Addio, Italia!

 

Tobias Jones hat in einem überaus lesenswerten Buch „Das dunkle Herz Italiens“ beschrieben, aber immer noch als eine, wie untertitelt, „kritische Liebeserklärung“.

Das kann ich nun nicht mehr. Wir sind, mein einstmals geliebtes Italien, fertig. Ich mache Schluss mit uns.

Du wirst es überleben (das schon), und ich auch. Ich werde wiederkommen, aber nur, weil ich dafür bezahlt werde.

Enttäuschte Liebende sind die Schlimmsten, und vielleicht bin ich deswegen auch nicht fair; vielleicht war ich es schon nicht, als ich vom „Beginn einer lebenslangen Suche“ (hier im Blog und unter www.einestages.spiegel.de) schrieb.

Ich will auch nicht mehr von diesen Politikern schreiben, die einfach nur verkommen sind; nicht von den Medien, die einer zivilisierten Nation unwürdig sind, und nicht von den Auswirkungen der Gehirnwäsche durch das Fernsehen, das einen einsamen Tiefpunkt darstellt in Europa. Das gibt einem Volk den Rest, das noch nie allzu großer Bildungsnähe verdächtig war, und dessen intellektuelle Brillanz sich zunehmend in diesen stereotypen Gesten niederschlägt, die ähnlich von Individualität zeugen wie das „you know“ oder das sekündlich einzusetzende „like“ der US-Amerikaner. Dafür kann kein Korrespondent oder sonstiger Journalist Italiens, kein Manager und selbstverständlich kein Politiker, geschweige denn irgendein frei laufender Staatsbürger irgend einen fremdländischen Namen korrekt aussprechen und die große Mehrzahl nicht einmal ein rudimentäres Englisch.

Dass die Kinder nun auf der Überholspur verfetten, beraubt Dich, Italien, eines Deiner letzten Vorteile: Ihr seid nicht mehr schöner als die meisten, auch das ist vorbei. Nur besser gekleidet, und das geht gerade vorbei.

Italiens Wirtschaft ist erledigt. Jahrzehntelang wurde der Rest der Welt verhöhnt: zwölf Artikel im Warenkorb zur Inflationsmessung, wurde einer zu teuer, wurde er ausgetauscht. Ein Drittel lebt inzwischen an oder unter der Armutsgrenze. Man kann alle eine Zeitlang und viele für immer, aber man kann nicht die ganze Welt ewig verarschen.

Man könnte nun meinen, das wären die Angelegenheiten und Probleme Italiens – das stimmt leider schon bei der Wirtschaft nicht.

Doch eines ist ganz sicher nicht mehr hinnehmbar: Du, Italien, hast mehr als die Hälfte des UNESCO-Kultur- und Naturerbes Europas.

Die vergifteten Landstriche, in denen die Kindersterblichkeit und die Krebsrate höher sind als in der Dritten Welt, sind nicht nur ein Problem der direkt Betroffenen. Die Verschmutzung und Vernachlässigung der Umwelt, ökologisch, ästhetisch und akustisch, hat aus einem der schönsten Länder der Erde streckenweise eine Kloake gemacht. Es geht dabei nicht nur um Wirtschaftskriminalität und Giftmüll: es geht auch um die Verdreckung des Landes, die allerorten sichtbar ist, es geht auch um mangelnde Erziehung und mangelnden Respekt. Und es geht, jawohl, auch um den Zustand der öffentlichen Bedürfnisanstalten. Ihr wollt so gesehen werden? Bitte sehr.

Doch das Erbe der Menschheit gehört nicht Italien; und der Zustand der Museen, der Kirchen und archäologischen Stätten, der Städte und Küsten geht auf keine Kuhhaut mehr. Hier zeigt sich ein schockierender Mangel an Obsorge, an Verantwortungsbewusstsein und an – Geld, ich weiß. Doch umgekehrt funktioniert es ja: das Verramschen floriert, solange der Rubel rollt. Tausende und Abertausende werden täglich von jenen unsäglichen Seelenverkäufern, euphemistisch Kreuzfahrtschiffe genannt, in die Städte und Museen und auf die Inseln des Landes geflutet, ohne jede Rücksichtnahme auf das Besuchte oder die Besucher. Dass Letztere dann enttäuscht und traurig in ihre schwimmenden Werbefahrten-Bettenburgen zurückkommen, nachdem sie in Horden gepackt an vernachlässigten Sehenswürdigkeiten, geschlossenen Kirchen und Museen sowie in menschenunwürdige Restaurants geschleust wurden, ist offensichtlich allen Verantwortlichen völlig gleichgültig. Und die anderen, die absurde Preise für miserable Hotels zahlen, die in allen Nachbarländern jeweils eine Kategorie besser sind und um eine weitere Kategorie günstiger, stellen fest, dass es endlich (natürlich nur italienisches!) Fernsehen gibt in Italiens Alberghi, wenn auch immer noch keine Eiskästen, und WLAN nicht einmal in der Luxuskategorie voraussetzbar ist. Doch das ist Tourismus, darum geht es nicht. Es geht um das unerträgliche Zerstören der Natur und Kultur Italiens.

Die Missachtung der Verantwortung für diese Kernpunkte unseres gemeinsamen Erbes kann nur eine Konsequenz haben: Enteignung, UNO-Truppen nach Pompeji und in die Innenstädte Roms und San Gimignanos, die Fremdenlegion nach Venedig, Sperrung der Häfen und der Vatikanischen Museen, Mülltrennung als Pflichtfach ab der Volksschule, die Bastonade für Betreiber von Autobahntoiletten.

Bis dahin jedoch, Italien, sind wir geschiedene Leute. Vielleicht komme ich ja doch auch alleine mal wieder. Aber dann nach Venedig, im Winter. Und dort warst noch nie Du, Italien.

Addio!

(Das folgende Lied von Lucio Dalla stand am Anfang meines Erlernens des Italienischen; es passt auch als Abgesang):

L’anno che verrà

Lucio Dalla

Caro amico ti scrivo così mi distraggo un po‘
e siccome sei molto lontano più forte ti scriverò.
Da quando sei partito c’è una grossa novità,
l’anno vecchio è finito ormai ma qualcosa
ancora qui non va.

Si esce poco la sera compreso quando è
festa e c’è chi ha messo dei sacchi di sabbia vicino alla
finestra, e si sta senza parlare per intere settimane,
e a quelli che hanno niente da dire
del tempo ne rimane.

Ma la televisione ha detto che il nuovo anno
porterà una trasformazione
e tutti quanti stiamo già aspettando
sarà tre volte Natale e festa tutto il giorno,
ogni Cristo scenderà dalla
croce anche gli uccelli faranno ritorno.

Ci sarà da mangiare e luce tutto l’anno,
anche i muti potranno parlare
mentrei sordi già lo fanno.

E si farà l’amore ognuno come gli va,
anche i preti potranno sposarsi
ma soltanto a una certa età,
e senza grandi disturbi qualcuno sparirà,
saranno forse i troppo furbi
e i cretini di ogni età.

Vedi caro amico
cosa ti scrivo e ti dico
e come sono contento
di essere qui in
questo momento,
vedi, vedi, vedi, vedi,
vedi caro amico cosa si
deve inventare
per poterci ridere sopra,
per continuare a
sperare.

E se quest’anno poi passasse in un istante,
vedi amico mio
come diventa importante
che in questo istante ci sia anch’io.

L’anno che sta arrivando tra un anno passer�
io mi sto preparando è questa la novità…