Beginn einer lebenslangen Suche

 

Wir waren sechzehn und wir waren zu fünft. Wir hatten zwei Wochen in Pescara bei Freunden am Meer verbracht. Es war stets klar, wann wir zurück nach Wien reisen würden: am 2. August 1980. Warum wir 24 Stunden früher heimfuhren, weiß keiner von uns. Es hatte keinen Streit gegeben, eher das Gegenteil – es war schön gewesen.

Um den Zug nach Wien zu nehmen, mussten wir vormittags in Bologna umsteigen. Die Wartezeit vertrieben wir uns im Bahnhofscafé und im Wartesaal zweiter Klasse. Im Café ärgerten wir uns über einen ungewohnt unfreundlichen Kellner. Wir waren sehr in Italien verliebt, in alle Italiener und Italienerinnen, das Leben war schön. Ein mürrischer Kellner passte nicht ins Bild.

Falls er am nächsten Tag zur selben Zeit Dienst gehabt hatte, ist er wohl an jenem Tag gestorben. Im Wartesaal und im Café überlebte niemand. 85 Menschen wurden von einer Bombe, die in einem Koffer in der sala di attesa deponiert war, zerrissen, 200 weitere großteils schwer verletzt.

Wir selbst waren anfangs nur unendlich schockiert und teilten das Staunen über ein Wunder. Erst später begann ich, mich dafür zu interessieren, wer so viele – und auch mich – umzubringen geplant hatte. Seit einem Vierteljahrhundert habe ich fast alles gelesen, was auf Deutsch und Englisch über den Anschlag veröffentlicht wurde, auch vieles auf Italienisch.

Unglaubliche Wahrheit

Medien und die tonangebende Politik hatten anfangs die Roten Brigaden, eine linksextremistische Terrorgruppe, verantwortlich gemacht. Es dauerte lange, bis klar wurde, wer hinter „La Strage di Bologna“ steckte. Es gibt zwei Verurteilte (die mittlerweile wieder in Freiheit sind), aber die Hintermänner wurden nie schuldig gesprochen. Jeder weiß, um wen es sich handelt, und man kann nur verstehen, dass dieser Anschlag ungesühnt bleibt, wenn man Italien sehr nahe gekommen ist. Wenn man die Geschichte des Anarchismus und des Terrorismus kennt. Wenn man das abgrundtiefe Prinzip der Lüge und des Zynismus, die die italienische Innenpolitik mehr geprägt haben, als die jedes anderen demokratischen Landes, zur Kenntnis genommen hat. Wenn man eingesehen hat, dass das Unglaubliche wahr ist, und umso wahrer, je unglaublicher es scheint.

Der damals ermittelnde Staatsanwalt Libero Mancuso schreibt verbittert:

„Vielleicht ist Italien deshalb nicht mehr in Gefahr, weil bereits alles so gekommen ist, wie bestimmte Kreise es gewollt haben. Wir leben etwa nach Gesetzen, die für ein zivilisiertes Land entwürdigend sind. Mit Reformen, die uns weit zurückwerfen. Wir erleben eine Schwächung all jener Institutionen, die über die Verfassung wachen müssen. Das ist gefährlich für das demokratische Gleichgewicht. Überflüssig zu fragen, ob heute noch Terrorgefahr besteht. Die Dinge haben sich vollzogen, das Desaster ist bereits geschehen. Das Problem ist, wie man da wieder herauskommt.“

„Man muss alles verändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“ Das berühmte Zitat aus Lampedusas „Der Leopard“ ist ein schrecklicher Satz. Die höchsten Repräsentanten zahlreicher Regierungen (nicht nur) des italienischen Staates haben ihm eine grausame Bedeutung verliehen.

Ich habe Italien zu verstehen gelernt – auch aufgrund des unglaublichen Zufalls, damals davongekommen zu sein. Mein heutiges Italien hat nicht mehr viel zu tun mit dem von 1980. Nicht, weil Italien sich so verändert hätte, sondern weil ich es nun besser kenne. Es ist noch immer das Land meiner Träume und meiner Sehnsucht. Vielleicht war ich in keinem anderen Land so oft glücklich, und vielleicht lebt man nirgends näher am Schönen als dort. Aber es ist auch ein Land, in dem die Schlächter ungestraft bleiben.

Auch zu finden im SPIEGEL:
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/1089/beginn_einer_lebenslangen_suche.html