt.

Nach der Stadt benannt wurde auch ein Ei, ein Ei, das die Zeit erstmals mobil machte, die erste Taschenuhr. Die erste deutsche Bahnlinie fuhr hier, Wissenschafter aus dieser Ecke der Welt brachten den Portugiesen das Wissen, mit dem die restliche Welt entdeckt werden konnte.

Heute ist die Stadt kein Zentrum mehr, es sei denn der amerikanischen Soldaten in den Biergärten, wegen der nahen Kasernen.
Aber einmal im Jahr, in der Zeit der Erwartung der Geburt des Sohnes, wenn Augen wieder glänzen bei Groß und bei Klein, ist sie ein Mittelpunkt. Dieser befindet sich auf ihrem Markt, der dann Christkindlesmarkt heißt.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie heißt ihr berühmtester Sohn?
• Wie heißt die angesprochene Oper?
• Wie heißt der Brunnen auf dem Hauptmarkt?

21 Jan 2011

Zugänge „Eins“

Wie in fast allen afrikanischen Großstädten zogen sich bis vor wenigen Jahren am Stadtrand endlos die Ghettos der Ärmsten dahin. Wellblechbaracken ohne Kanalisation, ohne Strom, Endstation für viele kurz vor Erreichen der Wohlstandswelt. Flog man in die Stadt, ware sie der erste, für viele Besucher verblüffende Eindruck.

So haben die Einwohner wohl schon einmal gehaust, nach dem großen Erdbeben im Jahre 1755. Über zweihundert Jahre später sind es die Heimgekehrten in das Mutterland, die Vertriebenen und Geflohenen aus den unendlich großen und reichen Kolonien, die in improvisierten Behausungen ihr Dasein fristen.

Die Stadt ist alt, sehr alt sogar. Der Sage nach hat Odysseus sie auf einer seiner Irrfahrten gegründet. In Wahrheit geht ihr Name wohl auf das phönizische Alis Ubbo (= liebliche Bucht) zurück, also Karthager waren zuerst hier. Es folgten die Römer, die Vandalen, Sueben und die Westgoten, später die Nordafrikaner. Nach der Rückeroberung vom Islam wurde die Stadt Hauptstadt der ersten europäischen Nation im modernen Sinn, eines Landes übrigens, das als erstes seine Grenzen im heutigen Umfang erreicht hatte – von kleinen Korrekturen und zeitweiligen Eroberungen durch das Nachbarland abgesehen.

Im 15. und 16. Jahrhundert galt die Stadt an der Mündung des Tejo als eine der glanzvollsten Metropolen des Kontinents, Folge der unerhörten Reichtümer, die aus den neuerschlossenen Welten hereinströmten. Der Keim des Niedergangs, so hat Reinhold Schneider erkannt, war darin jedoch schon enthalten.

Die Lage der Stadt aber ist tatsächlich einzigartig: für den Weltreisenden Alexander von Humboldt gehörte sie zu den sieben schönsten der Erde. Daran hat auch das Erdbeben nichts geändert, und nichts der Niedergang nach dem Verlust der Überseebesitzungen, ja nicht einmal die wohl rückständigste europäische Diktatur dieses Jahrhunderts. Auch der melancholische Charme ist nicht verlorengegangen, den die Kenner der Stadt so lieben. Den Touristen allerdings wird er in Form unvorbereiteterweise unvermeidlich ”fader” Gesänge präsentiert, die nicht das Verständnis, sondern allenfalls den Weinkonsum erhöhen, manchmal in doppeltem Sinne.
Vor kurzem war sie Kulturhauptstadt Europas, und in neuem Glanz bieten sich dem Betrachter die Denkmäler der großen Söhne, der Seefahrer und Dichter, der Krieger und Könige, und des Stadterneuerers, dessen Werk nur mit dem Haussmanns in Paris verglichen werden kann.

An die größte Besitzung in Übersee, wo auch die Sprache noch gemeinsam ist, erinnert die Statue Christi, jenseits einer der schönsten Brücken des Kontinents. Dort, zu Füßen des Zuckerhuts, feierte man unlängst im Karneval eine Österreicherin, eingeheiratet in die Dynastie, die beide Länder regierte.

Doch dieser Teil der Vergangenheit ist weit entfernt. Heute kämpft man mit der Gegenwart, mit dem Rücken zum Meer, dem Blick nach Brüssel, und man kämpft – wirtschaftlich – mit dem übermächtigen Nachbarn, mit dem man nie befreundet war. Daß dessen Währungsprobleme auch die eigenen Gelder vor wenigen Jahren in den Strudel der Abwertung zogen, empfand man als Perfidie ersten Ranges.

Die Stadt aber bleibt, was sie immer schon war: ein Punkt des Kontinents, ohne den dieser sehr viel ärmer wäre. Denn es sind nicht immer die Städte in ihrer glücklicheren Epoche, die Wegweiser sind für die Zukunft der Völker. Oder wer wollte das Maß der Zukunft an Frankfurt, London oder New York legen, an die Angelpunkte unserer Wirtschaft? Da ist das alte Alis Ubbo, ein bißchen vergessen vom Glück, wie eine Schauspielerin, die nur mehr auf Provinzbühnen ihre Rollen findet, schon besser. Ihr bleibt die Erinnerung an wahre Größe.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie heißt der Stadterneuerer?
• Wie heißt die Dynastie?
• Wie heißt die Brücke?

21 Jan 2011