Schlagwort Archiv: Italien

Ein Papst tritt ab

 

You raise up your head
And you ask, „Is this where it is?“
And somebody points to you and says
„It’s his“
And you say, „What’s mine?“
And somebody else says, „Where what is?“
And you say, „Oh my God
Am I here all alone?“

Bob Dylan, Ballad of a Thin Man

Es gibt in Italien diesen Witz, in dem ein Carabiniere, Angehöriger eines Berufsstandes, dem in Italien enzyklopädisches Wissen selten unterstellt wird, in einem Laden Poster für die Kaserne erfragt. Auf die Frage des Verkäufers: „Di Giotto?“, was im Italienischen auch wie „Diciotto (18)?“ klingt, erwidert er, es könnten auch neunzehn oder zwanzig sein. So weit muss man kommen, nach siebenhundert Jahren noch für solche Scherze herhalten zu können. Er ist auch in einer Redewendung präsent, „rund wie das O von Giotto“, weil er, wie das unersetzliche Klatschmaul Vasari berichtet, dem Papst aufgeforderter weise kein Bild als Zeichen seiner Kunstfertigkeit übersendet, sondern einen freihändig gezeichneten Kreis. (mehr …)

08 Dez 2012

Venice for Pleasure

[nggallery id=4]Venice for Pleasure

ist gleich der Titel nicht nur des besten Führers für Venedig, sondern des besten je geschriebenen irgendeiner Stadt. Aber der Reihe nach:

Bestes Hinkommen:

Per Zug – entspannt in der Früh aufwachen mitten in der Stadt. Fliegen kostet viel Zeit vom An- bzw. Abreisetag. Und eine halbe Tonne CO2 pro Person fällt bei diesem Flug auch an… – muss ja nicht sein.

Per Auto ist sowas wie ein nicht bestandener Intelligenztest. Man kann in Punta Sabbioni oder am Piazzale Roma parken (zum Preis eines Hotelbetts pro Nacht). Aber eigentlich kommen wir nach Venedig auch wegen der Autos. Um keine mehr zu sehen, zu hören, zu riechen. (mehr …)

04 Dez 2012

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blüh’n?

 

Neue Bilder aus dem Golf von Neapel: Picasa-Web-Album – auf klick geht’s los! :)

18 Apr 2011

Addio, Italia!

 

Tobias Jones hat in einem überaus lesenswerten Buch „Das dunkle Herz Italiens“ beschrieben, aber immer noch als eine, wie untertitelt, „kritische Liebeserklärung“.

Das kann ich nun nicht mehr. Wir sind, mein einstmals geliebtes Italien, fertig. Ich mache Schluss mit uns.

Du wirst es überleben (das schon), und ich auch. Ich werde wiederkommen, aber nur, weil ich dafür bezahlt werde.

Enttäuschte Liebende sind die Schlimmsten, und vielleicht bin ich deswegen auch nicht fair; vielleicht war ich es schon nicht, als ich vom „Beginn einer lebenslangen Suche“ (hier im Blog und unter www.einestages.spiegel.de) schrieb.

Ich will auch nicht mehr von diesen Politikern schreiben, die einfach nur verkommen sind; nicht von den Medien, die einer zivilisierten Nation unwürdig sind, und nicht von den Auswirkungen der Gehirnwäsche durch das Fernsehen, das einen einsamen Tiefpunkt darstellt in Europa. Das gibt einem Volk den Rest, das noch nie allzu großer Bildungsnähe verdächtig war, und dessen intellektuelle Brillanz sich zunehmend in diesen stereotypen Gesten niederschlägt, die ähnlich von Individualität zeugen wie das „you know“ oder das sekündlich einzusetzende „like“ der US-Amerikaner. Dafür kann kein Korrespondent oder sonstiger Journalist Italiens, kein Manager und selbstverständlich kein Politiker, geschweige denn irgendein frei laufender Staatsbürger irgend einen fremdländischen Namen korrekt aussprechen und die große Mehrzahl nicht einmal ein rudimentäres Englisch.

Dass die Kinder nun auf der Überholspur verfetten, beraubt Dich, Italien, eines Deiner letzten Vorteile: Ihr seid nicht mehr schöner als die meisten, auch das ist vorbei. Nur besser gekleidet, und das geht gerade vorbei.

Italiens Wirtschaft ist erledigt. Jahrzehntelang wurde der Rest der Welt verhöhnt: zwölf Artikel im Warenkorb zur Inflationsmessung, wurde einer zu teuer, wurde er ausgetauscht. Ein Drittel lebt inzwischen an oder unter der Armutsgrenze. Man kann alle eine Zeitlang und viele für immer, aber man kann nicht die ganze Welt ewig verarschen.

Man könnte nun meinen, das wären die Angelegenheiten und Probleme Italiens – das stimmt leider schon bei der Wirtschaft nicht.

Doch eines ist ganz sicher nicht mehr hinnehmbar: Du, Italien, hast mehr als die Hälfte des UNESCO-Kultur- und Naturerbes Europas.

Die vergifteten Landstriche, in denen die Kindersterblichkeit und die Krebsrate höher sind als in der Dritten Welt, sind nicht nur ein Problem der direkt Betroffenen. Die Verschmutzung und Vernachlässigung der Umwelt, ökologisch, ästhetisch und akustisch, hat aus einem der schönsten Länder der Erde streckenweise eine Kloake gemacht. Es geht dabei nicht nur um Wirtschaftskriminalität und Giftmüll: es geht auch um die Verdreckung des Landes, die allerorten sichtbar ist, es geht auch um mangelnde Erziehung und mangelnden Respekt. Und es geht, jawohl, auch um den Zustand der öffentlichen Bedürfnisanstalten. Ihr wollt so gesehen werden? Bitte sehr.

Doch das Erbe der Menschheit gehört nicht Italien; und der Zustand der Museen, der Kirchen und archäologischen Stätten, der Städte und Küsten geht auf keine Kuhhaut mehr. Hier zeigt sich ein schockierender Mangel an Obsorge, an Verantwortungsbewusstsein und an – Geld, ich weiß. Doch umgekehrt funktioniert es ja: das Verramschen floriert, solange der Rubel rollt. Tausende und Abertausende werden täglich von jenen unsäglichen Seelenverkäufern, euphemistisch Kreuzfahrtschiffe genannt, in die Städte und Museen und auf die Inseln des Landes geflutet, ohne jede Rücksichtnahme auf das Besuchte oder die Besucher. Dass Letztere dann enttäuscht und traurig in ihre schwimmenden Werbefahrten-Bettenburgen zurückkommen, nachdem sie in Horden gepackt an vernachlässigten Sehenswürdigkeiten, geschlossenen Kirchen und Museen sowie in menschenunwürdige Restaurants geschleust wurden, ist offensichtlich allen Verantwortlichen völlig gleichgültig. Und die anderen, die absurde Preise für miserable Hotels zahlen, die in allen Nachbarländern jeweils eine Kategorie besser sind und um eine weitere Kategorie günstiger, stellen fest, dass es endlich (natürlich nur italienisches!) Fernsehen gibt in Italiens Alberghi, wenn auch immer noch keine Eiskästen, und WLAN nicht einmal in der Luxuskategorie voraussetzbar ist. Doch das ist Tourismus, darum geht es nicht. Es geht um das unerträgliche Zerstören der Natur und Kultur Italiens.

Die Missachtung der Verantwortung für diese Kernpunkte unseres gemeinsamen Erbes kann nur eine Konsequenz haben: Enteignung, UNO-Truppen nach Pompeji und in die Innenstädte Roms und San Gimignanos, die Fremdenlegion nach Venedig, Sperrung der Häfen und der Vatikanischen Museen, Mülltrennung als Pflichtfach ab der Volksschule, die Bastonade für Betreiber von Autobahntoiletten.

Bis dahin jedoch, Italien, sind wir geschiedene Leute. Vielleicht komme ich ja doch auch alleine mal wieder. Aber dann nach Venedig, im Winter. Und dort warst noch nie Du, Italien.

Addio!

(Das folgende Lied von Lucio Dalla stand am Anfang meines Erlernens des Italienischen; es passt auch als Abgesang):

L’anno che verrà

Lucio Dalla

Caro amico ti scrivo così mi distraggo un po‘
e siccome sei molto lontano più forte ti scriverò.
Da quando sei partito c’è una grossa novità,
l’anno vecchio è finito ormai ma qualcosa
ancora qui non va.

Si esce poco la sera compreso quando è
festa e c’è chi ha messo dei sacchi di sabbia vicino alla
finestra, e si sta senza parlare per intere settimane,
e a quelli che hanno niente da dire
del tempo ne rimane.

Ma la televisione ha detto che il nuovo anno
porterà una trasformazione
e tutti quanti stiamo già aspettando
sarà tre volte Natale e festa tutto il giorno,
ogni Cristo scenderà dalla
croce anche gli uccelli faranno ritorno.

Ci sarà da mangiare e luce tutto l’anno,
anche i muti potranno parlare
mentrei sordi già lo fanno.

E si farà l’amore ognuno come gli va,
anche i preti potranno sposarsi
ma soltanto a una certa età,
e senza grandi disturbi qualcuno sparirà,
saranno forse i troppo furbi
e i cretini di ogni età.

Vedi caro amico
cosa ti scrivo e ti dico
e come sono contento
di essere qui in
questo momento,
vedi, vedi, vedi, vedi,
vedi caro amico cosa si
deve inventare
per poterci ridere sopra,
per continuare a
sperare.

E se quest’anno poi passasse in un istante,
vedi amico mio
come diventa importante
che in questo istante ci sia anch’io.

L’anno che sta arrivando tra un anno passer�
io mi sto preparando è questa la novità…

08 Feb 2011

Beginn einer lebenslangen Suche

 

Wir waren sechzehn und wir waren zu fünft. Wir hatten zwei Wochen in Pescara bei Freunden am Meer verbracht. Es war stets klar, wann wir zurück nach Wien reisen würden: am 2. August 1980. Warum wir 24 Stunden früher heimfuhren, weiß keiner von uns. Es hatte keinen Streit gegeben, eher das Gegenteil – es war schön gewesen.

Um den Zug nach Wien zu nehmen, mussten wir vormittags in Bologna umsteigen. Die Wartezeit vertrieben wir uns im Bahnhofscafé und im Wartesaal zweiter Klasse. Im Café ärgerten wir uns über einen ungewohnt unfreundlichen Kellner. Wir waren sehr in Italien verliebt, in alle Italiener und Italienerinnen, das Leben war schön. Ein mürrischer Kellner passte nicht ins Bild.

Falls er am nächsten Tag zur selben Zeit Dienst gehabt hatte, ist er wohl an jenem Tag gestorben. Im Wartesaal und im Café überlebte niemand. 85 Menschen wurden von einer Bombe, die in einem Koffer in der sala di attesa deponiert war, zerrissen, 200 weitere großteils schwer verletzt.

Wir selbst waren anfangs nur unendlich schockiert und teilten das Staunen über ein Wunder. Erst später begann ich, mich dafür zu interessieren, wer so viele – und auch mich – umzubringen geplant hatte. Seit einem Vierteljahrhundert habe ich fast alles gelesen, was auf Deutsch und Englisch über den Anschlag veröffentlicht wurde, auch vieles auf Italienisch.

Unglaubliche Wahrheit

Medien und die tonangebende Politik hatten anfangs die Roten Brigaden, eine linksextremistische Terrorgruppe, verantwortlich gemacht. Es dauerte lange, bis klar wurde, wer hinter „La Strage di Bologna“ steckte. Es gibt zwei Verurteilte (die mittlerweile wieder in Freiheit sind), aber die Hintermänner wurden nie schuldig gesprochen. Jeder weiß, um wen es sich handelt, und man kann nur verstehen, dass dieser Anschlag ungesühnt bleibt, wenn man Italien sehr nahe gekommen ist. Wenn man die Geschichte des Anarchismus und des Terrorismus kennt. Wenn man das abgrundtiefe Prinzip der Lüge und des Zynismus, die die italienische Innenpolitik mehr geprägt haben, als die jedes anderen demokratischen Landes, zur Kenntnis genommen hat. Wenn man eingesehen hat, dass das Unglaubliche wahr ist, und umso wahrer, je unglaublicher es scheint.

Der damals ermittelnde Staatsanwalt Libero Mancuso schreibt verbittert:

„Vielleicht ist Italien deshalb nicht mehr in Gefahr, weil bereits alles so gekommen ist, wie bestimmte Kreise es gewollt haben. Wir leben etwa nach Gesetzen, die für ein zivilisiertes Land entwürdigend sind. Mit Reformen, die uns weit zurückwerfen. Wir erleben eine Schwächung all jener Institutionen, die über die Verfassung wachen müssen. Das ist gefährlich für das demokratische Gleichgewicht. Überflüssig zu fragen, ob heute noch Terrorgefahr besteht. Die Dinge haben sich vollzogen, das Desaster ist bereits geschehen. Das Problem ist, wie man da wieder herauskommt.“

„Man muss alles verändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“ Das berühmte Zitat aus Lampedusas „Der Leopard“ ist ein schrecklicher Satz. Die höchsten Repräsentanten zahlreicher Regierungen (nicht nur) des italienischen Staates haben ihm eine grausame Bedeutung verliehen.

Ich habe Italien zu verstehen gelernt – auch aufgrund des unglaublichen Zufalls, damals davongekommen zu sein. Mein heutiges Italien hat nicht mehr viel zu tun mit dem von 1980. Nicht, weil Italien sich so verändert hätte, sondern weil ich es nun besser kenne. Es ist noch immer das Land meiner Träume und meiner Sehnsucht. Vielleicht war ich in keinem anderen Land so oft glücklich, und vielleicht lebt man nirgends näher am Schönen als dort. Aber es ist auch ein Land, in dem die Schlächter ungestraft bleiben.

Auch zu finden im SPIEGEL:
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/1089/beginn_einer_lebenslangen_suche.html

08 Feb 2011

Der Alte von Cosenza

Es zählt doch eher zu den Errungenschaften des modernen Schulwesens, dass das stupide Auswendiglernen von Balladen zumindest nicht mehr als die einzig wahre Grundlage von Bildung angesehen wird. Den Eingangsmonolog im Faust nicht auswendig zu können galt vor hundert Jahren noch als unzivilisiert, Schillers endlose „Glocke“ `runterratschen zu können als geistig-olympische Disziplin. Aber bitte anschnallen: nach heutigen Maßstäben hatten Menschen um 1900 einen durchschnittlichen IQ zwischen 50 und 70. Sie waren also hochgradig geistig behindert. Nein, waren sie natürlich nicht. Sie dachten nur viel konkreter als wir. Und anders. (brand eins Magazin, „Ach ja, die Jugend“, 11/2008, www.brandeins.de)

Lyrik aber, und das ist ein Verlust, ist in ihrer herkömmlichen Form verlorengegangen. Texte von Songs, vor allem Rap-Gedichte, haben ihren Platz eingenommen. Sie sind, wie die Gereimtheiten und Ungereimtheiten der Vergangenheit, manchmal gut und oft schlecht. Moderne unvertonte Lyrik wird kaum noch gelesen. Daher werden Gedichte auch kaum noch geschrieben, außer von Pubertierenden und jenen Ärmsten des Literaturbetriebes, die oft viel aber meist nicht anders können.

Ein Klassiker, der noch auswendig gelernt werden musste, als eh schon niemand mehr wusste, wer Alarich war, ist „Das Grab im Busento“ von Platen. Ich habe solche Sachen immer in der Badewanne gelernt, aber wer heute anderes in der Badewanne zu tun weiß, hat Besseres zu tun. Die Ballade ist unsäglich, schon die ersten zwei Zeilen sollten jeden sprachlich Sensiblen aufheulen lassen, zur Sicherheit sei das Ganze aber weiter unten angeführt.

Den Busento gibt es jedoch noch, die Stadt Cosenza auch. Als der Gotenhäuptling Alarich im Jahre 410 dort hinschied und mit seinen gerade in Rom günstig geraubten Schätzen vergraben wurde, ist mit ihm vielleicht die Bundeslade aus Jerusalem verschwunden. Vor den Goten war sie jedenfalls noch da. Alarichs Grab und die Beute wurden nie gefunden (http://geschichte-westeuropa.suite101.de/article.cfm/auf_der_suche_nach_alarichs_grab).

Sicher ist, dass im normannischen Dom königlich bestattet wurde, Heinrich von Hohenstaufen und Isabella von Aragon (letztere, wie Wikipedia weiß, „teilbestattet“) lagen oder liegen dort zur Ruh’. Sicher ist auch, dass Cosenza heute eines der vielen Enden der Welt ist: tiefstes Kalabrien, turmhohe Häuser aus dem Mittelalter, in denen niemand mehr wohnt und ebenso hohe Müllberge, kaum Tourismus, keine Jugend, keine Zukunft.

Aber dort werden noch Gedichte geschrieben: in einer winzigen Buchhandlung auf der Piazza vor dem Dom, nicht größer als zwei Telefonzellen, lebt Antonio Rizzuti. Er ist etwa 80, eher älter, es fällt ihm schwer noch beweglich zu sein, aber er hütet das zu Bewahrende. Man kann bei ihm kleine Domführer kaufen, und dazu kriegt man von ihm kopierte Blätter über die Zahlensymbolik der Staufer. Er hat eigentlich keine Buchhandlung, sondern nur zwei kleine Stapel mit acht oder neun Titeln: Lokalhistorisches, uralte Schmöker über die Stadt und die Region, einen Museumsführer. Und spricht man seine Sprache, gibt er noch kleine, sauber in Streifen gerissene Teile von Seiten dazu, auf denen sich Gedichte von ihm finden wie dieses:

La Voce del Passato

Ritorna il passato
ritorna
in morbide luci di sogno
a volte inatteso,
impetuoso
come un torrente in piena,
al magico richiamo
d’un profumo,
d’un suono,
d’un fiore disseccato,
di un amico ritrovato.

Die Stimme des Gestern

Das Gestern kehrt wieder
es kommt zurück
in sanften Lichtern eines Traumes
unerwartet manchmal,
ungestüm
wie ein reißender Fluss,
als verklärter Hinweis
auf einen Geruch,
einen Klang,
eine vertrocknete Blume,
einen wiedergefundenen Freund.

(Alle Übersetzungsfehler sind Alexander Kriegelstein anzulasten)

Es wird diese Gedichte auf kleinen an Falten gerissenen Zettelchen bald nicht mehr geben, und keine Kopien über Zahlenmystik und keine verstaubte Buchhandlung mit kleinen Stapeln von acht oder neun Titeln an der Piazza von Cosenza. Aber ohne diese Träumer, die anschreiben gegen die Stürme und Zeiten der Welt, die sich schwer tun noch beweglich zu sein und hüten, was noch unentdeckt ist, gäbe es vieles nicht, was uns reich macht. Sie sind unser Erbe. Sie sind das wahre Grab im Busento.

Das Grab im Busento

Nächtlich am Busento lispeln
bei Cosenza dumpfe Lieder;
Aus den Wassern schallt es Antwort,
und in Wirbeln klingt es wider.

Und den Fluß hinauf, hinunter
zieh’n die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen,
ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat
mußten hier sie ihn begraben,
Während noch die Jugendlocken
seine Schulter blond umgaben.

Und am Ufer des Busento
reihten sie sich um die Wette,
Um die Strömung abzuleiten,
gruben sie ein frisches Bette.
In der wogenleeren Höhlung
wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam,
mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder
ihn und seine stolze Habe,
Daß die hohen Stromgewächse
wüchsen aus dem Heldengrabe.

Abgelenkt zum zweiten Male,
ward der Fluß herbeigezogen:
Mächtig in ihr altes Bette
schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern:
„Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht
soll dir je dein Grab versehren!“

Sangen’s und die Lobgesänge
tönten fort im Gotenheere;
Wälze sie, Busentowelle,
wälze sie von Meer zu Meere!

August Graf von Platen 1796-1835

02 Feb 2011

Hier blühen keine Zitronen

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„Wir sehen einen Baum und sagen: das ist ein Baum. Aber eines Tages werden wir uns alle geirrt haben.“ Alexis Sorbas, Nikos Katzanzakis …

In einer idealen Welt wäre die Toskana überall. Es ist schon wahr: von ihr aus wurde auch die praktische moderne Welt geschaffen, von der Notenschrift bis zum Finanzwesen, von Pachtsystemen bis zur hohen Politik. Aber vor allem entstand hier der Inbegriff dafür, was wir noch heute unter Schönheit verstehen. Die Kunst einiger Jahrzehnte, die Malerei, Architektur und Bildhauerkunst der Renaissance, haben bis heute geprägt, was wir als „guten Geschmack“ empfinden. Ausgewogenheit, maßvolle Zurückgenommenheit und edle Anmut wurden nirgendwo sonst zu alles bestimmenden Maximen.

Wer die Hohe Schule des Sehenlernens in Florenz erleben durfte, wer Halbkreis und Quadrat bei Brunelleschi und Donatello als Ikonen der Harmonie verinnerlicht und die Perspektive bei Paolo Uccello und Masaccio als Lebensinhalt erkannt hat, wer vor Santa Maria Novella oder im Bargello ruhig geworden ist, der ist bereit, das größere Kunstwerk anzunehmen: die Toskana als Landschaft.

Im – wirklich – lieblichen Arnotal bei Vinci, gesäumt von sanften Hügeln und Olivenhainen, oder im schroffen Bergland von Caprese Michelangelo, im Mugello nördlich Florenz, Sommerfrische der Medici, oder von den abstrakt-surrealen Crete bei Siena bis in die Weinlagen des Chianti: kaum eine Landschaft scheint so für den Menschen geschaffen – und oft von Menschen gestaltet zu sein. Die einzelne Zypresse auf einem Hügelrücken ist nicht nur so schon bei Piero della Francesca vorzufinden, sondern sie steht da, prägend, einsam und stolz. Nichts ist hier Zufall. Beim Blick auf Giottos Campanile neben der Domkuppel von Florenz weiß man es später wieder.

Der Schiefe Turm auf dem Platz der Wunder zu Pisa ist eine Allegorie der Diagonale, die die kubischen Bauernhäuser ebenso bestimmt wie die fast schlichten Villen und Herrenhäuser und Landkirchen. Die Vertikale des Campanile oder der Geschlechtertürme von San Gimignano ritzt den Himmel auf.

Geometrische Strenge und Klarheit – es ist ganz einfach, einfach und menschlich, und der Mensch ist das Maß aller Dinge. Hier wurde der Humanismus geboren.

In dieser elysischen Landschaft braucht es keine starken Farben. Es braucht oft gar keine: das unergründliche, so vielen großen Bildhintergründen eigene dunstige sfumato, das allen Blick entschärft, genügt. Die bräunlich-gelblichen Erdtöne, das zitternde Silber der tausend Jahre alten Olivenbäume, das schwarze Grün der Zypressen (alles Farben des toskanischen Marmors aus dem Kirchen wie die von Lucca oder Siena wurden) und hie und da die Farbe des blutigen Weins: mehr geht nicht. Mehr sollte der Mensch nicht ertragen.

Reich ist nicht, wer viel hat. Und viel sieht nicht, wer geblendet ist. Doch wie reich ist, wer hier sehen darf.

02 Feb 2011

Rom mit Kindern (oder ohne)

Die belohnendste aller Städte, aber auch die komplizierteste – hier erstmal eine „kinderleichte“ Anleitung für zwei, drei Tage in der Ewigkeit:

Auf dem Gianicolo, der keiner der klassischen sieben Hügel ist, aber einen der besten Ausblicke auf die Ewige Stadt bietet, gibt es ein berühmtes Puppentheater – Teatro dei Burattini al Gianicolo, 16.00, tägl. außer MO. Gratis, Spende.

Es wird auch erwähnt in: http://files.hanser.de/hanser/docs/20070220_2722125611-59_20060304_3-446-20742-2_613.pdf (am Schluss der Leseprobe), ein gutes Buch, btw.

Neu ist ein besonders toller Blick auf Rom von oben: Monumento a Vittorio Emmanuele, Piazza Venezia, durch das Museo del Risogimento gehen und dann mit dem Aufzug ganz rauf: Blick über Forum Romanum und zum Palatin und Kapitol, und über die ganze Stadt. Dort um die Ecke, auf dem Kapitol, kann man Santa Maria Ara Coeli besuchen, wo hinter dem Altar links in einer Seitenkapelle das Christkind wohnt: eine wundertätige Christkind-Figur, die alljährlich alle Post der Welt kriegt, die ans Christkind (Santo Bambino) adressiert ist. Das Original wurde, aber psssst!, vor ein paar Jahren gestohlen und durch eine Kopie ersetzt :(

Um ins Kolosseum zu kommen, muss man sich normalerweise lange anstellen. Ein Roma Pass http://www.roma-antiqua.de/rom-reise-informationen/roma_pass#pass erleichtert vieles. Rundherum lassen sich „Legionäre“ in Uniform gerne fotografieren, wenn sie was dafür kriegen. Das Innere (des Kolosseums, nicht der Legionäre) ist oft enttäuschend, weil an sich leer. Man braucht dort viel Fantasie oder gute Erzähler. Angeboten werden außen Kutschenfahrten zu Nepp-Preisen. Besser ist der Circus Maximus, s.u.

Die berühmten Museen würde ich alle meiden. Ich glaube, dass man mit Kindern in Museen viel Freude haben kann, aber nicht, wenn sie voll sind, und das sind die berühmteren immer. (Nur) am Samstag Vormittag könntet Ihr den Palazzo Colonna besuchen, den prunkvollsten Roms der größten aller dortigen Familien. Die Deckengemälde und der ganze Prunk und Zinnober beeindrucken sicher auch die Kinder.

Das Museo Explora kenne ich nicht, klingt jedoch ziemlich gut: http://www.lifeinitaly.com/tourism/lazio/rome-children.asp – gute Ideen zum Thema, Bomarzo ist aber zu weit.

Links hinter dem Pantheon ist der kleine Elefant von Bernini für alle Kinder eine große Freude. Ihr solltet zwei Minuten davon entfernt auf der Piazza Sant’Eustacchio in der gleichnamigen Bar den besten Caffè der Erde trinken/mitnehmen und um die Ecke auf der Piazza Navona Eis essen, am besten bei Tre Scalini, obwohl ich Giolitti bevorzuge http://www.giolitti.it/english/home.html . Ein Blick ins Pantheon, den perfektesten aller Räume der Welt, kann auch nicht schaden. Piazza Navona ist ohnedies toll, der Vierströme-Brunnen und die Maler und Karikaturisten rundherum machen Kindern noch Spaß.

Ein herrlicher Platz morgens/vormittags ist Campo de Fiori, ein echter Markt, viel Leben und Rummel.

Auf dem Largo Argentina gibt es in den Ausgrabungen der ältesten Tempel aus republikanischer (i.e. vor-kaiserlicher) Zeit, dort, wo Cäsar ermordet wurde, ein Katzenasyl: Freiwillige pflegen arme, verwilderte und meist kranke Katzen http://en.wikipedia.org/wiki/Largo_di_Torre_Argentina (Kapitel „cat shelter“). Sehr sympathisch!

Der Rummel am Trevi-Brunnen, wo ab dem späteren Nachmittag immer was los ist, macht sicher Spaß. Falls Ihr auswärts zu Abend essen wollt: Trastevere ist dann immer schön, Fußgängerzone, viele Menschen, nette Lokale (zB anschließend an den Gianicolo).

Am Aventin gibt es den Parco degli Aranci, dort spielen immer Kinder und man hat einen netten Blick auf den Tiber, selten Touristen:

http://www.panorama-welt.de/italien/rom/aventin/aventin.htm . Ein paar Schritte weiter ist der „Schlüsselloch-Blick“, wenn man durch das Schlüsselloch des Malteserorden-Gartentors blickt, sieht man genau die Kuppel von St. Peter, spektakulär. Dort sind zwei schöne frühchristliche Kirchen. Und daneben natürlich der riesige Circus Maximus, wo die Wagenrennen stattfanden. Bringt mehr als das Kolosseum von innen, man kann einfach herumspazieren, kein Eintritt.

Den Luna Park würde ich auslassen. Einen solchen kann man überall besuchen.

http://www.forbeginners.info/rome/visiting-with-kids/ – die Kapuziner-Mumien sind eine Idee, aber morbide! (Eine andere Quelle sagt zurecht: „Santa Maria Concezione, Via Veneto 27: The crypt underneath this church just up from Piazza Barberini contains the skeletons of over 4000 capuchin monks. Some of the bones have been „artfully“ arranged into designs. Can be very frightening to young children.“)

http://www.romewithkids.com/ – ein Buch mit Tipps.

http://www.stuardtclarkesrome.com/children.htm – sehr nett geschrieben, ein paar gute Vorschläge (auf die Kuppel von St. Peter zu klettern ist sicher auch mit Kids nett bei schönem Wetter).

Und: „Another fun sight to take children is Castel Sant’Angelo. Kids enjoy the wide circular ramp leading up to the different levels of the castle, looking at the nice views of the district from the different terraces, and visiting the museum inside which has a lot of armor and weaponry of ancient times (not to mention the courtyard with several cannon and piles of cannonballs scattered all around.” stimmt auch.

http://www.amazon.de/Reiseführer-Kinder-Pollino-Pollina-entdecken/dp/3932000587 – ein nettes Buch, da finden sich auch Ideen.

„Asterix als Legionär“ zum Vorlesen versteht sich wohl von selbst!

01 Feb 2011

Zugänge „Drei“

Für viele war die Ankunft in der Stadt die Erfüllung eines Traumes: für manche endete dort mit dem Traum auch das Leben. Das Grab eines deutschen Dichterfürsten Sohn trägt die eine Tragödie verbergende Inschrift ”Der Sohn dem Vater vorausgehend”, während Keats und Shelley in seiner Nachbarschaft ruhen.
Es hat sie alle hingezogen in die Stadt, die für sich ein Weltkreis ist, Fürsten, Kaiser, Dichter und Pilger. Nur die Päpste reisten nie dorthin.

Ihre Ursprünge verlieren sich im Dämmer. Der Ort musste günstig erscheinen: ein Hügelgelände mit Steilhängen und Schluchten, von sumpfigen, bachreichen Niederungen umzogen, verhieß Sicherheit und leichte Verteidigung. Der Fluss, der die Grenze zu einem Nachbarreich bildete, war nahe, so ließ der Übergang sich beherrschen, und die nahegelegene Insel erleichterte den Brückenbau.

Am Anfang der Überlieferung steht ein Brudermord, und gemordet wurde viel und mit Begeisterung in dieser Stadt. In einem halben Jahrhundert starb von sechsundzwanzig ihrer Herrscher nur einer eines natürlichen Todes.
Zur selben Zeit aber wurde in bloß fünf Jahren eine Mauer um sie gebaut, die nur mit der chinesischen verglichen werden kann. Sie steht noch, wenn sie auch ein Schattendasein fristet im Umfeld so vieler Wunder.

Im Schatten liegt hier vieles, in dem der Geschichte, in jenem altehrwürdiger Bauten, und eine ehemals große Partei hat ihren Sitz in der Straße der dunklen Geschäfte. Nur im Sommer, wenn die Nähe Afrikas bewusst wird, sucht der Besucher die Einwohner vergebens und den Schatten der Erholung in den kühlen Tempeln. Kühle spenden auch die Brunnen, deren mancher berühmt ist in allen Teilen des Erdkreises. Einer der Brunnen weist im verhüllten Haupt einer seiner Gestalten auf die unerforschlichen Quellen des Nils hin. Von dort, vom Reich am Nil, stammt das Erz für die Tore eines der Haupttempel, einst Schiffsschnäbel der stolzen Flotte Cleopatras. Die Sehnsucht nach jenem Land war groß, zu groß für den begnadetsten Herrscher der Stadt und zu groß für seinen Rivalen und angemaßten Erben.
Das Erbe blieb, und es ist unermesslich. So mancher gelahrte Besucher verzweifelte an seinem schieren Umfang.

Wer will auch von sich behaupten, ein Kenner jener Stadt zu sein? Liebhaber, das ja, Liebhaber hatte und hat die Stadt viele. Ihr Name, verkehrt gelesen, ist schließlich der Gott der Liebe selbst.

Nicht die wenigsten ihrer Verehrer sprachen deutsch, wenn sie von ihr schwärmten. Karl der Große errichtete für seine Landsleute einen Friedhof, der heute im Ausland liegt und von drolligen Älplern bewacht wird. Nur Besucher vertrauten Idioms dürfen ohne Sondererlaubnis in das Nachbarland, und nur auf diesen Friedhof.

Österreich hatte lange Zeit seine Botschaft in einem herrlichen Palast, der vorher Venedigs Vertretung beherbergt hatte – daher sein Name – und später einen Diktator.
Heute hat Österreich, wie die meisten anderen Staaten auch, zwei Botschaften dort, wenn auch in bescheideneren Quartieren.

Der Prunk bröckelt; der vorletzte Herrscher über die Stadt und das Land befand, dass sein Amtssitz ärmlich sei im Vergleich zu seiner privaten Residenz, ein nouveau riche, wie man sah. Nur die Franzosen habe noch eine Botschaft, die nichts zu erträumen übrig lässt, ist ihr Palast doch von Michelangelo entworfen. Ganz in der Nähe, und fern von seinen Kollegen, liegt der große Borgia, den die Stadt nur mit Mühe ertrug.

Viele Fremde kamen hierher, um ihr Gewicht an der Geschichte zu messen, und manchmal wurden sie zu leicht befunden.
Das Geschlecht der Stuarts erlosch in jener Stadt, ihre Familiengruft liegt dort, fern der schottischen Heimat, gleich neben dem Grab einer skandinavischen Königin, eine von zwei Frauen in einer Männerwelt ohnegleichen. Der große Mazarin liegt in einem Tempel gegenüber dem berühmtesten Brunnen, der eine nette Einnahmequelle für die Kinder des Viertels darstellt. Nicht weit davon steht ein Palast, der nach der Tochter Karls des Fünften genannt wird, die in zwei der größten Familien des Landes eingeheiratet wurde. Sein Architekt war der Gegenspieler des bedeutendsten Barockbaumeisters, der dieses erkennend daran zugrunde ging und seinem Leben ein Ende bereitete. Sein erfolgreicherer Kollege, ein Liebling der Götter fürwahr, verunstaltete den allen Göttern geweihten Tempel, dem wir das Fest Allerheiligen verdanken: sind dort doch die Gebeine unzähliger Märtyrer ungeordnet bestattet. Und doch wäre dieser Tempel allein es wert, alle Wege zu gehen. Sie führen ohnedies dorthin.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie hieß der Sohn?
• Wie hießen die verfeindeten Brüder?
• Wie heißt die Mauer?
• Wie heißt (eigentlich: hieß) die Partei?
• Wie heißt der Brunnen?
• Welchen Tempels Türen kommen von Cleopatra?
• Wie heißt das „Nachbarland“?
• Wie heißt der Palast, in dem Österreichs Botschaft sich befand?
• Wie heißt der Amtssitz des Ministerpräsidenten?
• Wie heißt die skandinavische Königin?
• Wie heißt der Palast der Österreicherin?
• Wie heißen die beiden Architekten?
• Wie heißt der Tempel aller Götter?

21 Jan 2011