Archiv der Kategorie: Texte, Essays

Ein kurzer Brief zum langen Abschied

[UNSET]Fés, 03.03.14

Letzte Woche hat mich Fés Demut gelehrt. Das ist schon die beeindruckendste Stadt des Landes, Welten von Marrakesch entfernt, das seinem touristischen Erfolg zum Opfer geworden ist. Marrakesch ist schön, faszinierend, aber schon lange nicht mehr als eine Kulisse für „Orient“-suchende Besucher. Und ich halte die alten Männer aus unserer Welt nicht aus, die mit jungen Marokkanern spazieren gehen, wie es andere mit ihren viel zu jungen Frauen in Thailand oder Odessa tun, stolz, schamlos und lächerlich. Auch wenn das schon immer so war: „1 Knabe – 3 Piaster“ stand auf der Herbergsrechnung eines Reisenden vor über hundert Jahren. Weiterlesen

Côte d’Azur

Bilder, die diesen hier ähneln, weil man das Rad gerade dort nicht neu erfinden kann. Die Côte d’Azur ist eine meiner Traumlandschaften, und heuer konnte ich noch einige Tage im November dort verbringen. Meine Heimat dort ist Antibes, und Antibes ist besonders. Andere Motive waren Cannes, Monaco, Nizza, Èze Village und Cap Ferrat.

Inhalt

Das traurigste Bild der Welt – eine Erzählung darüber

Trio Infernale – drei verlorene Ziele

2019 naht…  und ich werde durch Kakao gezogen

Semana Santa 2018 – aktuelle Bilder aus Andalusien

Reisen 2018 und aktuelle Bilder

2018

A Last Night – Abschied von einer Insel

Besuchen Sie Europa – solange es noch geht…

Aus den Iden des Mai – und erste Blicke ins 17er-Jahr

Bilder aus Südspanien 

Rajasthan – Bilder einer Reise

Bilder, die sprechen – was Mantua erzählt

… wie Gott in Frankreich – Neues von dort

Eyes wide open – Heimkehr in den Norden

Ein Flâneur in Sevilla – aktuelle Bilder aus Andalusien

Aranjuez – Kierling – Von Bach zu Rodrigo und Kafka

Ein kurzer Brief zum langen Abschied – Marokko revisited

Côte d’Azur – neue Bilder aus einer alten Heimat

Für heuer – Bilder aus Südwestfrankreich

Zwölf Minuten – ein Essay über Sevilla und Vincente

Die vergessene Revolution – über die Commune und Paris

Ein Papst tritt ab – über das Papsttum, das Schisma, Padua, Giotto und das späte Mittelalter

Sieben Monate mit Theo – über einen, der nicht mehr wollte

Ultimo Viaggio – eine letzte Reise – über eine, die gegangen ist

A Dream Come True – eine maghrebinische Geschichte aus Marokko

Venice for Pleasure – eine von GEO ausgezeichnete Gebrauchsanweisung für Venedig

COS I’M FREE – eine Geschichte, die Mut machen soll

A Long Happy Hour – Bilder und Impressionen aus Südengland

Das größere Puzzle – ein wenig vom Absurden

Der letzte Kreis der Hölle – volkstümliche Musik revisited – ein Wutanfall

Zwei Blondinen in Rom – über Cleopatra und Rom

:-) – über Reiseleiter

Österliches aus dem Morgenland – Bilder und Zeilen aus Marokko

Neue Bilder… – aus Marokko und Israel

Küste des Lichts – aus der Côte d’Azur

Eine wiedergefundene Zeit – Zeilen und Bilder aus Südwestfrankreich

Die Sixtina des Impressionismus – Monet und die anderen – das Musée Jeu de Pomme

Look Back in Anger – ein Nachruf auf eine Hoffnung und den €uro

Auld Lang Syne – Bilder und Gedanken aus Schottland

Rule, Britannia! – Bilder und Worte aus England

Pastis und Spitzenhäubchen – Bilder aus der Normandie und der Bretagne

Gotik und Gärten – Fotos: Lothringen, Champagne, Île de France, Normandie

Eines langen Tages Reise in die Nacht – ein Sonnenuntergang (und etwas mehr) aus Irland

Stille Tage in Clichés – Eindrücke aus dem Loiretal

Gehrys sehr famose Bude – Bilbao und Baskenland

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blüh’n? – aus dem Golf von Neapel

Die Irren von Baalbek – dunkle Ahnung und helle Bilder im Libanon

Im Land ohne Lächeln – China, Impressionen und Reflexionen

Eine Lesung – Egon Friedell – Kulturgeschichte der Neuzeit (Podcast)

Von Städten und Büchern – über das Lesen von Büchern und Städten

Artenkunde der Reisenden – über Menschen auf Reisen

Ein 1. Preis der GEO-Reisecommunity… – ebendas

Artenkunde der Reiseleiter – über arbeitende Menschen auf Reisen

Zanzibar – über Klaus Mann, Cannes, Nizza und eine seltsame Nacht

Pardon me boys, is that the Chattanooga Choo Choo? – über die ÖBB

Addio, Italia! – Wehmut einer Enttäuschung

Beginn einer lebenslangen Suche – Anfänge eines Lebens mit Italien

Understatement in Cash – über die Toskana

Peter Paul Rubens – Malerfürst in X-Large – über Rubens

Tiepolo – die Entdeckung der Langsamkeit – über Tiepolo, Langsamsein und Präimplantationsdiagnostik

Touristengebet, aktualisiert – ein augenzwinkerndes Gebet

Reiseleiter? – Reiseleiter! – warum trotz allem

Marcel Prousts Fragebogen – zum Nachmachen

Der Alte von Cosenza – über Lyrik

Hier blühen keine Zitronen – über die Renaissance und die Schönheit

Lawrence von Arabien – der englische Patient – über ihn

Der schönste und traurigste Ort der Welt – Versailles

Warum ich kein Diplomat geworden bin – und worüber ich sehr froh bin

Rom mit Kindern (oder ohne) – aber eher mit, „ohne“ steht woanders

Ex Oriente Lux – über Lissabon und die Algarve

Ein geheim gehaltenes kleines Kunstwerk – über Reiseführer und Budapest

Österreichische Printmedien – in Anlehnung an „Yes, Minister“

Brief an eine Tochter – über jüngere Kunst

Weihnachten und viel mehr – meine alljährliche Weihnachtsgeschichte von Axel Corti

Ob es das Christkind gibt? – Brief an einen jungen Menschen

Zugänge “Vier” – ein Quiz, wie auch:
Zugänge “Drei”, Zugänge “Zwei”, Zugänge “Eins”

Für heuer

bleibt nicht mehr viel zu tun, jedenfalls was meine Reisen betrifft. 2014 ist in Planung, unter „Termine“ (im Menu oben) steht dort bereits das meiste. Ein paar Bilder aus Südwestfrankreich, mehr wie immer unter http://tinyurl.com/pxlxta3:

Zwölf Minuten

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Vicente betreibt einen dieser winzigen Greissler-Läden in Sevilla. Sein Geschäft liegt gleich beim Parasol, dem “Schwammerl“, das ich so liebe, und das ich jeden Tag, den ich hier verbringe, besuche, bei Tag oder nachts. In Vicentes Laden, nicht größer als vier Telefonzellen, gibt es geschätzte zweitausend Artikel, eigentlich alles, von Schnürsenkeln bis Putzmitteln, vor allem aber Lebensmittel. Von der Decke hängen herrliche Schinken, in der Vitrine liegen Wurst und Käse in allen Variationen, in den Regalen drängen sich Flaschen mit allem, was das Herz begehrt. An der Wand hängt ein Zeitungsausschnitt, in dem steht, dass Vicente seine Kunden seit 57 Jahren bedient und Fan von Betis Sevilla ist. Weiterlesen

Die vergessene Revolution

[nggallery id=1] 1871 lebte die Pariser Commune einen kurzen Traum

Es ist einer der schönsten Spaziergänge, die Paris bietet, und Paris bietet schönere Spaziergänge als jede andere Stadt der Erde: der Friedhof Père Lachaise im Osten der Stadt ist ein Mekka der Romantiker. In einem riesigen, hügeligen Park gibt es verwunschene Alleen, monumentale Grabdenkmäler und Familientempel, abgeschiedene Orte der Erinnerung und Stätten der letzten Ruhe für einige der Größten: Oscar Wilde, Simone Signoret, Gioacchino Rossini, Marcel Proust, Édith Piaf, Jim Morrison, Honoré de Balzac, Beaumarchais, Gilbert Bécaud, Sarah Bernhardt, Maria Callas, Frédéric Chopin, Max Ernst, Yves Montand – das ist bloß ein Auszug aus einer Liste von Berühmtheiten, die dort begraben sind.

Im Süden des Friedhofs liegen stets Blumen und Kränze an der „Mauer der Commune“: hier endete vor etwas mehr als 140 Jahren eines der blutigsten Kapitel der Geschichte von Paris und Frankreich. Weiterlesen

Ein Papst tritt ab

 

You raise up your head
And you ask, „Is this where it is?“
And somebody points to you and says
„It’s his“
And you say, „What’s mine?“
And somebody else says, „Where what is?“
And you say, „Oh my God
Am I here all alone?“

Bob Dylan, Ballad of a Thin Man

Es gibt in Italien diesen Witz, in dem ein Carabiniere, Angehöriger eines Berufsstandes, dem in Italien enzyklopädisches Wissen selten unterstellt wird, in einem Laden Poster für die Kaserne erfragt. Auf die Frage des Verkäufers: „Di Giotto?“, was im Italienischen auch wie „Diciotto (18)?“ klingt, erwidert er, es könnten auch neunzehn oder zwanzig sein. So weit muss man kommen, nach siebenhundert Jahren noch für solche Scherze herhalten zu können. Er ist auch in einer Redewendung präsent, „rund wie das O von Giotto“, weil er, wie das unersetzliche Klatschmaul Vasari berichtet, dem Papst aufgeforderter weise kein Bild als Zeichen seiner Kunstfertigkeit übersendet, sondern einen freihändig gezeichneten Kreis. Weiterlesen

Sieben Monate mit Theo

Es gibt Menschen, die ihre eigentliche Geschichte hinter sich haben. Was immer nun noch folgt, es kommt zu spät, zählt nicht mehr, wäre nicht mehr nötig gewesen. Bei Schauspielern kann das einen Charakter ausmachen, der in der ersten Einstellung bereits alles über sich sagt. Bogart war so einer. Manche Maler verstehen es, den Portraitierten sich ganz Preis geben zu lassen. Bei Menschen, denen wir begegnen, kann das interessant und geheimnisvoll sein oder bloß schrecklich. Weiterlesen

Ultimo Viaggio – eine letzte Reise

„Alexander, das ist das letzte Mal“, hatte sie gesagt. Auf meinen fragenden Blick hin erklärte sie mir, dass sie nur noch wenige Monate hatte. Das war zu Beginn des vorjährigen Frühlings. Vorige Woche ist sie aufgebrochen, für immer.

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Männer reisen seltener allein, wenn sie älter werden. Frauen werden älter, und sie sind dann eben häufiger allein.Frau G war nicht wirklich alt geworden, nach heutigen Maßstäben. Sie war allerdings schon lange allein gewesen, „mehr als mein halbes Leben“ hatte sie einmal gesagt.Sie war in den vergangenen Jahren sieben- oder achtmal mit mir auf Reisen gewesen, das erste Mal gleich bis Neuseeland. Wir hatten einander sofort gemocht, glaube ich. Soviel ich weiß hat sie ihre Reisen dann – auch – danach ausgerichtet, wohin ich unterwegs war. Weiterlesen

A Dream Come True

“Was hat Sie eigentlich nach Casablanca geführt?“ “Die heißen Quellen.“ “Aber es gibt hier keine heißen Quellen…“ “Ich weiß. Es war ein Missverständnis.“ Humphrey Bogart als “Rick“ in Casablanca

Sie sitzen und sehen der Erde beim Sich-Drehen zu. Und träumen. Von Casablanca bis Muscat sitzen die stolzen Männer Arabiens vor oder in ihren Läden und Büros und warten und verwalten und träumen, plaudern, trinken Tee oder Kaffee, und sitzen. Und denken es wäre Arbeit. 
Ist es ein schöner Sonntag und ist etwas Geld da, kennen sie kein größeres kleines Glück als mit der Familie in eine Oase zu fahren und dort ein Picknick zu genießen. Dort sitzen sie dann, stundenlang, und trinken Tee, knabbern Kekse und träumen. Das sind die friedlichsten Kinder Gottes.

Nahi wollte nicht so leben. Nahi ist Berber, aus dem Süden Marokkos. Er war auffallend gut in der Schule, wissbegierig und aufgeweckt. Träumen, das konnte er auch. Sein Traum war es, Reiseführer zu werden. Mit Menschen aus allen Teilen der Erde zu arbeiten. Zu reisen. Nahi hatte Glück, nur vier Geschwister, eine verständnisvolle Familie und einen Onkel, der in Frankreich genug Geld verdiente, um die Familie zu unterstützen. Nach der Schule konnte Nahi neben dem Französischen bereits ein paar Brocken Deutsch, Satzfetzen, die er von Touristen erbeutet hatte. In seinem Schulbuch hatte er ein Bild aus der Schweiz gesehen, eine Alpenlandschaft mit Bergen und Seen und viel Schnee. Ziemlich genau so stellte sich Nahi, der aus der Wüste bei Agadir stammt, das Paradies vor. Und dort, in der Schweiz, so stand es in seinem Schulbuch, wird deutsch gesprochen. Nun bekam er, vor mehr als dreißig Jahren, die Chance seines Lebens, und er war entschlossen sie zu nutzen. Weiterlesen