Die Irren von Baalbek

[nggallery id=5]Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, aber ausgerechnet der Libanon ist ruhig, während die restliche arabische Welt die Revolte probt. Die Vorwahl des Libanon ist 00961, aber in den letzten 7.000 Jahren war dieser Anschluss praktisch ständig besetzt. Beirut ersteht neu aus den Ruinen, die ein 16-jähriger „Bürgerkrieg“ aus der einstigen Perle des Orients gemacht hatte. Sidon, Tyrus, Byblos, Tripoli, die Bekaa-Ebene, das Libanon- und das Anti-Libanon-Gebirge waren Themen einer Reise durch ein kleines, altes Land, das schon alles gesehen hat, in dem Milch und Honig fließen, und in dem so viel Blut geflossen ist.

Was mir in Erinnerung bleiben wird von diesen Tagen wird Baalbek sein: nicht so sehr wegen der majestätischen Ruinen der römischen Kaiserzeit, sondern weil ich nach deren Besuch ein Café mit einem schattigen Garten aufgesucht hatte („Taverne Caesar“), um mich auszuruhen; links und rechts standen in etwa 200 Metern Entfernung voneinander zwei Minarette, aus deren Lautsprechern die rasenden Stimmen zweier Irrer dröhnten, einander überbietend an Hass, Lautstärke und Hysterie. Es war Freitag, wir waren in der Region der Schiiten, schon unterwegs waren die Plakate mit iranischen Mullahs aufgefallen. Die beiden Muezzins brüllten an gegen den Teufel, gegen die Sünde, den Unglauben, die Götter der Ruinen vor ihnen und die falschen Heiligtümer einer Welt, die zu ändern ist, gegen die ungläubigen Feinde Syriens, und natürlich gegen einander, und natürlich gegen „uns“. Im Vergleich zu ihren geifernden Schreien wirkte ein brasilianischer Fussballreporter nach diesem entscheidenden Siegestor in der letzten Minute gegen Argentinien wie ein Ausbund an Zurückhaltung und Leidenschaftslosigkeit, ein anachronistischer Lord voller Contenance. Meine Kopfhörer boten mir die Goldmann-Variationen von Gould, aber gegen diese Orgie an Lärm und Gebrüll musste auch Bach weichen.

Als wir am Abend dieses Tages in unser Hotel in Beirut zurückkamen, erfuhren wir, dass wenige Kilometer von Baalbek entfernt, auf der syrischen Seite, die Hassprediger erfolgreich gewesen waren – mindestens zehn Menschen waren getötet worden. Der Libanon hängt an einem seidenen Faden.

Aber das Schlimmste, was der Westen Arabien angetan hat, nach all dem Verrat und all den Kriegen, das ist, trotz der 16 Glaubensrichtungen und des ewigen Fiaskos der Stellvertreter-Kriege, trotz des Irrsinns moderner Städteplanung ohne Plan, trotz der absurden Jugendarbeitslosigkeit und der ganzen arabischen Müdigkeit und Lethargie, immer noch – die Hupe.

Ich gestehe, dass ich, ein durch und durch friedliebender Mensch, in Baalbek und Beirut des öfteren an einen Schalldämpfer gedacht habe – allerdings im ursprünglichen, waffenlosen Sinn des Wortes, und dann noch an den von Axel Corti: „Der Alte aus Beirut“ hieß einer seiner wunderbarsten Texte.

Möge dieser Teil der Welt Ruhe finden. Und eine Welt, die keine Prediger mehr braucht.