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Hier blühen keine Zitronen

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„Wir sehen einen Baum und sagen: das ist ein Baum. Aber eines Tages werden wir uns alle geirrt haben.“ Alexis Sorbas, Nikos Katzanzakis …

In einer idealen Welt wäre die Toskana überall. Es ist schon wahr: von ihr aus wurde auch die praktische moderne Welt geschaffen, von der Notenschrift bis zum Finanzwesen, von Pachtsystemen bis zur hohen Politik. Aber vor allem entstand hier der Inbegriff dafür, was wir noch heute unter Schönheit verstehen. Die Kunst einiger Jahrzehnte, die Malerei, Architektur und Bildhauerkunst der Renaissance, haben bis heute geprägt, was wir als „guten Geschmack“ empfinden. Ausgewogenheit, maßvolle Zurückgenommenheit und edle Anmut wurden nirgendwo sonst zu alles bestimmenden Maximen.

Wer die Hohe Schule des Sehenlernens in Florenz erleben durfte, wer Halbkreis und Quadrat bei Brunelleschi und Donatello als Ikonen der Harmonie verinnerlicht und die Perspektive bei Paolo Uccello und Masaccio als Lebensinhalt erkannt hat, wer vor Santa Maria Novella oder im Bargello ruhig geworden ist, der ist bereit, das größere Kunstwerk anzunehmen: die Toskana als Landschaft.

Im – wirklich – lieblichen Arnotal bei Vinci, gesäumt von sanften Hügeln und Olivenhainen, oder im schroffen Bergland von Caprese Michelangelo, im Mugello nördlich Florenz, Sommerfrische der Medici, oder von den abstrakt-surrealen Crete bei Siena bis in die Weinlagen des Chianti: kaum eine Landschaft scheint so für den Menschen geschaffen – und oft von Menschen gestaltet zu sein. Die einzelne Zypresse auf einem Hügelrücken ist nicht nur so schon bei Piero della Francesca vorzufinden, sondern sie steht da, prägend, einsam und stolz. Nichts ist hier Zufall. Beim Blick auf Giottos Campanile neben der Domkuppel von Florenz weiß man es später wieder.

Der Schiefe Turm auf dem Platz der Wunder zu Pisa ist eine Allegorie der Diagonale, die die kubischen Bauernhäuser ebenso bestimmt wie die fast schlichten Villen und Herrenhäuser und Landkirchen. Die Vertikale des Campanile oder der Geschlechtertürme von San Gimignano ritzt den Himmel auf.

Geometrische Strenge und Klarheit – es ist ganz einfach, einfach und menschlich, und der Mensch ist das Maß aller Dinge. Hier wurde der Humanismus geboren.

In dieser elysischen Landschaft braucht es keine starken Farben. Es braucht oft gar keine: das unergründliche, so vielen großen Bildhintergründen eigene dunstige sfumato, das allen Blick entschärft, genügt. Die bräunlich-gelblichen Erdtöne, das zitternde Silber der tausend Jahre alten Olivenbäume, das schwarze Grün der Zypressen (alles Farben des toskanischen Marmors aus dem Kirchen wie die von Lucca oder Siena wurden) und hie und da die Farbe des blutigen Weins: mehr geht nicht. Mehr sollte der Mensch nicht ertragen.

Reich ist nicht, wer viel hat. Und viel sieht nicht, wer geblendet ist. Doch wie reich ist, wer hier sehen darf.

02 Feb 2011

Der schönste und traurigste Ort der Welt

Versailles im Spätherbst: keine Horden mehr, Muße und Raum. Dieses schreckliche Schloss, in dem so viel Unglück geschah, ist gleichwohl ein Wunder an Eleganz und Perfektion.
Es wird noch übertroffen vom kleinen Trianon-Schlösschen in diesem unergründlichen, herrlichen Garten, der ein Park ist, ja, eine Welt: Gabriels Meisterwerk für die Pompadour ist das Edelste, was bester Geschmack hervorbringen kann. Marie Antoinette hat sich dort gerne aufgehalten, und von dort wurde sie abgeholt, als es losging: am 4. Oktober 1789, der Weg bis zur Guillotine war von da an nicht mehr weit.

In den Gärten zu spazieren, die im November schön sind wie selten sonst, erfüllt mit jener befriedigenden Melancholie, die uns traurig und zufrieden macht zur selben Zeit.
Es war auch ein Abschied für mich, von Versailles, von Paris, von und für heuer.

Als es später regnete, saß ich lesend im Café des Schlosses; ein paar Tische weiter saß ein Paar, das deutliche Merkmale des Down-Syndrom aufwies. Beide nicht mehr jung, sie um einiges kleiner, und sie saß da und schluchzte, weinte hemmungslos, wie jemand, der soeben eine fürchterliche und nicht annehmbare Nachricht erhalten hat. Er saß daneben, offensichtlich ratlos, überfordert, verzweifelt, aber untätig. Ludwig XVI. und seine Marie Antoinette müssen sehr ähnlich ausgesehen haben im Gefängnis, und vielleicht schon hier, im Schloss, das ihnen so viel zu groß war.

Doch kann man Menschen mit dem Down-Syndrom trösten? Oder Könige? Oder uns?

01 Feb 2011