Schlagwort Archiv: Marokko

Ein kurzer Brief zum langen Abschied

[UNSET]Fés, 03.03.14

Letzte Woche hat mich Fés Demut gelehrt. Das ist schon die beeindruckendste Stadt des Landes, Welten von Marrakesch entfernt, das seinem touristischen Erfolg zum Opfer geworden ist. Marrakesch ist schön, faszinierend, aber schon lange nicht mehr als eine Kulisse für „Orient“-suchende Besucher. Und ich halte die alten Männer aus unserer Welt nicht aus, die mit jungen Marokkanern spazieren gehen, wie es andere mit ihren viel zu jungen Frauen in Thailand oder Odessa tun, stolz, schamlos und lächerlich. Auch wenn das schon immer so war: „1 Knabe – 3 Piaster“ stand auf der Herbergsrechnung eines Reisenden vor über hundert Jahren. (mehr …)

03 Mrz 2014

A Dream Come True

“Was hat Sie eigentlich nach Casablanca geführt?“ “Die heißen Quellen.“ “Aber es gibt hier keine heißen Quellen…“ “Ich weiß. Es war ein Missverständnis.“ Humphrey Bogart als “Rick“ in Casablanca

Sie sitzen und sehen der Erde beim Sich-Drehen zu. Und träumen. Von Casablanca bis Muscat sitzen die stolzen Männer Arabiens vor oder in ihren Läden und Büros und warten und verwalten und träumen, plaudern, trinken Tee oder Kaffee, und sitzen. Und denken es wäre Arbeit. 
Ist es ein schöner Sonntag und ist etwas Geld da, kennen sie kein größeres kleines Glück als mit der Familie in eine Oase zu fahren und dort ein Picknick zu genießen. Dort sitzen sie dann, stundenlang, und trinken Tee, knabbern Kekse und träumen. Das sind die friedlichsten Kinder Gottes.

Nahi wollte nicht so leben. Nahi ist Berber, aus dem Süden Marokkos. Er war auffallend gut in der Schule, wissbegierig und aufgeweckt. Träumen, das konnte er auch. Sein Traum war es, Reiseführer zu werden. Mit Menschen aus allen Teilen der Erde zu arbeiten. Zu reisen. Nahi hatte Glück, nur vier Geschwister, eine verständnisvolle Familie und einen Onkel, der in Frankreich genug Geld verdiente, um die Familie zu unterstützen. Nach der Schule konnte Nahi neben dem Französischen bereits ein paar Brocken Deutsch, Satzfetzen, die er von Touristen erbeutet hatte. In seinem Schulbuch hatte er ein Bild aus der Schweiz gesehen, eine Alpenlandschaft mit Bergen und Seen und viel Schnee. Ziemlich genau so stellte sich Nahi, der aus der Wüste bei Agadir stammt, das Paradies vor. Und dort, in der Schweiz, so stand es in seinem Schulbuch, wird deutsch gesprochen. Nun bekam er, vor mehr als dreißig Jahren, die Chance seines Lebens, und er war entschlossen sie zu nutzen. (mehr …)

05 Dez 2012

Österliches aus dem Morgenland

“Doch wir alle scheitern irgendwann. Unsere Gesundheit verlässt uns. Wir lassen nach. Wir schwinden.“ Meryl Streep. Eine kluge Frau. Bis es soweit ist, trinke ich dieses Leben noch zur Neige, in vollen Zügen, mit Lust und Durst. Momentan macht es mir endlos Freude. Und Spaß.

Ibrahim nicht. Ibrahim hat heute Früh resigniert. Die Japaner haben ihn geschafft. Ibrahim verkauft Fotos, die seine Mitarbeiter von Touristen in Fes machen. Am nächsten Morgen bietet er sie vor den Hotels der Reisenden an. Die Bilder sind geschmückt mit marokkanischen Motiven und tragen Inschriften wie “Gruß aus Fes“. Ibrahim mag mich, weil ich ihm beim Verkaufen behilflich bin. “Merci, chef!“ zwinkert er mir morgens fröhlich zu. Heute war er nicht fröhlich sondern geknickt.
Gestern haben sie in Fes Japaner fotografiert, vor der ältesten Uni der Welt, gegründet von einer Frau dreihundert Jahre vor Oxford. Die Japaner waren kichernd begeistert, sich auf den hübschen Bildern wiederzufinden. Aber Ibrahim ist nun am Ende. Sie haben kein Foto gekauft, kein einziges. Sie haben sie fotografiert.

Zu Palästina, wo es wieder brennt seit dem Tag meiner Abreise, ist mir noch eingefallen: an einer Stelle dieser schrecklichen Mauer (hier) die die Palästinenser in Israel einsperrt und demütigt, ist ein Graffiti angebracht, das die Feinde anprangert: Israel, die USA, den Kapitalismus. Letzterer wird durch einen Löwen dargestellt, der ein $-Zeichen eintätowiert hat, der Dollar als Symbol des Bösen. Natürlich haben die Palästinenser keine eigene Währung, und dass sie den israelischen Schekel ablehnen, versteht sich. Also haben sie eine improvisierte Währung, als Kompromiss. Es ist der Dollar.

Ich empfinde mittlerweile eine große Zärtlichkeit für unsere arabischen Brüder und Schwestern – auch und gerade für ihre Beladenheiten, das Irrationale, das Schwermütige, das Resignative, das Absurde. Und die immer wieder aufblitzende Unfähigkeit, die Unmöglichkeit der Organisiertheit, die allgegenwärtige Schläfrigkeit, die melancholische Verstaubtheit ihrer Welt. Im 7-Tage-Krieg hat eine ägyptische MIG (Kampfflieger) eine andere versehentlich abgeschossen und wurde folgerichtig ebenso versehentlich von einer ägyptischen Flak zerstört. Das mit dem Dollar passt dazu.

Das Bild mit Küken: Österliches aus Moulay Idriss, Marokkos Heiliger Stadt. Nein, ich habe keine Ahnung, wie man eine Hundertschaft zappelnder Küken gleichmäßig bunt einfärbt :)
In Manchem sind sie uns über. Ziemlich.

Seid gegrüßt aus dem Reich des Dösens!
A

 

16 Mrz 2012