Ein Papst tritt ab

 

You raise up your head
And you ask, „Is this where it is?“
And somebody points to you and says
„It’s his“
And you say, „What’s mine?“
And somebody else says, „Where what is?“
And you say, „Oh my God
Am I here all alone?“

Bob Dylan, Ballad of a Thin Man

Es gibt in Italien diesen Witz, in dem ein Carabiniere, Angehöriger eines Berufsstandes, dem in Italien enzyklopädisches Wissen selten unterstellt wird, in einem Laden Poster für die Kaserne erfragt. Auf die Frage des Verkäufers: „Di Giotto?“, was im Italienischen auch wie „Diciotto (18)?“ klingt, erwidert er, es könnten auch neunzehn oder zwanzig sein. So weit muss man kommen, nach siebenhundert Jahren noch für solche Scherze herhalten zu können. Er ist auch in einer Redewendung präsent, „rund wie das O von Giotto“, weil er, wie das unersetzliche Klatschmaul Vasari berichtet, dem Papst aufgeforderter weise kein Bild als Zeichen seiner Kunstfertigkeit übersendet, sondern einen freihändig gezeichneten Kreis.

Als 1998 das Dach der Oberkirche von Assisi einstürzte, fiel auf, dass in italienischen Medien von Giotto so wenig die Rede war; die Journalisten hatten gut recherchiert: dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Diskussion entsprechend muss man sehr vorsichtig sein: es ist sicher, dass Giotto an den Fresken der Oberkirche von S. Francesco mitgearbeitet hat, aber es wird seit mehr als einem Jahrhundert intensiv daran gearbeitet zu eruieren, wie viel und was genau er beitrug. Sicher ist, dass er dort in seinen jungen Jahren gearbeitet hat, und sicher ist, dass vieles von ihm sein könnte, einiges ihm zugeschrieben werden kann. In seinen späten Jahren hat er zweifelsfrei in der Unterkirche in Assisi gearbeitet, und Giotto ist zumindest der erste Künstler, bei dem das Frühwerk von seinen Alterswerken unterscheidbar ist.

Vieles von ihm ist verloren, unter anderem alles, was er in Neapel und Mailand hinterlassen hatte. In Rom sehen die Besucher der Lateranbasilika das blasse Fragment eines Freskos, das Bonifaz VIII. 1300 bei der Ausrufung des ersten Heiligen Jahres darstellt, sein Werk in der Pinakothek des Vatikans ist schon weniger bekannt. Als seine reifsten Arbeiten werden die Bardi- und Peruzzi-Kapelle in S. Croce zu Florenz angesehen, zu seinen Hauptwerken zählt die Ognissanti-Madonna in den Uffizien und mit zum Berühmtesten gehört der Campanile des Doms von Florenz, der allerdings nur sehr teilweise auf seinen Entwurf zurückgeht. Als besterhaltenes Gesamtwerk Giottos darf man die Arena-Kapelle zu Padua betrachten, die er noch in der ersten Hälfte seiner Schaffensperiode ausgemalt hat und deren Restaurierung nun als abgeschlossen gelten darf, was sein Werk betrifft. Sie war der Höhepunkt der Großausstellung „Giotto und seine Zeit in Padua, die neben Giotto auf eine Stadt aufmerksam macht, die mehr Malerei des vierzehnten Jahrhunderts, des Trecento, aufweist als selbst Florenz.

Wer sich in Giotto vertieft, glaubt bald, seine Handschrift erkennen zu können. Das ist nicht selten ein Irrtum, denn er steht nicht ganz so singulär da, wie ihn vor allem das vorvergangene Jahrhundert erlebt hat. Es gilt heute als erwiesen, dass seine Figurensprache nicht unerheblich von der Dombauschule von Reims, dem dortigen Skulpturenschmuck, beeinflusst war. Er hat nicht die Perspektive neu erfunden, die die Antike schon gekannt hatte und die auch ihm noch nicht wirklich zugänglich war, um die sich aber vor und neben ihm schon andere bemühten. Neben Cimabue hat er wohl auch viel von Cavallini in Rom empfangen. Er gehörte großenteils noch der Gotik an, ganz dem Mittelalter und hat nicht die Renaissance anklingen lassen, auch nicht allein die Malkunst der Neuzeit eingeläutet. Der Geniekult insbesondere des 19. Jahrhunderts hat vieles undeutlich gemacht, vereinfacht und überlagert. Über ihn zu schreiben muss damals allerdings einfacher gewesen sein. Dieses In-die-Knie-Gehen romantisierender Epochen und Schulen beeinflusst jedoch auch den zeitgenössischen Betrachter, aber es ist ohnehin fraglich, wie wertvoll der wissenschaftliche Skeptizismus abseits der fachlichen Debatte ist, der nur das Beweisbare gelten lässt und damit dem Materialismus in seiner Schwäche ähnelt.

Ehrfurcht vor Giotto ist allemal angebracht. Und wenn man heute Padua besucht, wird neben seinem frisch restaurierten vollständigsten Hauptwerk vor Augen geführt, wie wenig selbstverständlich es ist, so viel von ihm noch sehen zu können: die Fresken des jungen Mantegna in der Eremitanikirche, hundert Meter neben der Arena, sind einem Bombardement 1944 zum Opfer gefallen und gehören zu den schwersten kunsthistorischen Verlusten des letzten großen Krieges in Europa, sind uns nur noch in alten Fotografien zugänglich. Sie haben Goethe erstaunt, der Giotto noch zu den Barbaren zählte. Auch die Katastrophe von Assisi macht deutlich, wie wenig vom Reichtum der Welt von vor siebenhundert Jahren noch sichtbar ist, und wie wenig selbstverständlich seine Existenz ist.

Dass die Scrovegni-Kapelle zu Padua noch dazu ein unumstrittenes, gänzlich und hervorragend erhaltenes Oeuvre ist, erhöht ihren Wert. Zu Recht wurde von der Magna Charta des Mittelalters gesprochen.

Zu wenig eingegangen wird meist auf die Umstände, unter denen Giotto zwischen 1303/1305 etwa 600 Tage lang in Padua gearbeitet hat:

Was wir heute Italien nennen, war damals, wie man so sagt, Spielball der großen Mächte, wie noch über ein halbes Jahrtausend danach: eine Generation, damals muss man sagen: ein Lebensalter vor der Arbeit in der Arenakapelle war mit Konradin der letzte regierende Staufer in Neapel enthauptet worden, das Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) war Geschichte, der französische König und der Papst rangen um die Vorherrschaft, in Rom selbst die großen in alle möglichen und unmöglichen Fraktionen zerstrittenen Familien. 1294 war der völlige Außenseiter Pietro del Murrone nach 27-monatiger (!) Sedisvakanz und nicht enden wollenden Streitigkeiten der Teilnehmer des Konklave als Cölestin V. und mutige Notlösung auf den Stuhl Petri erhoben worden. Mit ihm scheiterte der letzte Versuch des Mittelalters, sich einen heilig mäßig lebenden Papst zu erlauben. Nach fünf Monaten sah der “Engelspapst“, der unter kräftigem Einfluß Karls II. von Anjou und damit der französischen Krone stand, seine Unzulänglichkeit ein und dankte „freiwillig“ ab. Ignazio Silone hat das in seinem „L’avventura d’un povero christiano“ verewigt.

Ihm folgte nicht zufällig Bonifaz VIII. aus dem Geschlecht der Caetani, der seinen Vorgänger bis zu dessen Lebensende sicherheitshalber unter Verschluss hielt. Bonifaz VIII. war eine der gewalttätigsten Figuren auf dem päpstlichen Stuhl, was etwas heissen will, und er hatte einen gleichwertigen Gegenspieler: Philipp den Schönen von Frankreich. Die beiden kommunizierten mit heiteren Briefchen wie: „Philipp an Bonifaz keinen Gruß. Deine Dummheit möge wissen, dass wir niemandem in weltlichen Dingen unterstehen.“

Das einem Papst, der gerade mit enormem Erfolg das erste Jubeljahr der Geschichte ausgerufen hatte (an den Karol Woytila 2000 sicher oft gedacht hat), und der die unglaublichste aller päpstlichen Bullen erließ, Unam Sanctam, wonach die geistliche und die weltliche Macht dem Papst unterstünde, und nach der es außerhalb der einen Kirche kein Heil geben könne, ja, es heilsnotwendig sei, dem römischen Bischof untertan zu sein (woran die Herren Eder und Krenn sicher oft denken). Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis 1854 war irgendwie noch besser, aber ein Dogma ist keine Bulle.

Bonifaz exkommunizierte Philipp, legte sich mit der in Rom immer schon mächtigen Familie der Colonna an und musste erleben, was vor ihm so noch keinem Papst widerfahren war: dass der Kanzler Philipps, Guillaume de Nogaret, gemeinsam mit Sciarra Colonna ihn in seiner Burg zu Anagni gefangen nahm, wobei der Colonna Bonifaz eine Ohrfeige angedeihen ließ, die die Welt des Mittelelters erschütterte, Bonifaz aber noch mehr. Wenn auch von seinen Anhängern nach wenigen Tagen befreit, erholte sich der Papst von seinem Alptraum nicht mehr und starb wenige Wochen später.

Ihm folgte das päpstliche Exil seiner Nachfolger in Avignon, damit die Herrschaft der französischen Krone über das Papsttum, später das Schisma und damit der Untergang einer Welt. Letztlich hatte der Nationalismus die Oberhand behalten, womit wir noch genug zu tun haben, und der eigentliche Traum des Mittelalters war dahin, oder das Träumen.

Philipp der Schöne von Frankreich errang auch einen Sonderplatz in den Geschichtsbüchern, weil er den Templerorden auflöste, die Templer verfolgte und in Massen foltern und hinrichten ließ und sich so der ungeheuren Schätze des Ordens bemächtigte. Weil er auch mit der Währung seiner Zeit herumspielte, wurde er von Bonifaz nicht ganz zu Unrecht als Falschmünzer beschimpft, die europäischen Finanzkrisen seiner Zeit hat er mitverursacht.

Mit seiner Abneigung gegenüber dem Papst stand er jedoch nicht allein: im XIX. Gesang des Inferno verewigt Dante den damals noch lebenden Papst und reserviert ihm einen Platz im Feuer. Dantes Hoffnungen gingen bald danach (1313) mit dem katastrophalen Ausgang des für lange Zeit letzten Eingreifens eines deutschen Kaisers auf italienischem Boden, Heinrichs VII., in den Orkus der Historie.

Für Dante, der Giotto gekannt hat und den Giotto ersichtlich gut kannte, waren diese Ereignisse der Zusammenbruch eines Weltbildes, nicht mehr und nicht weniger. In seiner Commedia, die erst später den Beinamen „die Göttliche“ erhielt, überliefert er das Denken, Hoffen und Leiden des mittelalterlichen Menschen, und hinterlässt eines der größten und erschütterndsten Werke der Weltliteratur, ja der Kunst überhaupt. Von allen heute kaum noch gelesenen Büchern ist dieses gemessen an seinem inneren Wert das kaumst gelesene.

Dante war auch die Familie Scrovegni bekannt, zählt er doch in seinem siebzehnten Gesang der Hölle, geführt von Vergil, Reghinaldo degli Scrovegni als Wucherer auf, als „Paduaner unter Florentinern“, während sein Zeitgenosse Giotto als Florentiner unter Paduanern für dessen Sohn Enrico die Familienkapelle ausführte. Giotto allerdings hatte für Bonifaz gearbeitet, während Dante ihm sein verhasstes Exil verdankte. Und Giotto werkte für die Scrovegni: er war Künstler, Dante Politiker. Hier ist anzumerken, dass allerdings auch Giotto zuerst der Frömmigkeit diente: Enrico Scrovegni erbaute die Kapelle in der ehemaligen römischen Arena neben dem heute verschwundenen Scrovegni-Palast als eine Art von Sühneleistung für den obszönen Reichtum seiner Familie. O verwendeten die Wucherer der Gegenwart ihre Mittel ähnlich segensreich!

Dass aber Giotto die Wunden seiner Zeit ebenso durchlitt wie Dante, zeigt sich in seinem Werk: gerade in seinen Versuchen, das Himmlische als solches festzuhalten wird die Sehnsucht des Menschen des frühen vierzehnten Jahrhunderts nach einer besseren Welt sichtbar. In seinem Jüngsten Gericht in der Arenakapelle, das in seiner Intensität erst von Signorelli in Orvieto und Michelangelo in der Sixtina wieder erreicht wird, wird das Flehen um eine Ordnung sichtbar, die sich gerade damals auflöste. Dieser sichtbar gemachte dies irae ist fürwahr ein Tag des Zorns, aber eben auch eine Verheißung. Ihn vor Augen verließen die Gläubigen den Ort des Gebets. Der einschiffige Raum ist im Gesamten ausgemalt, an den beiden Längsseiten finden sich die die Handlung tragenden Fresken.

Die beiden Zyklen von Padua, das Marienleben und das Leben Jesu, haben Generationen von Analytikern inspiriert. Die ersten Grisaille-Malereien der Kunstgeschichte, Allegorien der menschlichen Tugenden und Laster in annäherndem Schwarz-Weiß, fallen in der Farbenfülle kaum auf. Gerühmt wurden und werden Giottos lyrische Ausdrucksform, seine atmosphärische Dichte, seine verhaltene Leidenschaft, die Einbeziehung der Natur und des Lichts (während das Byzantinische noch bei Cimabue bestimmend war), vor allem aber sein Humanismus.

Die Gesichter vieler Nonnen ähneln einander, wirken auch realiter wie flache schielende Flundern, und ihnen ähneln so gut wie alle Gesichter vieler Geringerer aus Giottos Epoche. Seine Gesichter durchbrechen immer wieder eine Grenze. In seiner perspektivischen Darstellung gelingt ihm oft Großes, dann wiederum scheitert er an einer Verkürzung. Man merkt das ungeheure Ringen um den Fluchtpunkt, das vergebliche Tasten nach gültiger Geometrie, die heute jeder Pflastermaler mühelos hinkriegt. In manchen seiner Gesichter kommt jedoch zum Ausdruck, dass Trauer, Freude, Glaube, Hoffnung und Liebe nie anders ausgesehen haben als heute, immer schon ausgesehen haben wie vor siebenhundert Jahren. Das Böse in seiner Zeit war das gleiche wie das der unseren, aber das Gute ist dasselbe, es ist noch da. Das ist der Unterschied. Dass er uns diese seine Brüderlichkeit aus den Tiefen seiner Zeit bewahren und mitgeben konnte, über Jahrhunderte und alles andere hinweg, macht den Humanismus aus, der Giotto über Kriterien der Kunstgeschichte erhöht. Die Würde des Menschen ist ewig.

Man sollte Giotto nur sehen wie Juliette Binoche die Kreuzlegende des Piero della Francesca im „Englischen Patienten“ oder den Rembrandt in den „Liebenden vom Pont Neuf“ – schwebend oder halb blind, sich seiner Unmöglichkeit bewusst, den einen, richtigen Blickwinkel zu finden. Man sollte ihn in großen Abständen sehen, um sein eigenes Wachsen ermessen zu können, man sollte seine Eindrücke speichern können, wie man ihn gesehen hat, als man zu jung war, als man zu beschäftigt war, als man zu alt geworden war. Zu leicht für Kinder, zu schwer für Erwachsene, das Mozart-Wort trifft hier ganz zu.

In einem der grenzgenialen Calvin & Hobbes-Comic-Strips überzeugt der Vater seinen sechsjährigen Sohn davon, dass die Schwarz-Weiß-Fotos im Familienalbum farbig sind. Nur die Welt sei damals noch schwarz-weiß gewesen.

Wir sehen in Padua Giottos Welt. Nicht die, von der wir glauben, dass er gesehen hat, was er glaubte.

Wer heute die Arenakapelle besucht, muss sich anmelden: es werden nur Gruppen von bis zu 25 Personen für jeweils etwa zwanzig Minuten eingelassen. Davor passiert man eine Luftschleuse, Schiffsschotten ähnlich, um die Raumtemperatur zu gewährleisten. Dass im Inneren der Kapelle, die auch in ihrer Architektur ziemlich sicher auf Giotto zurückgeht, das rundum führende Holzgestühl zur derzeitigen Großausstellung „Giotto und seine Zeit“ nicht fertiggeworden ist, nach fünfzig Jahren ständiger Restaurierungsarbeiten an den Fresken, ist unerklärlich. Man steht in einer Baustelle. Noch schwerer nachvollziehbar ist die Tatsache, dass die eigentliche Pforte der Kapelle keineswegs luftdicht schließt und die Luft sichtbar frei mit der Außenluft zirkulieren kann: wozu dann die Besucherregulierung, sosehr eine solche an sich zu begrüßen ist?

Das angeschlossene – exzellente – Museo Civico befindet sich in den Konventsräumen des Eremiten-Klosters. Ein 1985 fertiggestellter Neubau wurde 1995 abgerissen, weil die Paduaner eine Beeinträchtigung des Baukörpers der Eremitanikirche fürchteten. In Italien finden solche Debatten statt.

Padua ist ein bisschen widersprüchlich. Die Stadt des Heiligen Antonius wird zeitweise von Pilger- und Touristengruppen überschwemmt, die dessen gewaltige aber auch gewaltig misslungene Grabeskirche im Süden der Stadt aufsuchen, um Eheglück, Kinder und Verlorenes beten, vielleicht noch einen Blick für Donatellos Reiterstandbild des Gattamelata erübrigen, und Padua selbst gar nicht zu Gesicht bekommen. Lachhafterweise wurde Padua erst kürzlich in das UNESCO-Welterbe der Menschheit aufgenommen – wegen des botanischen Gartens. Dabei ist die Stadt schön, mittelalterlich im gesamten piazzegesäumten Zentrum, mit Laubengängen wie in Bologna, mit der fast ebenso alten Universität von 1222, die dafür sorgt, dass fast jeder dritte Paduaner Student ist.

Padua ist auch eine reiche Stadt, die Boutiquen der Fussgängerzone wären einer Hauptstadt würdig und vereinen die großen Namen der italienischen wie der französischen Modeschöpfer. Dass in den Bars der Innenstadt weitverbreitet das Rauchverbot eingehalten wird, beweist, dass die Italianità weniger wird, wo Europa sich stärker auswirkt. Venedig ist nah’, was dazu beiträgt, Padua nicht den Zustrom an Kunstsinnigen zukommen zu lassen, der der Stadt zustünde. Neben der Serenissima kommt auch ein Giotto zu kurz. Dafür bleiben die Liebhaber unter sich.

Giottos Ruhm war zu Lebzeiten schon unerhört, das war an sich ein Novum. Dass es noch dauerte, bis sein Weg fortgesetzt wurde, bis die Revolution wirklich eintrat, war nicht seine Schuld, hat ihn aber in einsamerer Größe dastehen lassen: die europäischen Hungersnöte 1315-1318, die politischen Wirren und die verheerenden Pestseuchen um die Mitte des 14. Jahrhunderts haben dafür gesorgt, dass erst fast hundert Jahre nach ihm Masaccio dorthin gelangen konnte, wo ein Jahrtausend davor aufgehört worden war: hätten die Römer ihr Weltreich über die Völkerwanderung weiterbestehen lassen können, hätten sie den Barock erreicht. So waren Giotto und einige andere notwendig, um die Grundlagen zu schaffen für die Renaissance, die auf ihnen fußt, und deren Tor an ihrem Ende von Michelangelo mit einem furchtbaren Knall geschlossen wird. Dieser hat die Antike vollendet und beendet, und in seinen letzten Werken die Moderne gesehen. Und dass kein Retter mehr kommen würde.

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