Ein geheim gehaltenes kleines Kunstwerk

„Budapest – ein kritischer Reiseführer“;  András Török

Nun stehen sie wieder dicht gedrängt in den Buchhandlungen: auf der Suche nach der zu verlierenden Zeit. Legionen ferienhungriger, gebucht habender Touristen in magna spe. Sie blättern in Reiseführern, zerfleddern Karten und Pläne, treten häufig zu zweit auf und bringen die Buchhändler in Abgründe zynischer Verzweiflung. Buchhändler sind an sich schon eine geschlagene Art: nicht selten stehen sie ihren Produkten nicht gleichgültig gegenüber, müssen aber frühestmöglich erkennen, dass sie sich ihre ihnen am Herzen liegenden Werke und Kunden nur leisten können, wenn sie ausreichend Ratgeber, Kochbücher und Verlegenheits-Geburtstagsgeschenke („Haben Sie ’was für einen Steinbock?“) an den Menschen bringen.

Reiseführer sind hier ein Schulbeispiel. Einen solchen in den Urlaub mitzunehmen gehört dazu, man ist ja kein Ignorant. Ohnedies braucht man noch Lektüre für den Liegestuhl am Strand, und zu den Donna Leons und den richtig schlechten Krimis packt man eben noch einen dieser handlichen Reisebegleiter, die auf möglichst wenigen Seiten mit möglichst vielen hübschen Fotografien auch noch Überlebenstipps und einen Sprachkurs beinhalten.

Warum eigentlich? Warum investieren Reisefreudige, die am Vortag ohne mit der Wimper zu zucken 3.500,- €uro für Flug und Hotel ausgegeben haben, nur den Gegenwert eines Trinkgelds in der sie erwartenden Hotelbar für vernünftige Reiseführer? Weil die handlicher sind, weil man sie ohnehin nicht liest, weil es vor Ort eh die inkludierten Ausflüge mit Führung gibt? Genau deshalb, und weil Tourismus oft das Gegenteil einer Auseinandersetzung mit Land und Leuten zu sein hat.

Es gibt Ausnahmen: es gibt Reisende, die diesen Namen verdienen, und es gibt Bücher, die ihnen wertvolle Begleiter sein wollen. Die wunderbarsten sind aus dem Prestel-Verlag und die Baedeker von vor 1930. Es gibt sie nur noch antiquarisch…

András Török hat so ein Buch geschrieben, über seine Heimatstadt Budapest. In einem Essay mit dem Titel „Bekenntnisse eines Reiseführer-Autors“ (The New Hungarian Quaterly, N° 125, 1992) hat er sein Leben mit seinem Buch beschrieben: die Anfänge vor 1989, als er als Dissident 666 tätig war, den dramatischen Wechsel, der in Ungarn anfangs nicht so dramatisch war, und das Bemühen seitdem, sein Buch bei allen Umbrüchen und Wandlungen (und Budapest wurde seit 1989 umgebrochen!) gültig sein zu lassen. Ständige Neuauflagen waren notwendig, zu viel veränderte sich ständig in der Stadt, veränderte ständig die Stadt.

Török, ein denkender Dandy, wie er sich selbst nennt, schreibt auch über seinen Anspruch an einen Reiseführer: er möchte die Vorteile des „Baedeker“ (und meint wohl die Ausgaben bis in die Dreißigerjahre), des „kritischen Reiseführers“ und des „alternativen Reisebuchs“ bieten. Das ist ihm, mit kleinen Abstrichen, gelungen.

Töröks Budapest-Führer ist umfassend. Er zeigt dem Leser Sehenswertes, das in fast keinem der Standard-Guidebooks zu finden ist. Er macht aufmerksam auf „Kleinigkeiten“, die keine sind, weil sie das Bild der Stadt prägen. Hier seien einige Fundstücke angeführt, die nur andeuten können, wie viel Spaß es macht, Török zu folgen:

„Der beste Ort, Kaffee zu schlürfen und gleichzeitig die Vibration der U-Bahn zu spüren“
„Längste und geheimnisvollste Reihe von Torbogen“
„Das rührendste Denkmal“
„Traditionellste erhalte öffentliche Toilette“
„Die zwölf schlimmsten Dinge, die Sie in oder außerhalb von Budapest tun können“
„Das geschmackloseste Geschäft für Lampenschirme“

Natürlich werden alle Hauptsehenswürdigkeiten gründlich behandelt, aber eben auch eine Vielzahl an „Geheimtipps“. Eine ein wenig ausführlichere Auseinandersetzung mit den Kunstsammlungen und Museen hätte dem Buch vielleicht nicht geschadet.

Töröks Buch ist praktisch. Von Unterkunfts- (z.B. „Für Konferenz-Hopper, die anderen Konferenz-Hoppern aus dem Weg gehen möchten“) und Verpflegungsmöglichkeiten über Hinweise die „schreckliche ungarische Sprache“ betreffend bis zu Adressen und Öffnungszeiten so ziemlich aller Institutionen und Sehenswürdigkeiten findet sich nichts nicht. Besonders hervorzuheben sind die 41 „narrensicheren Karten“, die Stadtteile im 3-D-Effekt so vor Augen führen, dass man sich nur mehr mit Absicht verlaufen kann. Die vorgeschlagenen Spaziergänge führen tief ins Wesen der Stadt.
Dem Kulinarischen (und den Weinen im Besonderen) wird eine Aufmerksamkeit geschenkt, die man sich in Büchern über Paris oder Brüssel wünschen würde.

Töröks Buch ist kritisch. Ob es um Rückblicke auf geschichtliche Ereignisse oder um Architektur geht, um die Verlagerung von Einkaufszentren an den Stadtrand oder um die Taxifahrer, Török ist weit davon entfernt, neutral zu bleiben. Er macht deutlich, dass Liebe nicht mit Kritiklosigkeit einher gehen kann. Das gibt dem Leser umgekehrt das Vertrauen, Empfohlenes auch wirklich sehen und erleben zu wollen.

Török schreibt so, dass man seinen Führer auch vor und nach einem Aufenthalt an der Donau mit Vergnügen lesen wird. Mit Humor und Ironie, gebildet ohne zu belehren, augenzwinkernd ohne aufdringlich zu sein.

Gerade österreichischen Lesern kann dieses Werk nicht genug empfohlen werden. In Budapest war, nach Budapest kommt so ziemlich jede/r ÖsterreicherIn durchschnittlich mehrmals in seinem Leben. Und dennoch oder deshalb kennen wahrscheinlich die meisten europareisenden Japaner die Schwesterstadt Wiens besser. Das Gefühl, sicher noch einmal zurück zu kommen, nimmt offenbar Energie. Wer nun endlich mehr als die Fischerbastei und den Heldenplatz mit offenen Augen sehen will, dem kann geholfen werden.

Umso bedauerlicher ist, dass „Budapest – ein kritischer Reiseführer“, im englischsprachigen Raum seit Jahren ein Standardwerk, in Ungarn ein Bestseller, auf Deutsch nicht mehr lieferbar ist. Es ist ein geheim gehaltenes Kunstwerk. Man muss es bei Anbietern z.B. auf www.amazon.de bestellen. Aber das ist es wert.

Alexander Kriegelstein

ISBN 963 13 5105 X, Budapest 2001, Corvina Verlag:
Budapest – ein kritischer Reiseführer; András Török

András Török war Staatssekretär für Kultur, später Vorsitzender der Stiftung für ungarische Kultur und Direktor des ungarischen Hauses der Fotografie