Zugänge „Zwei“

Der Christbaum kommt aus Straßburg, aber der berühmteste der nicht soo stillen Weihnachtsmärkte dieser stillen Zeit findet nicht in Frankreich statt, sondern in der Franken östlicherem Reich.
Die Kinder wissen zu schätzen, was von hier kommt, aus dem Herzen der Spielwarenwelt, das berühmt war lange bevor es LEGO gab, geschweige denn Game Boys, geschweige denn Super Mario. Einige der Spielzeuganstrichfarben (solche Wörter gab es damals noch) wurden sogar nach hier benannt.

Ein bißchen Provinz – und dennoch, was für ein Zentrum! Mochten die Kaiser anderswo gekrönt worden sein, mochten sie anderswo öfter getagt haben, mochten Könige andere Städte zu Residenzen erwählt haben, hier und nirgendwo anders wurden die Reichsinsignien am längsten aufbewahrt, fast 370 Jahre lang, bevor sie in den napoleonischen Wirren zu den Thurn und Taxis nach Regensburg wanderten, und weiter nach Wien.
Von 1938 – 1946 kehrten sie noch einmal wieder, ein seltenes Schicksal für Pretiosen dieser Art.

Aber das war kein Wunder: die Herren des Dritten Reiches beriefen sich nur allzu gern auf das Erste, und wo lieber als in der Stadt einiger ihrer größten Triumphe?

Dafür hat die Stadt gezahlt: von der Katharinenkirche, in der der Ritter Walther von Storzing die Frage an Evchen Pogner richtet, ob sie schon Braut sei, stehen nur mehr die Außenmauern. Haus und Werkstatt von Hans Sachs, wo der Dichter den Duft des Flieders besingt, wurden vollständig vernichtet. Zerstört wur-den auch der Hauptmarkt, die wichtigsten Kirchen der Stadt, ge-weiht den Heiligen Lorenz und Sebaldus, und so vieles, vieles andere, fast alles.

Aber so entsetzlich die Verheerungen des letzten Krieges waren, in dieser Stadt wollte man zeigen, dass man auch aufbauen kann.
Heute stapfen wieder die Kunst – und Kulturbeflissenen aller Herren Länder durch die Altstadt und fragen sich, was alt, was wiederaufgebaut, was neu erstanden aus Ruinen ist?
Die einzige “erhaltene” Stadtbefestigungsanlage einer deutschen Großstadt ist zu bestaunen, besagte – wiederaufgebaute – Kirchen, das Heilig-Geist-Spital aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die Kaiserburg klarerweise, der Handwerkerhof neben dem Frauentor und große Werke von Veit Stoß, Adam Krafft und Peter Vischer, vor allem aber natürlich das ansehliche Fachwerkhaus des berühmtesten Sohnes der Stadt: er lebte hier von 1509 bis 1528, Hasen, betende Hände und apokalyptische Reiter hinterlassend, weisere Zeiten werden mehr finden. An seinen heute bekanntesten Werken zeigt sich, wie sehr der Geschmack des 19. Jahrhunderts noch wirksam ist.

Am Platz, auf dem er wohnte, und überall sonst, erhält man die Spezialitäten, die die Stadt auch berühmt gemacht haben, neben den Spielwaren: Lebkuchen in bunten Dosen, Bratwürste und Karpfen, “blau” oder gebraten.
Nur wenige Schritte sind es von dort in südlicher Richtung auf den Hauptmarkt, wo sich eine gar große Zahl von Berühmtheiten drängelt: Karl IV., die sieben Kurfürsten, Moses und die Propheten, antike, christliche und jüdische Helden. Sie weilen auf der Frauenkirche und auf dem Brunnen, der zu den Hauptsehenswürdigkeiten zählt.

Nach der Stadt benannt wurde auch ein Ei, ein Ei, das die Zeit erstmals mobil machte, die erste Taschenuhr. Die erste deutsche Bahnlinie fuhr hier, Wissenschafter aus dieser Ecke der Welt brachten den Portugiesen das Wissen, mit dem die restliche Welt entdeckt werden konnte.

Heute ist die Stadt kein Zentrum mehr, es sei denn der amerikanischen Soldaten in den Biergärten, wegen der nahen Kasernen.
Aber einmal im Jahr, in der Zeit der Erwartung der Geburt des Sohnes, wenn Augen wieder glänzen bei Groß und bei Klein, ist sie ein Mittelpunkt. Dieser befindet sich auf ihrem Markt, der dann Christkindlesmarkt heißt.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie heißt ihr berühmtester Sohn?
• Wie heißt die angesprochene Oper?
• Wie heißt der Brunnen auf dem Hauptmarkt?

21 Jan 2011

Zugänge „Eins“

Wie in fast allen afrikanischen Großstädten zogen sich bis vor wenigen Jahren am Stadtrand endlos die Ghettos der Ärmsten dahin. Wellblechbaracken ohne Kanalisation, ohne Strom, Endstation für viele kurz vor Erreichen der Wohlstandswelt. Flog man in die Stadt, ware sie der erste, für viele Besucher verblüffende Eindruck.

So haben die Einwohner wohl schon einmal gehaust, nach dem großen Erdbeben im Jahre 1755. Über zweihundert Jahre später sind es die Heimgekehrten in das Mutterland, die Vertriebenen und Geflohenen aus den unendlich großen und reichen Kolonien, die in improvisierten Behausungen ihr Dasein fristen.

Die Stadt ist alt, sehr alt sogar. Der Sage nach hat Odysseus sie auf einer seiner Irrfahrten gegründet. In Wahrheit geht ihr Name wohl auf das phönizische Alis Ubbo (= liebliche Bucht) zurück, also Karthager waren zuerst hier. Es folgten die Römer, die Vandalen, Sueben und die Westgoten, später die Nordafrikaner. Nach der Rückeroberung vom Islam wurde die Stadt Hauptstadt der ersten europäischen Nation im modernen Sinn, eines Landes übrigens, das als erstes seine Grenzen im heutigen Umfang erreicht hatte – von kleinen Korrekturen und zeitweiligen Eroberungen durch das Nachbarland abgesehen.

Im 15. und 16. Jahrhundert galt die Stadt an der Mündung des Tejo als eine der glanzvollsten Metropolen des Kontinents, Folge der unerhörten Reichtümer, die aus den neuerschlossenen Welten hereinströmten. Der Keim des Niedergangs, so hat Reinhold Schneider erkannt, war darin jedoch schon enthalten.

Die Lage der Stadt aber ist tatsächlich einzigartig: für den Weltreisenden Alexander von Humboldt gehörte sie zu den sieben schönsten der Erde. Daran hat auch das Erdbeben nichts geändert, und nichts der Niedergang nach dem Verlust der Überseebesitzungen, ja nicht einmal die wohl rückständigste europäische Diktatur dieses Jahrhunderts. Auch der melancholische Charme ist nicht verlorengegangen, den die Kenner der Stadt so lieben. Den Touristen allerdings wird er in Form unvorbereiteterweise unvermeidlich ”fader” Gesänge präsentiert, die nicht das Verständnis, sondern allenfalls den Weinkonsum erhöhen, manchmal in doppeltem Sinne.
Vor kurzem war sie Kulturhauptstadt Europas, und in neuem Glanz bieten sich dem Betrachter die Denkmäler der großen Söhne, der Seefahrer und Dichter, der Krieger und Könige, und des Stadterneuerers, dessen Werk nur mit dem Haussmanns in Paris verglichen werden kann.

An die größte Besitzung in Übersee, wo auch die Sprache noch gemeinsam ist, erinnert die Statue Christi, jenseits einer der schönsten Brücken des Kontinents. Dort, zu Füßen des Zuckerhuts, feierte man unlängst im Karneval eine Österreicherin, eingeheiratet in die Dynastie, die beide Länder regierte.

Doch dieser Teil der Vergangenheit ist weit entfernt. Heute kämpft man mit der Gegenwart, mit dem Rücken zum Meer, dem Blick nach Brüssel, und man kämpft – wirtschaftlich – mit dem übermächtigen Nachbarn, mit dem man nie befreundet war. Daß dessen Währungsprobleme auch die eigenen Gelder vor wenigen Jahren in den Strudel der Abwertung zogen, empfand man als Perfidie ersten Ranges.

Die Stadt aber bleibt, was sie immer schon war: ein Punkt des Kontinents, ohne den dieser sehr viel ärmer wäre. Denn es sind nicht immer die Städte in ihrer glücklicheren Epoche, die Wegweiser sind für die Zukunft der Völker. Oder wer wollte das Maß der Zukunft an Frankfurt, London oder New York legen, an die Angelpunkte unserer Wirtschaft? Da ist das alte Alis Ubbo, ein bißchen vergessen vom Glück, wie eine Schauspielerin, die nur mehr auf Provinzbühnen ihre Rollen findet, schon besser. Ihr bleibt die Erinnerung an wahre Größe.

• Wie heißt die Stadt?
• Wie heißt der Stadterneuerer?
• Wie heißt die Dynastie?
• Wie heißt die Brücke?

21 Jan 2011

Ein geheim gehaltenes kleines Kunstwerk

„Budapest – ein kritischer Reiseführer“;  András Török

Nun stehen sie wieder dicht gedrängt in den Buchhandlungen: auf der Suche nach der zu verlierenden Zeit. Legionen ferienhungriger, gebucht habender Touristen in magna spe. Sie blättern in Reiseführern, zerfleddern Karten und Pläne, treten häufig zu zweit auf und bringen die Buchhändler in Abgründe zynischer Verzweiflung. Buchhändler sind an sich schon eine geschlagene Art: nicht selten stehen sie ihren Produkten nicht gleichgültig gegenüber, müssen aber frühestmöglich erkennen, dass sie sich ihre ihnen am Herzen liegenden Werke und Kunden nur leisten können, wenn sie ausreichend Ratgeber, Kochbücher und Verlegenheits-Geburtstagsgeschenke („Haben Sie ’was für einen Steinbock?“) an den Menschen bringen.

Reiseführer sind hier ein Schulbeispiel. Einen solchen in den Urlaub mitzunehmen gehört dazu, man ist ja kein Ignorant. Ohnedies braucht man noch Lektüre für den Liegestuhl am Strand, und zu den Donna Leons und den richtig schlechten Krimis packt man eben noch einen dieser handlichen Reisebegleiter, die auf möglichst wenigen Seiten mit möglichst vielen hübschen Fotografien auch noch Überlebenstipps und einen Sprachkurs beinhalten.

Warum eigentlich? Warum investieren Reisefreudige, die am Vortag ohne mit der Wimper zu zucken 3.500,- €uro für Flug und Hotel ausgegeben haben, nur den Gegenwert eines Trinkgelds in der sie erwartenden Hotelbar für vernünftige Reiseführer? Weil die handlicher sind, weil man sie ohnehin nicht liest, weil es vor Ort eh die inkludierten Ausflüge mit Führung gibt? Genau deshalb, und weil Tourismus oft das Gegenteil einer Auseinandersetzung mit Land und Leuten zu sein hat.

Es gibt Ausnahmen: es gibt Reisende, die diesen Namen verdienen, und es gibt Bücher, die ihnen wertvolle Begleiter sein wollen. Die wunderbarsten sind aus dem Prestel-Verlag und die Baedeker von vor 1930. Es gibt sie nur noch antiquarisch…

András Török hat so ein Buch geschrieben, über seine Heimatstadt Budapest. In einem Essay mit dem Titel „Bekenntnisse eines Reiseführer-Autors“ (The New Hungarian Quaterly, N° 125, 1992) hat er sein Leben mit seinem Buch beschrieben: die Anfänge vor 1989, als er als Dissident 666 tätig war, den dramatischen Wechsel, der in Ungarn anfangs nicht so dramatisch war, und das Bemühen seitdem, sein Buch bei allen Umbrüchen und Wandlungen (und Budapest wurde seit 1989 umgebrochen!) gültig sein zu lassen. Ständige Neuauflagen waren notwendig, zu viel veränderte sich ständig in der Stadt, veränderte ständig die Stadt.

Török, ein denkender Dandy, wie er sich selbst nennt, schreibt auch über seinen Anspruch an einen Reiseführer: er möchte die Vorteile des „Baedeker“ (und meint wohl die Ausgaben bis in die Dreißigerjahre), des „kritischen Reiseführers“ und des „alternativen Reisebuchs“ bieten. Das ist ihm, mit kleinen Abstrichen, gelungen.

Töröks Budapest-Führer ist umfassend. Er zeigt dem Leser Sehenswertes, das in fast keinem der Standard-Guidebooks zu finden ist. Er macht aufmerksam auf „Kleinigkeiten“, die keine sind, weil sie das Bild der Stadt prägen. Hier seien einige Fundstücke angeführt, die nur andeuten können, wie viel Spaß es macht, Török zu folgen:

„Der beste Ort, Kaffee zu schlürfen und gleichzeitig die Vibration der U-Bahn zu spüren“
„Längste und geheimnisvollste Reihe von Torbogen“
„Das rührendste Denkmal“
„Traditionellste erhalte öffentliche Toilette“
„Die zwölf schlimmsten Dinge, die Sie in oder außerhalb von Budapest tun können“
„Das geschmackloseste Geschäft für Lampenschirme“

Natürlich werden alle Hauptsehenswürdigkeiten gründlich behandelt, aber eben auch eine Vielzahl an „Geheimtipps“. Eine ein wenig ausführlichere Auseinandersetzung mit den Kunstsammlungen und Museen hätte dem Buch vielleicht nicht geschadet.

Töröks Buch ist praktisch. Von Unterkunfts- (z.B. „Für Konferenz-Hopper, die anderen Konferenz-Hoppern aus dem Weg gehen möchten“) und Verpflegungsmöglichkeiten über Hinweise die „schreckliche ungarische Sprache“ betreffend bis zu Adressen und Öffnungszeiten so ziemlich aller Institutionen und Sehenswürdigkeiten findet sich nichts nicht. Besonders hervorzuheben sind die 41 „narrensicheren Karten“, die Stadtteile im 3-D-Effekt so vor Augen führen, dass man sich nur mehr mit Absicht verlaufen kann. Die vorgeschlagenen Spaziergänge führen tief ins Wesen der Stadt.
Dem Kulinarischen (und den Weinen im Besonderen) wird eine Aufmerksamkeit geschenkt, die man sich in Büchern über Paris oder Brüssel wünschen würde.

Töröks Buch ist kritisch. Ob es um Rückblicke auf geschichtliche Ereignisse oder um Architektur geht, um die Verlagerung von Einkaufszentren an den Stadtrand oder um die Taxifahrer, Török ist weit davon entfernt, neutral zu bleiben. Er macht deutlich, dass Liebe nicht mit Kritiklosigkeit einher gehen kann. Das gibt dem Leser umgekehrt das Vertrauen, Empfohlenes auch wirklich sehen und erleben zu wollen.

Török schreibt so, dass man seinen Führer auch vor und nach einem Aufenthalt an der Donau mit Vergnügen lesen wird. Mit Humor und Ironie, gebildet ohne zu belehren, augenzwinkernd ohne aufdringlich zu sein.

Gerade österreichischen Lesern kann dieses Werk nicht genug empfohlen werden. In Budapest war, nach Budapest kommt so ziemlich jede/r ÖsterreicherIn durchschnittlich mehrmals in seinem Leben. Und dennoch oder deshalb kennen wahrscheinlich die meisten europareisenden Japaner die Schwesterstadt Wiens besser. Das Gefühl, sicher noch einmal zurück zu kommen, nimmt offenbar Energie. Wer nun endlich mehr als die Fischerbastei und den Heldenplatz mit offenen Augen sehen will, dem kann geholfen werden.

Umso bedauerlicher ist, dass „Budapest – ein kritischer Reiseführer“, im englischsprachigen Raum seit Jahren ein Standardwerk, in Ungarn ein Bestseller, auf Deutsch nicht mehr lieferbar ist. Es ist ein geheim gehaltenes Kunstwerk. Man muss es bei Anbietern z.B. auf www.amazon.de bestellen. Aber das ist es wert.

Alexander Kriegelstein

ISBN 963 13 5105 X, Budapest 2001, Corvina Verlag:
Budapest – ein kritischer Reiseführer; András Török

András Török war Staatssekretär für Kultur, später Vorsitzender der Stiftung für ungarische Kultur und Direktor des ungarischen Hauses der Fotografie

21 Jan 2011

Österreichische Printmedien

Die Presse wird von jenen gelesen, die glauben, dass ihnen das Land gehört.

Der Standard wird von jenen gelesen, die glauben, dass ihnen das Land gehören sollte.

Der Falter wird von jenen gelesen, die glauben, dass das Land niemandem gehören sollte.

Profil wird von jenen gelesen, die glauben, das Land sollte jemandem anderen gehören.

News, Heute und Österreich werden von jenen gelesen, die nicht genau wissen, um welches Land es geht.

Der Trend wird von jenen gelesen, denen das Land gehört.

Der Kurier wird von den Frauen jener gelesen, denen das Land gehört.

Die Kronen „Zeitung“ wird von jenen gelesen, denen es egal ist, wem das Land gehört, solange die Nackte auf Seite 5 große Titten hat.

(Nach einer Idee der Autoren der- sehr –  britischen Serie  „Yes, Minister“)

03 Jan 2011

Brief an eine Tochter

Liebe Nadine,

vor ein paar Wochen war ich in Luzern, und endlich hatte ich einmal Zeit, die Sammlung Rosengart zu besuchen, eines der bedeutendsten der kleineren Museen klassischer Moderne.

Noch dazu hatte ich das Glück, praktisch allein im Haus zu sein, und was für ein Haus ist das! Früher war es die Schweizer Nationalbank, und als Angela Rosengart ihre und ihres Vaters Sammlung der Öffentlichkeit überließ, kaufte sie das Gebäude für die Stiftung Rosengart. Es ist ein neo-klassizistischer Palast aus den Zwanzigern des Zwanzigsten, ein Prachtbau! Im ehemaligen Tresor-Keller hängt die größte Kollektion an Bildern Paul Klees, und u.a. gibt es das umfangreichste Spätwerk Picassos an einem Ort zu sehen, außerdem besteht die Sammlung aus weit über 300 Werken von 23 verschiedenen Künstlern. Es sind Werke einer subjektiven Auswahl, welche die Vorliebe der Sammler widerspiegeln und „mit dem Herzen erwählt“ wurden.

Nebst Pablo Picasso und Paul Klee ist die Klassische Moderne in der Sammlung Rosengart mit bedeutenden Künstlern und außergewöhnlichen Werken von hoher malerischer Qualität vertreten. Zu den 21 Wegbereitern, die der Kunst in Richtung Abstraktion entscheidende Impulse gaben, zählen Persönlichkeiten wie (in alphabetischer Reihenfolge) Bonnard, Braque, Cézanne, Chagall, Dufy, Kandinsky, Léger, Matisse, Miró, Modigliani, Monet, Pissarro, Renoir, Rouault, Seurat, Signac, Soutine, Utrillo und Vuillard. Vielen von denen sind wir bereits häufig auf unseren Spaziergängen durch die Museen dieser Welt begegnet.

Im Besprechungszimmer der Bankdirektoren, einem ehrfurchtgebietenden Raum, in dem ein prachtvoller runder Tisch aus Teakholz steht, mittig mit grünem Filz bespannt wie ein riesiger runder Billardtisch, gibt es außer diesem nur zwölf Stühle und leere Regale, bis auf eines, in dem ein Fernseher steht, in dem eine DVD ständig wiederholt wird.

Darin wird über die Rosengarts erzählt; wie der Vater eher zufällig zum Kunsthändler wurde, und dass seine Tochter Angela ebenso ungeplant zum Lehrling darin wurde. Noch von ihrem Lehrlingsgehalt hat sie ihren ersten Paul Klee gekauft (das „X-chen“, 1938), völlig unvorstellbar. Aber in der ersten Klee-Ausstellung, die Rosengart organisierte, wurden von 48 Bildern nur vier verkauft.

Der Vater wurde zu einem der wichtigsten Kunsthändler, und die Künstler liebten ihn, weil er einfach Qualität erkannte; er wurde ein Wegbereiter der Moderne. Von seinen liebsten Bildern trennte er sich ungern oder gar nicht. Nach einem langen Verhandlungsgespräch kam er einmal ins Büro zurück und sagte: „Puuh, ich hatte schon Angst, der kauft es wirklich!“

Ein anderes Mal wollte ein amerikanischer Sammler einen Picasso: „Der gehört mir nicht.“, sagte Rosengart. „??“ „Nun, ich habe ihn meiner Tochter zu ihrer Vermählung versprochen, aber da sie weder verlobt noch verheiratet ist, gehört das Bild nun weder ihr noch mir.“ Türenknallend stampfte der Amerikaner davon.

Angela Rosengart wurde in jeder Beziehung eine würdige Fortführerin dessen, was ihr Vater begonnen hatte. „Wir haben keine Sammlung, wir haben nur schöne Bilder.“ sagt sie einmal. Und an jedem einzelnen derer, die sie halten konnten, hing ihr Herz.

Als sie 17 war, nahm er sie mit nach Paris zu Picasso – „Sie haben eine wunderschöne Tochter, Herr Rosengart!“, sagte Picasso. Angela, die als nun alte, aber immer noch wirklich schöne Dame in der DVD davon erzählt, berichtet, dass das das erste Kompliment von einem Mann in ihrem Leben war – von Picasso. Der große Spanier hat sie dann mehrmals gemalt („So habe ich mich durch das Hintertürchen in die Unsterblichkeit geschlichen“ zwinkert sie darüber).

Angela Rosengart blieb unverheiratet, vielleicht kann man nach einem ersten Kompliment von Pablo Picasso nicht mehr weniger an sich heranlassen. Sie macht den Eindruck einer jungfräulich gebliebenen, zarten Schönheit, und sie wirkt völlig im Reinen mit sich, ja, glücklich. Ich wünsche ihrem Vater, dass er das auch so gesehen hat. Was muss das für ein Gefühl sein, zu wissen, die eigene Tochter in eine Welt geführt zu haben, die sie für die andere Welt dort draußen vielleicht weniger empfänglich gemacht hat. Und was muss es bedeutet haben, sich von einer solchen Sammlung zu trennen! Angela sagt in dem Video, dass sie nur die ganze Sammlung hergeben konnte, nicht stückweise. Und natürlich ist dort alles unverkäuflich.

Ich habe diese halbe Stunde mit dem Film im Sitzungssaal der Bankiers sehr genossen und war aufgewühlt und gerührt. Die Stunde mit den Bildern habe ich als einen Spaziergang durch das Paradies in Erinnerung. Auf ein paar hundert Metern (1450m², für die Statistik) begegnet man der Entwicklung, die uns gelehrt hat, die Welt anders zu sehen. Ich bin einmal gefragt worden, was ich von „moderner Kunst“ halte. Du weißt, ich bin auch da ein Laie und ein Amateur, aber Amateure sind Liebhaber, und eine wichtige Voraussetzung für Kunst bringe ich, glaube ich, mit: wenn man liebt, darf man nie fürchten sich zu blamieren.

Meine Antwort auf jene Frage war sehr einfach: ich denke, dass die „klassische Kunst“ Fragen beantwortet hat, während die Moderne uns Fragen stellt. Das ist vielleicht zu einfach, aber es kommt dem nahe, was ich zu fühlen vermeine, wenn ich solche Bilder sehe.

Jemand hat einmal etwas Großes über einen dort ja auch Zugegenen gesagt: „Einmal wird Kandinsky der meist geliebte Mensch des Universums sein.“. Mensch, nicht Künstler! Was für eine ungeheuerliche Anmaßung, aber inzwischen halte ich das für möglich – wenn die Welt Glück hat…
Eine Reproduktion von Miró musste ich Dir aus nahe liegenden Gründen kaufen, die „Tänzerin II“ von 1925. Miró hat da gerade begonnen, das Sichtbare zu übergehen. Und es geht natürlich um das Herz, um die Liebe.
Und das X-chen von Paul Klee, dem „Poeten unter den Malern“, habe ich dann auch noch genommen. Es ist entzückend, finde ich. Und zu wissen, dass eine Sechzehnjährige sich das von ihrem Taschengeld gekauft hat, ist einfach schön.

Kunst gibt nicht das Sichtbare wider, Kunst macht sichtbar.“ Paul Klee

Ich wünsche Dir ein frohes Weihnachtsfest, das ja ein Fest der Liebe ist.

Dein Dad

Weihnacht MMX

Die Bilder hier zu veröffentlichen ist mir großzügigerweise von der Stiftung

Rosengart gestattet worden; http://www.rosengart.ch/

Das Buch zur Sammlung ist von Angela Rosengart: „Sammlung Rosengart“, Prestel,

  • ISBN-10: 3791326406
  • ISBN-13: 978-3791326405

 

17 Dez 2010

Weihnachten und viel mehr

Wie jedes Jahr stelle ich eine Geschichte in meinen Blog, die mir „Weihnachten“ geworden ist:

Axel Corti war neben so vielem anderen ein großer Regisseur, aber eben auch ein wahrlich begnadeter Wortbildhauer, und er hatte fast ein Vierteljahrhundert lang eine allsonntägliche zuerst 15-, später zehn-, zuletzt achtminütige Sendung im Hörfunk, „Der Schalldämpfer“ hieß die.

Die Kennmelodie zu hören hieß, sich entscheiden zu müssen: ganz zuhören, oder abdrehen. Das lag an der Sprache, der Genauigkeit, der Strenge, in der Axel Corti sich uns mitteilte, aber vor allem natürlich daran, was er zu sagen hatte, und dieser Mann hatte viel zu sagen. Im nachhinein kommt es mir so vor, als wären das Predigten gewesen in Zeiten und zu Menschen, die keine Predigten mehr hören konnten, aber so was schon, einige jedenfalls, zumindest hin und wieder. Und es gab noch Leute, die diesen einigen das dann zumuteten, Sonntag für Sonntag, vom Mai 1969 bis zu jenem Weihnachten 1993.

Seine allerletzte Sendung wurde am 26. Dezember 1993 ausgestrahlt. Drei Tage später starb dieser Querdenker und Regisseur, er ging „in die andere, in die wirkliche Welt“.
An besagtem 26. Dezember, es war natürlich wieder Sonntag, atmete Axel Corti hörbar schwer und sprach zerhackter als sonst. Auch der Inhalt war ein besonderer: er sprach über Weihnachten – und von uns.

Es geht so viel verloren ohne seine Stimme, aber was soll’s:

Rabbi Hillel – erzählt von Axel Corti

„Rabbi Hillel, dem großen, weithin gerühmten, dem weisen Rabbi Hillel, der verehrt wurde von seinen Schülern und Anhängern wie kein anderer und der doch ein ganz bescheidener, stiller Mann geblieben war zeit seines Lebens, dem Rabbi Hillel gelang es, wie die chassidischen Legenden berichten, für einen kurzen Augenblick aus dem Jenseits zurückzukommen. Ja, so stark waren seine spirituellen Kräfte, so tief war die Frömmigkeit des Rabbi, dass ihm solches, ja, erlaubt wurde.

Denn er lag auf seinem Sterbebett. Auch die großen, weisen, ganz verinnerlichten, heiligmäßigen Lehrer sterben ja eines Tages. Seine Schüler, seine Anhänger rings aus dem ganzen Land waren gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie standen stumm betend um sein Bett und sahen, wie das Gesicht des Rabbi Hillel heller und heller, strahlend wie ein Licht wurde, sein Atem wurde klein und immer kleiner, aber von innen her leuchtete der Rabbi, dass das Zimmer strahlte und gleißte und geradezu funkelte.

Auf einmal schlug der Rabbi die Augen auf und begann zu sprechen, nicht laut, aber ganz und gar verständlich. Er sagte: „Es ist alles ganz anders, das darf ich euch sagen. Ich habe gehört, was Gott in der strengen Prüfung fragt. ’Wer warst du?’, fragt er. ’Wer hast du dich bemüht zu sein?’ Und wenn die Geprüften anheben, ihre guten Vorsätze und ihre Absichten und ihre Mühe darzulegen, besser zu werden, besser als sie selber, dann sagt der Vater von uns allen: ’Nein, du musstest nicht Abraham sein, du musstest nicht Moses sein, du musstest kein Heiliger sein, kein anderer, sondern: Warst du der Rabbi Hillel, bist du der gewesen, der Rabbi Hillel, du?’“

So geht die Frage in der anderen, in der wirklichen Welt. Und als er das seinen Schülern gesagt hatte, löschte das Licht des Rabbi Hillel ganz still in einem wunderbaren Schein aus.
So geht die Legende der Chassidim. Und die ist nicht schlau zu kommentieren, nicht zu be(wer)weisen. Sie trennt das Wichtige vom Unwichtigen. Sie liefert kein Rezept – sie verlangt mir etwas ab. Ich muss mir klar werden über etwas, ich muss wohl damit anfangen. Und es gibt jetzt auch gar kein Apropos. Die Moral von der Geschicht ist die Geschicht.

Vor ein paar Wochen kam ich mit jemandem ins Gespräch, der ganz genau wusste, dass er zu Weihnachten nicht zu Hause sein würde, nicht unter einem eigenen Weihnachtsbaum zu sitzen käme, nicht die liebevolle Wärme eines Familienweihnachtsfestes erleben würde und auch nicht die anstrengende Freundlichkeit für einen Abend, die das missverstandene Fest, das die „Familien zusammenführt“ (in Anführungszeichen), ja auch sein kann.

Das war eine Krankenschwester, und die nötigte durch dieses Bewusstsein einem nun nicht etwa ab, das Lied „Hoch klingt das Lied von der braven Frau“ respektive „vom braven Mann“ anzustimmen, die freute sich, in diesen Tagen ihrer Arbeit nachgehen zu können, mit Nachtdienst, mit Tagdienst. Aber sie freute sich nicht angestrengt oder wichtigtuerisch. Sie wusste, dass sie etwas Sinnvolles tun würde, und darum hatte sie ja wohl auch den Beruf ergriffen. Aber es war für sie ganz selbstverständlich. Sie erzählte von den Ärzten, die, wenn sie Frau und gar Kinder hatten, freilich manchmal etwas betroffen waren, wenn sie Dienst taten, aber andererseits wussten auch sie, dass die Notwendigkeit, die Erkenntnis der Notwendigkeit, das ganz besondere Klima auch in einem Krankenhaus zu Weihnachten den Sinn dessen, was man zu tun hatte, noch sinnvoller werden ließ – nicht größer –, ohne Sentimentalität, sondern einfach wissend: Wer jetzt von den Patienten nicht heimgekonnt hatte, der brauchte wirklich Hilfe, wer jetzt Schmerzen hatte, der hatte sie womöglich doppelt, über wen jetzt die Trauer herfiel, der musste aufgefangen werden von einem Arzt, von einer Schwester, von einer Pflegerin. Und die Widmung, die der Patient erfahren konnte, war manchmal gelassener, war manchmal tapferer, geduldiger – bei den Ärzten und bei den Schwestern.

Und es sei auch nicht selten, so die Krankenschwester, dass neben dem Jammer und der begreiflichen Traurigkeit von Kranken gerade von diesen eine große Kraft ausgehe. Natürlich sei der Geruch eines Tannenzweiges eine zärtliche Verbindung zurück in das, was an der Kindheit womöglich gut und beglückend gewesen war. Aber auf einmal Weihnachten, dieses unvernünftige, ganz aus der reinen Verstandeswelt ausbrechende Fest, so einfach, so ganz auf sich selbst gestellt zu erleben, das könne auch, wenn alle Sentimentalität notwendigerweise ganz von selbst abfiele – Sentimentalität, dieses Gefühl der Mörder, Sentimentalität, dieser Ersatz für wirkliches Gefühl, für wirkliche Empfindung – das könne auf einmal etwas Neues in einem entstehen lassen: dass dieses Weihnachten ja bloß der Beginn war, bloß der Anfang, aus dem durch lange Zeit hindurch etwas zu entstehen hatte, das allerdings zu Unrecht bald in die Hände der Exegeten und der Dogmatiker, zu Unrecht in die Hälse der Ganz-genau-Wisser und Gehorsamforderer, zu Unrecht in die Pfoten der Händler und auch der Verfechter des offenen oder verkaufsfreien Samstags zu fallen hatte.

Ja, das habe sie von Patienten erlebt, sagte die Krankenschwester, von Patienten, die auf einmal die Ruhe hatten, die aufgezwungene, aber auch die plötzlich existierende, daseiende Pause und Ruhe, über mehr als die Heilung der akuten Krankheit nachzudenken – und die in diesem Weihnachten, und die in dieser Gemeinschaft mit den Pflegenden, womöglich mit Heilungsversuchen Beschäftigten, eine neue Dimension erlebten.

Ist das nicht so? Weihnachten verlangt nicht ein Heiliger zu werden. Aber da gibt´s die Chance, einen Gedanken dahin zu schicken, wie man der Rabbi Hillel wird, nämlich man selbst.

„Wir wissen´s ja oft nicht, dass wir im Schweren sind bis über die Knie, bis an die Brust, bis ans Kinn.“, sagt Rainer Maria Rilke. „Aber sind wir denn im Leichten froh? Sind wir nicht fast verlegen im Leichten? Unser Herz ist tief. Aber wenn wir nicht hineingedrückt werden, gehen wir nie bis auf den Grund.

Und doch: Man muss auf dem Grund gewesen sein, darum handelt sich´s.“

Wer in seinem Sinn etwas tun will: Spenden nimmt das VinziRast-CortiHaus entgegen, Notschlafstelle und Wohnhaus für Obdachlose:

http://www.vinzirast.at/

Warst Du Axel Corti? (Trailer):  http://youtu.be/vY3oZUetHzw

01 Dez 2005

Ob es das Christkind gibt?

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Lieber B.,

du hast mich nie gefragt, ob es das Christkind gibt, und nun bist du zu alt dafür. Wahrscheinlich hast du einmal zu zweifeln begonnen und das dann abgehakt.
Es gibt einen berühmt gewordenen Brief, der 1897 in einer Zeitungsredaktion eintraf:

 

Lieber Redakteur: Ich bin 8 Jahre alt.
Einige meiner kleinen Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.
Papa sagt: ‚Wenn du es in der Sun liest, ist es so.‘
Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann?
Virginia O’Hanlon.
115 West Ninety-fifth Street.“

 

Die Antwort des Redakteurs ist legendär geworden und stand dann jahrzehntelang jedes Jahr zu Weihnachten auf der Titelseite der Zeitung:  http://de.wikipedia.org/wiki/Gibt_es_einen_Weihnachtsmann%3F 

 

Zuerst solltest du nicht wirklich glauben, was in einer Zeitung steht, und schon gar nicht, was die „Sun“ schreibt, auch wenn das damals noch eine andere Zeitung war. Aber es geht um mehr:

Ich war ein paarmal in Jerusalem. In der Kirche an dem Ort, wo Jesus begraben worden sein soll, prügeln sich verschiedene christliche Mönche jedes Jahr darum, wer welche Ecke fegen darf.
Es verwundert dann nicht mehr, dass wir Weihnachten an ganz verschiedenen Tagen begehen. Um diese Zeit hat man schon vor viel mehr als zweitausend Jahren die Wintersonnenwende gefeiert, und zufällig feiern die, bei denen die ganze Geschichte sich zugetragen hat, ihr Chanukka auch in dieser Zeit.

Ich war in Bethlehem, und in Nazareth. Sagen wir so: was uns vom Evangelisten Lukas und den anderen erzählt wird, ist dort nicht mehr ein soo großes Thema. Die haben andere Sorgen.

In unserer Welt werden zum Geburtstag von Jesus Geschenke gebracht – vom Nikolaus, von drei seltsamen Königen aus dem Morgenland, von einer freundlichen Hexe, vom Weihnachtsmann und vom Christkind, je nachdem, wo jemand lebt.

Der Weihnachtsmann ist ein alter Rauschebart, der mit einem fröhlich beschickerten Rentier durch Schornsteine flitzt und ein Produkt eines Limonaden-Herstellers ist.
Das Christkind stellen wir uns vor als eine Mischung aus Kleiner Prinz, blondes (!) Grießbrei-Cover-Motiv und Barock-Engerl ohne Flügel.

Gefeiert wird der Tag der Geburt von Gottes Sohn als Mensch, der gekommen ist, um uns zu erlösen.
Die allgemeine Verwirrung um das Datum, die verschiedenen Bräuche und letztlich die Schwierigkeit, das alles zu erklären, haben dazu geführt, dass aus „Weihnachten“ etwas geworden ist, das nicht mehr viel mit dem Ursprung zu tun hat. Für Gläubige ist sowieso Ostern das wichtigere Ereignis.

In Europa machen wir uns gehörig lustig über unsere Freunde in den USA, die zu Thanksgiving Elektroschrott-Läden auf der Suche nach Schnäppchen stürmen, obwohl wir aus „Weihnachten“ etwas nicht so immens anderes gemacht haben.

Was bleibt, ist, dass man sich mit seiner Familie zusammensetzt, miteinander festlich isst, Geschenke austauscht und von einem Fest der Liebe spricht.
Weißt du, das ist einer der seltenen Fälle, wo etwas so lange verändert wurde, bis der Kern wieder zum Vorschein kam. Als hätte man aus einem wunderbaren alten Bild eine Schreibunterlage gemacht, das ganze übermalt, am Dachboden vergessen und plötzlich kramt das jemand hervor und das Bild ist wieder da.

Über die historischen Hintergründe mach‘ dir später einmal Gedanken, wenn du willst. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass das Bild ein Bild ist und kein Foto. Bilder sind jedoch oft wertvoller.

Und ja, an einem dieser Advent-Samstage in einer Einkaufsstraße ist es schwer, diese „ruhigste Zeit des Jahres“ als solche zu genießen. Und ja, am Heiligen Abend geht es manchen gar nicht gut, wenn das mit „Familie“ und „Liebe“ in ihrem Leben nicht so hinhaut, oder aus dem großen Wunsch ein kleines Trostpflaster geworden ist.

Weihnachten entzieht sich der Vernunft, und das Christkind kommt aus dem Amazon-Versandlager, das stimmt.

Aber wenn du kannst, mach‘ einen kleinen Spaziergang am Heiligen Abend, wenn es wirklich ruhig geworden ist. Schau‘ auf die beleuchteten Fenster, hinter denen sich Menschen umarmen, die das sonst nicht mehr oft tun. Ich hatte einen Onkel, der zu dieser Zeit immer einen Bahnhof aufsuchte, um dort zu sein, wo niemand zu Hause ist. Manchen tut Weihnachten weh.

Du hast ein Zuhause. An einem solchen Abend kann dir bewusst werden, was „Familie“ ist, und dass wir dann auch an jene denken, die nicht sichtbar da sein können, gehört dazu. Geschenke sind der hilflose Versuch, unsere Liebe sichtbar zu machen, wie Zärtlichkeit eine verblasste Erinnerung und Vorahnung an unsere Ausdrucksmöglichkeit im Paradies ist. Wenn du später einmal zurückblicken wirst, wirst du – zum Glück und leider – vieles vergessen haben. Es gibt aber diese Abende, von denen jeder einzelne einer der schönsten Abende deines Lebens war. Der in ein paar Tagen wird einer davon sein.

Ich habe dir einmal geschrieben, dass man sich der Wahrheit stellen sollte: schwindelfrei und schwerelos. Am Heiligen Abend wird manchmal ein Teil jener Wahrheit sichtbar, die nicht beweisbar ist, weil wir so viel wissen, dass wir nur mehr wenig glauben können.

Aber wenn wir wirklich glauben so viel zu wissen, dass nur mehr da ist, was wir sehen, dann sind wir arm geworden. Zu Weihnachten werden wir reich, und es geht nicht um Geschenke. Oder doch, um eines schon:

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.“
Lukas. Lies‘ das einmal. Es gibt Zauberhaftes.

Und dir und allen, die irgendwo ein wenig Frieden brauchen: frohe Weihnacht!

 

08 Nov 2005