Archiv der Kategorie: Spuren, Bilder

Pastis und Spitzenhäubchen

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Vorab: es gibt neue Reisen in meinem Sortiment, sie reichen bis zum Frühling 2012 und sind unter „Termine“ einsehbar.

Bilder aus der Bretagne, wo die Wolken tief über Deinem Kopf rasen wie ein fliegender TGV, von der Côte Sauvage auf Quiberon, von der Smaragdküste und der Küste des rosa Granits, aus St. Malo, Jersey und vom Mont St. Michel, und dann noch ein paar besondere Werke aus einem meiner liebsten Museen in der Normandie, dem Musée des Beaux-Arts in Rouen.

The close ups can get rough
when your’e walking in the wild west end
Dire Straits

Mehr Bilder: hier

 

 

Die Irren von Baalbek

[nggallery id=5]Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, aber ausgerechnet der Libanon ist ruhig, während die restliche arabische Welt die Revolte probt. Die Vorwahl des Libanon ist 00961, aber in den letzten 7.000 Jahren war dieser Anschluss praktisch ständig besetzt. Beirut ersteht neu aus den Ruinen, die ein 16-jähriger „Bürgerkrieg“ aus der einstigen Perle des Orients gemacht hatte. Sidon, Tyrus, Byblos, Tripoli, die Bekaa-Ebene, das Libanon- und das Anti-Libanon-Gebirge waren Themen einer Reise durch ein kleines, altes Land, das schon alles gesehen hat, in dem Milch und Honig fließen, und in dem so viel Blut geflossen ist.

Was mir in Erinnerung bleiben wird von diesen Tagen wird Baalbek sein: nicht so sehr wegen der majestätischen Ruinen der römischen Kaiserzeit, sondern weil ich nach deren Besuch ein Café mit einem schattigen Garten aufgesucht hatte („Taverne Caesar“), um mich auszuruhen; links und rechts standen in etwa 200 Metern Entfernung voneinander zwei Minarette, aus deren Lautsprechern die rasenden Stimmen zweier Irrer dröhnten, einander überbietend an Hass, Lautstärke und Hysterie. Es war Freitag, wir waren in der Region der Schiiten, schon unterwegs waren die Plakate mit iranischen Mullahs aufgefallen. Die beiden Muezzins brüllten an gegen den Teufel, gegen die Sünde, den Unglauben, die Götter der Ruinen vor ihnen und die falschen Heiligtümer einer Welt, die zu ändern ist, gegen die ungläubigen Feinde Syriens, und natürlich gegen einander, und natürlich gegen „uns“. Im Vergleich zu ihren geifernden Schreien wirkte ein brasilianischer Fussballreporter nach diesem entscheidenden Siegestor in der letzten Minute gegen Argentinien wie ein Ausbund an Zurückhaltung und Leidenschaftslosigkeit, ein anachronistischer Lord voller Contenance. Meine Kopfhörer boten mir die Goldmann-Variationen von Gould, aber gegen diese Orgie an Lärm und Gebrüll musste auch Bach weichen.

Als wir am Abend dieses Tages in unser Hotel in Beirut zurückkamen, erfuhren wir, dass wenige Kilometer von Baalbek entfernt, auf der syrischen Seite, die Hassprediger erfolgreich gewesen waren – mindestens zehn Menschen waren getötet worden. Der Libanon hängt an einem seidenen Faden.

Aber das Schlimmste, was der Westen Arabien angetan hat, nach all dem Verrat und all den Kriegen, das ist, trotz der 16 Glaubensrichtungen und des ewigen Fiaskos der Stellvertreter-Kriege, trotz des Irrsinns moderner Städteplanung ohne Plan, trotz der absurden Jugendarbeitslosigkeit und der ganzen arabischen Müdigkeit und Lethargie, immer noch – die Hupe.

Ich gestehe, dass ich, ein durch und durch friedliebender Mensch, in Baalbek und Beirut des öfteren an einen Schalldämpfer gedacht habe – allerdings im ursprünglichen, waffenlosen Sinn des Wortes, und dann noch an den von Axel Corti: „Der Alte aus Beirut“ hieß einer seiner wunderbarsten Texte.

Möge dieser Teil der Welt Ruhe finden. Und eine Welt, die keine Prediger mehr braucht.

Eine Lesung

Egon Friedell – Kulturgeschichte der Neuzeit

Es wurde mir die Ehre zuteil, an einem höchst erbaulichen Projekt mitzuwirken: auf Radio Orange (Raum Wien: UKW 94,0) wird Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von wechselnden Gästen gelesen und besprochen. Nach meiner Lesung gibt es eine kleine Plauderei über Friedell mit Sendungsgestalter Herbert Gnauer.

Podcast zum Nachhören:  http://sendungsarchiv.o94.at/get.php?id=094pr3293

Der schönste und traurigste Ort der Welt

Versailles im Spätherbst: keine Horden mehr, Muße und Raum. Dieses schreckliche Schloss, in dem so viel Unglück geschah, ist gleichwohl ein Wunder an Eleganz und Perfektion.
Es wird noch übertroffen vom kleinen Trianon-Schlösschen in diesem unergründlichen, herrlichen Garten, der ein Park ist, ja, eine Welt: Gabriels Meisterwerk für die Pompadour ist das Edelste, was bester Geschmack hervorbringen kann. Marie Antoinette hat sich dort gerne aufgehalten, und von dort wurde sie abgeholt, als es losging: am 4. Oktober 1789, der Weg bis zur Guillotine war von da an nicht mehr weit.

In den Gärten zu spazieren, die im November schön sind wie selten sonst, erfüllt mit jener befriedigenden Melancholie, die uns traurig und zufrieden macht zur selben Zeit.
Es war auch ein Abschied für mich, von Versailles, von Paris, von und für heuer.

Als es später regnete, saß ich lesend im Café des Schlosses; ein paar Tische weiter saß ein Paar, das deutliche Merkmale des Down-Syndrom aufwies. Beide nicht mehr jung, sie um einiges kleiner, und sie saß da und schluchzte, weinte hemmungslos, wie jemand, der soeben eine fürchterliche und nicht annehmbare Nachricht erhalten hat. Er saß daneben, offensichtlich ratlos, überfordert, verzweifelt, aber untätig. Ludwig XVI. und seine Marie Antoinette müssen sehr ähnlich ausgesehen haben im Gefängnis, und vielleicht schon hier, im Schloss, das ihnen so viel zu groß war.

Doch kann man Menschen mit dem Down-Syndrom trösten? Oder Könige? Oder uns?