Der Alte von Cosenza

Es zählt doch eher zu den Errungenschaften des modernen Schulwesens, dass das stupide Auswendiglernen von Balladen zumindest nicht mehr als die einzig wahre Grundlage von Bildung angesehen wird. Den Eingangsmonolog im Faust nicht auswendig zu können galt vor hundert Jahren noch als unzivilisiert, Schillers endlose „Glocke“ `runterratschen zu können als geistig-olympische Disziplin. Aber bitte anschnallen: nach heutigen Maßstäben hatten Menschen um 1900 einen durchschnittlichen IQ zwischen 50 und 70. Sie waren also hochgradig geistig behindert. Nein, waren sie natürlich nicht. Sie dachten nur viel konkreter als wir. Und anders. (brand eins Magazin, „Ach ja, die Jugend“, 11/2008, www.brandeins.de)

Lyrik aber, und das ist ein Verlust, ist in ihrer herkömmlichen Form verlorengegangen. Texte von Songs, vor allem Rap-Gedichte, haben ihren Platz eingenommen. Sie sind, wie die Gereimtheiten und Ungereimtheiten der Vergangenheit, manchmal gut und oft schlecht. Moderne unvertonte Lyrik wird kaum noch gelesen. Daher werden Gedichte auch kaum noch geschrieben, außer von Pubertierenden und jenen Ärmsten des Literaturbetriebes, die oft viel aber meist nicht anders können.

Ein Klassiker, der noch auswendig gelernt werden musste, als eh schon niemand mehr wusste, wer Alarich war, ist „Das Grab im Busento“ von Platen. Ich habe solche Sachen immer in der Badewanne gelernt, aber wer heute anderes in der Badewanne zu tun weiß, hat Besseres zu tun. Die Ballade ist unsäglich, schon die ersten zwei Zeilen sollten jeden sprachlich Sensiblen aufheulen lassen, zur Sicherheit sei das Ganze aber weiter unten angeführt.

Den Busento gibt es jedoch noch, die Stadt Cosenza auch. Als der Gotenhäuptling Alarich im Jahre 410 dort hinschied und mit seinen gerade in Rom günstig geraubten Schätzen vergraben wurde, ist mit ihm vielleicht die Bundeslade aus Jerusalem verschwunden. Vor den Goten war sie jedenfalls noch da. Alarichs Grab und die Beute wurden nie gefunden (http://geschichte-westeuropa.suite101.de/article.cfm/auf_der_suche_nach_alarichs_grab).

Sicher ist, dass im normannischen Dom königlich bestattet wurde, Heinrich von Hohenstaufen und Isabella von Aragon (letztere, wie Wikipedia weiß, „teilbestattet“) lagen oder liegen dort zur Ruh’. Sicher ist auch, dass Cosenza heute eines der vielen Enden der Welt ist: tiefstes Kalabrien, turmhohe Häuser aus dem Mittelalter, in denen niemand mehr wohnt und ebenso hohe Müllberge, kaum Tourismus, keine Jugend, keine Zukunft.

Aber dort werden noch Gedichte geschrieben: in einer winzigen Buchhandlung auf der Piazza vor dem Dom, nicht größer als zwei Telefonzellen, lebt Antonio Rizzuti. Er ist etwa 80, eher älter, es fällt ihm schwer noch beweglich zu sein, aber er hütet das zu Bewahrende. Man kann bei ihm kleine Domführer kaufen, und dazu kriegt man von ihm kopierte Blätter über die Zahlensymbolik der Staufer. Er hat eigentlich keine Buchhandlung, sondern nur zwei kleine Stapel mit acht oder neun Titeln: Lokalhistorisches, uralte Schmöker über die Stadt und die Region, einen Museumsführer. Und spricht man seine Sprache, gibt er noch kleine, sauber in Streifen gerissene Teile von Seiten dazu, auf denen sich Gedichte von ihm finden wie dieses:

La Voce del Passato

Ritorna il passato
ritorna
in morbide luci di sogno
a volte inatteso,
impetuoso
come un torrente in piena,
al magico richiamo
d’un profumo,
d’un suono,
d’un fiore disseccato,
di un amico ritrovato.

Die Stimme des Gestern

Das Gestern kehrt wieder
es kommt zurück
in sanften Lichtern eines Traumes
unerwartet manchmal,
ungestüm
wie ein reißender Fluss,
als verklärter Hinweis
auf einen Geruch,
einen Klang,
eine vertrocknete Blume,
einen wiedergefundenen Freund.

(Alle Übersetzungsfehler sind Alexander Kriegelstein anzulasten)

Es wird diese Gedichte auf kleinen an Falten gerissenen Zettelchen bald nicht mehr geben, und keine Kopien über Zahlenmystik und keine verstaubte Buchhandlung mit kleinen Stapeln von acht oder neun Titeln an der Piazza von Cosenza. Aber ohne diese Träumer, die anschreiben gegen die Stürme und Zeiten der Welt, die sich schwer tun noch beweglich zu sein und hüten, was noch unentdeckt ist, gäbe es vieles nicht, was uns reich macht. Sie sind unser Erbe. Sie sind das wahre Grab im Busento.

Das Grab im Busento

Nächtlich am Busento lispeln
bei Cosenza dumpfe Lieder;
Aus den Wassern schallt es Antwort,
und in Wirbeln klingt es wider.

Und den Fluß hinauf, hinunter
zieh’n die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen,
ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat
mußten hier sie ihn begraben,
Während noch die Jugendlocken
seine Schulter blond umgaben.

Und am Ufer des Busento
reihten sie sich um die Wette,
Um die Strömung abzuleiten,
gruben sie ein frisches Bette.
In der wogenleeren Höhlung
wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam,
mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder
ihn und seine stolze Habe,
Daß die hohen Stromgewächse
wüchsen aus dem Heldengrabe.

Abgelenkt zum zweiten Male,
ward der Fluß herbeigezogen:
Mächtig in ihr altes Bette
schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern:
„Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht
soll dir je dein Grab versehren!“

Sangen’s und die Lobgesänge
tönten fort im Gotenheere;
Wälze sie, Busentowelle,
wälze sie von Meer zu Meere!

August Graf von Platen 1796-1835