Ex Oriente Lux

Calouste Gulbenkian nicht zu kennen ist eine läßliche Sünde, nur schade. Er wurde 1869 in Istanbul in eine Familie reicher Armenier geboren, absolvierte King’s College, London und hatte 1891, mit 22 Jahren, als erster die Idee, daß man sich mit Erdöl nicht nur schmutzig machen könnte.

Gulbenkian hatte zu tun mit den Gründungen von Shell, Iraq Petroleum, BP und Standard Oil. Daß er überall nur 5% beanspruchte, spricht für seine Bescheidenheit. Er gab nie Trinkgeld und seinen Kindern kein Taschengeld, erst nach seinem Tod eine Leibrente. Allerdings war er ein Wohltäter, der vor allem die armenischen Gemeinden im Exil unterstützte.

In London steht eine Kirche, St. Sarkis, zur Erinnerung an seine Eltern erbaut. Während des Zweiten Weltkrieges zog er sich nach Portugal zurück und blieb auch danach, weil das Regime Salazar nett zu ihm war. Er starb 1955 im Hotel Aviz in Lissabon, wo er gewohnt hatte. Und in Lissabon ist der Sitz seiner Stiftung, die u.a. ein Museum betreibt, in dem sich findet, was Gulbenkian sein Leben lang gesammelt hatte: Kunst.

Dieses Museum ist eines der besten Europas und damit der Welt und besitzt eine Sammlung Orientalischer Kunst, die ihresgleichen sucht und höchstens im British Museum und an den Orten der Mutter aller Schlachten findet, sowie französische Möbel des 18. Jahrhunderts, mit denen man Versailles endlich vollständig möblieren könnte. Die Gemäldegalerie zeigt Arbeiten von Bouts, Van der Weyden, Cima da Conegliano, Carpaccio, Rubens, Van Dyck, Frans Hals, Rembrandt, Guardi, Gainsborough, Turner, Fragonard, Corot, Renoir, Boucher, Manet, Degas und Monet.

Bis auf einen der beiden Corots und einen der Rembrandts sind es nur Meisterwerke. Unter den Skulpturen findet sich neben einem guten Rodin die berühmte Diana von Houdon, die Katharina von Rußland gehört hatte. Diese Menge an erlesener Kunst ist heute für Geld nicht mehr zu haben, und die wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage grübeln vermutlich darob, daß sogar Calouste Gulbenkian vergessen ist. Allerdings behaupte ich jetzt ’mal, daß die wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage von Calouste Gulbenkian noch nicht viel gehört haben. Nicht vergessen ist er bloß von den paar Menschen, die sich in sein Museum verirren, das außerhalb des Stadtzentrums von Lissabon liegt. Warum erzähle ich dann Dir davon? Nun, erstens, weil Du damit jetzt schon mehr weißt als die meisten der wenigen vergleichbar Reichen unserer Tage, und zweitens, weil das eine brauchbare Einleitung für meinen Brief aus dem äußersten Südwesten Europas ist, aus Albufeira.

Vorher, Anfang April, war ich nämlich im äußersten Westen, in Irland. Ich war zum ersten Mal in Irland, ich war unvorbereitet und ich habe mir nicht viel erwartet. Schließlich, dachte ich, habe ich schon alles gesehen in unserem alten Kontinent. Es ist manchmal schön, wenn man so sehr irrt.

Gelandet bin ich in Shannon bei Limerick, weswegen ich mit einem dreckigen Grinsen in Gedanken an unanständige Fünfzeiler den Boden des Landes betreten habe. „Is this the way to Tipperary?“ brauchte ich dann nicht zu fragen, weil kein Krieg ist, weil ich abgeholt wurde und weil ich in die Gegenrichtung, nach Lisdoonvarna fuhr, im Burren gelegen, einer der tollsten Landschaften, die ich bisher gesehen. Gleich um die Ecke befinden sich die Cliffs of Moher, die 200m senkrecht ins Meer abfallen, und wenn man sich bäuchlings über den Rand wagt, hat man einen Blick, den sonst nur special effects auf der Leinwand in Aufnahmen von Hochhäusern bieten. Nur sieht man unten nicht viele viele gelbe Taxis sondern eine wütende, tosende Brandung, den Atlantik. Ein Sonnenuntergang an den Cliffs of Moher entspricht ca. zwei Gramm schwarzem Afghanen.

Ich habe Galway kennengelernt, die fröhlichste Studentenstadt, die Du Dir vorstellen kannst, die nur aus Pubs und Musik besteht, gut, und aus der Universität. Pubs habe ich immer schon geschätzt, aber in England, Wales und Schottland bin ich mir trotzdem immer wie ein Fremder im Wohnzimmer von irgendwelchen Leuten vorgekommen, außer einmal in Inverness, wo ich eine Gallon Cider zu mir nahm und mich recht wohl fühlte. In irischen Pubs fühlst Du Dich gleich wohl. Das habe ich schon in Irish Pubs in Paris, Antibes, Berlin, Nürnberg oder wo auch immer es welche gab, gemerkt. In Irland habe ich es noch gemerkter.

Vielleicht liegt es auch daran, daß die Iren andere Kategorien kennen: „verrückt“, zum Beispiel, ist absolut positiv besetzt. Ich habe die erfreuliche Bekanntschaft von Mr. Leprechaun und Mr. Clurican gemacht. Das sind zwei feenartige Wesen. Der Leprechaun, ein kleiner, häßlicher Gnom mit zerknittertem Gesicht, verbringt seine Zeit damit, Schuhe herzustellen, die Menschen an der Nase herumzuführen und ihnen ab und zu einen Goldschatz zu verraten; sein Verwandter, der Clurican, zeichnet sich durch seinen ungezügelten Alkoholkonsum aus. Es war wohl Clurican, der aus Bobby Charlton, dem Trainer der irischen Fußballnationalmannschaft, sprach, als er auf die Frage, was er und seine Mannschaft nach dem Ausscheiden bei der letzten WM (nachdem sie großartig gespielt und u.a. Italien besiegt hatten) als nächstes vorhätten, antwortete: „We’ll get roaring drunk!“. Nach dieser WM erhöhte sich übrigens die Zahl der italienischen Irland-Reisenden um 18.000%, weil die Italiener noch zu den Spätnachrichten in die Stadien rückblendeten, in denen drei Stunden nach den Spielen noch alle irischen Fans saßen und sangen. Ohne Ausschreitungen, ohne Probleme, einfach glücklich.

Das mit den Feen ist, nebenbei gesagt, wirklich wahr, denn noch 1959 wurde die Trasse einer geplanten Straße verlegt, weil sie sonst durch ein Feengebiet geführt hätte. Michael Ryan, mein Freund in Lisdoonvarna, glaubt selbst nicht an Feen, seine Nachbarn allerdings …

Am 16.06.1904 waren Leprechaun und Clurican jedenfalls in Dublin, das ist der Tag, von dem im Ulysses berichtet wird, und Daedalus und Leopold Bloom hätte James Joyce ohne sie wohl kaum so verschlungene Wege finden lassen. Noch verschlungenere Wege gehen überall auf der Welt, wo mehr als drei von ihnen zusammenkommen, alle Iren am 17. März, dem St. Patrick’s Day. Ich habe mir vorgenommen, diesen Tag in Hinkuft mit Iren zu verbringen, wenn möglich.

Nicht gesehen aber vorgenommen habe ich mir Slieve League, mit 601m Europas höchste Klippen, wo ein „nur von schwindelfreien Bergsteigern“ begehbarer „One Man’s Path“ einen atemberaubenden Spaziergang ermöglicht. Nach Irland wiederzukehren wünsche ich mir sehr. Vielleicht komme ich einmal dazu, den Einladungen zu folgen, die ich erhalten habe.

Nach drei Tagen dort hatte ich mich verändert, war ruhiger geworden und fast schon entspannt. Zum Glück mußte ich dann weiter, hierher.

Die Algarve ist hinüber. Ich habe sie vor acht Jahren, als ich sie erstmals bereiste, schon abgeschrieben, und in der Zwischenzeit ist sie Los Angeles am Meer geworden, eine 160 Kilometer lange Ferienanlage mit Großstadtcharakter.

Nur hat man nirgendwo sonst so wenig das Gefühl, am Meer zu sein. Keinen Meter Küstenstraße gibt es mehr, man sieht die See nur noch, wenn man durch eine Hotellobby gegangen ist, oder wenn man eine der zugegebenermaßen schönen Buchten entdeckt hat. Von diesen Buchten aus sieht man die Hotelanlagen nicht, die von den selben menschenverachtenden durchgeknallten Architekten hingepfuscht wurden und immer noch werden, als hätten nicht so viele andere Regionen schon vorgezeigt, was man alles falsch machen kann. Aber das Recht, die selben Fehler zu begehen wie alle anderen, hat Portugal schließlich auch. Ein Blick in die Alpen genügt, und schweigen wir still.

Vor dreißig Jahren wurde in Lagos die erste Verkehrsampel der Küste aufgestellt, zur Erheiterung der Einheimischen, und heute zieht sich von März bis Oktober eine nicht endenwollende Blechlawine durch die einst verschlafenen Fischerorte. Es gibt hier keine Geheimtips mehr, außer vielleicht Ferragudo, das noch seine Armut bewahrt hat, weil eine Fischfabrik daneben steht.

In Albufeira und Praia da Rocha, den Zentren des Tourismus, ist nichts mehr anders als an der Costa Brava oder in Bodrum.

Einmal bin ich nach Lissabon hinaufgefahren, mit meinem ulkigen Fiat Punto, den ich mir hier geliehen habe. Es tat gut, dem Zirkus der Küste zu entkommen, und es tat gut, Lissabon wieder einmal zu besuchen. Nach einem langen Bummel konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, die Nacht in meinem Hotelzimmer vor dem Fernseher zu verbringen, in meiner Wohnung in Albufeira habe ich keinen, nur meinen Weltempfänger.

Da ist etwas Komisches passiert: mangels Kabelfernsehen daheim hoppte ich freudvoll durch CNN, Sky Channel und die anderen Nachrichtensendungen und bin hängengeblieben – vor der „Traumhochzeit“. Ich hatte sie noch nie gesehen und ich werde sie nie mehr sehen, aber dieses Erlebnis war ein richtiger Schock für mich. Das war dann irgendwie zu viel nach Irland, diese Algarve und die Traumhochzeit im Penta-Hotel zu Lissabon.

Ich war gezeichnet am nächsten Morgen und ging zum Durchlüften ins Gulbenkian-Museum. Dort verliebte ich mich heftig in Mrs. Lowndes-Stone von Gainsborough und in Madame Claude Monet von Renoir. Danach fuhr ich auf das alte St. Georgs-Kastell und genoß einen der besten Blicke, die irgendeine Stadt zu bieten hat, und Lissabon ist von seiner Lage die schönste, die ich kenne. Man sagt, Rio sei noch schöner. Ich weiß es nicht.

Wenn man über die großartige Hängebrücke den Tejo überquert, sieht man auf der anderen Seite eine kleinere Kopie der Christusstatue von Rio de Janeiro. Als ich die Brücke und Lissabon hinter mir hatte, ging über der Stadt ein fürchterliches Unwetter nieder. Zweieinhalb Stunden später war ich wieder an der Algarve.

Was blieb von diesen drei Wochen ist nicht Irland, dessen Sendung die Missionierung Europas war, ist nicht Sagres hier an der Algarve, von wo aus Prinz Heinrich der Seefahrer die Entdeckung der anderen Welten einleitete, sondern die Sammlung altorientalischer Kunstwerke im Museu Gulbenkian. Das alles hier hat seine Zeit gehabt. Als ich vor ein paar Wochen in Cagnes-sur-Mer im Haus von Renoir glücklich war, hat mir etwas gefehlt, ich wußte nicht, was.

Der Armenier hat es gewußt, und jetzt weiß ich es auch: ex oriente lux.