Schlagwort Archiv: Kunst

Das größere Puzzle

Sigurd Schädeldrunk wurde 1965 als elftes Kind seiner Eltern in Tromsö geboren, 600 km südlich des Nordkaps und 1600 km nördlich von Oslo oder 4000 km nördlich von Palermo.                                                                                Sein Vater war im Straßenbau beschäftigt, aufgrund der Schneeverhältnisse bis auf wenige Wochen des Jahres beschäftigungslos und, wie praktisch alle Arbeiter in Tromsö, dem Trunk ergeben. Die Mutter führte anscheinend ein extrem unauffälliges und aufopferndes Dasein als Hausfrau und Mitglied im Kirchenchor einer örtlichen Stabkirchen-Gesangsgruppe. Von frühester Jugend an waren Schädeldrunks Träume und Wünsche nach Süden orientiert.

Die acht jährlichen Wintermonate, sechs davon bei ständiger Dunkelheit, zerrütteten sein Nervensystem bereits, bevor er die Volksschule besuchte. Erkennbar wurden seine Schwierigkeiten, sich den Bedingungen seiner lokalen Hemisphäre anzupassen, durch vereinzelte autistische Ansätze, eine Hingabe zu Puzzles und eine Vorliebe für neapolitanische Volkslieder. Dies machte ihn bald zu einem Außenseiter in seinem unmittelbaren Lebensumfeld. Von Freundschaften in seiner Jugend ist nichts überliefert, von Geborgenheit bei seinen Eltern noch weniger. Zwei Entscheidungen sollten seinen Lebensweg entscheidend beeinflussen: der Entschluss, in Trondheim Kunstgeschichte zu studieren und die Lektüre des Buches „Die Kinder von Torremolinos“ von James Michener. (mehr …)

27 Mai 2012

Hier blühen keine Zitronen

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„Wir sehen einen Baum und sagen: das ist ein Baum. Aber eines Tages werden wir uns alle geirrt haben.“ Alexis Sorbas, Nikos Katzanzakis …

In einer idealen Welt wäre die Toskana überall. Es ist schon wahr: von ihr aus wurde auch die praktische moderne Welt geschaffen, von der Notenschrift bis zum Finanzwesen, von Pachtsystemen bis zur hohen Politik. Aber vor allem entstand hier der Inbegriff dafür, was wir noch heute unter Schönheit verstehen. Die Kunst einiger Jahrzehnte, die Malerei, Architektur und Bildhauerkunst der Renaissance, haben bis heute geprägt, was wir als „guten Geschmack“ empfinden. Ausgewogenheit, maßvolle Zurückgenommenheit und edle Anmut wurden nirgendwo sonst zu alles bestimmenden Maximen.

Wer die Hohe Schule des Sehenlernens in Florenz erleben durfte, wer Halbkreis und Quadrat bei Brunelleschi und Donatello als Ikonen der Harmonie verinnerlicht und die Perspektive bei Paolo Uccello und Masaccio als Lebensinhalt erkannt hat, wer vor Santa Maria Novella oder im Bargello ruhig geworden ist, der ist bereit, das größere Kunstwerk anzunehmen: die Toskana als Landschaft.

Im – wirklich – lieblichen Arnotal bei Vinci, gesäumt von sanften Hügeln und Olivenhainen, oder im schroffen Bergland von Caprese Michelangelo, im Mugello nördlich Florenz, Sommerfrische der Medici, oder von den abstrakt-surrealen Crete bei Siena bis in die Weinlagen des Chianti: kaum eine Landschaft scheint so für den Menschen geschaffen – und oft von Menschen gestaltet zu sein. Die einzelne Zypresse auf einem Hügelrücken ist nicht nur so schon bei Piero della Francesca vorzufinden, sondern sie steht da, prägend, einsam und stolz. Nichts ist hier Zufall. Beim Blick auf Giottos Campanile neben der Domkuppel von Florenz weiß man es später wieder.

Der Schiefe Turm auf dem Platz der Wunder zu Pisa ist eine Allegorie der Diagonale, die die kubischen Bauernhäuser ebenso bestimmt wie die fast schlichten Villen und Herrenhäuser und Landkirchen. Die Vertikale des Campanile oder der Geschlechtertürme von San Gimignano ritzt den Himmel auf.

Geometrische Strenge und Klarheit – es ist ganz einfach, einfach und menschlich, und der Mensch ist das Maß aller Dinge. Hier wurde der Humanismus geboren.

In dieser elysischen Landschaft braucht es keine starken Farben. Es braucht oft gar keine: das unergründliche, so vielen großen Bildhintergründen eigene dunstige sfumato, das allen Blick entschärft, genügt. Die bräunlich-gelblichen Erdtöne, das zitternde Silber der tausend Jahre alten Olivenbäume, das schwarze Grün der Zypressen (alles Farben des toskanischen Marmors aus dem Kirchen wie die von Lucca oder Siena wurden) und hie und da die Farbe des blutigen Weins: mehr geht nicht. Mehr sollte der Mensch nicht ertragen.

Reich ist nicht, wer viel hat. Und viel sieht nicht, wer geblendet ist. Doch wie reich ist, wer hier sehen darf.

02 Feb 2011

Der schönste und traurigste Ort der Welt

Versailles im Spätherbst: keine Horden mehr, Muße und Raum. Dieses schreckliche Schloss, in dem so viel Unglück geschah, ist gleichwohl ein Wunder an Eleganz und Perfektion.
Es wird noch übertroffen vom kleinen Trianon-Schlösschen in diesem unergründlichen, herrlichen Garten, der ein Park ist, ja, eine Welt: Gabriels Meisterwerk für die Pompadour ist das Edelste, was bester Geschmack hervorbringen kann. Marie Antoinette hat sich dort gerne aufgehalten, und von dort wurde sie abgeholt, als es losging: am 4. Oktober 1789, der Weg bis zur Guillotine war von da an nicht mehr weit.

In den Gärten zu spazieren, die im November schön sind wie selten sonst, erfüllt mit jener befriedigenden Melancholie, die uns traurig und zufrieden macht zur selben Zeit.
Es war auch ein Abschied für mich, von Versailles, von Paris, von und für heuer.

Als es später regnete, saß ich lesend im Café des Schlosses; ein paar Tische weiter saß ein Paar, das deutliche Merkmale des Down-Syndrom aufwies. Beide nicht mehr jung, sie um einiges kleiner, und sie saß da und schluchzte, weinte hemmungslos, wie jemand, der soeben eine fürchterliche und nicht annehmbare Nachricht erhalten hat. Er saß daneben, offensichtlich ratlos, überfordert, verzweifelt, aber untätig. Ludwig XVI. und seine Marie Antoinette müssen sehr ähnlich ausgesehen haben im Gefängnis, und vielleicht schon hier, im Schloss, das ihnen so viel zu groß war.

Doch kann man Menschen mit dem Down-Syndrom trösten? Oder Könige? Oder uns?

01 Feb 2011

Ein geheim gehaltenes kleines Kunstwerk

„Budapest – ein kritischer Reiseführer“;  András Török

Nun stehen sie wieder dicht gedrängt in den Buchhandlungen: auf der Suche nach der zu verlierenden Zeit. Legionen ferienhungriger, gebucht habender Touristen in magna spe. Sie blättern in Reiseführern, zerfleddern Karten und Pläne, treten häufig zu zweit auf und bringen die Buchhändler in Abgründe zynischer Verzweiflung. Buchhändler sind an sich schon eine geschlagene Art: nicht selten stehen sie ihren Produkten nicht gleichgültig gegenüber, müssen aber frühestmöglich erkennen, dass sie sich ihre ihnen am Herzen liegenden Werke und Kunden nur leisten können, wenn sie ausreichend Ratgeber, Kochbücher und Verlegenheits-Geburtstagsgeschenke („Haben Sie ’was für einen Steinbock?“) an den Menschen bringen.

Reiseführer sind hier ein Schulbeispiel. Einen solchen in den Urlaub mitzunehmen gehört dazu, man ist ja kein Ignorant. Ohnedies braucht man noch Lektüre für den Liegestuhl am Strand, und zu den Donna Leons und den richtig schlechten Krimis packt man eben noch einen dieser handlichen Reisebegleiter, die auf möglichst wenigen Seiten mit möglichst vielen hübschen Fotografien auch noch Überlebenstipps und einen Sprachkurs beinhalten.

Warum eigentlich? Warum investieren Reisefreudige, die am Vortag ohne mit der Wimper zu zucken 3.500,- €uro für Flug und Hotel ausgegeben haben, nur den Gegenwert eines Trinkgelds in der sie erwartenden Hotelbar für vernünftige Reiseführer? Weil die handlicher sind, weil man sie ohnehin nicht liest, weil es vor Ort eh die inkludierten Ausflüge mit Führung gibt? Genau deshalb, und weil Tourismus oft das Gegenteil einer Auseinandersetzung mit Land und Leuten zu sein hat.

Es gibt Ausnahmen: es gibt Reisende, die diesen Namen verdienen, und es gibt Bücher, die ihnen wertvolle Begleiter sein wollen. Die wunderbarsten sind aus dem Prestel-Verlag und die Baedeker von vor 1930. Es gibt sie nur noch antiquarisch…

András Török hat so ein Buch geschrieben, über seine Heimatstadt Budapest. In einem Essay mit dem Titel „Bekenntnisse eines Reiseführer-Autors“ (The New Hungarian Quaterly, N° 125, 1992) hat er sein Leben mit seinem Buch beschrieben: die Anfänge vor 1989, als er als Dissident 666 tätig war, den dramatischen Wechsel, der in Ungarn anfangs nicht so dramatisch war, und das Bemühen seitdem, sein Buch bei allen Umbrüchen und Wandlungen (und Budapest wurde seit 1989 umgebrochen!) gültig sein zu lassen. Ständige Neuauflagen waren notwendig, zu viel veränderte sich ständig in der Stadt, veränderte ständig die Stadt.

Török, ein denkender Dandy, wie er sich selbst nennt, schreibt auch über seinen Anspruch an einen Reiseführer: er möchte die Vorteile des „Baedeker“ (und meint wohl die Ausgaben bis in die Dreißigerjahre), des „kritischen Reiseführers“ und des „alternativen Reisebuchs“ bieten. Das ist ihm, mit kleinen Abstrichen, gelungen.

Töröks Budapest-Führer ist umfassend. Er zeigt dem Leser Sehenswertes, das in fast keinem der Standard-Guidebooks zu finden ist. Er macht aufmerksam auf „Kleinigkeiten“, die keine sind, weil sie das Bild der Stadt prägen. Hier seien einige Fundstücke angeführt, die nur andeuten können, wie viel Spaß es macht, Török zu folgen:

„Der beste Ort, Kaffee zu schlürfen und gleichzeitig die Vibration der U-Bahn zu spüren“
„Längste und geheimnisvollste Reihe von Torbogen“
„Das rührendste Denkmal“
„Traditionellste erhalte öffentliche Toilette“
„Die zwölf schlimmsten Dinge, die Sie in oder außerhalb von Budapest tun können“
„Das geschmackloseste Geschäft für Lampenschirme“

Natürlich werden alle Hauptsehenswürdigkeiten gründlich behandelt, aber eben auch eine Vielzahl an „Geheimtipps“. Eine ein wenig ausführlichere Auseinandersetzung mit den Kunstsammlungen und Museen hätte dem Buch vielleicht nicht geschadet.

Töröks Buch ist praktisch. Von Unterkunfts- (z.B. „Für Konferenz-Hopper, die anderen Konferenz-Hoppern aus dem Weg gehen möchten“) und Verpflegungsmöglichkeiten über Hinweise die „schreckliche ungarische Sprache“ betreffend bis zu Adressen und Öffnungszeiten so ziemlich aller Institutionen und Sehenswürdigkeiten findet sich nichts nicht. Besonders hervorzuheben sind die 41 „narrensicheren Karten“, die Stadtteile im 3-D-Effekt so vor Augen führen, dass man sich nur mehr mit Absicht verlaufen kann. Die vorgeschlagenen Spaziergänge führen tief ins Wesen der Stadt.
Dem Kulinarischen (und den Weinen im Besonderen) wird eine Aufmerksamkeit geschenkt, die man sich in Büchern über Paris oder Brüssel wünschen würde.

Töröks Buch ist kritisch. Ob es um Rückblicke auf geschichtliche Ereignisse oder um Architektur geht, um die Verlagerung von Einkaufszentren an den Stadtrand oder um die Taxifahrer, Török ist weit davon entfernt, neutral zu bleiben. Er macht deutlich, dass Liebe nicht mit Kritiklosigkeit einher gehen kann. Das gibt dem Leser umgekehrt das Vertrauen, Empfohlenes auch wirklich sehen und erleben zu wollen.

Török schreibt so, dass man seinen Führer auch vor und nach einem Aufenthalt an der Donau mit Vergnügen lesen wird. Mit Humor und Ironie, gebildet ohne zu belehren, augenzwinkernd ohne aufdringlich zu sein.

Gerade österreichischen Lesern kann dieses Werk nicht genug empfohlen werden. In Budapest war, nach Budapest kommt so ziemlich jede/r ÖsterreicherIn durchschnittlich mehrmals in seinem Leben. Und dennoch oder deshalb kennen wahrscheinlich die meisten europareisenden Japaner die Schwesterstadt Wiens besser. Das Gefühl, sicher noch einmal zurück zu kommen, nimmt offenbar Energie. Wer nun endlich mehr als die Fischerbastei und den Heldenplatz mit offenen Augen sehen will, dem kann geholfen werden.

Umso bedauerlicher ist, dass „Budapest – ein kritischer Reiseführer“, im englischsprachigen Raum seit Jahren ein Standardwerk, in Ungarn ein Bestseller, auf Deutsch nicht mehr lieferbar ist. Es ist ein geheim gehaltenes Kunstwerk. Man muss es bei Anbietern z.B. auf www.amazon.de bestellen. Aber das ist es wert.

Alexander Kriegelstein

ISBN 963 13 5105 X, Budapest 2001, Corvina Verlag:
Budapest – ein kritischer Reiseführer; András Török

András Török war Staatssekretär für Kultur, später Vorsitzender der Stiftung für ungarische Kultur und Direktor des ungarischen Hauses der Fotografie

21 Jan 2011

Brief an eine Tochter

Liebe Nadine,

vor ein paar Wochen war ich in Luzern, und endlich hatte ich einmal Zeit, die Sammlung Rosengart zu besuchen, eines der bedeutendsten der kleineren Museen klassischer Moderne.

Noch dazu hatte ich das Glück, praktisch allein im Haus zu sein, und was für ein Haus ist das! Früher war es die Schweizer Nationalbank, und als Angela Rosengart ihre und ihres Vaters Sammlung der Öffentlichkeit überließ, kaufte sie das Gebäude für die Stiftung Rosengart. Es ist ein neo-klassizistischer Palast aus den Zwanzigern des Zwanzigsten, ein Prachtbau! Im ehemaligen Tresor-Keller hängt die größte Kollektion an Bildern Paul Klees, und u.a. gibt es das umfangreichste Spätwerk Picassos an einem Ort zu sehen, außerdem besteht die Sammlung aus weit über 300 Werken von 23 verschiedenen Künstlern. Es sind Werke einer subjektiven Auswahl, welche die Vorliebe der Sammler widerspiegeln und „mit dem Herzen erwählt“ wurden.

Nebst Pablo Picasso und Paul Klee ist die Klassische Moderne in der Sammlung Rosengart mit bedeutenden Künstlern und außergewöhnlichen Werken von hoher malerischer Qualität vertreten. Zu den 21 Wegbereitern, die der Kunst in Richtung Abstraktion entscheidende Impulse gaben, zählen Persönlichkeiten wie (in alphabetischer Reihenfolge) Bonnard, Braque, Cézanne, Chagall, Dufy, Kandinsky, Léger, Matisse, Miró, Modigliani, Monet, Pissarro, Renoir, Rouault, Seurat, Signac, Soutine, Utrillo und Vuillard. Vielen von denen sind wir bereits häufig auf unseren Spaziergängen durch die Museen dieser Welt begegnet.

Im Besprechungszimmer der Bankdirektoren, einem ehrfurchtgebietenden Raum, in dem ein prachtvoller runder Tisch aus Teakholz steht, mittig mit grünem Filz bespannt wie ein riesiger runder Billardtisch, gibt es außer diesem nur zwölf Stühle und leere Regale, bis auf eines, in dem ein Fernseher steht, in dem eine DVD ständig wiederholt wird.

Darin wird über die Rosengarts erzählt; wie der Vater eher zufällig zum Kunsthändler wurde, und dass seine Tochter Angela ebenso ungeplant zum Lehrling darin wurde. Noch von ihrem Lehrlingsgehalt hat sie ihren ersten Paul Klee gekauft (das „X-chen“, 1938), völlig unvorstellbar. Aber in der ersten Klee-Ausstellung, die Rosengart organisierte, wurden von 48 Bildern nur vier verkauft.

Der Vater wurde zu einem der wichtigsten Kunsthändler, und die Künstler liebten ihn, weil er einfach Qualität erkannte; er wurde ein Wegbereiter der Moderne. Von seinen liebsten Bildern trennte er sich ungern oder gar nicht. Nach einem langen Verhandlungsgespräch kam er einmal ins Büro zurück und sagte: „Puuh, ich hatte schon Angst, der kauft es wirklich!“

Ein anderes Mal wollte ein amerikanischer Sammler einen Picasso: „Der gehört mir nicht.“, sagte Rosengart. „??“ „Nun, ich habe ihn meiner Tochter zu ihrer Vermählung versprochen, aber da sie weder verlobt noch verheiratet ist, gehört das Bild nun weder ihr noch mir.“ Türenknallend stampfte der Amerikaner davon.

Angela Rosengart wurde in jeder Beziehung eine würdige Fortführerin dessen, was ihr Vater begonnen hatte. „Wir haben keine Sammlung, wir haben nur schöne Bilder.“ sagt sie einmal. Und an jedem einzelnen derer, die sie halten konnten, hing ihr Herz.

Als sie 17 war, nahm er sie mit nach Paris zu Picasso – „Sie haben eine wunderschöne Tochter, Herr Rosengart!“, sagte Picasso. Angela, die als nun alte, aber immer noch wirklich schöne Dame in der DVD davon erzählt, berichtet, dass das das erste Kompliment von einem Mann in ihrem Leben war – von Picasso. Der große Spanier hat sie dann mehrmals gemalt („So habe ich mich durch das Hintertürchen in die Unsterblichkeit geschlichen“ zwinkert sie darüber).

Angela Rosengart blieb unverheiratet, vielleicht kann man nach einem ersten Kompliment von Pablo Picasso nicht mehr weniger an sich heranlassen. Sie macht den Eindruck einer jungfräulich gebliebenen, zarten Schönheit, und sie wirkt völlig im Reinen mit sich, ja, glücklich. Ich wünsche ihrem Vater, dass er das auch so gesehen hat. Was muss das für ein Gefühl sein, zu wissen, die eigene Tochter in eine Welt geführt zu haben, die sie für die andere Welt dort draußen vielleicht weniger empfänglich gemacht hat. Und was muss es bedeutet haben, sich von einer solchen Sammlung zu trennen! Angela sagt in dem Video, dass sie nur die ganze Sammlung hergeben konnte, nicht stückweise. Und natürlich ist dort alles unverkäuflich.

Ich habe diese halbe Stunde mit dem Film im Sitzungssaal der Bankiers sehr genossen und war aufgewühlt und gerührt. Die Stunde mit den Bildern habe ich als einen Spaziergang durch das Paradies in Erinnerung. Auf ein paar hundert Metern (1450m², für die Statistik) begegnet man der Entwicklung, die uns gelehrt hat, die Welt anders zu sehen. Ich bin einmal gefragt worden, was ich von „moderner Kunst“ halte. Du weißt, ich bin auch da ein Laie und ein Amateur, aber Amateure sind Liebhaber, und eine wichtige Voraussetzung für Kunst bringe ich, glaube ich, mit: wenn man liebt, darf man nie fürchten sich zu blamieren.

Meine Antwort auf jene Frage war sehr einfach: ich denke, dass die „klassische Kunst“ Fragen beantwortet hat, während die Moderne uns Fragen stellt. Das ist vielleicht zu einfach, aber es kommt dem nahe, was ich zu fühlen vermeine, wenn ich solche Bilder sehe.

Jemand hat einmal etwas Großes über einen dort ja auch Zugegenen gesagt: „Einmal wird Kandinsky der meist geliebte Mensch des Universums sein.“. Mensch, nicht Künstler! Was für eine ungeheuerliche Anmaßung, aber inzwischen halte ich das für möglich – wenn die Welt Glück hat…
Eine Reproduktion von Miró musste ich Dir aus nahe liegenden Gründen kaufen, die „Tänzerin II“ von 1925. Miró hat da gerade begonnen, das Sichtbare zu übergehen. Und es geht natürlich um das Herz, um die Liebe.
Und das X-chen von Paul Klee, dem „Poeten unter den Malern“, habe ich dann auch noch genommen. Es ist entzückend, finde ich. Und zu wissen, dass eine Sechzehnjährige sich das von ihrem Taschengeld gekauft hat, ist einfach schön.

Kunst gibt nicht das Sichtbare wider, Kunst macht sichtbar.“ Paul Klee

Ich wünsche Dir ein frohes Weihnachtsfest, das ja ein Fest der Liebe ist.

Dein Dad

Weihnacht MMX

Die Bilder hier zu veröffentlichen ist mir großzügigerweise von der Stiftung

Rosengart gestattet worden; http://www.rosengart.ch/

Das Buch zur Sammlung ist von Angela Rosengart: „Sammlung Rosengart“, Prestel,

  • ISBN-10: 3791326406
  • ISBN-13: 978-3791326405

 

17 Dez 2010