Ein kurzer Brief zum langen Abschied

[UNSET]Fés, 03.03.14

Letzte Woche hat mich Fés Demut gelehrt. Das ist schon die beeindruckendste Stadt des Landes, Welten von Marrakesch entfernt, das seinem touristischen Erfolg zum Opfer geworden ist. Marrakesch ist schön, faszinierend, aber schon lange nicht mehr als eine Kulisse für „Orient“-suchende Besucher. Und ich halte die alten Männer aus unserer Welt nicht aus, die mit jungen Marokkanern spazieren gehen, wie es andere mit ihren viel zu jungen Frauen in Thailand oder Odessa tun, stolz, schamlos und lächerlich. Auch wenn das schon immer so war: „1 Knabe – 3 Piaster“ stand auf der Herbergsrechnung eines Reisenden vor über hundert Jahren.

Fés bemüht sich nicht um Authentizität, es ist es noch, in den Souqs, die größer sind als Venedig, aber in ihrer Substanz um einiges älter. Die dortige Universität war schon zweihundert Jahre alt, als in Salerno und Bologna die ersten Lehrstühle Europas vergeben wurden, und dreihundert Jahre, als in Oxford, Cambridge und Paris das Lehren begonnen hat. Es ist immer noch das spirituelle Zentrum des Landes.

Ich verlaufe mich ja gern, und in der Medina, der Altstadt von Fés, ist das nichts, was man mit viel Aufwand anstreben muss. Venedig ist übersichtlich wie ein MERKUR – Markt verglichen mit Fés. Vor drei Jahren, als ich auch ein paar Wochen in Fés war, war ich an den Punkt gelangt, mich hier angekommen zu fühlen, so etwas wie Orientierung in diesem Labyrinth behaupten zu können.

Als ich vor einer Woche hier war, habe ich die Gruppen (die von lokalen Guides gelotst werden) verlassen, wo der Rundgang immer beginnt, bei dieser Western Union Wechselstube neben dem Café Select. Bin eingetaucht in diese Welt eines Basars, wie er vor Hunderten von Jahren kaum anders ausgesehen haben kann, voller Farben und Gerüchen, die es in dieser Intensität bei uns schlicht nicht gibt. Die Kesselschmiede erkannte ich wieder, die Gerber-Gasse, die Stoffhändler und die Gewürz-Verkäufer. Nach einer Stunde regen Gehens war ich mir sicher, in der Gegend des Blauen Tors angekommen zu sein, am entlegenen Ende von dort, wo ich begonnen hatte. Ich freute mich auf ein Glas Tee in einem Café, das ich dort immer frequentiere, mit Blick auf das kunstvolle maghrebinische Tor, nahm den nächsten Weg, der ins Helle wies, dorthin, wo das Licht des Tages wieder sichtbar war nach der Dämmerung des Basars. Ich kam zu einem Tor in der Mauer, die die Altstadt umschließt und stand vor der Western Union-Filiale neben dem Café Select.

So bewegt man sich oft im Kreis gehend, wenn man denkt, Marokko verstanden zu haben.

Vor dreißig Jahren begann meine Lehrzeit hier. Ich verstand damals noch gar nichts vom Reisen, geschweige denn vom Orient. Damals war ich allerdings in einer Ausnahme-Situation und wusste nicht mehr, ob, wie und wozu irgendwas noch weitergehen sollte, ich hatte mich verlaufen und verloren. Was ich wusste, war nur, dass meine Zeit an den Unis vorbei war, eine Beziehung auch und so ziemlich alles andere ebenfalls. Marokko war eine Flucht damals, die mich noch im selben Sommer nach Torremolinos, Lissabon, Marseille und in die Fremdenlegion führen sollte für eine Nacht, bevor ein neuer Tag beginnen konnte, eine lange, endlos lange Dämmerung.

Von allen meinen unnötigen und bedauerlichsten practical jokes habe ich damals hier einen der betrüblichsten gespielt. Einem Freund schrieb ich, in Tanger angekommen und im Begriff, mich vermeintlich bis an mein Lebensende zu verschulden, wir sollten einander in Casablanca treffen, mit Datum und Uhrzeit und Ort.

Tanger musste ich dann ziemlich schnell verlassen, die Flucht ging weiter nach Spanien, aber er, er fuhr per Interrail nach Casablanca. In jener Zeit ohne Mobiltelefone hätte ich ihn wohl kaum noch abhalten oder irgendwie erreichen können, und in meiner aussichtslosen Situation fand ich wohl auch lustig, was da passierte.

Während ich dann schon in Torremolinos die Drifter suchte, nicht wissend, dass ich es war, den ich finden wollte, erreichte V. Casablanca und fuhr nach einer Reihe von Missverständnissen mit einer Djellaba im Gepäck zurück nach Wien. Er war hin und zurück etwa 72 Stunden mit dem Zug unterwegs, davon viele Stunden in marokkanischen Waggons.

Es kommt nicht annähernd alles im Leben zurück, aber manches schon.

Letzten Samstag war Schichtwechsel in Marrakesch, wie jede Woche. 180 Reisende aus Österreich traten ihren Heimflug an, 180 kamen an. Diesmal fehlte ein Koffer. Das passiert bei Charter-Flügen eigentlich nie, und es stellte sich auch heraus, dass ein anderer übriggeblieben war, also handelte es sich um eine Verwechslung. Irgendwann mussten wir abfahren, der Weg über Casablanca nach Rabat war noch weit. Den Koffer, der zurückgeblieben war, nahm ich mit.

Wie sich dann herausstellte, gehörte er jedoch keinem der anderen Teilnehmer der Reise, die ich hier beaufsichtige. Eine Handvoll Kunden hatte nur den Flug gebucht, und von denen hatten wir keine Daten, kein Hotel, nichts. Natürlich gehörte einem von denen der Koffer, der nun mit uns nach Norden reiste, während der eines bejahrten Kärntner Ehepaares vor Ort geblieben war. Herr und Frau T. waren über die Maßen verzweifelt, auch, weil sich in ihrem Koffer wichtige Medikamente für Herrn T. befanden. Am Abend in Rabat angekommen, war es uns gelungen, über den Flughafen mit Frau E. in Kontakt zu treten. Sie war nun mit einem falschen Koffer, den sie irrtümlich mitgenommen hatte, in Marrakesch zum Golfspielen und fand das Ganze unangenehm, aber wohl sicher lösbar.

Was ich wusste, war, dass das Austauschen der Koffer zwischen einer Gruppe, die sich immer weiter von Marrakesch entfernte und den Golfplätzen der Roten Stadt auf herkömmlichen Wegen keine Angelegenheit von zwei oder drei Tagen war. Frau T. war inzwischen aufgelöst und schluchzte nur mehr, aus Sorge um ihren Mann, der sich mit traurigen Augen seinen Schnauzbart zwirbelte und hilflos in sein Schicksal ergab. Medikamente bekommt man auch in Marokko, aber verschreibungspflichtige, ziemlich spezielle, eher nicht.

Als dann gestern die Reise von Rabat nach Meknès, Volubilis, Moulay Idris und Fés fortgesetzt wurde, nahm ich den ersten Zug in die Gegenrichtung, nach Süden. Um es kurz zu machen: ich war sechzehn Stunden unterwegs, Rabat-Casablanca-Marrakesch-Casablanca-Rabat-Meknès-Fés, von sieben bis 23 Uhr, so ziemlich das komplette Streckennetz der marokkanischen Eisenbahn, über tausend Kilometer. Aber das hatte ich gewusst, bevor ich meinen Entschluss gefasst hatte. Als ich Frau E. In Marrakesch traf um die Koffer auszutauschen, fand sie das Ganze eigentlich recht witzig, und als wir uns verabschiedeten, hätten wir um ein Haar jeder den falschen Koffer mitgenommen, sie waren baugleich.

Diese Zugfahrten waren eindrücklich, to say the least. Einmal teilte ich ein Abteil mit einem jungen Pärchen aus York, er stammt aus Paris, sie aus London, die zwei Kinder, etwa ein und drei Jahre alt, mithatten. Und so wie ich mir diese langen Stunden ohne meinen Kindle gar nicht vorstellen will, hatten die eben iPad, Laptop und Handy dabei, und warum nicht? Die Kinder waren beschäftigt, die Eltern auch, wobei Alain nebenbei in einer alten, abgegriffenen, kleinen Bibel schmökerte, was irgendwie anachronistisch wirkte bei bei zwei offensichtlich gut ausgebildeten jungen Eltern aus europäischen Metropolen mit Kleinkindern unterwegs von Casablanca nach Agadir. Ich hatte aber neben meinem Kindle auch ein Buch dabei, aus Angst vor den Unbillen der Elektronik, von denen ich zuletzt in Wien meinen Teil satt abbekommen hatte. Alain fand es ebenso witzig, dass jemand auf einer Reise durch Marokko über die Spiritualität des Jakobsweges las. Dort, in Santiago de Compostella, werde ich bald sein, und ich freue mich darauf.

Als ich kurz vor Mitternacht die Gruppe in Fés mit dem verlorenen Koffer wieder erreichte, fiel mir das Ehepaar aus Kärnten um den Hals, als hätte ich sie aus schwerer Seenot gerettet. Meine marokkanischen Kollegen klopften mir anerkennend auf die Schulter, aber ich weiß, dass sie nicht das geringste Verständnis für meinen kleinen Ausflug aufbringen können. Erstens tut jemand, der irgendwas leitet, so etwas im Morgenland nicht. Dafür gibt es andere, die man dafür bezahlt. Und zweitens hätten sie das auch selber irgendwie geregelt, irgendwann, insch’allah. Nun, sie kannten meine Vorgeschichte nicht.

Ein ganz klein wenig habe ich bezahlt für meinen saudummen Streich vor dreißig Jahren.

Morgen geht es wieder über den Atlas in die Wüste, nach Erfoud, wo die Sahara beginnt oder endet. Von dort führt unser Weg dann durch die Straße der Kasbahs nach Ouarzazate, wo Hollywood seinen hiesigen Außenposten hat. Wir werden wieder den Hohen Atlas überqueren und nach Marrakesch zurückkehren, in das Babel dieser Welt. Noch einmal werde ich am Samstag die große Wachablöse abnehmen, und nach der vierten und letzten Runde durch dieses rätselhafte Land werde ich zu den Iden des März, Insch’allah, wieder europäischen Boden betreten.

Man kann einen Monat in Marokko auch als eine Kur betrachten. Seinen Körper zu kennen ist wichtig, wenn man weiß, wann und wo man erst wieder sanitäre Anlagen nutzen kann, die man sich zutraut (der Tag in Zügen gestern war auch ein Tag des Fastens…). Es kann mir nicht schaden, wieder ein wenig leichter zu werden, aber es ist auch eine Kur von anderem. Man braucht so viel weniger als man glaubt. Mir genügt eine Steckdose ab und zu und mein eBook, und Internet ab und an und etwas, um es zu nutzen. Ein Apfel, etwas Fladenbrot, Öl, Salz, ein paar Eckchen La Vache qui Rit-Käse, das reicht.

Auf der Terrasse des Cafés „Le William“ hier in Fés bin ich umgeben von Männern, die das leben, wobei sie auf Lesen und Internet auch ganz gut verzichten können. Allerdings träumen sie von anderen Dingen: einem Job in der Verwaltung, bei dem sie ebenso die Tage auf Caféterrassen verbringen können, jedoch dafür bezahlt werden; einer neuen gebrauchten Waschmaschine vielleicht, und endlich wieder mehr Touristen, die sich in den Arabischen Herbst wagen. Sie wissen nichts von dem, was gerade in der Ukraine geschieht, und das ist ja auch weit weg. Casa hat gestern Tanger besiegt im Fußball, Allah ist groß und der König weise. Händler-Völker handeln nicht; sie produzieren nichts und sind Spielball von Märkten. Das kann nicht gutgehen.

Ob ich noch einmal nach Marokko kommen werde, weiß ich nicht. Irgendwie erscheint es mir unwahrscheinlich, aber unwahrscheinlich ist diese ganze Welt unter dem Halbmond des Propheten sowieso. Als ich gestern diese tausend Kilometer an den Rändern von Rabat, Casablanca, Meknés, Marrakesch und Fés entlangfuhr, vorbei an den nicht enden wollenden Slums und dem endlosen Elend, habe ich aufgehört zu hoffen für dieses riesige Land, in dem es aber vielen immer noch so viel besser geht als ihren Brüdern und Schwestern in anderen Teilen ihres Universums, das sich der Rationalität so völlig entzieht. So wie der Staub der Wüste selbst die Fünfstern-Hotels erreicht, die hunderte Kilometer von der Wüste entfernt sind, ist es wohl einfach zu viel erwartet anzunehmen, dass irgendwann, eines nicht zu fernen Tages, die Menschen Marokkos so leben können, wie sie sich das wünschen, seit es das Fernsehen gibt, dieses Opium und Kokain für die Beladenen und Vergessenen der Erde. Dreißigtausend belagern Ceuta und Melilla, die beiden spanischen Enklaven auf marokkanischem Boden, um Europa zu erreichen, und Tausende setzen sich in Boote und auf Flöße, um ins Gelobte Land der Ungläubigen zu kommen. Die Mehrzahl kommt aus anderen Teilen Afrikas, aber auch Marokko verliert seine hungrigsten, neugierigsten Jungen an die große Versuchung, an die Verführung, die nichts bereithält als Enttäuschung und Niederlagen.

Vielleicht habe ich immer noch nicht in Ansätzen verstanden, was Marokko mir sagen will. Aber ich weiß bestimmt, dass all jene Besucher, die für eine Woche hierher kommen und dann mit bunten Bildern von Dromedaren und vom Platz der Gaukler heimfahren, nichts erfahren haben von diesem Land. Wir haben hier, denke ich, nichts verloren. Ich wünsche unseren Schwestern und Brüdern hier nur das Beste, aber auch, dass sie das Ihre finden und nicht unseres suchen. Und dass sie uns irgendwann vergeben können und dann auch gleich noch denen, die seit so langer Zeit so wenig tun um es besser zu haben: sich selbst.

Salām! Mehr denn je.

A

Bilder: https://picasaweb.google.com/107054723244977319050/SleepingInMovies?authuser=0&feat=directlink