Österliches aus dem Morgenland

“Doch wir alle scheitern irgendwann. Unsere Gesundheit verlässt uns. Wir lassen nach. Wir schwinden.“ Meryl Streep. Eine kluge Frau. Bis es soweit ist, trinke ich dieses Leben noch zur Neige, in vollen Zügen, mit Lust und Durst. Momentan macht es mir endlos Freude. Und Spaß.

Ibrahim nicht. Ibrahim hat heute Früh resigniert. Die Japaner haben ihn geschafft. Ibrahim verkauft Fotos, die seine Mitarbeiter von Touristen in Fes machen. Am nächsten Morgen bietet er sie vor den Hotels der Reisenden an. Die Bilder sind geschmückt mit marokkanischen Motiven und tragen Inschriften wie “Gruß aus Fes“. Ibrahim mag mich, weil ich ihm beim Verkaufen behilflich bin. “Merci, chef!“ zwinkert er mir morgens fröhlich zu. Heute war er nicht fröhlich sondern geknickt.
Gestern haben sie in Fes Japaner fotografiert, vor der ältesten Uni der Welt, gegründet von einer Frau dreihundert Jahre vor Oxford. Die Japaner waren kichernd begeistert, sich auf den hübschen Bildern wiederzufinden. Aber Ibrahim ist nun am Ende. Sie haben kein Foto gekauft, kein einziges. Sie haben sie fotografiert.

Zu Palästina, wo es wieder brennt seit dem Tag meiner Abreise, ist mir noch eingefallen: an einer Stelle dieser schrecklichen Mauer (hier) die die Palästinenser in Israel einsperrt und demütigt, ist ein Graffiti angebracht, das die Feinde anprangert: Israel, die USA, den Kapitalismus. Letzterer wird durch einen Löwen dargestellt, der ein $-Zeichen eintätowiert hat, der Dollar als Symbol des Bösen. Natürlich haben die Palästinenser keine eigene Währung, und dass sie den israelischen Schekel ablehnen, versteht sich. Also haben sie eine improvisierte Währung, als Kompromiss. Es ist der Dollar.

Ich empfinde mittlerweile eine große Zärtlichkeit für unsere arabischen Brüder und Schwestern – auch und gerade für ihre Beladenheiten, das Irrationale, das Schwermütige, das Resignative, das Absurde. Und die immer wieder aufblitzende Unfähigkeit, die Unmöglichkeit der Organisiertheit, die allgegenwärtige Schläfrigkeit, die melancholische Verstaubtheit ihrer Welt. Im 7-Tage-Krieg hat eine ägyptische MIG (Kampfflieger) eine andere versehentlich abgeschossen und wurde folgerichtig ebenso versehentlich von einer ägyptischen Flak zerstört. Das mit dem Dollar passt dazu.

Das Bild mit Küken: Österliches aus Moulay Idriss, Marokkos Heiliger Stadt. Nein, ich habe keine Ahnung, wie man eine Hundertschaft zappelnder Küken gleichmäßig bunt einfärbt :)
In Manchem sind sie uns über. Ziemlich.

Seid gegrüßt aus dem Reich des Dösens!
A