Das größere Puzzle

Sigurd Schädeldrunk wurde 1965 als elftes Kind seiner Eltern in Tromsö geboren, 600 km südlich des Nordkaps und 1600 km nördlich von Oslo oder 4000 km nördlich von Palermo.                                                                                Sein Vater war im Straßenbau beschäftigt, aufgrund der Schneeverhältnisse bis auf wenige Wochen des Jahres beschäftigungslos und, wie praktisch alle Arbeiter in Tromsö, dem Trunk ergeben. Die Mutter führte anscheinend ein extrem unauffälliges und aufopferndes Dasein als Hausfrau und Mitglied im Kirchenchor einer örtlichen Stabkirchen-Gesangsgruppe. Von frühester Jugend an waren Schädeldrunks Träume und Wünsche nach Süden orientiert.

Die acht jährlichen Wintermonate, sechs davon bei ständiger Dunkelheit, zerrütteten sein Nervensystem bereits, bevor er die Volksschule besuchte. Erkennbar wurden seine Schwierigkeiten, sich den Bedingungen seiner lokalen Hemisphäre anzupassen, durch vereinzelte autistische Ansätze, eine Hingabe zu Puzzles und eine Vorliebe für neapolitanische Volkslieder. Dies machte ihn bald zu einem Außenseiter in seinem unmittelbaren Lebensumfeld. Von Freundschaften in seiner Jugend ist nichts überliefert, von Geborgenheit bei seinen Eltern noch weniger. Zwei Entscheidungen sollten seinen Lebensweg entscheidend beeinflussen: der Entschluss, in Trondheim Kunstgeschichte zu studieren und die Lektüre des Buches „Die Kinder von Torremolinos“ von James Michener.

In Trondheim begegnete Schädeldrunk schicksalshaft der mittelalterlichen Mosaikkunst und der ebenfalls bereits nicht mehr jungen Hilda Hillevaegen. Nach seiner Diplomarbeit über ein revolutionäres neues Zählverfahren von Mosaiksteinchen der byzantinischen Mosaike von San Vitale in Ravenna erhielt Schädeldrunk ein Post-Graduate-Stipendium des Winckelmann-Instituts in Rom.
Die dortige Ausbildung umfasste auch einen praktischen Schwerpunkt, der umfangreiche Mitarbeit an Restaurierungsprojekten einschloss.
Sigurd Schädeldrunk war am Ziel seiner Wünsche angelangt. Das Leben in Rom kam seinen Bedürfnissen entgegen, die Auseinandersetzung mit Mosaiken des zwölften Jahrhunderts bediente seine Leidenschaft für Puzzles und die leichtlebige südliche Art gab ihm ausreichend Gelegenheit, mit Kommilitonen und Handwerkern das örtliche Liedgut zu pflegen.

Wohl entgegen seinen Erwartungen folgte ihm Hilda Hillevaegen nach einigen Monaten. Manchen Berichten zufolge stand die Beziehung in Rom von Anfang an unter keinem guten Stern. Während Schädeldrunk seiner neu gewonnen Freiheit zu leben bestrebt war, scheint seine Gefährtin ihn schon bald mit ihrem Wunsch, eine eheliche Bindung einzugehen, bedrängt zu haben.
Etwa zu dieser Zeit begann Sigurd Schädeldrunk, die Mosaiken an der Fassade von S. Maria in Trastevere zu restaurieren. Anfänglich scheint er sich dieser Aufgabe mit großer Begeisterung gewidmet zu haben.

Schädeldrunk hat damals eine Exkursion nach Ravenna unternommen, um die dortigen byzantinischen Mosaike, Gegenstand seiner Diplomarbeit, vor Ort zu studieren.

Irgendwann hinterfragte er die Geschichte von den klugen und den törichten Jungfrauen, die in Trastevere dargestellt sind. „Eine dümmere Legende kenne ich nicht.“ schrieb er in sein Tagebuch.

Es war ihm nicht vergönnt, seinen Frieden in dieser Auseinandersetzung zu finden. Ebenso wenig in der mit seiner Gefährtin.

Nach teils lautstarken Zwistigkeiten im Institut und immer häufigeren Unregelmäßigkeiten an seiner Arbeitsstelle sah sich Schädeldrunk im Sommer 2002 seines Stipendiatsplatzes im Winckelmann-Institut und damit auch seiner Unterkunft und seiner Arbeit verlustig gegangen. Wie es scheint, wurde er in der Folge unterstandslos und nächtigte in einem Schlafsack vor der Kirche, an der er so lange gearbeitet hatte. Auch dorthin folgte ihm Hilda Hillevaegen.

Das Leben auf der Straße kann nur eines der Entbehrungen und Demütigungen gewesen sein. Schädeldrunk, der damit vor den Scherben seiner Träume und eines ihm entfremdeten Kunstwerkes stand, hat sich nachweislich in stark zunehmendem Maß dem Alkoholismus zugewendet. Mehrfache Anhaltungen durch die Polizei ergaben, dass er zu diesem Zeitpunkt über praktisch keinen Besitz mehr verfügte.

Aus einem der Protokolle geht hervor, dass sich in seinem Schlafsack bei jeder Anhaltung neben einem Hemd noch eine Pinzette (sein ehemaliges Arbeitswerkzeug), Micheners Buch und zahlreiche Flaschen Sangria und Fernet Branca feststellen ließen. Betreiber umliegender Lokale in Trastevere verhängten immer wieder Lokalverbot über ihn, das er jedoch ständig durch überfallsartiges Eindringen in die sanitären Anlagen umging. Nicht immer erreichte er das Ziel seiner Versuche, trat jedoch den Rückzug auch nicht unverrichteter Dinge an.

Im Spätherbst 2002 war Schädeldrunk aus Rom abgereist, offenbar ohne seine Begleiterin.

Hilda Hillevaegen war keine Frau, die eine Abweisung als solche anzunehmen gewillt war. Per Autostopp versuchte sie, ihrem Geliebten ein weiteres Mal nachzureisen. Bis Genf hatte sie Glück, dort verließ es sie. Möglicherweise auch bedingt durch ihr inzwischen doch erheblich vernachlässigtes Äußeres scheint sie in der Stadt am Genfer See eine ungewollte aber dauerhafte Bleibe gefunden zu haben. Nachvollzogen kann werden, dass sie im ausgedehnten Garten des Hôtel Beau Rivage einen Unterschlupf fand. Ein Hotelportier berichtet. dass sie tagsüber dem Schnorren von Münzen nachging, aber bald erkennen musste, dass ihr mit Schweizer Franken und Rappen in Form von Münzen eine Weiterfahrt nach bzw. durch Frankreich nicht möglich war, und dass Münzen in Frankreich nicht gegen Euro gewechselt werden. In einem Brief aus jenen Tagen wird ihre Verzweiflung ersichtlich, ebenso wie ihre Versuche, Sigurd Schädeldrunk postalisch zu erreichen:

dptmto. ciudad de malaga informacion generalife
servicio postal y notas
avenida corte inglès
830010 malaga

ilustra signora hilda hillevaegen
parc de l’hotel beau rivage
3ème arbre à la gauche
13, quai du Mont-Blanc
1201 Genève

dear mrs. hillevaegen,

we are sorry to be obliged to inform you that your request to forward your letter dated october 26 to
signor sigurd shädeldrunk, obviously registered via las palmeras, playa bajondillos, balnearo n° 6, has finished unluckily.
signor shädeldrunk seems to have moved or has refused to accept any letters or is dead.

we are sure to be always prepared to welcome you in la muy bonita andalucia.

have a nice holiday.

jaime xetros
malaga informacion generalife

Schädeldrunk war in der Zwischenzeit, wie auch aus Hillevaegens Versuchen, ihn zu erreichen, ersichtlich, seinem letzten Traum gefolgt: nach Torremolinos. Wie eine der Protagonistinnen des Romans, die gleichfalls aus Tromsö stammte, suchte er noch einmal den Süden, die Sonne, die Freiheit.
Wie sich herausstellte, fand in Torremolinos die Wandlung des Wissenschafters zu einem Schaffenden statt:

el diario de noticias, 01.12.2002

„künstler“ mit ventil und spray

torremolinos

(reuters, 30.11.02) wie erst heute bekannt wurde, hat ein akt von vandalismus die front des neuen kongresspalastes betroffen: in der nacht vom 27. auf den 28. hat ein offenbar geistesgestörter mit lackspray eine kopie des mosaiks der „weisen und törichten jungfrauen“ der kirche von sta. maria in trastevere (12. jhdt.) an der wand über der eingangshalle angebracht. der täter hat sein werk signiert; nach angaben der fremdenpolizei ist der name authetisch. der unterstandslose sigurd schädeldrunk hat offenbar seit geraumer zeit an den stränden der costa del sol genächtigt. das 8 x 12 m (!) große „werk“ hat er in den nachtstunden in aller heimlichkeit und mit zuhilfenahme eines entwendeten baukrans als leiter-ersatz zustande gebracht. zurück blieben ein rucksack, in dem sich ein stadtplan von rom und zahlreiche – teils ungeöffnete – briefe aus genf befanden, sowie eine geleerte flasche fernet branca und eine ebenfalls leere doppelliter-flasche sangria.

beachtlich fanden die lokalen behörden, dass der täter (er stammt aus tromsö) sich der mittelalterlichen mosaiktechnik soweit angenähert hat, mit dem lackspray in pointilistisch-impressionistischer manier 12,604.388 einzelne farbpunkte zu setzen. es wird nun erwogen, das spray-mosaik als ausdruck der flucht der orientierungslosigkeit moderner ausdrucksformen in eskapistische auswege zu belassen. nicht geklärt ist auch, ob der überdimensionale schriftzug mit dem fast drei meter hohen wort „WARUM?“ stehen bleiben soll.
schädeldrunk ist flüchtig.

Erste Hinweise auf Schädeldrunks neue Wirkungsstätte finden sich in einem von der Nederlands Politie aufgezeichneten Telefonat, welches seitens des Kunsthändlers Warren S. von einem Indonesischen Restaurant in Amsterdam aus geführt wurde:

„Yeah, I tell you: the guy is great. You know, crazy like hell and like all of these guys, but great. No, not painting. Mosaics, but … – no, mosaics, but with tiny little pieces of paper, puzzle-parts as a matter of fact. The back side up, actually. No, I’m not kidding. And then he works with sprays. How do these people deal with such a Rijstafel? You simply can’t – no, I’m not talking to you. Yes, sprayers are out, but this one is different. He seems to be all taken by a certain ancient legend, with virgins and stuff like that. Very strange. But I can guarantee you, he’s just perfect.”

Dies entsprach den Tatsachen. Sigurd Schädeldrunk ist heute einer der höchst gehandelten bildenden Künstler der Gegenwart. Seine Puzzle-Mosaik-Spray-Collagen mit dem immer wiederkehrenden Thema der klugen und törichten Jungfrauen zieren die bedeutendsten Galerien New Yorks, Tokios, Madrids und Amsterdams. Heute lebt der Künstler immer noch in Amsterdam, als Nachbar und Freund von Jennifer Anniston und Brad Pitt. Nie allerdings wird er ohne Leibwächter gesehen. Vertraute berichten von einer irrationalen Furcht vor einer ehemaligen Freundin, die sich nicht mehr in Genf aufhalten soll.