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A Last Night

Wenn man einen bestimmten Stein im Boden vor dem Altar in der Kathedrale von Salisbury anhebt, wofür es einen gefinkelten Hebemechanismus gibt, kann man einen dafür bereitgestellten Stab in das entstandene Loch senken und stellt fest, dass das Grundwasser gerade einmal etwas mehr als einen Meter tief liegt.
Darüber steht ein Gebäude, das mehr als 79.500 Tonnen wiegt, eines der Wunder der Welt. Wussten die Erbauer das? Ja, natürlich. War es ratsam, dort eine Kirche dieser Größenordnung zu errichten? Nein, es war Wahnsinn.

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Einer der absoluten Höhepunkte jeder „Last Night of the Proms“ in der Royal Albert Hall ist das kollektiv gesungene „Jerusalem“, Text von William Blake, komponiert von Hubert Parry. „Es wird als Englands populärstes patriotisches Lied angesehen und unterschiedslos verbunden mit dem englischen und britischen Nationalismus, Antimodernismus, Postmodernismus, sozialistischen Ideen und dem Christentum – und hat somit eine wohl einzigartige Stellung in der Welt.“ (Wikipedia). Jerusalem war auch die Hymne der Suffragetten und ist die der wenigen englischen Grünen.
Sollte Britannien sich einmal den Luxus leisten auf die Dienste jener Familien zu verzichten, die es seit Jahrhunderten und in einem Fall seit einem Jahrtausend ausbeuten, hat „Jerusalem“ gute Chancen, die neue Nationalhymne zu werden, vor Cricket-Nationalspielen ist es das schon. Vermutlich trägt die Tatsache, vor einem Sport, dem beizuwohnen an Spannung nur mit dem Beobachten des Trocknens von Wandfarbe verglichen werden kann, dazu bei, dass beides außerhalb der komischen kleinen Insel nicht weltberühmt ist.
Der Text bezieht sich auf einen legendären Aufenthalt des Gottessohns in Begleitung von Joseph von Arimathäa in Glastonbury, als sie offenbar etwas zu früh dorthin kamen, weil das Festival erst deutlich später ins Leben gerufen wurde.
Dabei war Blake ein weiser Mann und ein großer Dichter, und die Melodie, die Perry geschaffen hat, lässt prosaische Menschen wie mich beim Geschirrabtrocknen innenhalten und leise ins Geschirrtuch schluchzen – oder Hunderttausende bei der Last Night of the Proms vollkommen die britische Contenance und Soigniertheit verlieren und sich gebärden wie Fans der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft bei Fendrichs „I am from Austria“.
Es geht unter die Haut, wirklich. https://www.youtube.com/watch?v=iCpzEtlM4ZM

Heuer durfte ich dort sein, Bilder der jüngsten London-Reise: https://goo.gl/photos/4DnRgZ2ankEbrGdm6

Dieses Jahr wurde mir viel von England mitgegeben. Immer wieder war ich erstaunt über das untrennbar Verwobene vornehmster Distinguiertheit und abgrundtiefer Gewöhnlichkeit. Die heimeligen englischen Pubs sind eine Brutstätte von Philosophen, die durch die Bank ein angespanntes Verhältnis zur deutschen Metaphysik des achtzehnten Jahrhunderts haben. Wie wäre es anders erklärbar, dass man nirgends sonst so oft kritische Bemerkungen wie „F***ing Kant“ hört?

Während der heurigen Last Night of the Proms war ich mir zum ersten Mal nicht mehr sicher, ob die teils absurd chauvinistischen Liedtexte für alle, die sie heute singen, wirklich bloß pure Ironie darstellen. Für interessierte Beobachter war es spannend zu sehen, welche Fraktion der Fähnchenschwinger die Oberhand behalten würde: die der Schwenker von EU-Fahnen oder die des Union Jack. Das Ergebnis war eindeutig, auch dort. Blakes Worte waren durchaus prophetisch: „And was Jerusalem builded here / Among these dark Satanic Mills?“

Britannien hat der Welt und Europa unermesslich viel geborgt. Es war wohl Zeit eine Rechnung zu präsentieren. Schon Churchill hatte seine Vision eines vereinigten Europa wohlweislich ohne sein Heimatland. Wir werden mit Nationalismus noch viel zu tun haben in den kommenden Jahren, und nicht nur dort.

Der Turm der Kathedrale von Salisbury, der höchste des Königreichs, weist eine Abweichung von der Vertikalen auf, die einen dreiviertel Meter beträgt. Er ist nicht auf Sand gebaut, aber auch nicht für die Ewigkeit. Im Inneren sieht man deutlich, dass die ihn tragenden Säulen aus Purbeck-Marmor, die „Säulen der Erde“, unter dem Gewicht gebogen sind. Steht etwas nicht im Lot, nennt man das im Englischen „out of true“.

Auch hier: meine Termine für 2017 stehen fest: http://www.kriegelstein.eu/termine/

 

 

14 Sep 2016

Gotik und Gärten

[nggallery id=9]Von Lothringen durch die Champagne, die Île de France und die Picardie in die Normandie: Bilder aus Reims, Amiens, Etretat, Honfleur, Deauville und aus Monets Garten in Giverny.

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18 Jun 2011