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Das traurigste Bild der Welt

Superlative sind fast immer ein Unsinn, bei Kunstwerken ganz besonders.

Marcel Proust hat einmal die Ansicht von Delft von Vermeer als das schönste Gemälde der Welt bezeichnet, auch deshalb wird es im Mauritshuis von Den Haag von immer noch vielen besucht. Eine Reproduktion hängt in meinem Schlafzimmer, und es ist in seiner Art ein Bild, das zum langen Verweilen einlädt. Im Krieg wurde Piero della Francescas Fresko von der Auferstehung in Sansepolcro gerettet, weil einem der amerikanischen Offiziere gerade noch rechtzeitig einfiel, dass Aldous Huxley diese Darstellung das schönste Bild der Kunstgeschichte genannt hat. So wurde das Rathaus von Sansepolcro bei der Belagerung verschont, und darin Pieros unendliche Harmonie. Dorthin verirren sich heute nur noch Liebhaber, aber auch ich war Huxley im Nachhinein dankbar für seine Unangemessenheit, ohne die ich nie ins Obere Tibertal gekommen wäre.

So gesehen haben auch eigentlich nicht vertretbare Bekundungen subjektiver Urteile ihre Berechtigung, sie machen manche neugierig, und wir hanteln uns halt gerne an Listen entlang, die einen Überblick erleichtern können.

Natürlich kennst du Don Mc Leans Ballade über Vincent. Jeder kennt sie. 
https://www.youtube.com/watch?v=oxHnRfhDmrk

Einmal habe ich in Rom, es muss etwa um 1981 gewesen sein, bei einer privaten Geburtstagsfeier Platten aufgelegt und fand zu meinem Erstaunen im Fundus die Single. Noch sehr viel mehr erstaunt war ich, als alle Anwesenden beim zweiten „starry“ bereits mitsangen – Italiener sind im Englischen selten beheimatet. Wie sich herausstellte, gab es damals eine sehr erfolgreiche Krimi-Serie im Fernsehen, bei der „Vincent“ die Kennmelodie war. 
Man konnte, als ich begonnen habe zu versuchen, zu wenig selbst Verständliches verständlicher zu machen, noch Witze über van Gogh erzählen. Das traut sich heute keiner mehr. Es wäre vermessen zu behaupten innerhalb einer oder zweier Generationen wäre das Verständnis für den Niederländer schon gesickert – aber seit einige seiner „Sonnenblumen“ eine Zeitlang das teuerste Bild der Welt waren, ist er unantastbar. Eines seiner wichtigsten Bilder ruft aber immer noch diese besonderen Reaktionen hervor: „kann ich auch, kann jedes Kind, was soll das?“ etc. 

Als Vincent van Gogh im Februar 1888 aus Paris kommend in Arles ankam, war er 35 und ihm war kalt. Er hatte entgegen seinen Plänen doch nicht studiert, war doch nicht Prediger geworden und als Kunsthändler gescheitert. In Paris hatte er die Impressionisten kennengelernt und neue Möglichkeiten die Welt zu sehen. Spät, mit 27 erst, hatte er den Weg zu malen eingeschlagen. Van Gogh war schwierig, wie man Menschen nennt, die sich nicht einfügen können, die anderen nicht leicht nahekommen und die es anderen schwermachen ihnen gefallen zu wollen.

Was er bei Toulouse-Lautrec und diesen Erneuerern gesehen und gelernt hatte, hatte ihn neugierig gemacht, aber es war nicht das, was er schaffen wollte. Ihm schwebte ein noch radikalerer Weg vor, ihn wollte er suchen. Dazu strebte er nach dem Licht des Südens, dafür zog er nach Arles, in die Provence am Rand der Camargue. 
In jenem Februar stieg er aus dem Zug und stand im Schnee. Es war der kälteste Winter seit langem, vom Süden war nicht viel zu spüren. Die Wärme ließ nicht lange auf sich warten, das Erkennen des Unerreichbaren ebensowenig. 

Er mietete eine Wohnung beim Bahnhof, und später ein kleines Häuschen gleich dort. Ein Treppenwitz der Geschichte wollte es, dass van Goghs beide Wohnstätten in Arles im Krieg zertört wurden, in einer Stadt, in der sonst fast nichts verlorengegangen ist, nicht die Zeugnisse aus der Römerzeit, nicht die des Mittelalters oder jüngerer Epochen. Man kann in Arles immer noch eine der besterhaltenen Arenen der Antike bewundern, die Ruine eines vorchristlichen Theaters, eine der wundervollsten romanischen Kirchenfassaden in diesem Land, das so reich ist an Romanik, und die größte Sammlung an römischen Sarkophagen nach der des Vatikans. Nur das Gelbe Haus ist verschwunden, zerbombt, abgerissen und vergessen. 
Geht man im Café, das am selben Platz beim Bahnhof steht, auf die Toilette, sind dort noch schwarz-weiß-Fotografien davon zu sehen, und eine Tafel mit einer Reproduktion aus Fliesen auf Stein erinnert am Ort des Verlorenen daran, an der Stelle, wo die Staffel des rothaarigen Wilden stand. Darauf sieht man das Gelbe Haus, dahinter die Eisenbahnbrücke, die es noch gibt. Wenige Schritte von dort befindet sich eine weitere solche witterungsbeständige Kopie am Ufer der Rhone, wo Vincent den nächtlichen Sternenhimmel gemalt hat, um den es in Don Mac Leans Ballade geht.

Now I understand

What you tried to say to me – How you suffered for your sanity – How you tried to set them free – They did not listen, They did not know how – Perhaps they‘ll listen now

Die Briefe an seinen Bruder Theo sind fast vollständig erhalten, und van Gogh schrieb viel. Theo erhielt seinen Bruder bis zu dessen Tod, die Briefe sind ein Ausdruck der Nähe und gleichzeitig Rechenschaftsberichte von einem, der schuf, was niemand wollte. Sie haben auch eine viel später erst erkannte literarische Qualität, und vor allem eine kunsthistorische. Selten hat ein Maler so detailliert über seine Intentionen Auskunft gegeben, von seinen inneren Kämpfen berichtet und von seinen kleinen Triumphen und großen Niederlagen, und von der nicht endenwollenden Einsamkeit.

Es gelang van Gogh auch in Arles nicht, nicht allein zu bleiben. Er war wenig gepflegt, kleidete sich unkonventionell, sprach kein gutes Französisch, und er trank Absinth, oft mehr als ihm guttat, nicht selten im Nachtcafé („In meinem Bild vom Café de nuit habe ich versucht, die Idee auszudrücken, dass das Café ein Ort ist, an dem man sich zerstören, verrückt werden oder ein Verbrechen begehen kann.“, Brief an Theo vom 09.09.1888). Ein rothaariger Wilder aus dem Norden eben, ein Barbar, nach dem die Kinder auf den Straßen mit Steinen warfen und dessen Bilder auf reinstes Unverständnis stießen.

Aber es war eine Periode einer unfassbaren Produktivität, in sechzehn Monaten schuf van Gogh in Arles 187 Gemälde. 
Was ihm darüber hinaus vorschwebte, war eine Künstlerkolonie mit Gleichgesinnten. Es war van Gogh jedoch nie leicht gefallen Freundschaften zu schließen. Der einzige, der verstanden hatte, was für ein Seher in die Zukunft da am Werk war, war Gauguin. Und er kam tatsächlich aus der Bretagne nach Arles, am 23. Oktober 1888. Die beiden teilten sich die kleine Wohnung im Gelben Haus, und zwei Monate lang malten sie nebeneinander. Vielleicht war es die glücklichste Periode im Leben van Goghs. 

Doch nächtens suchten und flohen die beiden die Träume und Gespenster, die sie schufen und von denen sie gepeinigt wurden. Wie muss das sein, zu wissen, Unendliches zu schaffen, und zu wissen, dass nichts davon den Maßstäben ihrer Zeit gerecht werden konnte? Vielleicht ist es sogar leichter, von Selbstzweifeln gepeinigt zu sein als im Bewusstsein des eigenen Könnens dem Scheitern nicht ausweichen zu können. Das einzige Gemälde, das zu van Goghs Lebzeiten verkauft wurde, hatte Theo insgeheim ankaufen lassen. („Ich kann nichts daran ändern, dass sich meine Bilder nicht verkaufen lassen. Es wird jedoch der Tag kommen, wenn die Menschen sehen werden, dass sie mehr wert sind als die Kosten für die Farbe und meinen mageren Lebensunterhalt.“, Brief an Theo vom 24.10.1888).

In einer nächtlichen Auseinandersetzung kam es zur Katastrophe: am Abend vor Weihnachten endete ein Streit blutig. Ob Gauguin, der ein geübter Fechter war, van Gogh verwundete, oder ob dieser sich selbst verletzte, wird nicht mehr zu eruieren sein. Van Gogh bezichtigte sich der Selbstverstümmelung, und Gauguin war tags darauf abgereist und schwieg über diese Episode sein Leben lang, bis zu seinem Säufertod auf Tahiti.
Vincent hatte jedoch nicht nur sehr selten das Glück der Freundschaft erfahren, seine Begegnungen mit der Liebe waren ein Desaster. Eine kurze Beziehung zu einer Prostituierten noch in Holland ist belegt, sonst nichts, im Leben eines, von dem sonst so vieles dokumentiert ist. Seine Begegnungen mit Frauen haben sich offenbar nur noch in Bordellen ergeben. 

In Arles arbeitete in einem solchen eine junge Frau mit Namen Rahel. Es scheint, dass van Gogh kurz vor jenem Vorweihnachtsabend von ihr abgewiesen worden war, weil er wieder einmal kein Geld hatte. Zu ihr kam der offensichtlich schwer Traumatisierte mit einem Verband um den Kopf und einem blutgetränkten Taschentuch, das er dem jungen Mädchen als Erinnerung an sich übergab. Darin fand Rahel zu ihrem vollkommenen Entsetzen den größeren Teil eines Ohrs des Malers. 

Die braven Bürger von Arles hatten nun genug. Eine Unterschriftenliste kursierte, zur ewigen Schande aller dort Verewigten, in der die Behörden aufgerufen wurden, den Wilden aus der Stadt zu jagen. Es ist wieder ein übler Streich des Schicksals, vielleicht aber auch ausgleichende Gerechtigkeit, aber von den Hunderten an unvergänglichen Kunstwerken, die van Gogh in Arles und bald danach in St. Rémy gleich nebenan erschuf, befindet sich keines vor Ort. Dafür muss man nach Amsterdam und Paris reisen, nach New York und in die großen Museen der Kunstwelt. 
Ausgewiesen brauchte der schwer Verletzte nicht mehr zu werden, er selbst ließ sich einweisen in die Nervenheilanstalt von St. Rémy. Dort entstanden noch einmal innerhalb weniger Monate mehr Bilder, Gemälde und Zeichnungen von Weltrang, als je ein Mann in kurzer Zeit an einem Ort gemalt hat.

Geholfen werden konnte ihm mit den damaligen ärztlichen Kenntnissen dort nicht, er wurde gar nicht behandelt: Schizophrenie wird heute befundet, in Verbindung mit Alkoholismus und Depressionen, manchmal wird, wohl unzutreffenderweise, auch Epilepsie vermutet. 

Neben allem anderen war van Goghs Einsatz der Farben das wirklich Neue. In seine Bilder begann nun Schwarz einzuziehen, der Weg, den er zu gehen imstande war, war nicht mehr lang.In Auvers-sur-Oise bei Paris, wo er noch einmal in 70 Tagen rund 80 Gemälde und 60 Zeichnungen schuf, erschoss sich van Gogh im Juli 1890. Sein jüngerer Bruder Theo überlebte ihn nur um ein halbes Jahr und ist neben ihm in Auvers bestattet.

Das Bild des Zimmers, das Gauguin und van Gogh im Gelben Haus in Arles bewohnt hatten, ist dreimal gemalt worden. Es ist ein karger Raum mit einem Holzfussboden, in dem sich Fenster, ein großes hölzernes Bett, ein Tisch, Stühle, Krüge, Gläser und Bilder an der Wand befinden.Es ist dieses Bild, das Betrachter immer noch ratlos hinterlässt. Die Perspektive ist verworren, die Darstellung flüchtig, keine Farbe gibt wieder was zu sehen gewesen sein muss, es ist ein Stillleben, in dem es still geworden ist. Van Gogh hatte es als Hommage an Seurat gemalt, vor allem aber als eine Art Willkommensgruß für Paul Gauguin.

Doch es gibt eine Dualität, die aus diesem Bild ein Manifest der Traurigkeit macht. Beinahe jeder der wenigen dargestellten Gegenstände findet sich zweimal. Zwei Polster, zwei Gläser, zwei Stühle, zwei Bilder, zwei Wasserkrüge – es ist die unstillbare und nie gestillte Sehnsucht nach dem alter ego, nach einem Menschen, der die Last des Alleinseins zu teilen imstande ist mit einem, dem in dieser Welt nicht mehr geholfen werden kann. Weiß man das, sieht und spürt man das, stockt einem der Atem. 

They did not listen – They‘re not listening still – Perhaps they never will.

Trio Infernale

– Dublin, Prag und Barcelona

Eines Liebhabers ohne festen Wohnsitz stellenweise ernst gemeinte Warnungen von einem, der diese Städte liebt – obwohl er sie kennt

Städtereisen sind eine feine Sache: sie lassen sich in einem verlängerten Wochenende unterbringen, kosten nicht die Welt und stehen renomméemäßig deutlich über dem Herumliegen an irgendwelchen Küsten der Badewanne Europas aka Mittelmeer.

Gründe, Städte zu besuchen, gibt es fast so viele wie es Städte gibt: Kultur, Nachtleben, Shopping, Abwechslung, fremde Küche und original fremde Menschen werden allerorten all-in geboten. In Europa kommt man manchmal d‘rauf, dass nicht alles woanders soo wahnsinnig anders ist als zuhause – aber das Vertraute in der Ferne zu finden ist für nicht Wenige ein durchaus gewollter Glücksfaktor.

Drei europäische Metropolen sind im letzten Vierteljahrhundert besonders erfolgreich vermarktet worden: noch nie in Prag, Dublin oder Barcelona gewesen zu sein lässt manche Augenbraue irritiert nach oben wandern. „Dann ist es aber höchste Zeit…“

Nicht für jede(n).

Reisen beruht wirklich oft auf Mißverständnissen. Man muss nicht, wie Humphrey Bogart als „Rick“, in Casablanca wegen der heißen Quellen, die es dort nicht gibt, landen. Man kann ja auch Dresden ganz toll finden, obwohl die Sixtinische Kapelle dort verwirrenderweise eine Madonna ist.

Manchmal ist mangelnde Vorbereitung schuld: wie unglaublich viele Städte in Italien „Binario“ oder „Uscita“ heißen, wird manchen auf einer längeren Bahnreise bewusst. Nicht selten tragen schnell noch im letzten Moment erstandene billigst-Reiseführer zu falschen Erwartungen bei, und unmerklich als bezahlte Einschaltungen ausgewiesene Huldigungen in Hochglanzmagazinen.

Autoren von Reiseberichten schreiben voneinander ab, das war schon immer so, und es wäre sonst ja wirklich mühsam. Deshalb steht immer noch in jedem zweiten Reiseführer, in Paris wäre der Autoverkehr heute noch eine Fortsetzung der zahlreichen blutigen Revolutionen mit anderen Mitteln, in England wäre ein Hungertod ein deutliches Zeichen bewahrter Würde und die Wiener gingen nirgendwohin lieber Wien vergessen als nach Grinzing.

Wer aber in die Trend-Hochburg Barcelona, ins hippe Dublin oder ins Goldene Prag zu reisen beabsichtigt, der sei gewarnt: stellvertrend für viele andere Hotspots des europäischen Städtetourismus sollten Besucher wissen, dass diese sehr zurecht überaus beliebten Städte in Wahrheit fast nur einem sehr speziellen Publikum wirklich alle Träume zu erfüllen imstande sind.

Was diese drei recht willkürlich gewählten Hauptstädte (ich weiß, Barcelona ist noch keine…) zuallererst verbindet, ist der Preis ihres Erfolgs – sie sind zwischen Ostern und Oktober heillos überlaufen. Wer die Zeit vor einem Apple-Store in der Nacht vor dem Erstverkauf des neuen iPhones wirklich genießen kann, der wird auch die Ramblas in der schönen Jahreszeit toll finden, den Königsweg in Prag wie Temple Bar. Wer sich aber auf die Sagrada Famila freut ohne online sein Ticket vorbestellt zu haben, der wird nachdenklich werden, wenn er neben der Warteschlange („Hinter‘m Horizont geht‘s weiter…“) Rot-Kreuz-Zelte vorfindet, in denen schlecht Ausgerüstete erstversorgt werden. Wer sich wirklich auf ein gepflegtes Guiness freut, sollte vor dem Besuch des Temple Bar-Bezirks in Dublin eine Kneipe in gebührendem Abstand davon aufsuchen. Und one for the road kann nicht schaden, bis zum ersten Bier in einem der Temple Bar-Pubs könnte es dauern. Es haben schon indische Bahnreisende auf Zugdächern weniger beengte Verhältnisse und kürzere Wartezeiten bis zum Erreichen des Zieles hinter sich zu bringen gehabt.

Überkommt Sie beim Durchschreiten des Prager Königsweges aus welchem Grund auch immer das absurde Bedürfnis, etwas so Ausgefallenes wie ein Pflaster, einen Liter Milch oder eine Unterhose, auf der nichts steht, was Sie Ihrer Mutter nicht zumuten möchten, erstehen zu wollen, sollten Sie gleich die nächstbeste Metro-Station ansteuern. Wo Sie sich gerade befinden, gibt es nichts mehr zu kaufen, das nicht einer Babushka nahekommt, einer pseudo-kubistischen Marionette oder Glasscherben von Swarowski.

Das macht es auch ein wenig schwierig, mit authentischen Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Es sind ja die Besten unter uns, die Reisen auch als völkerverbindend verstanden wissen wollen. Dort, wo der Bär tanzt in Prag, Dublin oder Barcelona, tanzen die Einheimischen nicht mehr häufig. Viel eher werden Sie bedient von Kellnerinnen aus Polen oder aus der Ukraine, von Sovenirverkäufern aus China oder von Rezeptionisten aus Athen. Auch spannend, keine Frage, aber die sind oft nicht so gesprächig.

Einheimische findet man dort auch deshalb nur noch selten, weil raubritterische Mietwucherpreise ihnen das Wohnen und Einkaufen in den touristisch relevanten Zonen verunmöglicht haben.

Was die Kultur betrifft, ist dieses Dreigestirn unter uns gesagt ein klein wenig überbewertet. In Barcelona stehen sich die Millionen Besucher die Beine in den Bauch um die Sagrada Familia zu sehen – zugegebenermaßen eine der großartigsten Baustellen der Erde. Darüber hinaus können sie eine überrestaurierte Kathedrale besuchen, deren Hauptattraktion ein paar Gänse sind, die im Kreuzgang leben – und ein verrostetes Pissoir ebenda. Der Stadtteil rundum, der Barri Gòtic, wirkt stellenweise einigermaßen mittelalterlich, ist es aber kaum irgendwo noch. Man kann sich weitere Gaudí-Bauten ansehen und einen von ihm mitgestalteten Park, aber irgendwann denkt man, dass es vielleicht einfach an der Zeit war, dass die Straßenbahn kam.

In Dublin besuchen alle Touristen das Book of Kells. Es ist ein Wunder der frühmittelalterlichen Buchkunst. Dafür ist ein Anstellen notwendig, das definitiv immer sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Betrachten des ehrwürdigen Prunkstücks im Trinity College, wo in einem vernünftigerweise recht dunklen Raum eine Doppelseite bestaunt werden kann – ein paar Sekunden lang, bis man von ins Dunkel Nachstolpernden abgedrängt wird und sich im großartigen Long Room der Bibliothek wiederfindet, den die meisten vor lauter Enttäuschung mit dem Vorangegangenen kaum zur Kenntnis nehmen.

Dann besuchen temporäre Dubliner noch St. Patrick‘s, eine der beiden nicht (!) katholischen Hauptkirchen der Stadt, in der die Dame am Kassenschalter so ungefähr zum Ältesten gehört, was dort bestaunt werden kann. Den Abschluss eines typischen Programms der Kulturbeflissenen bildet ein Besuch der Guiness-Brauerei, wobei man perfektes Marketing zu bewundern lernt.

Was man bei Guiness besucht, ist keine Brauerei, sondern im Prinzip ein aufwändig gestalteter Shop mit angeschlossenem Museum. Wer die architektonische Meisterleistung von PR-Strategen hinter sich gebracht hat, landet im obersten Stock in einer verglasten Bar, wo man ein Pint der dunklen Brühe als Trost dafür erhält, dass der Ausblick wohl nirgendwo sonst in Dublin selbst an einem der acht Sonnentage eines Jahres  deprimierender ist. Man sollte das Bier andächtig trinken – es war wohl für die meisten das mit Abstand teuerste ihres Lebens. Zum Glück haben nur sehr wenige der Besucher Dublins den Ulysses gelesen – sie wären gewarnt gewesen.

Prag wiederum hat in der Tat den Kulturhungrigen einiges zu bieten. Allerdings gewinnt man sehr schnell den keineswegs täuschenden Eindruck, dass der Hunger der Touristen anders orientiert ist: wer die endlose Meile an Kitsch- und Souvenirbuden laufbandartig durchstreift, landet früher oder später in einem der Bierhäuser, in denen Schweijk genausowenig Platz genommen hätte wie Kafka. Wer großes Glück hat, fällt nicht auf die allgegenwärtigen Ticketverkäufer herein, die „klassische Konzertaufführungen“ oder vollkommen unprofessionelle Darbietungen eines „Schwarzen Theaters“ verkeilen. Wer Pech hat, findet sich in einer Gruppe randalierender Engländer wieder, für die ein Polterabend an der Moldau inklusive Flug, Hotel und Vollrausch immer noch billiger ist als Vergleichbares in Blackpool.

Was sich noch nicht breitenwirksam herzumgesprochen hat, ist, dass Prag heute eine liberalere Drogenpolitik (und ein sehr viel größeres Drogenproblem) aufweist als Amsterdam.

Gemeinsam ist den drei Städten, dass es sich um wahre Paradiese für Taschendiebe handelt. Wer sich angesichts der Preise für ein schäbiges Hotelzimmer, ein warmes Bier oder eine Portion Paella aus der Dose noch nicht genug ausgeraubt fühlt, hat gute Chancen diesbezüglich noch auf seine Kosten zu kommen.

Um nicht mißverstanden zu werden: Barcelona, Dublin und Prag sind wunderbare Städte. Im Winter.

2019 naht…

Zuletzt war ich 2018 noch an der Loire und an der Côte d’Azur. Bilder von dort finden sich hier:

Côte d’Azur:

Die Küste des Lichts

Loire:

Schlösser der Liebe

Meine Reisen 2019 finden sich wie immer unter „Termine“ oder hier. Spanien, Italien, Frankreich, Portugal, die Niederlande und Belgien warten.

Inzwischen diene ich meiner Freundin als Running Gag für ihren Blog. Sie schreibt leider sehr erfolgreich und gut, und manchmal betrüblicherweise über mich: www.lilibach.com. ;)

Kommen Sie gut durch Zeit!

Semana Santa 2018

Aktuelle Bilder aus Andalusien – mehr: https://photos.app.goo.gl/CXewSfAeYIIXz9aD3

A Last Night

Wenn man einen bestimmten Stein im Boden vor dem Altar in der Kathedrale von Salisbury anhebt, wofür es einen gefinkelten Hebemechanismus gibt, kann man einen dafür bereitgestellten Stab in das entstandene Loch senken und stellt fest, dass das Grundwasser gerade einmal etwas mehr als einen Meter tief liegt.
Darüber steht ein Gebäude, das mehr als 79.500 Tonnen wiegt, eines der Wunder der Welt. Wussten die Erbauer das? Ja, natürlich. War es ratsam, dort eine Kirche dieser Größenordnung zu errichten? Nein, es war Wahnsinn.

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Einer der absoluten Höhepunkte jeder „Last Night of the Proms“ in der Royal Albert Hall ist das kollektiv gesungene „Jerusalem“, Text von William Blake, komponiert von Hubert Parry. „Es wird als Englands populärstes patriotisches Lied angesehen und unterschiedslos verbunden mit dem englischen und britischen Nationalismus, Antimodernismus, Postmodernismus, sozialistischen Ideen und dem Christentum – und hat somit eine wohl einzigartige Stellung in der Welt.“ (Wikipedia). Jerusalem war auch die Hymne der Suffragetten und ist die der wenigen englischen Grünen.
Sollte Britannien sich einmal den Luxus leisten auf die Dienste jener Familien zu verzichten, die es seit Jahrhunderten und in einem Fall seit einem Jahrtausend ausbeuten, hat „Jerusalem“ gute Chancen, die neue Nationalhymne zu werden, vor Cricket-Nationalspielen ist es das schon. Vermutlich trägt die Tatsache, vor einem Sport, dem beizuwohnen an Spannung nur mit dem Beobachten des Trocknens von Wandfarbe verglichen werden kann, dazu bei, dass beides außerhalb der komischen kleinen Insel nicht weltberühmt ist.
Der Text bezieht sich auf einen legendären Aufenthalt des Gottessohns in Begleitung von Joseph von Arimathäa in Glastonbury, als sie offenbar etwas zu früh dorthin kamen, weil das Festival erst deutlich später ins Leben gerufen wurde.
Dabei war Blake ein weiser Mann und ein großer Dichter, und die Melodie, die Perry geschaffen hat, lässt prosaische Menschen wie mich beim Geschirrabtrocknen innenhalten und leise ins Geschirrtuch schluchzen – oder Hunderttausende bei der Last Night of the Proms vollkommen die britische Contenance und Soigniertheit verlieren und sich gebärden wie Fans der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft bei Fendrichs „I am from Austria“.
Es geht unter die Haut, wirklich. https://www.youtube.com/watch?v=iCpzEtlM4ZM

Heuer durfte ich dort sein, Bilder der jüngsten London-Reise: https://goo.gl/photos/4DnRgZ2ankEbrGdm6

Dieses Jahr wurde mir viel von England mitgegeben. Immer wieder war ich erstaunt über das untrennbar Verwobene vornehmster Distinguiertheit und abgrundtiefer Gewöhnlichkeit. Die heimeligen englischen Pubs sind eine Brutstätte von Philosophen, die durch die Bank ein angespanntes Verhältnis zur deutschen Metaphysik des achtzehnten Jahrhunderts haben. Wie wäre es anders erklärbar, dass man nirgends sonst so oft kritische Bemerkungen wie „F***ing Kant“ hört?

Während der heurigen Last Night of the Proms war ich mir zum ersten Mal nicht mehr sicher, ob die teils absurd chauvinistischen Liedtexte für alle, die sie heute singen, wirklich bloß pure Ironie darstellen. Für interessierte Beobachter war es spannend zu sehen, welche Fraktion der Fähnchenschwinger die Oberhand behalten würde: die der Schwenker von EU-Fahnen oder die des Union Jack. Das Ergebnis war eindeutig, auch dort. Blakes Worte waren durchaus prophetisch: „And was Jerusalem builded here / Among these dark Satanic Mills?“

Britannien hat der Welt und Europa unermesslich viel geborgt. Es war wohl Zeit eine Rechnung zu präsentieren. Schon Churchill hatte seine Vision eines vereinigten Europa wohlweislich ohne sein Heimatland. Wir werden mit Nationalismus noch viel zu tun haben in den kommenden Jahren, und nicht nur dort.

Der Turm der Kathedrale von Salisbury, der höchste des Königreichs, weist eine Abweichung von der Vertikalen auf, die einen dreiviertel Meter beträgt. Er ist nicht auf Sand gebaut, aber auch nicht für die Ewigkeit. Im Inneren sieht man deutlich, dass die ihn tragenden Säulen aus Purbeck-Marmor, die „Säulen der Erde“, unter dem Gewicht gebogen sind. Steht etwas nicht im Lot, nennt man das im Englischen „out of true“.

Auch hier: meine Termine für 2017 stehen fest: http://www.kriegelstein.eu/termine/

 

 

Besuchen Sie Europa – solange es noch geht…

Liebe Freunde,

angesichts der Weltlage lade ich ein zu einer letzten Grand Tour zu den ehemaligen Bildungsstätten Europas. Eine Reise dieser Art wird in den kommenden Jahren aufgrund der Wirtschafts- und Sicherheitslage, wie auch aus klimatischen Gründen nicht mehr möglich sein.

Die Reise ist in Zusammenarbeit mit den namhaftesten Veranstaltern Ostösterreichs ausgeschrieben und steht unter der Patronanz von Bundeskanzler Sebastian Kurz und Innenminister Heinz-Christian Strache.

Visa für alle besuchten Staaten Europas sind in Eigeninitiative der Teilnehmer*innen zu besorgen. Aus Zeitgründen wird darum ersucht, im vorhinein ausreichende Bargeldbeträge (Lire, Pfund, Mark, Francs, westösterreichische Gulden etc etc) in heimischen Banken zu wechseln.

Höhepunkte sind eine Audienz bei Papst Josemaria I. in der Residenz des Opus Dei während der Zeremonie der Seligsprechung von LH Erwin Pröll unter evangelikaler Leitung im Vatikanstaat, ein Besuch bei der Präsidentin und Premierministerin der französischen Republik Marine Le Pen im Elyséepalast und eine Vorsprache beim Vorsitzenden des italienischen faschistischen Staatsrates in Rom, Silvio Berlusconi.

In London wird das neue Regierungsgebäude in der ehemaligen Bank of England besucht (Ehrung David Camerons für die endgültige Entbindung der Finanzwirtschaft von sämtlichen Steuern und Abgaben), mit dem Nachbaarstaat Schottland der letzte europäische Anachronismus, der an einer Währung namens „€uro“ festhält.
In Brüssel, Flanderns geteilter Hauptstadt, werden im flämischen Stadtteil die ehemaligen Verwaltungsgebäude der „Europäischen Union“ (+) aufgesucht, während in Luxemburg das Hauptquartier der Föderalen Verwaltung aller 91 europäischen Staaten und deren teils autarker Teilrepubliken sowie der Große Tempel der internationalen Hedgefonds wie auch der Heilige Briefkasten besichtigt werden können.

Aufgrund der zu erwartenden Wartezeiten bei den Grenzabfertigungen und der Auswirkungen der anhaltenden Kriege im Nahen Osten, im Mittleren Osten, in den neuen Comecon-Staaten des Neuen Warschauer Pakts und in Südtirol und Unterkärnten sowie der umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen gegen unleistbare Zuwanderung parasitärer Elemente ist für die Reise selbst in etwa der selbe Zeitrahmen vorgesehen wie für die Formalitäten bei den Ein- und Ausreisen.

Bitte bedenken Sie, dass die Reisen innerhalb des europäischen Kontinents heute durch vier Zeitzonen führen. Bedingt durch die national unterschiedlichen Vorschriften ist das Mitführen elektronischer Geräte untersagt, wobei die divergierenden Datennetze ohnedies den Gebrauch eines Empfangsgeräts nutzlos machen würden. Zur Aufrechterhaltung der Kommunikation mit Ihren Lieben daheim empfehlen wir die zeitgerechte Anschaffung nationaler Telefonkarten, mit denen häufig von Fernsprechern aus kurze Gespräche geführt werden können. Das Mitführen Ihrer ID-Karte ist wie von unserer Schutzmacht und ihrem Präsidenten Donald Trump vorgesehen während der gesamten Reisedauer verbindlich.

In Anbetracht der zwei Millionen Hitzetoten allein in Europa im Vorjahr und wegen der ressourcenbedingten Engpässe bei der Versorgung von Klimaanlagen ist die Mitnahme von Medikamenten gesundheitlich möglicherweise Betroffener unumgänglich.

Da aus Sicherheitsgründen die jeweiligen Sehenswürdigkeiten nur noch aus größerer Entfernung betrachtet werden können, ist ein leistungsstarkes Teleobjektiv dringend angeraten.

Anmeldungen werden unter der ostösterreichischen Fax-Nummer (+9943) 01 944 94 55 entgegengenommen.

Hochachtungsvoll,
AK

Aus den Iden des Mai

In den Terminen gibt es eine erste Vorschau auf Destinationen, die ich 2017 ansteuern werde.

Neue Bilder gibt es von der Côte d’Azur (https://goo.gl/photos/SH4xLfavDGXQt89UA und https://goo.gl/photos/Nfm11eDbzraX8Aoh6), aber auch hier als Filmchen: https://goo.gl/photos/eGeCvHC7a5vzGz2y7. In meiner virtuellen Galerie gibt es auch wieder aktuelle Bilder aus Andalusien: https://goo.gl/psjJ5z.

 

 

Bilder, die sprechen

„Sie sind FREMD!“
Sie sind fünfzig Millionen, mindestens, genau weiß das niemand.

Manche suchen ein besseres Leben, manche nur irgendein Leben, manche wollen dem Tod entfliehen, Hunger, Epidemien oder Krieg.

Wie wir mit ihnen umgehen, daran werden wir einmal gemessen werden. Einfache Lösungen, nein: irgendwelche Lösungen sind nicht in Sicht. Nicht einmal die beklemmende Stille übertönende Antworten sind leicht zu finden, wenn irgendwer diesen ganzen Wahnsinn anspricht.

Nur „fremd“, fremd sind sie nicht. Sie sind welche von uns, wenn auch von woanders.

Spaziert man durch Mantua, begegnet man in den beiden großen Residenzen, dem Herzogspalast und dem Sommersitz del Tè der Gonzaga, Menschen, die vor Jahrhunderten gelebt haben. Es ist nicht wichtig zu wissen, wann genau, wie es nicht wichtig ist Correggio und Giulio Romano und Andrea Mantegna, die Este oder die Gonzaga zu kennen.
Seien wir ehrlich: über die meisten ihrer Figuren und Themen wissen wir auch schon fast nichts mehr: Ganymed, Eros, Cupido, Psyche und Zeus sind uns nicht mehr vertraut, und noch weniger denken wir bei Federico Gonzaga oder Isabella d’Este an Menschen, die einmal (sehr) gelebt haben. Wie viel weniger noch sind uns die Namenlosen nahe, die Staffage-Figuren, die Statisten, die Früchte-in-Körbe-Füller und die vielen Kinder, die ratlos auf Betrachter blicken, die durch komische Instrumente auf sie starren.

Und doch: wir ahnen, dass Giulio Romano diesen Knaben dazugestellt hat, weil sein Blick dieses Bild ganz macht. Und wir sehen, worüber die gelacht haben, zotig manchmal und vielleicht verschämt, und was sie schön gefunden haben und was beängstigend. Damals, vor so langer Zeit. Sie wußten noch nichts von der anderen Seite der Welt und wenig von dieser, sie hatten das Zweifeln nocht nicht gelernt und das Hoffen noch nicht verlernt. Aber gegessen haben sie und getrunken, geliebt und gefürchtet, sie haben Wert gelegt auf uns Vertrautes und sie waren wie wir, selbst sie: Kinder der Erde und des Himmels, der Zukunft und des Gesterns, weil es da, woher wir kommen, und dort, wohin wir gehen, keine Zeit gibt, auch kein Woanders.

Sie sind welche von uns, Brüder und Schwestern. Fremd sind sie nur, wenn wir sie verleugnen.

(Die beiden Correggios ganz am Ende sind natürlich aus dem KHM in Wien, aber sie waren einmal in Mantua, für wo sie gemalt worden waren und wohin sie eigentlich gehören. Deshalb habe ich sie hier dazugehängt).

Besser betrachtbar (und zahlreicher) sind die Bilder hier: http://goo.gl/kqwHBg

Eyes wide open

„Aber reisten wir wohl, wenn wir nicht die Hoffnung hätten, an einem ganz fremden Ort uns selbst zu begegnen? Es ist schön, fremd zu sein, mit allen Städten vertraut, nirgends daheim zu sein. Im Grunde – wer, der viel reist, gibt es nicht zu – sind wir in der Fremde nicht, aber auch in der Heimat nicht ganz zu Hause. Das Endziel alles Reisens wäre vielleicht dieses Gefühl, das die Welt entschwert: ich kenne alles, ich lebte überall, aber ich kann nirgends bleiben. Die Welt gehört mir, aber ich gehöre nicht ganz hinein. Warum sonst hätten wir Deutsche die riesigen Systeme unserer Metaphysik errichtet, diese Festungen der Zuflucht, rücksichtsloser Dauer, unbegrenzter Eroberung, als weil wir uns nirgends zu Hause fühlen? Die Wandernden und Umhergetriebenen sind die Metaphysiker von Geburt.“

Reinhold Schneider, Portugal, 1928

Ein paar Jahre später hätte Schneider das Wort „Eroberung“ nicht mehr verwendet, aber alles andere ist für die Ewigkeit.

Ein wenig von der lebenslangen Müdigkeit Schneiders wird immer stärker auch ein Teil von mir; das Kraftraubende des ständigen Unterwegsseins beginnt im Älterwerden seinen Tribut zu fordern. Es war ja auch schon bisher auch heuer kein kurzer Weg, den ich zurückgelegt habe: von Marokko über Andalusien nach Nordportugal, in den Norden Spaniens, in Frankreichs Südwesten und via Englands Süden geht es nun in die Normandie und in die Bretagne, dann zu den Schlössern an der Loire. So folgerichtig war noch keine meine Tourneen, konsequent von Marrakesch nordwärts.

Es sind heute kleine Siege, die mich noch beflügeln: seit Jahren suchte ich die Stelle, an der ich mich einst über den Ausdruck „eyes wide shut“ gefreut hatte, woran mich der gleichnamige Film wieder erinnert hat. Ich habe das gefunden, beim Wiederlesen von John Le Carrés großartigem „Tinker Tailor Soldier Spy“. Etwas funktioniert noch, dort, wovon ich lebe. Jetzt weiß ich auch, dass ich die Antwort bei Wikipedia gefunden hätte…

Anbei ein paar Bilder vom Jakobsweg (sowie: https://picasaweb.google.com/107054723244977319050/ElCaminoDerWegNachSantiagoDeCompostela?authuser=0&feat=directlink);

Santiago möge uns Reisenden auf der großen Suche weiterhin beistehen.

Aranjuez – Kierling

In Tours wohne ich oft beim Bahnhof; von der Stadt, in der das reinste Französisch gesprochen wird, lassen sich viele der schönsten Loire-Schlösser gut besuchen. Gleich um die Ecke gibt es ein baskisches Café, in dem Jean-Luc de facto wohnt. Betrete ich das Bistro, steht er immer am Tresen, und egal wie lange ich nicht mehr dagewesen bin, setzt Jean-Luc das immergleiche Gespräch fort, als wäre ich nur kurz ausgetreten gewesen. Er hat nur ein Thema: Back ou Mosaart? Bei unserem ersten Kennenlernen dauerte es etwas, bis ich dahinterkam, dass er wissen wollte, wie ich’s denn hielte: war Jean-Sébastien Bach der Größere oder Mozart? Da ich Österreicher bin, muss ich nach Jean-Lucs Überzeugung stets Wolferls Stellung halten, obwohl ich nichts Erhabeneres kenne als die Matthäus-Passion, wenn auch dicht gefolgt von Mozarts Requiem. Mit Jean-Luc kommt man dann unweigerlich zu Nietzsche und Kafka (und der Rugby-Mannschaft von Biarritz), und diese bierseligen Gespräche im Tal der Loire tun manchmal recht gut, wenn der Kopf nach zu viel Schönheit ausgelüftet gehört. Weiterlesen