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Die vergessene Revolution

[nggallery id=1] 1871 lebte die Pariser Commune einen kurzen Traum

Es ist einer der schönsten Spaziergänge, die Paris bietet, und Paris bietet schönere Spaziergänge als jede andere Stadt der Erde: der Friedhof Père Lachaise im Osten der Stadt ist ein Mekka der Romantiker. In einem riesigen, hügeligen Park gibt es verwunschene Alleen, monumentale Grabdenkmäler und Familientempel, abgeschiedene Orte der Erinnerung und Stätten der letzten Ruhe für einige der Größten: Oscar Wilde, Simone Signoret, Gioacchino Rossini, Marcel Proust, Édith Piaf, Jim Morrison, Honoré de Balzac, Beaumarchais, Gilbert Bécaud, Sarah Bernhardt, Maria Callas, Frédéric Chopin, Max Ernst, Yves Montand – das ist bloß ein Auszug aus einer Liste von Berühmtheiten, die dort begraben sind.

Im Süden des Friedhofs liegen stets Blumen und Kränze an der „Mauer der Commune“: hier endete vor etwas mehr als 140 Jahren eines der blutigsten Kapitel der Geschichte von Paris und Frankreich. (mehr …)

09 Dez 2012

Der Alte von Cosenza

Es zählt doch eher zu den Errungenschaften des modernen Schulwesens, dass das stupide Auswendiglernen von Balladen zumindest nicht mehr als die einzig wahre Grundlage von Bildung angesehen wird. Den Eingangsmonolog im Faust nicht auswendig zu können galt vor hundert Jahren noch als unzivilisiert, Schillers endlose „Glocke“ `runterratschen zu können als geistig-olympische Disziplin. Aber bitte anschnallen: nach heutigen Maßstäben hatten Menschen um 1900 einen durchschnittlichen IQ zwischen 50 und 70. Sie waren also hochgradig geistig behindert. Nein, waren sie natürlich nicht. Sie dachten nur viel konkreter als wir. Und anders. (brand eins Magazin, „Ach ja, die Jugend“, 11/2008, www.brandeins.de)

Lyrik aber, und das ist ein Verlust, ist in ihrer herkömmlichen Form verlorengegangen. Texte von Songs, vor allem Rap-Gedichte, haben ihren Platz eingenommen. Sie sind, wie die Gereimtheiten und Ungereimtheiten der Vergangenheit, manchmal gut und oft schlecht. Moderne unvertonte Lyrik wird kaum noch gelesen. Daher werden Gedichte auch kaum noch geschrieben, außer von Pubertierenden und jenen Ärmsten des Literaturbetriebes, die oft viel aber meist nicht anders können.

Ein Klassiker, der noch auswendig gelernt werden musste, als eh schon niemand mehr wusste, wer Alarich war, ist „Das Grab im Busento“ von Platen. Ich habe solche Sachen immer in der Badewanne gelernt, aber wer heute anderes in der Badewanne zu tun weiß, hat Besseres zu tun. Die Ballade ist unsäglich, schon die ersten zwei Zeilen sollten jeden sprachlich Sensiblen aufheulen lassen, zur Sicherheit sei das Ganze aber weiter unten angeführt.

Den Busento gibt es jedoch noch, die Stadt Cosenza auch. Als der Gotenhäuptling Alarich im Jahre 410 dort hinschied und mit seinen gerade in Rom günstig geraubten Schätzen vergraben wurde, ist mit ihm vielleicht die Bundeslade aus Jerusalem verschwunden. Vor den Goten war sie jedenfalls noch da. Alarichs Grab und die Beute wurden nie gefunden (http://geschichte-westeuropa.suite101.de/article.cfm/auf_der_suche_nach_alarichs_grab).

Sicher ist, dass im normannischen Dom königlich bestattet wurde, Heinrich von Hohenstaufen und Isabella von Aragon (letztere, wie Wikipedia weiß, „teilbestattet“) lagen oder liegen dort zur Ruh’. Sicher ist auch, dass Cosenza heute eines der vielen Enden der Welt ist: tiefstes Kalabrien, turmhohe Häuser aus dem Mittelalter, in denen niemand mehr wohnt und ebenso hohe Müllberge, kaum Tourismus, keine Jugend, keine Zukunft.

Aber dort werden noch Gedichte geschrieben: in einer winzigen Buchhandlung auf der Piazza vor dem Dom, nicht größer als zwei Telefonzellen, lebt Antonio Rizzuti. Er ist etwa 80, eher älter, es fällt ihm schwer noch beweglich zu sein, aber er hütet das zu Bewahrende. Man kann bei ihm kleine Domführer kaufen, und dazu kriegt man von ihm kopierte Blätter über die Zahlensymbolik der Staufer. Er hat eigentlich keine Buchhandlung, sondern nur zwei kleine Stapel mit acht oder neun Titeln: Lokalhistorisches, uralte Schmöker über die Stadt und die Region, einen Museumsführer. Und spricht man seine Sprache, gibt er noch kleine, sauber in Streifen gerissene Teile von Seiten dazu, auf denen sich Gedichte von ihm finden wie dieses:

La Voce del Passato

Ritorna il passato
ritorna
in morbide luci di sogno
a volte inatteso,
impetuoso
come un torrente in piena,
al magico richiamo
d’un profumo,
d’un suono,
d’un fiore disseccato,
di un amico ritrovato.

Die Stimme des Gestern

Das Gestern kehrt wieder
es kommt zurück
in sanften Lichtern eines Traumes
unerwartet manchmal,
ungestüm
wie ein reißender Fluss,
als verklärter Hinweis
auf einen Geruch,
einen Klang,
eine vertrocknete Blume,
einen wiedergefundenen Freund.

(Alle Übersetzungsfehler sind Alexander Kriegelstein anzulasten)

Es wird diese Gedichte auf kleinen an Falten gerissenen Zettelchen bald nicht mehr geben, und keine Kopien über Zahlenmystik und keine verstaubte Buchhandlung mit kleinen Stapeln von acht oder neun Titeln an der Piazza von Cosenza. Aber ohne diese Träumer, die anschreiben gegen die Stürme und Zeiten der Welt, die sich schwer tun noch beweglich zu sein und hüten, was noch unentdeckt ist, gäbe es vieles nicht, was uns reich macht. Sie sind unser Erbe. Sie sind das wahre Grab im Busento.

Das Grab im Busento

Nächtlich am Busento lispeln
bei Cosenza dumpfe Lieder;
Aus den Wassern schallt es Antwort,
und in Wirbeln klingt es wider.

Und den Fluß hinauf, hinunter
zieh’n die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen,
ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat
mußten hier sie ihn begraben,
Während noch die Jugendlocken
seine Schulter blond umgaben.

Und am Ufer des Busento
reihten sie sich um die Wette,
Um die Strömung abzuleiten,
gruben sie ein frisches Bette.
In der wogenleeren Höhlung
wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam,
mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder
ihn und seine stolze Habe,
Daß die hohen Stromgewächse
wüchsen aus dem Heldengrabe.

Abgelenkt zum zweiten Male,
ward der Fluß herbeigezogen:
Mächtig in ihr altes Bette
schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern:
„Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht
soll dir je dein Grab versehren!“

Sangen’s und die Lobgesänge
tönten fort im Gotenheere;
Wälze sie, Busentowelle,
wälze sie von Meer zu Meere!

August Graf von Platen 1796-1835

02 Feb 2011

Hier blühen keine Zitronen

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„Wir sehen einen Baum und sagen: das ist ein Baum. Aber eines Tages werden wir uns alle geirrt haben.“ Alexis Sorbas, Nikos Katzanzakis …

In einer idealen Welt wäre die Toskana überall. Es ist schon wahr: von ihr aus wurde auch die praktische moderne Welt geschaffen, von der Notenschrift bis zum Finanzwesen, von Pachtsystemen bis zur hohen Politik. Aber vor allem entstand hier der Inbegriff dafür, was wir noch heute unter Schönheit verstehen. Die Kunst einiger Jahrzehnte, die Malerei, Architektur und Bildhauerkunst der Renaissance, haben bis heute geprägt, was wir als „guten Geschmack“ empfinden. Ausgewogenheit, maßvolle Zurückgenommenheit und edle Anmut wurden nirgendwo sonst zu alles bestimmenden Maximen.

Wer die Hohe Schule des Sehenlernens in Florenz erleben durfte, wer Halbkreis und Quadrat bei Brunelleschi und Donatello als Ikonen der Harmonie verinnerlicht und die Perspektive bei Paolo Uccello und Masaccio als Lebensinhalt erkannt hat, wer vor Santa Maria Novella oder im Bargello ruhig geworden ist, der ist bereit, das größere Kunstwerk anzunehmen: die Toskana als Landschaft.

Im – wirklich – lieblichen Arnotal bei Vinci, gesäumt von sanften Hügeln und Olivenhainen, oder im schroffen Bergland von Caprese Michelangelo, im Mugello nördlich Florenz, Sommerfrische der Medici, oder von den abstrakt-surrealen Crete bei Siena bis in die Weinlagen des Chianti: kaum eine Landschaft scheint so für den Menschen geschaffen – und oft von Menschen gestaltet zu sein. Die einzelne Zypresse auf einem Hügelrücken ist nicht nur so schon bei Piero della Francesca vorzufinden, sondern sie steht da, prägend, einsam und stolz. Nichts ist hier Zufall. Beim Blick auf Giottos Campanile neben der Domkuppel von Florenz weiß man es später wieder.

Der Schiefe Turm auf dem Platz der Wunder zu Pisa ist eine Allegorie der Diagonale, die die kubischen Bauernhäuser ebenso bestimmt wie die fast schlichten Villen und Herrenhäuser und Landkirchen. Die Vertikale des Campanile oder der Geschlechtertürme von San Gimignano ritzt den Himmel auf.

Geometrische Strenge und Klarheit – es ist ganz einfach, einfach und menschlich, und der Mensch ist das Maß aller Dinge. Hier wurde der Humanismus geboren.

In dieser elysischen Landschaft braucht es keine starken Farben. Es braucht oft gar keine: das unergründliche, so vielen großen Bildhintergründen eigene dunstige sfumato, das allen Blick entschärft, genügt. Die bräunlich-gelblichen Erdtöne, das zitternde Silber der tausend Jahre alten Olivenbäume, das schwarze Grün der Zypressen (alles Farben des toskanischen Marmors aus dem Kirchen wie die von Lucca oder Siena wurden) und hie und da die Farbe des blutigen Weins: mehr geht nicht. Mehr sollte der Mensch nicht ertragen.

Reich ist nicht, wer viel hat. Und viel sieht nicht, wer geblendet ist. Doch wie reich ist, wer hier sehen darf.

02 Feb 2011

Der schönste und traurigste Ort der Welt

Versailles im Spätherbst: keine Horden mehr, Muße und Raum. Dieses schreckliche Schloss, in dem so viel Unglück geschah, ist gleichwohl ein Wunder an Eleganz und Perfektion.
Es wird noch übertroffen vom kleinen Trianon-Schlösschen in diesem unergründlichen, herrlichen Garten, der ein Park ist, ja, eine Welt: Gabriels Meisterwerk für die Pompadour ist das Edelste, was bester Geschmack hervorbringen kann. Marie Antoinette hat sich dort gerne aufgehalten, und von dort wurde sie abgeholt, als es losging: am 4. Oktober 1789, der Weg bis zur Guillotine war von da an nicht mehr weit.

In den Gärten zu spazieren, die im November schön sind wie selten sonst, erfüllt mit jener befriedigenden Melancholie, die uns traurig und zufrieden macht zur selben Zeit.
Es war auch ein Abschied für mich, von Versailles, von Paris, von und für heuer.

Als es später regnete, saß ich lesend im Café des Schlosses; ein paar Tische weiter saß ein Paar, das deutliche Merkmale des Down-Syndrom aufwies. Beide nicht mehr jung, sie um einiges kleiner, und sie saß da und schluchzte, weinte hemmungslos, wie jemand, der soeben eine fürchterliche und nicht annehmbare Nachricht erhalten hat. Er saß daneben, offensichtlich ratlos, überfordert, verzweifelt, aber untätig. Ludwig XVI. und seine Marie Antoinette müssen sehr ähnlich ausgesehen haben im Gefängnis, und vielleicht schon hier, im Schloss, das ihnen so viel zu groß war.

Doch kann man Menschen mit dem Down-Syndrom trösten? Oder Könige? Oder uns?

01 Feb 2011