Artenkunde der Reisenden

 

Wie bei der Artenkunde der Reiseleiter (s. dort)  gilt auch hier: alle Arten gibt es in ihren männlichen und weiblichen Ausprägungen. Ich mag bloß die Sprache und die Frauen zu sehr um mit -innen oder gar /Innen anzufangen.
Manche der dargestellten Typen sind allerdings in freier Wildbahn fast ausschließlich in einer der beiden häufigeren Geschlechtervarianten vorkommend. Dies ist dann dort erwähnt.

Es sei noch festgehalten, dass in dieser Typologie eine Art fehlt: der völlig normale und zumeist auch durchaus liebenswerte Reisende ohne auffällige Ticks. Das ist übrigens die Mehrzahl derer, die einem so unterkommen. Nur sind die nicht besonders originell.

Hier also zu den anderen:

Der Sammler: sammelt Höhenmeter, Längen- und Breitengrade, Superlative und Rekorde aller Art; kein höchster Berg, kein letztes Haus ist vor ihm sicher, kein einziges Wasserklosett und kein letzter Dampfzug einer Region. Führt Buch, führt Statistiken sonder Zahl, führt Reisen ad absurdum. Will auch beim Liebesspiel stets Erster sein. Schon deshalb fast nur männlich vorkommend.

Free and Independent Lonely Planet Traveller – FIT/LP: verlässt jeden Raum, wenn ihn ein Tourist betritt. Betrachtet gemeinsam reisende Ehepaare als Herdentiere und Lonely Planet – Reiseführer als Bibel. Isst, schläft und atmet nach wenigen Stunden in einem Land wie die Eingeborenen. Verwandelt sich allerorten zum unauffälligen Einheimischen und ist damit erfolgreich, solange die örtliche Küche ohne Chilischoten auskommt. Größte Niederlage: Geheimtipps mit anderen Lonely Planet–Führer–Lesern teilen zu müssen.

Der Japaner: stellt nach der Heimkehr von Reisen beim Betrachten der Film- oder Fotobeute erstaunt fest, was er alles gesehen und bereist hat. Ist unterwegs völlig außerstande einen Eindruck zu erfassen, da die Motivsuche im Vordergrund steht. Steht reisend ständig unter Stress, klettert auf Mülltonnen, verliert seine Mitreisenden und fällt rücklings von Terrassen, immer auf der Suche nach dem optimalen Blickwinkel. Verfällt angesichts Fotografierverbot z.B. in Museen in Trübsinn. Treibt seine Nachbarn mit Diavorträgen oder Filmvorträgen in den Wahnsinn und zum Umzug.

Die Du Mont-Studienrätin: fast immer weiblich. Sie vergewissert sich eigentlich unterwegs nur mehr davon, dass alles noch ist, wie es im Du Mont – Kunstführer steht. Bereitet sich auf eine Tagesfahrt von Wien nach Mariazell nicht unter zwei Monate vor. Reist ausschließlich mit akademischen Studienreiseveranstaltern und sucht Partnerschaften ausschließlich in Akademiker-Singlebörsen. Nimmt an Reiseleitern Rache für erlittene Schmach in Klassenzimmern. Lacht nur leicht weniger häufig als ein Kamel durch ein Nadelöhr geht.

Der Schnäppchenjäger: urgiert bei Werbefahrten den Frühbucherbonus. Kann über Besucher zu anderen Jahreszeiten nur lachen, wenn er bei fünfzig Grad in Mexiko oder mittags im Dunkeln am Polarkreis ankommt. Genießt es, als einziger Gast im novembrig verregneten Rimini Ansichtskarten zu schreiben. Bei Einkäufen verwandt mit

Der Souvenirliebhaber: bummelt man durch den Soukh von Marrakesch oder den Basar von Istanbul oder über die Oxford Street oder die Rialtobrücke, stellt sich irgendwann die Frage: wer kauft sowas?
Er.
Der Souvenirliebhaber hat wirklich eine beleuchtbare Gondel auf dem Fernseher stehen, die Regale des Hobbyraums sind gesäumt mit Gipsstaub-Abgüssen des Kolosseums und von Büsten der Nofretete, kleine eiserne Eiffeltürme stehen neben Plastikpagoden, und die Sammlung an Kopfbedeckungen vom Sombrero bis zum Baskenberet lässt Requisiteure erblassen.

Hitchhiker to the Universe: lässt sich gerne überraschen. Und mitnehmen. Erfährt per Autostop ganze Kontinente und Lebensgeschichten übermüdeter Fernfahrer. Wollte schon manchmal nur bis zum nächsten Einkaufszentrum und landete eine Zeitzone weiter. Halb so schlimm, Zahnbürsten gibt es überall. Glaubt an das Gute im Menschen, und daran, dass alle Autofahrer autofahren können. Lebt gefährlich.

Der Kulinariker: weiß, dass die Kultur eines Landes sich in der Küche äußert. Betrachtet Besichtigungen als Verdauungsintervalle oder notwendige Appetitanreger. Kostet aus, kostet gerne, kostet alles. Geht für eine Spezialität meilenweit, sonst eher wenig. Letztlich wird alles mit der Nahrung im Heimatland verglichen – insofern verwandt mit dem Komparativ (s.u.).

Der einem Schlückchen nicht Abholde: was ihn interessiert, hat auf einer Getränkekarte Platz. Kein Koffer ohne eine Flasche Hochprozentigem („Fürs Zähneputzen“ bzw. „Zur Verdauung“ {*Zwinker*}). Zur Sicherheit noch eine eiserne Reserve im Duty Free-Bereich, dann ein Frühstücksgläschen zur Belohnung an der Bar und der Urlaub kann beginnen.

Der Komparativ: vergleicht alles, kennt alle Statistiken – dieser Typus ist absolut immer männlich. Trägt ein portables GPS-System und geht nie ohne Thermometer und Maßband auf Reisen. Kennt die Höhe jedes Kirchenschiffs und die durchschnittliche Verspätung aller Züge der Transsib. Vergleicht immer und überall, insbesondere Äpfel mit Birnen. Gefürchtet auf Herrentoiletten.

Die allein reisende Dame: war nicht immer allein. Macht aus allem das Beste und genießt endlich die Reisen, die ihn nicht interessiert haben. Ist unauffällig, sitzt meistens weiter hinten im Bus und an einem Einzeltischchen im Restaurant. Leidet zurecht unter Einzelzimmerzuschlägen. Bleibt nicht immer allein.

Der allein reisende Herr: es hat sich halt nie ergeben. War früher oft mit seiner Mutter unterwegs. Erzählt gerne Witze und ist ein richtiger Alleinunterhalter. Bleibt immer allein.

Der Kreuzfahrer: kennt alle Meere des Planeten mit Vor- und Zunamen, alle Kreuzfahrtschiffe mit Bruttoregistertonnen und alle Essenszeiten an Bord auswendig. Verlässt sein Schiff nur unter Androhung von Gewalt oder bei Reiseende. Lieblingsspiel: Bingo, Deck zwölf, 16 Uhr.

Der Kreuzritter: kann es nicht fassen. Warum können „die“ nicht so sein wie „wir“? Steht allem Fremden verständnislos gegenüber. Würde gerne missionieren. Kann sich aber mit der Küche auswärts nicht anfreunden. Bleibt irgendwann zuhause.

(c) Alexander Kriegelstein