Der letzte Kreis der Hölle – volkstümliche Musik revisited

Seit einem durchaus traumatischen Erlebnis, meinem ersten Musikantenstadl, hatte ich mir vorgenommen, das Kapitel „volkstümliche Musik“ einmal zu verarbeiten. Nach einem ersten Ansatz, der sich zufällig ergeben hatte, wollte ich es gestern wissen: „Das Sommerfest der Volksmusik“ stand auf dem Programm. Gewappnet mit guten Vorsätzen, stimulierenden Essenzen, Diktiergerät, Block und Stift, Popcorn und Pulsmesser ließ ich mich auf das Abenteuer ein.

Die Moderatorin heißt angeblich wirklich Carmen Nebel, tritt als grellgrüne Hüpfburg auf, deren Farbe sich mit allen im Studio reichlich arrangierten Pflanzen schlägt und wird ob ihres Darstellungsvermögens während der gesamten Sendung von einem relativ kleinen Philodendron links hinten an die Wand gespielt.

Die Kulissen gewähren diesmal einen tiefen Einblick in südliche Gefilde und die dunkle Seele des Ausstatters. Ein mutiger Sonnenuntergang vor der Silhouette des Vesuvs in Technicolor im Hintergrund, davor eine Pizzeria namens Don Vaffanculo oder so ähnlich, ein Ristorante Wurstelconkrauti und die unvermeidbare Vespa lassen Urlaubsgefühle von Ruhrpottbewohnern der Fünfzigerjahre wach werden. Dieses Italien gibt es nicht mehr und hat es nie gegeben, aber den Ruhrpott gibt es auch nicht mehr, und den hat es gegeben. Sein ist die Rache.

Das Publikum ist enthusiasmiert. In Magdeburg und Umgebung hatten alle Friseure Hochbetrieb, und die guten Sachen wurden aus dem Schrank geholt. Schutzbedürftige Minderjährige sind in großer Zahl und in ihren Konfirmandenkleidern mitgebracht worden, glotzen verzweifelt in die Kameras und bekommen einen Vorgeschmack darauf, was ihre Eltern meinen, wenn sie „wenn Du `mal groß bist“ sagen. Es wird fast ununterbrochen gepascht, wobei selbiges nicht zu den Stärken aller Anwesenden gehört und einen leicht spastischen Eindruck macht. Ich weiß, auf diese Menschen soll man nicht hinhauen, das haben andere schon getan. Hier sitzen Verlierer, die das auch herzeigen müssen, Übergebliebene der Globalisierung der Gefühle und der enttäuschten Erwartungen an ein Leben, das nichts, aber auch gar nichts zu tun hatte mit den Träumen, denen sie hier lauschen. Aber ich bin es nicht, der sie verarscht.

Auftritt Heintje. Wenn ein Kinderstar älter wird, nicht bei Heroin landet und den Rachen nicht voll kriegt, wird aus ihm so einer. Ölig, Glitzeranzug, den Charme eines Croupiers in Oberwart ausstrahlend, dessen Jagdstrecke an für alles zu jungen Friseusen beachtlich sein muss. Der Dialog zwischen Frau Nebel und Herrn Heintje ist von einem durchgeknallten Gagschreiber, der von Didi Hallervorden wegen Niveaulosigkeit an die Luft gesetzt wurde. Die Gags sind nicht wiedergebbar, werden so authentisch improvisiert gebracht wie Kommentare des XXIII. Parteitags der KPdSU und unterbieten auch deutsche Entgleisungen in puncto Humor um Längen. Das Publikum tobt.

Die Sangesdarbietung von Heintje lässt mich zum ersten Mal daran zweifeln, ob ich das durchstehe, aber zum Glück kommt nun Stefanie Hertel. Auch die war einmal ein Kinderstar, und nun ist sie im elften Monat schwanger und tritt „zum letzten Mal vor dem freudigen Ereignis“ im Fernsehen auf. Sie sieht vor allem nasenmäßig aus wie Stefanie Graf, allerdings heißt ihr André Agassi Stefan Mross, was nur gerecht ist. Frau Hertel ist Gewinnerin der Goldenen Stimmgabel und erschüttert das Publikum mit Folgendem:

Ich hab’ ein Handy in meinem Herzen, das klingelt mitten in der Nacht.

Ich weiß genau, das kannst nur Du sein, Du hast ganz lieb an mich gedacht.

Ich hab’ ein Handy in meinem Herzen, da bist Du immer nah’ bei mir.

Das kleine Handy in meinem Herzen, das ist mein heißer Draht zu Dir.

Es wurde schon in einem originellen TV-Spot auf die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten des Vibrations-Läutens von Mobiltelefonen eingegangen, aber hier findet eine den Mut und die Sprache, das vor einem Millionenpublikum hinauszuposaunen. Ob die Errungenschaften von Breitbandübertragungen auch für ihren Zustand verantwortlich sind, was Herrn Mross in Abwesenheit etwas cooler dastehen ließe, fragt Frau Nebel nicht. Dafür schwadroniert man darüber, wie man schon vor zehn Jahren beisammen saß und dass man in zehn Jahren wohl wieder, etc., was Carmen Nebel zu der von hölderlinscher Dramatik durchdrungenen und in ihrer Schickssalsschwere völlig berechtigten, allerdings an diesem Abend nicht von allen Zusehern geteilten Aussage „Hoffentlich bin ich dann auch noch da“ bringt. Carmen Nebel ist ein schönes Beispiel dafür, dass Moderatoren exakt auf dem intellektuellen Level des Publikums sein müssen, um erfolgreich zu sein. Man nimmt ihr ab, dass sie über ihre Fans nicht hinterrücks lästert und ohne Drogen auftritt. Ihre Begeisterung ist so echt wie die Betroffenheit einer Russwurm oder die Niedertracht eines Moik.

Dem folgen die „Sänger und Tänzer der ersten Volksmusikboygroup, die Alpin AG“, also eine Art New Kids under the Mähdrescher, was aber auch ein frommer Wunsch bleibt. Festzuhalten ist, dass Frau Nebel in einem ihrer tieferen Momente des Abends das Publikum darauf aufmerksam macht, dass die Beatles auch singen und musizieren konnten, dabei aber nicht getanzt haben. Die hier konnten das. Der Schuss im Himmel, mit dem John Lennon sich noch einmal der Unmöglichkeit einer Rückkehr versicherte, war nur für wenige zu hören.

Alpin AG bringen eine deutsche Cover-Version eines Titels, den schon die Kastelruther Spatzen gefladert haben, was lobend erwähnt wird, und dann stehen die Bestohlenen auf der Bühne: Smokie. Ich erinnere mich, dass in meiner Schule ein Bekenntnis zu Smokie mit lebenslanger Ächtung gleichzusetzen war, und jetzt stehen die hier, kurz vorm Rollstuhl, machen gute Miene zum bösen Spiel, und singen als Ausgleich auch eine Raubkopie, nämlich „It Never Rains in Southern California“. Meine stimulierenden Ingredienzen werden weniger.

Österreich hat Deutschland und der Welt schon viel angetan. Warum das auch auf dem Gebiet der Perversion von Unterhaltung so sein muss? Brunner & Brunner, die nächsten Gäste, geben nicht bei ihrem Auftritt, aber in ihrer Homepage eine Antwort:

„Der „stairway to heaven“ führt über die Holzstrasse oder die tiefere Schönheit des Unwortes „Schlager“

Karrieren fliegen im Normalfall nicht wie Sektkorken an die Decke. Karrieren unterliegen einer Entwicklung und die begleitenden Parameter heißen Talent, Durchhaltevermögen, Partnerschaften und Glück. Speziell künstlerische Entwicklungen wurzeln in den meisten Fällen in dem Biotop, aus dem der Künstler stammt. In diesem Fall heißt das Biotop Steiermark. Der Teil Steiermark, aus dem die Brüder Brunner stammen, ist der westlichste der Mark. Hart an der Grenze zum Land Salzburg. Die Berge die den Heimatort Murau umgeben sind die Niederen Tauern. Nieder ist nicht wirklich nieder. Im Gegenteil, sie sind eigentlich ziemlich hoch, die Niederen Tauern, aber es gibt da eben noch höhere Berge. Berge, dörfliche Enge, eingefahrene gesellschaftliche Strukturen und eine Entertainmentspielwiese, auf der sich die Spielregeln seit Ewigkeiten nicht verändert haben. Das sind nicht wirklich die optimalen Bedingungen für satten rock´n´roll. Aber, wäre da nicht die oft bestätigte Theorie, das rock´n´roll eher im Herz stattfindet und erst möglicherweise später auf Gitarrensaiten springt.“

Hart an der Grenze zum Wahnsinn, der erst später möglicherweise auf Gitarrensaiten springt, die leider nicht wie Sektkorken an die Decke knallen, sondern über den Holzweg nicht optimaler gesellschaftlicher Strukturen satten Rock ´n´ Roll im Herzen stattfinden lassen, wo Stefanie Hertels Handy unablässig klingelt, weil George Harrison aus Poona anruft und Satisfaction schreit. Brunner & Brunner sind hart, Gebrauchtwagenverkäufer auf Abwegen, Siegfried & Roy aus Murau, und statt den schwulen weißen Tigern wird ein junger Bernhardiner auf die Bühne gezerrt, der sich umgehend daran macht, Carmen Nebel südlich des Nabels niederzuschnüffeln, die offenbar für die letzte Pipi-Pause zu wenig Zeit gefunden hatte. Nieder ist wirklich nieder.

Ich habe Rudi Schurike nicht wirklich gemocht. Sein „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ hat zu solchen Kulissen geführt, und dazu, dass ich heute wie einst Tiberius auf meiner Lieblingsinsel nur nachts unterwegs bin, weil ich die Tagestouristen nicht aushalte. Aber was ihm nun geschieht, hat er nicht verdient: sein Enkel tritt auf, jung, sportlich und fesch, und singt Schurikes „Glaube mir!“ in einer Rap-Version, und dann wird eine uralt-Aufnahme des Haderns von Schurike dazwischengeblendet, das Gesicht des Opas in Schwarzweiß, und die beiden singen im Duett.

„Was die Technik alles möglich macht…“ sagt Frau Nebel, und das haben sie in Hiroshima damals wohl auch gedacht.

Interessanter Weise sprechen die kurzen Schwenks an den Reihen des aufgefädelten Publikums entlang eine eigene Sprache: die meisten blicken mürrisch, offenbar unwirsch, dass da Kameras die Idylle stören, man wäre lieber unter sich.

Wiedermal den Tag versaut

Und Dir geht’s auch noch gut

Wieder richtig draufgezahlt

Mir reicht’s, ich hab’ genug.

gibt dann Wolfgang Petry zum Schlechtesten. Ich bin nun in einer Stunde um ein paar Jahre älter geworden. Warum tue ich mir das an? Journalistische Sorgfaltspflicht? Ich schreibe Reden für Politiker und langweilige Artikel zu Budgetfragen. Das tut auch weh, aber es hat nichts mit diesem Irrsinn zu tun.

Bei mir ist jetzt der Teufel los

Mein Leben schreit nach Dir

Auf einmal geht die Türe auf

Und Du stehst hier vor mir.

Vor mir steht ein Elvis-Imitator. Er bringt einen Elvis-Medley, aber dann zeigt er, dass er mehr d’raufhat. Elvis singt „Anton aus Tirol“, frenetischer Applaus, standing ovations, die ersten Ohnmachtsanfälle im Publikum und in meinem Wohnzimmer.

Mal wieder voll daneben

Und Du gibst mir den Rest

Mal wieder voll daneben

Ich beiss mich an Dir fest

Wir ha’m schon tausendmal

An Schluss gedacht

Doch einmal ist noch drin

Mal wieder voll daneben

Wir kriegen das schon hin.

Wolfgang Petry wirkt noch tröstend nach, aber es naht die Stunde ohne Trost. Ich weiß, dass ich nicht mehr viel Zeit habe. Meine Notizen aus jener Nacht beginnen schwer leserlich zu werden. Das Diktaphon war noch bei Bewusstsein: ihm entnehme ich, dass in jenem Sommerfest der Volksmusik und in Frau Nebel noch eine ganze Kettenreaktion an Höhepunkten stattgefunden hat. Es gab einen gnädigen Tonausfall während einer Nummer von Truck Stop, der kein Filmriss von mir war, weil die Jungs erstaunt unterbrachen und noch viel erstaunter und leicht verspätet weiter sangen, als das Band sich wieder gefangen hatte, es gab einen weiteren Abschied von zwei Sängerinnen, die die Bühne verließen, weil sie als Teilzeitprostituierte in Estland etwas Besseres gefunden hatten oder so, von Tränen und Bocelli (vom Band) begleitet, und bei „Time to Say Goodbye“ war ich in etwa in der Verfassung von Mike Tysons letztem Vergewaltigungsopfer nach der zwölften Runde, nur ohne das Handtuch werfen zu können. Monika Martin, eine weitere Verhöhnung Österreichs als Musikland, gab noch ihren Senf akustisch dazu, dann traten Judith & Mel an, um mir den finalen Fangschuss zu gewähren.

Von Judith und Mel hatte ich noch nie gehört, und wenn dieses mein Leben mir noch ein klein wenig Gerechtigkeit angedeihen lassen will, für alles was ich nicht getan habe und alles was mir widerfuhr, dann werde ich auch nicht mehr von ihnen hören. Er im hellblauen Rüschenanzug, sie folgerichtig in Pink, ein Paar wie aus diesen billigen Softpornos der Siebziger, die man so gerne vergessen möchte. Sie hielt das Mikrophon so, wie man als sehr junger Junge hofft und später fürchtet, dass sie etwas halten würde. Ihre Nummer war auch so. Als ich begann, mein Leben wie einen Film ablaufen zu sehen, hatte ich genug. Gnädig umfingen mich Morpheus’ Arme.

Man muss sich im Leben vielem stellen. Ich habe gelernt, dass das meiste verarbeitet werden kann, dass manches durchaus auch verdrängt werden soll. Es gibt jedoch auch Bereiche, die einfach so im Raum stehen bleiben müssen. Nicht für alles sind wir groß genug. Manchmal zerbrechen wir an solchen Hindernissen, manchmal umschiffen wir sie. Warum alle so unglücklich sind, während es uns allen so gut geht, werde ich nicht mehr beantworten können, Fermats letzten Satz werde ich nie verstehen, warum Frauen sind wie sie sind auch nicht. Ich werde jedoch weiter nach Antworten suchen.

Die Volksmusik aber überlasse ich Größeren. Man muss auch in Würde scheitern können.