Peter Paul Rubens – Malerfürst in X-Large

 

Hätten Sie’s nicht größer?

Was für ein Leben! Geboren wurde er im Exil seiner Eltern in Westfalen – der Vater, ein angesehener Jurist in Antwerpen, war ein kleines Pantscherl mit der Frau des Prinzen Wilhelm von Oranien eingegangen und hatte eine Übersiedlung aus den Niederlanden ausgesprochen lebensverlängernd gefunden.

Der Sohn bereiste halb Europa, Italien des Studiums wegen, die meisten anderen Länder als Diplomat. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und des Bürgerkriegs in England. Überall sollte er vermitteln und vor allem berichten, als Auslandskorrespondent und königlicher Berater, als Händchenhalter der abgehalfterten Königin von Frankreich Maria, geborene Medici, deren Heirat mit Heinrich IV. er zuvor in Kolossalplakaten gefeiert hatte. Er diente außerdem Albrecht von Habsburg, Karl I. von England, Philip III. von Spanien. Gerne ließ er sich beim Malen aus dem Tacitus vorlesen, während er gleichzeitig (!) einen Brief diktierte. Drei Sprachen sprach er, sieben konnte er lesen. Sir Peter wurde in England und Spanien geadelt, erhielt ein Ehrendoktorat aus Cambridge, zog sich jedoch aus der Politik zurück, sobald es ihm möglich war. Es ist trotzdem ein Wunder, dass er die Zeit fand, ein so gewaltiges Werk zu hinterlassen: 3.000 Bilder verließen seine Werkstatt, 600 sind von ihm, und was für welche: der Begriff „Schinken“ ist vielen seiner 40-Quadratmeter-Kulissen durchaus angemessen, sein Oeuvre insgesamt bedeckt gut und gerne die Fläche eines Fußballfeldes. Toulouse-Lautrec hat weniger Flüssiges zu sich genommen als Rubens in Form von Farben verbrauchte, was den Zusammenhang von „im Öl sein“ und „in Öl malen“ schön veranschaulicht. Selbst ein so privates Werk wie der „Liebesgarten“ im Prado, das er für sich selber malte, misst fast zwei mal drei Meter, für die wirklich große Brieftasche halt. Wahrscheinlich würde er heute nebenbei Dekorationsposter für XXXL-Möbelhäuser entwerfen, am Urheberrecht für Reproduktionen arbeitete er als erfolgreicher Kaufmann schon damals erfolgreich.

Jetzt muss man nach Paris in den Louvre, ins Schloss zu Windsor, in die Alte Pinakothek in München, in die National Gallery in London, die Eremitage in St. Petersburg, nach Dresden, Florenz, Berlin, in das Kunsthistorische Museum in Wien, vor allem nach Antwerpen, Vaduz, in den Madrider Prado reisen, um seine bedeutsamsten Werke zu sehen. Die Bilder der Liechtensteinischen Sammlung kehren allerdings bald wieder nach Wien zurück, woher sie 1938 ausquartiert worden waren. Das neue Museum im vorbildlich renovierten Palais Liechtenstein am Wiener Alsergrund ist ein würdiger Rahmen.

Warum wurde dieses Leben nicht erfolgreich verfilmt? Rubens war zum Leidwesen Hollywoods ein glücklicher Mensch. Er war keiner Droge verfallen, seine beiden Ehen waren harmonisch, er war hoch geehrt und räumte finanziell richtig ab, besaß ein Schloss in der Nähe von Brüssel und ein herrschaftliches Haus in Antwerpen, ja, er beging ärgerlicher Weise nicht einmal Selbstmord. Vor allem aber zweifelte er nicht an seinem Werk. Und dieser Mann schuf endlos Großes: manche seiner Bilder sind für die Ewigkeit – man kann sich darin verlaufen und wird nie fertig. Wer hatte vor ihm so geschildert, was „Leben“ ausmachen kann? Das pralle Leben war sein Thema, und das stellte er dar. Mit 53 und als Witwer heiratete er die 16-jährige berühmte Schönheit Hélène Fourment und hatte mit ihr noch vier Kinder. Glück pur, und das ist langweilig. Nicht langweilig sind seine Bilder. Viele seiner Gemälde hatte er bloß entworfen und angedeutet, seine Schüler (unter ihnen van Dyck) leisteten die Knochenarbeit, und Rubens hauchte den Gemälden mit einigen Pinselstrichen Leben ein, das tat er wirklich. Nicht wenige sind nicht erstrangig, um es vornehm auszudrücken. Sein Ildefonso-Altar in Wien wirkt leicht verwackelt und wäre als Werbesujet für die gleichnamigen Nougat-Würfelchen vielleicht geeigneter als für ein Sakralgemälde. Vorwegnahmen Fellinischer Dolce-Vita-Szenen in einer Orgie aus Technicolor und weiblichen wasserstoffblonden Sumo-Ringerinnen sind keine Ausnahme in seinem Werk. Diese seine dicken Frauen hat man ihm so oft vorgeworfen – aber im Ernst, wer hätte nicht lieber ein wenig mehr vom wirklichen Leben mit einem seiner Modelle anstatt mit einer selig entrückt-lächelnden Rosenkranz-betenden Madonna Leonardos oder einer der Bulimie-Schönheiten unserer Tage? Das Scheppern von Knochen hören wir alle noch früh genug.

Doch hätte Rubens nur das „Pelzchen“ des Kunsthistorischen in Wien gemalt oder seine Clara Serena aus Vaduz, die zwölfjährige Tochter, kurz vor ihrem frühen Tod, die hoffentlich bald wieder in Wien zu sehen sein wird, das genügte schon, ihm den Rang eines Unsterblichen zu verleihen. Mehr als bei allen anderen Großen der Kunstgeschichte kann man sein Auge als Betrachter an seinen Werken prüfen und schulen: hin und wieder war er plakativ, ja, aber manchmal, vor allem in seinen Kompositionen (Motto: „der ganze Doktor Schiwago in einem Bild“), war er eine Übergröße. Ein Titan, X-Large in jeder Hinsicht.