Marcel Prousts Fragebogen

Marcel Proust beantwortete auf einer Geburtstagsparty einen Fragebogen, der ob des berühmten Antwortgebers vielerorts (unter anderem auch von der FAZ) oft und gerne veröffentlicht wird. So auch hier. Proust hat diesen Fragebogen nicht erdacht – er war lediglich eine der ersten Berühmtheiten, die ihn beantwortet hat.

Übrigens: Einem intelligenten Menschen ist es zuzugestehen, dass er in seinem Leben Meinungen ändert. Niemand kann dazu gezwungen werden, nichts aus seinen Erfahrungen zu lernen. Proust füllte diesen Fragebogen im Laufe seines Lebens auch zweimal aus. Meine Antworten sind bloß – meine Antworten. Finden Sie Ihre! In diesem Sinne, viel Spaß:

Wo möchten Sie leben?
Dort, von wo der Aufbruch leicht fällt.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
In Ermangelung bisheriger Bekanntschaft: ich hoffe, ich hatte es noch nicht.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Die menschlichen. Im Gegensatz zu denen des Lebens.

Was ist für Sie das größte Unglück?
Nur einmal leben zu dürfen, aber einmal leben zu müssen.

Ihre liebsten Romanhelden?
Ich habe keine „lieben“ Romanhelden. Nur geliebte Romane.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
Unmöglich, nur eine herauszustellen. Übrigens mag ich auch da jene mehr, die nicht „Lieblinge“ sein können.

Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit?
Die Künstler der „ersten Reihe“, also die ewigen, dann mein Theo aus einer meiner Geschichten, so wie auch der Alte aus Cosenza, und alle, die das Leben überfordert, und die nie aufhören mehr zu fordern.

Ihr Lieblingsmaler?
Canaletto. Eigentlich kann man auch nicht einen Maler über alle stellen, schon gar nicht Canaletto, aber hier geht es um Venedig.

Ihr Lieblingsautor?
Marie-Luise Scherer.

Ihr Lieblingskomponist?
Ich ertrage Musik nicht.

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einer Frau am meisten?
Kein „Weibchen“ sein zu wollen.

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten?
Verlässlichkeit.

Ihre Lieblingstugend?
Treue. Nein, das ist kein schreckliches Wort. Es haben es bloß schreckliche Menschen pervertiert. Und ich meine auch nicht den „ehelichen“ Aspekt.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Lesen.

Wer oder was hätten Sie gern sein mögen?
Mögen? Weiß ich nicht. Sollen: ich.

Ihr Hauptcharakterzug?
C2-D4

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?
Verlässlichkeit.

Ihr größter Fehler?
Die Wahl meiner Schule (2. BG XIX, Wien).

Ihr Traum vom Glück?
Nicht träumen zu müssen.

Was wäre für Sie das größte Unglück?
Gebrechlich alt zu werden bei bestem Gedächtnis.

Was möchten Sie sein?
Froh, oft und oft.

Ihre Lieblingsfarbe?
Pastell.

Ihre Lieblingsblume?
Ich habe keine Lieblingsblume und keine Beziehung zu Blumen.

Ihr Lieblingsvogel?
Ich habe keinen Lieblingsvogel und keine Beziehung … aber lassen wir das.

Ihr Lieblingsschriftsteller?
Marie Luise Scherer. Hatten wir schon.

Ihr Lieblingslyriker?
Nietzsche.

Ihre Helden der Wirklichkeit?
Das hatten wir auch schon. Etwas mehr Konzentration, bitte! Aber gut, zu den oben erwähnten seien noch genannt: alle, die Opfer bringen, ohne etwas davon haben zu können. Aus anderen Gründen: Axel Corti fällt mir ein, und Rudolf Augstein. Karlheinz Deschner.

Ihre Heldinnen in der Geschichte?
Frauen, die mich lieben konnten.

Ihre Lieblingsnamen?
Nadine, Alice, Valérie, die Namen unserer Tochter.

Was verabscheuen sie am meisten?
Niedere Beweggründe. Die „Kronen Zeitung“.

Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?
Menschen, die das Unglück anderer bewirken, um sich daran zu bereichern, oder die später noch davon profitieren, und die gleichzeitig ihre Opfer und Anhänger verhöhnen. Das reicht von asiatischen und afrikanischen Potentaten bis zu südösterreichischen Provinzpolitikern.

Welche Reform bewundern Sie am meisten?
Jede, die etwas grundlegend verändert hat, obwohl sie dem Zeitgeist widersprach, und die nachträglich anerkannt wurde.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
(Noch mehr) Gelassenheit.

Wie möchten Sie gern sterben?
Im Schlaf.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Wach.

Ihr Motto?
Wer oft und mehr glücklich sein darf als andere, muss auch öfter und mehr leiden. Sehr ärgerlich, ist aber so.

Und was Katzanzakis als Grabinschrift hat:

„Δεν ελπίζω τίποτα. Δε φοβʊμαι τίποτα. Είμαι λέφτερος.“

(„Den elpízo típota. De fovoúme típota. Íme lévteros. –
Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“)