Aranjuez – Kierling

In Tours wohne ich oft beim Bahnhof; von der Stadt, in der das reinste Französisch gesprochen wird, lassen sich viele der schönsten Loire-Schlösser gut besuchen. Gleich um die Ecke gibt es ein baskisches Café, in dem Jean-Luc de facto wohnt. Betrete ich das Bistro, steht er immer am Tresen, und egal wie lange ich nicht mehr dagewesen bin, setzt Jean-Luc das immergleiche Gespräch fort, als wäre ich nur kurz ausgetreten gewesen. Er hat nur ein Thema: Back ou Mosaart? Bei unserem ersten Kennenlernen dauerte es etwas, bis ich dahinterkam, dass er wissen wollte, wie ich’s denn hielte: war Jean-Sébastien Bach der Größere oder Mozart? Da ich Österreicher bin, muss ich nach Jean-Lucs Überzeugung stets Wolferls Stellung halten, obwohl ich nichts Erhabeneres kenne als die Matthäus-Passion, wenn auch dicht gefolgt von Mozarts Requiem. Mit Jean-Luc kommt man dann unweigerlich zu Nietzsche und Kafka (und der Rugby-Mannschaft von Biarritz), und diese bierseligen Gespräche im Tal der Loire tun manchmal recht gut, wenn der Kopf nach zu viel Schönheit ausgelüftet gehört.

Auf dem Weg von Tulln nach Wien bin ich heute stehengeblieben, um endlich einmal festzuhalten, wie wir mit unseren Großen umgehen. Ich kann mir gut vorstellen, wie es dazu kam, dass Kafkas einziges (und überaus betrübliches) Denkmal an seinem Sterbeort auf einem Parkplatz in Kierling steht, flankiert von einem knallgelben Fahrradständer, den unübersehbar Raiffeisen sponsert, und neben einer Bank des „Verschönerungsvereins Klbg“, von der aus man die Rückseite von Kafkas Denkmal sieht. Die guten Leute der Kierlinger Verwaltungsbehörde sind sicher überzeugt, dass der Platz wohl gut genug sein muss, um ihren Tischler zu ehren (s. Bild). Kafkas Sterbehaus befindet sich ein paar hundert Meter daneben, unfindbar, wenn man sich nicht auskennt. Kafka, das kann ich versichern, hätte das geliebt. Unvermutete Ironie gehörte schließlich zu seinen größten Stärken.

Natürlich kann man kein Ranking musikalischer Kunstwerke vornehmen, oder irgendwelcher Kunst. Aber kurz vor ein paar Wochen in Andalusien war die heutige Sendung der Reihe „Von eins bis zwei“ in Ö1 die großartigstmögliche Einstimmung. Mirjam Jessa könnte ich sowieso beim Vorlesen einer Regierungserklärung zuhören, hätte mein Navi ihre  Stimme, würde ich bis ans Ende der Welt fahren, und heute hat sie eine neue CD des montenegrinischen Gitarristen Milos vorgestellt, u.a. mit dem Concierto de Aranjuez, das in manchen Stimmungen mithalten kann mit dem Choral Nr. 63 „O Haupt voll Blut und Wunden“ aus Bachs Passion für die Ewigkeit. Dazu noch Paco de Lucia, Miles Davis, und wie es Mirjam Jessa gelang, das alles mit Schiller und Handke zu verbinden, mit dieser Stimme, die Rodrigos Adagio aus Aranjuez gerecht wird, das ist einmal mehr ein Grund, dem ORF zu danken, sich Ö1 noch zu leisten. Und es ist eine ideale Einstimmung für die kommenden Wochen in der Tierra Santa des Flamenco.

21.03.14 - 2

21.03.14 - 4

21.03.14 - 1

21.03.14 - 5